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vienstag, 18. Iuni 1918.
Morgen-klusgabe.
Nr. 277. . Sb. Jahrgang.
Var österreichische Rätsel.
Österreich steht ' wieder einmal im Zeichen der Krisis. Ob sie noch oder schon wieder da isr, läßt sich nicht so leicht entscheiden, da in der Donaumonarchie und vor allem in Zisleithanien die Krisis eigentlich chronischer Natur isi mit jeweils akuten Verschärfungen, Diesmal tritt sie in zwiefacher Gestalt auf, als Parlaments- und Kabinettskrisis. Ja, man kann und mutz vielleicht noch von einer dritten Erscheinungsform sprechen, von der Staatskrisis.
Die Kabinettskrisis ist bereits dadurch in die Erscheinung getreten, daß der Minister des Innern Gras Toggenburg dem bisherigen Polizeipräsidenten von Wien, Ritter v. Gay er, Platz gemacht hat. Dieser Wechsel hängt eng mit der Parlamentskrisis zusammen ; denn Graf Toggenburg hat seinen Abschied genommen, weil er ein entschiedener Gegner des allem Anschein nach unvermeidlich gewordenen sog. ex lex« Zustandes ist, des gesetzlosen Zustandes, bei dem die Regierung, wie dos freilich in Österreich schon häufig der Fall war, ohne parlamentarisch bewilligtes Budget die Staatsgeschäste führt. Dieses Regieren mit deni § 14, dem Notvaragräphen, wird allem Anschein nach kaum zu vermeiden 'ein, da die Versuche des Ministerpräsidenten Dr. v. S e i d l e r. den Reichsrat wieder flott zu inachen und so die unter dauernden Stockungen leitende Parlamentsmaschine in Gang zu bringen, kaum noch Aussicht ans Erfolg haben. .
Durch die ursprüngliche Absicht, den Reichs rat am 18. Juni wieder znsammentreten zu lassen, hat die am st. und 10. Juni in Krakau abqehaltene Versammlung der parlamentarischen Kommission des Polen- k l u b s einen Strich glwracht. Gerade als die Einigung zwischen den Deutschen und den Polen zur Bekämpfung der angedrohten tschechisch-südslawischen Obstruktion gesichert zu sein schien, gingen die Polen — für die Ginge- weihten freilich nicht ganz überraschend — zur o f f e n e n Opposition über, indem sie angeblich !m Interesse des Staates die Entfernung des Ministeriums Seidlcr verlangten.
Welches sind die Gründe dieser Kampfansage? Von polnischer Seite macht man dafür das Versprechen gel-" tend, welches Bunan den Ukrainern gegeben habe, die R u t h e n e n aus Galizien keinesfalls einem Königreich Polen auszuliefern, sondern in diesem Fall eine s e l b st ä n d i g e Provinz O st g a l i z i e n zu machen. Der wahre Grund der polnischen Entrüstung dürfte aber in der Besorgnis liegen, daß die österreichisch-ungarische Regierung die sogenannte nustropolnische Lösung, das heißt die Anglrederung Kongreßpolens an Galiziens und damit an die Donaumonarchie, aufgeben könne. Daß hier des Pudels Kern liegt, läßt sich schon daraus entnehmen, daß sich sehr auffallenderweise der polnische Ministerpräsident Steczkowski aus Warschau zu den Verhandlungen in Krakau eingefunden hatte.
Im übrigen wollen wir hoffen, daß dieser „Verdacht" der Polen gerechtfertigt ist' denn Deutschland kann aus politischen wie aus wirtschaftlichen Gründen auf die austropolnische Lösung nicht eingehen, wer! ein- mal diese g e w a l t i g e V e r st ä r k u n g des polnischen Elements in Österreich vorn weltpolitischen Standpunkr ans bedenklich wäre, und weil wir zwei» terrs unserer Industrie den Weg zum russischen und ukrainischen Wirtschaftsmarkt nicht durch polnische Zwischenzölle verlegen lassen können. Sollte man aber nicht auch in Österreich nnd vor allem in Ungarn die drohende Gefahr einer Poloni- sierung Österreichs im Falle der anstropolnischen Lösung erkennen? Wir zweifeln auch nicht daran, daß, sobald die österreichische Regierung den Polen die Aussichtslosigkeit ihrer Forderungen klarmachen würde, diese zur.i Einlenkcn geneigter und vielleicht bereit wärm, von ihrer hoffnungslosen Va lmnque-Politik Abstand zu nehmen. Der Umstand, daß der Polenklub zum 21. Inn! eine Plenarversammlung zur „Genehmigung" der Krakauer Beschlüsse einberufen hat, könnte immerhin gewisse Hoffnungen erwecken, denn es wäre nicht ganz unmöglich, daß mit dieser Überprüfung eine Milderung verbunden ist. Sollte aber diese Hoffnung täuschen, so wird das- Kabinett Saidler, auch wenn es vielleicht ''eine formelle Demission geben sollte, doch zweifellos im Amte bleiben und ohne Parlament „fort- wurMn" bis eben die PolenVernunft annebmcn, deren eigeMr Schade c§ wäre, wenn, wie angekündigt, die beiden polnischen Mitalieder des Kabinetts, der Unter- richtsministcr Zwillinski nnd der Minister für Galizien Dr. Ritter v. Twardow-ki. demissionieren würden, ü Die im Einvernehmen mit den Christlichsozralcn gefaßten Beschlüsse der deutsch-nationalen Parteien zeigen, daß das Kabinett sich jedenfalls auf die Deutschen stützen kann, und angesichts der verräteri
sch e n Haltung der Tschechen, der t r e u l osen Politik der Südslawen und der ohne Rücksicht auf das Staatsinteresse betriebenen selbstsüchtigen Sonder- • Politik der Polen müssen die Regierungen m Österreich erkennen, daß sie sich nur noch auf die D e u t- schen als die einzig staatserhaltenden Elemente stützen können, die, wie in dem Beschluß der deutsch-nationalen Parteiversammlung mit Recht betont wurde, während des Krieges unendlich niehr getan haben, als ihre Pflicht ist, während, wie wir hinznfügen, die anderen Völkerstämme Österreichs un end I i ch w en i ge r, ja, wie die Tschechen, das Gegenteil getan, schnöden Verrat an ihrem Vaterlande begangen haben.
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Die Forderungen des deutsch-österreichischen volkstaqs.
W. T-B. Wik», 16. Juni. Der zahlreich besuchte deutsche Volksteg im Wiener Rathaus hat sich tu einstimmig angenommener Entschlnßuno für einen ehrenvollen Frieden, der die Opfer an Gut und Blut lohnt, für e n g st en politischen, militärischen »nd wirtschaftlichen Zusammenschluß mit dem Deutschen Reiche, für die deutsche Staatssprache, für die S o n d e r st e l! u n g G a j i z: e n s , gegen einen t s ch e ch o - s l a t i s ch c n Staat nnd für eine Ginheits- front der verbündeten Mittelmächte auch im Trnähriingswesen ausgesprochen
Starke riürzung der Brotration in Oesterreich.
Br. Wen, 17. Juni. (Eig. Drahtbericht. zb.) Ein Ministerrat, «der sich mit Ernahrumgsirag-en beschäftigte, ist zu der Entscheidung gekommem, daß die Brotration SB i e n aus die Hälft-eherabge setzt werden mutz. Dcks bedeutet eine Verminderung der Brotration von 1360 Gramm aus 630 Gramm pro K«pf und Woche, was natürlich, da die Mehlquoten bereits gekürzt sind und die Kartvffelvation nur nech ein halbes Kilogramm pro Kops, -und Woche beträgt, für die Anboiterb-evolkerung ein erhMsche-s Opfer ist. Im der Provinz ist die Kürzung bereits vor einiger Zeit vorge- ncinm-en worden; in Wien hat man sie vor allem ans p o l i - tischen Gründen zu veumsiden gesucht.
Bulgarischer ttabineltswechsel.
\V. T.-B. Sofia, 17. Juni. (Drahtbericht.) Der Ministerpräsident Radoslawow bat dem König die Demission des Kabinetts angetragen. Der König hat die Demission angenommen unk» den Minister beauftragt, bis zur Bildung eines neuen Kabinetts, di; Geschäfte weiterzuführen.
B. A. Berlin, 17. Juni. (Eig. Drahtbericht, zb.) In hiesigen unterrichteten Kreisen wußte man schon lange, daß verschiedene Parteien Radoslawow, dem Führer der Altliberalen, auf das heftigste Opposition machten. Die bulgarisch-türkischen Streitigkeiten, die Sck-iffung eines Kondo- miniens in der Dobrudscha, die griechisch-bulgarische Frage .und Vor allcm die Ernährungsschwiecigkeiten gaben ihnen Anlaß, mit allen Mitteln gegen den volitischen Staatsleiter zu cgitieren. Den Ausschlag gab die Ernährungsfrage, in welcher Beziehung ducch schlechte Verwaltung man allerdings einigermaßen abgewirtschaftet hatte, so daß Bulgarien trotz guter Produktionsverhältnisse sich in einer alles anderen als günstigen Lage befand Daß Radoslawow sich trotzdem gegenüber der allgemeinen Hetze so lange im Amte halten konnte, beweist das große Vertrauen, das man im Volke zu ihm batte. Auch in Deutschland war er als eines der größten diplomatischen Genies bekannt unbeliebt. Wer jetzt an seine Stelle tritt und wer seine Mitarbeiter werden sollen, ist noch unklar. Daß es Politiker lein können, die auf den vom bisherigen Ministerium be- schrittenen Wege weitergehen, erscheint bei der Bewährung der Politik des Königs Ferdinand zweifellos. Man denkt vielleicht an ei» K o a l r t i o n s k a b i n e t t aller Oppo- fiticSt orteten, das etwa unter Führung M a.l i n o w S auch die Stambulowiften unterstützen würden; doch hält man an hiesigen recht gut informierten Stellen es auch nicht für ausgeschlossen, daß König Ferdinand sich nickt entschließen könnte, seinen treuen Mitarbeiter fortznschicken, und daß man binnen kurzem erfährt, Radoslawow sei von neuem mit der Leitung der Geschäfte, vielleicht mit anderen Mitarbeitern, betraut.
2«s Halfers Dank an Sen Reichstag.
W. T.-B, Berlin. 17. Juni. (Drahtbericht) Vom Kaiser ist -aus die Glückwünsche des ReichStagspräs-identen folyc-nlde An tw or t eingeg-angvn: Die Grüße des Reichstags zum gcistvigcn Erinnerung s tag habe ich mit Freude und Tank entgcyenMncmmen. Neue große Erfolge haben unsere Kämpfer in schwerstem Ringen erfochten. Der Dank an Gott dafür kann nicht groß genug sein. Möchte er in der Heimat im VoA dadurch zum Ausdruck konunon, daß die Geister der Vate-rlvnbslicbe, der Zuversicht und Tatkraft, welche so herrlich vorhanden sind, immer festere Gestalt gewinnen. Das deutsche Volk, das der ganzen Wel-t in jahrelangem Rzngen die Stion bot, ist von Gott zu Großem bestimmt, n-'cht nur für sich, fcmdern sür die ganze Menschheit. In diesem Mauden werden wir auch den letzten Kampf bestehen für einen siegreichen Frieden und eine ge- segwete Zukunft. Das walte Gott! WilhÄm I. 0 ,
Bis jetzt 2(000 Gefangene in Italien.
weitere Fortschritte an der Piave.
W. T.-B. Wien, 17. Juni. (Drahtbericht.) Amtlich ver- lautet vom 17. Inn!, mittags: Ai der venetianischen Gebirgsfront wurde gester-t die Kamvftäsigkeit durch Wetter nnd Nebel beträchtlich eingeschränkt. Westlich der Brenta behaupteten «lpeuländische Regimenter die tags zuvor erkämpften Gebirgsstellungen gegen heftige Angriffe. Im Söhengclände des Montello schoben sich die Divisionen des Feldmarschalleutnants Ludwig Goiginger kämpfend gegen den Westen vor. Beiderseits der Bahn Oderzo-Treviso scheiterten starke italienische Gegenstöße. Die am Südflügel der Heeresgruppe des Feldmarschalls von Boroevic vordringenden Steitkräfte des Generals der Infanterie v. Cfteferio entrissen dem Feind westlich von San Dona weiter Boden und nahmen Capo Sile. Mit deutschen, österreichischen nnd ungarischen Mannschaften wetteifernd, legten hier 'tschechische und polnisch-rnthenische Abteilungen durch ihr tapferes Verhalten Proben ab, daß diä seit Monaten täglich wiederkehreirden Versuche deS Feindes, sic zum Verrat und Schurkerei zu verleiten, erfolglos geblieben sind. Für die Piavekämpfe am 15. Juni verdient nutzer der über alles Lob erhabenen Infanterie das junge ebernngarische Regiment 106 besondere Erwähnung. Wie immer haben unsere braven Sappeure »nd unsere Sckilacht-undJagdflieger auch am Erfolg der letzten Tage hervorragenden Anteil. Die Zahl der an der Südwest- fronr eingebrachten Gefangenen erhöhte sich auf 21000.
Der Chef deS GeneralftabeS. Ein italienischer Bericht über Sie RSmpfe.
Br. Lugano, 17. Juni. (Eig. DvahL-erich-t. zb.) „Corrier« della Sera" -berichtet von der Front: Die Übsrrwsckmmg ist dem Feind -nickt -gelungen. Unsere Kuudschaftaoabtei turizen haben uns van allem unterrichtet. Das italienische Kommando wußte nicht nur, wann und wo das österreichische Feuer beginnen sollte, man kannte sogar mit GenwrngSeit die Stunde des Beginns, so daß alle Dorhereitunken getroffen werden konnten, um das Koner zu beantworten. Man wußte, daß die feindlichen Abteilungen ihr Feuer heute früh 3.05 Uhr eröffnen sollten. Unsere HeeveAbeitung gab daher Befehl, ihm zuvorzu kommen. Auf der Hochfläche vom, Asiago, zu beiden Seiten der Brenta -mtd zwischen Brenta und dem Grappa-Massiv, wo wir wußten, daß das seiiEche Feuer besonders stark sein würde, -eröffnetm unsere Batterien genau -um Mitternacht ein gewaltiges Feuer und setzten es besonders auf die rückwärtigen Stellungen des Feindes mit äußerster Heftigkeit 20 Minuten Krug -fort. Um 2.30 Ubr. genau 35 Minuten, bevor das feindliche Feuer beginnen sollte, setzte das Feuer vns-erer lDatterien aufs reue ein und währte wiederum 20 Muut-cn. Natürlich überließ sich momvnd der .trügerischen Hv-ffruug, daß damit die feindliche Oftcr-sive verzögert werden könne, aber sie wurde gestört. Das> österreichische Feuer war furchtbar, von unerhörter Heftigkeit, Mächtigkeit und Ausdehnung, wie es in solcher Stärke bisher unbekannt war. Aber überall antworteten die italienischen Batterien mit gleicher Wucht. Es wäre verfehlt, die Schwere deS Moments zu verkennen. Osten» reich hot uns mit seiner ganzen Macht amgegriffen.
Eine vielsagende Ansrage über die italienische Presse.
W.T.-B. Bern, 16. Juni. Modigliani begründete gestern den von den Sozialisten in der rtalienischen Kammer eingebrachten Gesetzentwurf, betreffend die öffentliche Kontrolle der Z e i t» n g s r e r tt n 1 1 « n e e n. Er verlangte dl- reguläre Eintragung der Publckations.Gesellschasten in da? Handelsregister, Besonders benrc wolle die öffentliche Meinung wissen, wer dir Zeitnngen bceinflusse und wer sie finanziere. Ministerpräsident Orlando cntgcgnete, er nehme den Gesetzentwurf unter Vorbehalt ait.
Lansin-l über das „augenblickliche Mißgeschick- der Entente".
Berlin, 17. Juni. Bci einem Empfang amerikanischer Sftld-enten ^orderte Lansinp, nach einer „Matin"- Meldunff aus Washington, die jugendlichen Landsleute auf, trotz des augenblicklichen Mißgeschicks der Entente die Begeisterung nicht zu verlieren
ver Kbendbericht vom 17. Iunk.
W. T.-B- Berlin, 17, Juni, abends. (Amtlich. Draht- bericht.) Bon den Kampffronten nichts Neues.
Das persische Täbris von Sen ILUrken besetzt.
W. T.-B. Konstantinopel, 16. Juni. Pakästin-afront: Die beiderseitige Gescchdsiätigkeit hielt sich in mäßigen Grenzen. Aus unseren Stellungen östlich des Fovdan biegend-es feindliches Feuer wurde wirkungsvoll von unseren Batterien erwidert. Ein erneuter Angriff der Aiufftändischen g-egen dr« -Mddschnsbahn Mischen Dschuruf und Aneze wurde vevoitelit. Rebellenlager bei Tofile w-uvden von unseven Fliegern mit Bomben nNd Di-nschinenge,wehren angegriffen. — Ostfront: Angesichts des Vordringens -der Engländer in Persien hoben ivir zum FlanLeNschutz u-nserer im Kaukasus stehenden Truppen lbeiderseits des U r m i a s e e s Fuß gefaßt IMS ^Tabris besetzt. Sonst nichts vc-u Bsdeutung._,
