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Verlag Langgasse 21

„Tagtlatrh-us".

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Berliner Abteilung deS Wiesbadener Tagblatts: Berlin W. 57, An der Apostelkirche 7,1. Fernsprecher: Amt Liitzow 6202 und 6203.

Samstag, 8. Juni 1918.

kibend-Kusgabe.

Nr 262. . 66. Jahrgang.

Die Präsidentenwahl im Reichstag.

(Bon unserer Berliner Abteilung.)

B. A. Berlin, 8. Juni. (Eig. Dvuhtbericht. zb.) Am Bundesratstisch: v. Payer, Walruff. — Das Haus und die Tribünen sind gut gesetzt. — Vizepräsident Dr. Pausche er­öffnet die Sitzung um 11,15 Uhr. Als erster Punkt steht auf der Tagesordnung die Wahl des Präsidenten und dreier Vizepräsidenten. 'Der Schriftführer verliest £ic Bestimmungen der Geschäftsordnung, wonach die Wahl des Präsidenten in einem besonderen Wahlgang mit Stimm- z e t t e l zu erfolgen hat. Es wird sofort zur Wahl des Präsi­denten geschritten. Die Namen der Abgeordneten werden aufgerufen und jeder Abgeordnete gibt seinen Stimmzettel ab. Um 12,15 Uhr verkündet der Vizepräsident

das Ergebnis der Präsidentenwahl.

Vizepräsident Dr. Paafche: Es sind abgegeben worden 280 Stimmen, davon ist eine ungültig, sodrrß 279 gültige Stimmen üvrigbleiben. Davon hat der Abgeordnete Fehrenbach 270 Stimmen erhalten (Lebhafter Bei­fall.) ; je eine Stimme erhielten die Abgeordneten Gröber, Erzberger und Herzfeld (Heiterkeit.); ferner sind 6 weiße Stimmzettel abgegeben worden. Es ist also mit großer Mehrheit der Abgeordnete Fehrenbach zum Präsidenten deS Reichstags gewählt worden. Ich frage ihn, ob er die Wahl annimnrt.

Abg Fehrenbach: Herr Präsident, ich nehme die Wahl an.

Vizepräsident Dr. Pausche- Dann bitte ich den Herrn Präsidenten, seinen Platz hier einnehmen zu wollen.

Präsident Zehrenbach

übernimmt darauf das Präsidium mit einer längeren, ir.kaltreichen Ansprache, in der er u. a. folgendes uusir-hrt: Sie haben mich mit einer so stattlichen Stimmen­mehrheit zum Präsidenten dieses Hauses gewählt, daß mein Gefühl der Daukbqrkeit für daS Vertrauen, das in dieser Wahl liegt, unbegrenzt ist. Es ist aber auch unbegrenzt das' Gefühl der Verantwortlichkeit, denn ich weiß nicht, inwieweit •cf) dem mir von allen Seiten des Hauses entgegengeb rächten Vertrauen gerecht zu werden imstande sein werde Aber in Gottes Namen! Ich bringe den guten Willen mit und Sie die gütige Nachsicht, dann wird es gehen. (Beifall.) Den ersten Dank statte ich den beiden Vizepräsidenten ab, die seit der Erkrankung unseres leider Heimgegangenen früheren Präsidenten die Geschäfte dieses Hauses in so rnustergiiltiger Weise verwaltet haben. lDeifall.) Einer alten Übung felgend, scheide ich mit meiner Wahl zum Präsidenten aus meiner Fraktion ans. Es wird mir niemand im Hanse mißdeuten, wenn ich auch von dieser Stelle aus be- iregten Herzens von meiner Fraktion Abschied nehme, der ich fiir die Föiderung und die vielen Anregungen sowie für die Beweise herzlicher Freundschaft, die mir in diesen 15 Jahren meiner Reichstagstätiakeit in meiner Fraktion ent- gegenyebracht worden sind, hiermit den herzlichsten Dank aus- spreche. > Beifall im Zentrum.) Am Mittwoch vor acht Tagen hat in der Wandelhalle des Reichstags eine außerordentlich eindrucksvolle Trauerfeier für Dr Kaemvf ftattge- ftirdeu. In einer gedankenreichen Rede hat der Prediger den Satz ausgesprochen, eS möge als Nachfolger Kaemvfs aus den Präfidentenstuhl kommen, wer da will, aber die Hoff­nung solle das deutsche Volk haben, daß der Geist unter Kaempf, der Geist des 4. August 1914, mit seinem Körper nicht aus diesem Haus hinausgetragen sei. Ich glaube, in Ihrer aller Namen — und ich weiß, ich kann es in meinem Namen auSsprechen —, daß der Geist, der in dieser Zeit in diesem Hause gewaltet hat, der Geist des 4. August 1914, euch fernerhin hier walten wird. (Lebhafter Beifall.) Eine Pregrammrede werden Sie mir erlasten. Gerechtigkeit unh Wohlwollen find die Leitsterne jedes Präsidenten; sie werden «s auch für mich sein. (Beifall.) . Es ist etwas Schönes um ein ftews, selbstbewußtes Wort, und dieser Platz (auf die Redner­tribüne zeigend) soll auch nach unserem Willen eine ge­sicherte Stätte für ein freies Wort sein und bleiben. lBeifall.) Die vielen Nöte und Beschwerden, die auch während eines so langen Krieges an das deuffche Volk heran­treten, verlangen eine offene Aussprache in diesem Hause. 'Zustimmung.), politische Tagesfragen auch während des Krieges verlangen eine klare und bestimmte Stellungnahme. Die Entwicklung unseres Reiches in außer- urrd innerpoliti­scher Beziehung muß je nach den verschiedenen An­schauungen der Parteien klar und deutlich zum Ausdruck kommen. (Zustimmung.) Aber eines bitte ich, nicht ?u vergessen, daß dieser Platz die erste R e d e k a n z e l im Deutschen Reiche ist und daß gegen die Würde dieser ersten Nedekanzel nicht verstoßen werden darf. (Lebhafter Beifall.) Alle Ausführungen — und mögen sie noch so rücksichtslos sein — müssen getragen werden vom Interesse des Ganzen, dem. Interesse des Vaterlandes. (Lebhafter, allseitiger Bci- sell.) Un? steht — so fuhr Präsident Fehrenbach fort — nuc das Wort zur Verfügung.

Draußen steht die Tat, die Tat an der Front. Da steht seit einem Di-rteljahr unser unvergleichliches Heer in einem Kampf, wachsend von Tag zu Tag, tragend alle Lasten eines Ungeheuren Krieacs. Dem tapferen, unbezwing- lichen Heer soll auch der e r st c Gruß des neuen Präsi- benren, sein herzlichster Dank und seine wärmste Anerkennung ktewidmet sein, lStürmischer Beifall.) Aber auch in der Heimat vollzieht sich die Tat. Die großen Lasten und Äfctbdjjamgen unseres Volles werden mit einer staunens­

werten Geduld ertragen, und eine Arbeit häuft sich dem deutschen Volke auf, zum Teil von beinahe Arbeits- unfü higen vollbracht, die das Erstaunen der ganzen Menschheit erregen muß. In ihren Arbeiten erproben unsere Greise den letzten Rest ihrtzr Kraft, und draußen aus dem Acker bebauen unser? Frauen und Kinder unsere Felder und wandeln den heimischen Boden in einen Gottes- ganen um. Und die H e l d e n m u t t e r fehlt beinahe in keinem deutsckien Hanse mehr, schau: tränenumflorten'Auges hinüber nach der Walstatt des Westens, wo ihr Teuerstes von seinen Kameraden auf feindlicher Erde zur ewigen Ruhe ge­bettet wurde, und still stammelnd seufzt der mütterliche Mund: Für dick, mein Vaterland, ist kein Opfer zu groß! lBewegnng.) Dieser Geist des Heldentums, des Opfermutes, muß sich auch in den Verhandlungen dicsds Hauses widecspiegeln, muß Aufmunterung und Förderung erfahren, und so in das ganze deuffche Volk hinausgetragen werden. (Beifall.) Wrr stehen, wie es scheint, auf dem gigantischen Höhepunkt unseres Krieges. Wir vertrauen neben dem Schutz des Allerhöchsten auf die unüber- rir.dl'che Kraft des deutschen Heeres (Bravo!), auf die unbe­zwingbare Ausdauer unseres Volkes (Lebhafter Beifall.) Gibt es denn noch einen Mensch in der Welt, der daran gir eifert, daß eine Armee, die sie größte europäische Armee, gestärkt durch kanadisch», australische, asiatische und afri­kanische Stieitkräfte, niedecgeworfen hat, vor dem Heere zu- rückschrecken nird, daS die Vereinigten Staaten noch gegen uns herübersenden werden? (Sehr gut! Stürmischer Beifall.) Präsident Fehrenbach schloß mit der Hoffnung, daß im Hause der Geilst der Versöhnung herrschen möge. (Lebhafter Beifall.)

Bei der hierauf vorgenommenen

Wahl dreier Vizepräsidenten wurden 269 Stimmen abgegeben. Davon erhielten Dr. Dove (Vpt.) 262 Stimmen, Dr. Paasche (natl.) 187 Stimmen, Scheidemann (Soz.) 194 Stimmen. Eine Reihe Stimmen sind zersplittert.

Alle drei Vizepräsioenten nahmen die Wahl an.

«*

Der zum Präsidenten des Reichstags an Stelle des ver­storbenen Präsidenten Kaempf gewählte Abgeordnete Kon­stantin Fehrenback ist am 1!. Januar 1852 in FSellen- stngen im badischen Bezirk Bonndorf geboren. Er studierte zunächst katholische Theologie,- worauf er sich den Rechts­wissenschaften zuwandte. Im Jahre 1882 ließ er sich als Rechtsanwalt in Freiöurg i. Br. nieder, wo er auch regen Anteil an den städttschen Angelegenheiten nabm. Er wurde Stodtveroidnetcr, bis er 1896 in den Magistrat gewählt wurde, dem er bis jetzt angehört. In den Jahren 1885 und 1887 und seit 1901 ist Fehrenbach Mitglied der badischen Zweiten Ständekammer als Vertreter des 1. Freiburger Stadtkreises, von 1907 bis 19v8 war er Präsident dieser Kammer. Seit 1903 gehört Fehrenbach auch dem Reickstag an, in dem er den 6. badischen Wahlkreis Kenzingen-Etten- beint-Lahr-Wolfach vertritt und zur Zentrumspartei gehört. Fehrenbach ist der dritte aus der Zentrumspartei hervorge­gangene ReichStagspräsident. Der erste war Frhr. v. Buol- Bevenberg, der vom 27. März 1895 bis zum 6. Mai 1898 den Vorsitz im Parlament führte. Der zweite Zentrumsvräsident war der Nachfolger des Frhrn. v. Buol-Berenberg, Graf von Ballestrem, der vom 7. Dezember 1893 bis zum 13. Dezember 1906 Präsident war.

Oer Tagesbericht vom 8. Iuni.

W. T.-B. Großes Hauptquartier, 8. Juni. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe Kronprinz Rapprccht.

Zeitweilig auflebender Arfflleriekampf und Erkundungs- grfechte.

Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.

Erneute Angriffe des Feindes nordweftl ch von Chateau-Thierry und Gegenangriffe zur Wieder- nähme der verlorenen Linien an der Ardre brachten ihm nur unbedeutenden Geländegewinn. Mehrfacher An­sturm französischer, amerikanischer und englischer Regimenter scheiterte unter schweren Verlusten.

Im übrigen ist die Lage unverändert.

Der Erste Generalquartiermeister: Ludtndorsf.

Im Sperrgebiet um die Azoren.

W. T.-B. Berlin, 7. Juni. (Amtlich.) Durch die Tätig- keit unserer Unterseeboote sind im Sperrgebiet um die Azoren und die west afrikanische Küste neuerdings wiederum rund 21 000 Bruttoregistertonnrn vernichtet wor­den. Unter den versenkten Schiffen l-esanden sich der be­waffnete englische Dampfer „Santa Jsabell" (2023 Brt.), der englische, als Unterseebootsfalle vienende Hilfskreuzer „Bom- bala" (3314 Brt.). der mit einem 12-Zenttmcter- und zwei 10„5-Zentimeter-Geschühen bewaffnet war, ferner der be­waffnete italienische Dampfer „Enrichetta (5011 Brt.), der italienische Segler „Alessandra" (2132 Art.), der französische Segler „Michelot" (2336 Brt.). Der japanische Dampfer „Katva hi Maru" (5749 Brt.) wurde vor Freetown schwer be­schädigt, außerdem die französische F.-T.-Station sowie ein kleines liberianisches KriegSfahczeug in Monrovia durch Artillerie zerstört. Unter den versenkten Ladungen befanden

sich, so weit sestgestellt werden konnte, vor allem Wetzen, Mehl, Baumwolle und Kohlen.

Der Chef des Admiralstabs der Marine.

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Neutrale über den deutschen „Eheatercoup".

W. T.-B. Stockholm. 7. Juni. Zu der Behauptung der New Docker Presse, das Auftreten der Unterseeboote sei ein Theatercoup, sagt „Stockholms Dagblad", man könne schwer begreifen, inwiefern die Storung der Schiffahrt vor der amerikanischen Küste eine durch Furcht veranlaßte Maßregel sein sollte. Sie sei vielmehr eine Folge des sich schrittweise über immer weitere Gebiete ausdehnenden Unterseebootskrieges. Auch das Auftreten der ersten Unter­seeboote im M r t t e l ni e e r habe man theatralisch gefunden, sich aber gewöhnt, mit ihm als einer dauernden Gefahr zu rechnen.

Die neue Regierung im Dongebiet.

Rotterdam, 6. Juni. Nach dem „Nieuwe Rotterdamsche Courant" wird der „Daily News" aus Moskau vom 29. Mai gemeldet: Im Dongebiet ist eine neue Regierung entstanden, ähnlich wie die Skoropadskis in der Ukraine. Sie behauptet, auf Grund eines im Oktober 1917 geschloffenen Vertrages die Bevölkerung des Dongebiets, von Kuban, Terek, Astrachan und Nordkaukasicn zu vertreten. Sie ist mit anderen Worten Anhängerin der antibolschewistischen gegenrebclutio- n ä r e n Bewegung. An ihrer Spitze steht General K r a s - now, der die Truppen .Kerenskis bis zu deffen Verschwinden nach Ausbruch der Oktober-Umwälzung geführt hat.

Der prozetz zur Auflösung ber polnischen Hilfskorp«.

W T.-B Wien, 7. Juni. Meldung des Wiener Telegraphen- Korrssponteiiz-Bureaus. Am 8. Juni beginnt in Mcrrmaros Sziget die Hauptverhandlung gegen eine Anzahl Angehöriger des anfge- ll'stkn Pc Irischen Hiliskrrps. Die Vorgänge, die die Veranlaffung dazu bilden, sind die folgenden: Der größte Teil des im Bereiche der Ostsicnt disloziert gewesenen polnischen Htlsskorps ist am 15. Februar, 8 Uhr abends, noch der Zerstörung von Eisenbahnen, Telegraphen- und Telephonlmien in Snigyn, Czernowitz und Lnzan Kctzmann aus den Karuonierung-statlonen westlich Czernowitz eigenmächtig nach Tsten ab marschiert, mit der offen­baren Absicht, sich über unsere Linien nach der Ukraine durchzu­schlagen Tank geeigneter Maßnahmen unserer Truppen ist es ge- lungen, trotz versuchter Gegenwehr, den größten Teil des polnischen Htlfskorps am Abmarsch zu t «hindern Etwa 120 Offiziere und 3 50 0 Mann der polnischen Htlsskorps wurden entwaff­net und nach Huszt gebracht, wo die gerichtlichen Erhebungen mit aller Beschleunigung cingelcitet wurden. Auf Grund dieser Er­hebungen wird die Anklage gegen 91 Offiziere und 81 Mann er­hoben, die sich vor den: Kriegsgericht zu verantworten haben werden. Etwa 100 Rnacbctige des Htlfskorps werden als Zeugen vernominen werden. Die übrigen Angehörigen des H.lfskorps wurden, soweit sie csterreichisch-ungarische Staatsangehörige sind, einer Musterung unterzogen. Die Nichtwehrpsltchtlgen und zum Landsturmdienst nicht Geeigneten werden nach dem MusteruiigLbesunde ihrer Dienst­pflicht in der K. und K. Arm« zugsführt.