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Sonntags 23 , Iuni 1918.
Morgen°5tusgabe-
Nr. 287. * 66. Jahrgang.
Das deutsche Volk in Oesterreich und seine katholische Geistlichkeit.
Von Reichsratsabgeordneten Franz Jefler.
Überzeugungstreu? reichsdeutsche Katholiken haben nicht selten ihrer Verwunderung, ja ihrem Unmut? über Len religiösen und konfessionellen Jndifferentismns deutsch-österreichischer Katholiken Ausdruck gegeben. Sie konnten dabei einen auffallenden Gegensah Livischen den Sudetenländern und den großen Städten der Monarchie einerseits, den Donau- und Alpenländern andererseits seststellen, im Norden war sogar das Landvolk indifferent geworden, ini Süden hingegen war die Gleichgültigkeit noch nicht allzu tief in die breiten Schichten der städtischen Bevölkerung eingedrnngen. Der Süden und die Mitte sind daher vorwiegend durch christlichsoziale und katbolisch-konservatibe Abgeordnete vertreten, der Norden entsendet mit einer einzigen Ausnahme nur freiheitliche Vertreter in den Reichsrath
Nationalistische Oberflächlichkeit hatte für diese auffallende Verschiedenheit sofort eine einfach? Erklärung zur Kand: der deutsch-österreichische Norden sei eben „gebildeter" als der Süden, Dieser Erklärungsversuch ist mit einem Hinweise auf den hochkultivierten, industriellen katholischen Westen Deutschlands, der stramm Zentrum wählt, leicht abzntun — die sogenannte „Bildung", die gar oft ihre Herkunft aus dem „Aufkläricht" nicht verleugnen kann, kann als Unterscheidungsmerkmal zwischen Nord und Süd nicht anqewendet werden. Näher kommt man der Lösung durch den Vergleich der verschiedenen sozialen Struktur — Südösterreich vorwiegend agrarisch-kleinstädtisch, Nordösterreich vorwiegend industriell in dichtbesiedelten Landschaften, nicht so sehr in Großstädten, wohnend. Die mit der letzten Erwerbsart unvermeidliche Lockerung der religiösen Sitte wäre jedoch niemals so stark geworden, wenn nicht der Gegensatz zwischen den deutschem Katholiken und ihren nichtdentschen Seelsorgern sich bis zur Feindlichkeit verschärft hätte. Di? tschechische niedere und höhere Geistlichkeit begünstigte offen und geheim die Bestrebungen ihrer Nation, sich über das deutsche Gebiet auszubreiten und sich der natürlichen Assimilation zu widersetzen. Sie fand für diese nationale Sendung auch die deckende Phrase — sie handele im Namen der Ge-, rechtigkeit und der Freiheit der persönlichen Entwickelung. Den Deutschen aber mußte diese tschechisch- nationale Missionstätigkeit als eine Gefahr erscheinen. Gegen Gefahren schützt man sich — gleichgültig, ob sie als Folgen der Freiheit oder der Unterdrückung auftreten. Der deutsche Widerstand stieß nun aber auf eine geschlossene kirchliche Phalanx — vom tschechischen Erzbischof und Domkapitel bis herab zmn jünasten Kooperator.
Nimmt man noch hinzu, daß der tschechische Geistliche die deutsche Sprache mangelhaft beherrscht, daß ihm die Eigentümlichkeiten des Volkschararters fremd blieben und daß er sich nur schwer in die ihm fremden Sitten und Bräuche finden konnte, so ist es fast selbstverständlich, daß die Grundlage alles religiösen Massenlebens, die kirchliche Sitte, in zahllosen Orten vernichtet wurde.
Den Mangel an deutsche in priest erlichen N a ch w u ch s e haben leider die deutschen freiheitlichen Parteien mitverschuldet, nicht so sehr die verantwortlichen Führer, als vor allem die sogenannte große Presse. Wenn diese sich heute der einst so beliebten Verhöhnung alles religiösen Lebens, io wert es katholischer Art ist, enthält, so ist das auf die böstm politischen Folgen dieser Kampfmethodc zurückzuführen. Die Lozialdemokratie war viel klüger als das liberale Bürgertum — sie hat im schärfsten Kamps gegen den Klerikalisrnus nur sehr selten gegen religiöse Überzeugungen und religiöse Volkssitten geeifert. Die deutsche Intelligenz hat leider lange Zeit nachgesprochen, was ihre Presse ihr vorsagte — erst die steigende nationale Not hat sie die Wichtigkeit der Seelsorge durch deutsche Priester erkennen gelehrt. Dem deutschen V o l k r a t e in Böhmen gebührt das Verdienst, dieser Erkenrrtnis zuerst ungescheut Ausdruck gegeben zu haben. Danrit waren die ersten Brücken zum deutschen Klerus geschlagen. Die deutsche Geistlichkeit in Nordösterreich befand sich lange Zeit hindurch in einer höchst peinlichen Lage. Zn dem größten Teil ihrer männlichen Religionsgenossen stand sie nicht nur in einem parteipolitischen Gegensatz, sondern auch in einem Gegensatz der Weltanschaunng überhaupt. Sie hielt den „Katholizismus" an sich für bedroht und hielt darum um so stärker an der Jnternationalität der „katholischen" Organisation fest
Aber auch sehr nüchterne, menschlich verständliche Erwägungen hielten die Mehrzahl unter ihr lang? .Zeit von ihrem energischen Widerspruche gegen die schädliche Tätigkeit ihrer tschechischen Confratres ab — in keinem Stande ist die wirtschaftliche Abhängigkeit (von der
nackten Existenz bis zur ersehnten Karriere) von den „Oberen" so groß wie in der österreichischen Geistlicln keit. Die meisten Vorgesetzten aber waren Tschechen — in ihren Händen lag das Schicksal des deutschen Geistlichen, Wie viele Tragödien haben sich zwischen den verschwiegenen Mauern der Pfarrhöfe abgespielt!
Alle diese Dinge muß der Kritiker beachten, wenn er ein gerechtes Urieil stillen will. Um so größer er- scheint ihm dann das Verdienst jener unerschrockenen Männer, die zuerst zu einer Organisation des deutschen Klerus und zum Schutze der deutschen Interessen im kirchlichen Leben gerufen haben. Zwei Männer 'verdienen genannt zu werden — "der verstorbene P. Ambros Opitz in Warnsdorf und der noch heute segensreich wirkende Prager Weihbischof Wenzel F ' ied.
Tic Bestrebungen der deutschen Priesterorgarrisa- tionen fanden endlich auch Verständnis und Unterstützung bei den freibtätlichen Parteien. Die Vermehrung des deutschen Nachwuchses für den Priesterstand wurde als eine völkische Aufgabe erkannt. Die Zustände in den Priesterseminarien, die meist unter tschechischer Leitung standen, wurden einer gründlichen Kritik unterzogen: um die Besatzung von Pfarr- und .Katechetenstellen nsw. mit deutschen Priestern kümmerten sich liberale Parteimänner ebenso wie um die von Staatsbeamtenstellen. Die wachsende völkisckie Not zwang die Freiheirlichen zu einer Revision ihrer Taktik gegenüber den religiösen und kirchlichen Fragen, die K a t h o l i 1 ch - K o n s e r v a t i v e n aber zu einer Revision ihrer Stellung zu den nationalen Fragen. Die Redensart von der Verhetzung durch den deutschen Chauvinismus ließ sich ebensowenig länger aufrechterhalten wie die von der Deutschreindlrchkeit des deutschen, im Volke lebenden Klerus. Politisch äußerte sich diese veränderte Auffassung in der Annäherung der beiden großen b ü r^r e r l i ch e n Parteigruppen — der christlich sozialen und der deutschfreiheitlichen.
Der Weltkrieg hat diese Entwicklung sehr gefördert — die slawische Gefahr für Staat und Deutschtum war so handgreiflich, daß sie von keinem ehrlichen konservativen Politiker geleugnet werden konnte. Was zur Vollendung dieses Zusammenschlusses ans dem Boden des gemeinsamen V o l k s r u m s und Üsterreichertums noch fehlte, bewirkten die jüngsten Ereignisse seit der Amnestie. Zwei Enlwicklungsrichtun- gen stoßen aufeinander und vereinigen ihre Kräfte — bei den Chrrstlichsozialen geht die Entwicklung vom Österreichertum zum Deutschtum (im politischen Sinne), bei den nationalen Parteien vom politischen Deutschtum znm Österreichertum. Die ersten erkannten, daß das Österreichertum nur denkbar sei bei Erhaltung und Stärkung des Deutschtums, die zweiten erkannten, daß eine wahre deutsche Gemeinbürgschask nur möglich sei ans dem Boden und imRahmen eines starken Staates. Selbstverständlich gibt es Intransigente in beiden Lagern. Auch an Versuchen, den Zusammenschluß zu stören, fehlt es nicht. Bald werden sie unternommen im Namen einer internationalen katholischen Weltpolitik im Dienste gewisser höfischer Kreii'e, bald im Nanien der freiheitlichen Demokratte im Dienste der internationalen Sozialdemokratie und ihrer Assistierten aus der Plutokratie. Ter Liebe Müh ist umsonst, denn die Volksmci'sen wollen den Zusammenschluß. Sie geben keineswegs ihre Grundsätze auf — sie stellen aber das aemeinsameVolkstum über die trennende Partei.
Das Wunder ereianet sich, daß in Kärnten, Steiermark und Tirol Volksräte errichtet werden, in denen sich Alldeutsche, Deutschfteiheitliche und Christlichsoziale zu gemeinsamer Arbeit vereinigen. Und in allen Versammlungen traten deutsche Priester als Redner ans, in zahlreichen Entschließungen gaben katho- lische Priesterv"rernig'.!naen ihrem Unmute über die Begünstigung der südslawischen und itali-mischen Auto- nomrebestrebnngen durch die Regierrmg Ausdruck.
Auch in B ö b m e n hat sich der Klerus entschlossen ans' die Seite seiner Volksgenossen gestellt — es sei nur an die Rede des Tepler Abtes Helmer erinnert.
Die politische Wirkung dieser Vorgänge ist außerordentlich groß — die eigentliche Regierung, die nicht identisch ist mit dem Kabinett des Herrn v. Seidker, weiß heute, daß sie. die Christlichsozialen nicht mehr gegen die Dcutschsreibeitlichen arftsvielen kann, um ihre slawenfreundlichen Pläne dnrchzusi'ihren.
Sie muß zu ihrem Leidwesen erkennen, daß sie das ganze deutsche Volk gegen sich mobilisiert hat. Was sie neck vor wenigen Monaten ftir unmöglich gehalten hat, ist zu einer drohenden Gefahr geworden — die Entfremdung des deutschen Volkes vom Bodevsee bis Oderberg vom österreichischen Staatsoedanken. Vor dieser Gefahr verblaßt die tschechische -und südslawische zu einem
S ch c m e n. Tie besonnenen deutschen Politiker beider Richtungen bemühen sich eiftig, die seit dem bekannten Kaiseröriefe besonders hochgehenden Wogen dev Leidenschaft zu besänftigen. Sie arbeiten mit Erfolg! denn noch steckt dem Volke das Österreichertum in den Knochen. Sündigen aber darf das Regierungssystem nicht mehr allzu lange auf die deutsche Hin^ gebung. Die Worte des christlichsozialen Landtagsabge- ordneten Pater Steck auf dem Volkstage in Sterzing sind eine Sturmwarnung erster Ordnung: „Der Badeni- Rummel sei nichts im Vergleich zu der Erregung, welche! die Tiroler Bevölkerung setzt ersaßt habe — er wünsche, die maßgebenden Faktoren wären auf der Tagung an-« wesend, um sich persönlich von der Stimmung zu übep* zeugen."_
Bisher 40000 Gefangene!
Abflauen ber Kämpfe an der piaoe.
W T.-B. Wien, 22. Juni. (Drahtbericht.) Amtlich! verlautet vom 22. Juni, mittags:
Die Kämpfe an der Piave haben gestern an Hef- tigkeit abgenommen. Wo die I t a l i e n e r —> wie in einzelnen Abschnitten des Montello und westlich von San Dona — ihre Angriffe erneuerten, wurden sie, wie früher, unter großen Verlusten zurück- geschlagen
Der Feind verlor zwischen dem 15 und 20. d. M. durch unsere Flieger und durch Abwehr von der Erde 42 Flugzeuge; außerdem büßte er 4 Fesselballone ein.
Die Zahl der Gefangenen ist aus 40 000 gestiegen. Unter diesen befanden sich auch einige tschechoslowakische Legionäre, die sofort der durch die Kriegsgesetze vorgesehenen kampftechtlichen Behandlung zugcrührt wurden.
Der Chef des Geueralstabs.
*
Venedig ernstlich bedroht.
Br. Basel, 22. Juni. (Eig. Drcchjlbericht. zib.) „Petit Journal" meldet von der italienischen Front: Die Lage im Lagunengebiet ist ernst. Der Feind steht Venedig üedchlich nahe. Die Stadt ist bereits in Ar t i ITe rie- sckußweite. Die Bahnlinie Trsviso-Mestros ist schwer ‘bf schädigt.
Die großen Anstrengungen der Italiener.
Br. 2ttgr.no, 22. Juni. (Erg. Drahtbericht, zb.) Die Schlacht an' der Piave dauert fort. Die Italiener! macben, begünstigt durch Vas kürzlich eingetretene Hochwasser der Piave, die äußersten Anstrengungen, um die Lage aus. Minuten. „Secolo" berichtet, daß die Österreicher 6e- de utende Verstärkungen erhalten haben. Die Schwierigkeiten der rückwärtige!: Verbindungen scheinen
danach also entweder behoben zu sein oder waren sie über- baupt nicht so arg, als sie von italienischen Blättern dargestellt waren
Versenkung eines japanischen Dampfers im Mittelmeer.
W. T.-B. Bern, 22. Juni. (Drahtbericht.) Der „Matin" meldet au? Marseille: Der japanische Damipser „Taste« Marn" (5500 Tonnen) ist Mitte April Non einem deutschen II-Boot versenkt worden. Ter Dampfer fuhr für di« italienische Regierung zwischen New Uork nach Italien.: Damit ist der fünfte japanische Dampfer seit Ansbruch des Weltkriegs im Mittelmeer versenkt worden.
Oie innere Urise in Gesterreich-UngLrn.
Oie Verhandlungen mit dem Polenklub gescheitert.
dli. Wien, 22. Juni. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die Verhandlungen der Polen mit Graf B u r i a n und Ministerpräsident Seidler sowie den deutschen Parteien sind! gescheitert. Der Polenklub wird seine Beratungen zwar erst morgen beendigen, aber bezeichnend ist die Wahl des Abgeordneten Tertils zum Obmann, der als' Anhänger der radikalen Richtung bekannt ist. Der Polenklub wird, wie jetzt so gut wie sicher feststeht, die Krakauer Beschlüsse rati- ftzieren. Die Folgen dieser Maßnahmen werden die Nicht- cinberufnng des Parlaments sowie der Rück- tritt de? Kabinetts Seidler sein.
Sr. Wien, 22. Juni. (Eig. Drahtbericht, zb.) Zu den gescheiterten Verhandlungen, die die Flottmachung des Barl», ments bezweckten, wirt/noch gemeldet' Graf Burian stellte sich auf den Standpunkt, daß er die von den Polen verlangt« Erklärung gegen die Abtretung Ostgaliziens nicht ab geben könne, da dies eine rein innerpolitische. Angelegenheit sei. Miniiterpräsident Seidler war bereit, zu erklären, daß eine Teilung Galiziens nur auf versassungsmätzigem Wege, d. h. mit einer Zweidrittelmehrheit des Reichsrats, erfolgen körne. Die Polen aber, namentlich die radikale Grupp» verlangten die ausdrückliche Erklärung, daß eine Teilung Galiziens überhaupt ausgeschlossen sei. Auch von den deutschen Parteien verlangten die Polen eine bündige Zusage hinsichtlich der «ustro-polnrschen Losung.
