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Verlag Langgasse 21

..TagbiqilhLll»".

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Donnerstag, 6. Juni ISIS.

Morgen-5lusgabe.

Soll unkte ErnähruMwirtjchast geändert werden?

Der Antrag Roes icke, wonach an Stelle des jetzigen Ernährunqssysterns ein gemischtes System von Zwang und Berkehrsfreiheit treten wll. hat Freunde und Befürworter auch auf der Kruken ge- funden, sein Grundgedanke ist also die Zwangswirt­schaft durch die Einfügung des freien Handels zu mil­dern. Es wird sich nur immer fragen, ob der Gedanke ausführbar ist, solange wir uns im Kriege befinden. , Der Hinweis darauf, daß das vorgeschlagene gemischte System für die Übergangszeit nach dem Kriege un­entbehrlich sein .wird, bedeutet nichts Entscheidendes für die Gegenwart. Gewiß werden wir die heutige Zwangs­wirtschaft nicht auf Jahre hinaus nach dem Kriege bei- behalten können und wollen, aber ihre Milderung wird im Friedenszustande wesentlich leichter durchführbar fein als heute, wo ein etwa sich ergebender Nachteil aus dem vorgeschlagenen System überhaupt nicht mehr aus- erglichen werden könnte. Vor allem ist es non Wichtig- ieit, daß wir diesen Nachteil ja eigentlich sition in seinem ganzen Umfanae beobachten und kontrollieren können, ohne daß das' Roesickesche Softem bereits legitim in Kraft getreten wäre. Denn was der Antrag Roesicke will, das ist schließlich doch nicht? arideres als die L e c> i t i m i e r u n t de? fein ien S ch l e i ih b a n d e l s. Wir haben tatsächlich längst schon den voraeschlage- nen freien Handel neben der Zwan-w-kewirMraftung, nur daß er sich in da?' Dunkel der Gesetzwidrigkeit hüllen muß. Millionen nnd Aberiiiilliimen von Deut­schen führen heute ein kiniglrmaßen erträgliches Leben nur, weil der Schleichhandel die Lücken aus rückt, die die Zwangswirtschaft often lassen muß, da die vorhandenen Lebensmittel niemals voll erfaßt werden können und bei völliger Erlassung wobl auch nicht ganz rür die voll­kommen glcichmäßiae Velieferring ansr>ichen würden. Während aber der Schleichhandel, so schamlos er ist, die -lebten frechen Eingriffe in das verfügbare Leoens- rnittelgnantum doch nicht wagen kann, ivürde die Ge- sah,- drobiN, daß die Freigabe des legitimen Handels dies verft'iabare Önantnm erst recht einschränken mußte. Wo i>'t denn die Bürgschaft dafür, daß, wie es der Abg. Roesicke sich denkt, die gegenv artigen hohen Schllach- Handelspreise sinken werden, sobald man diesen Handel legitim macht? Solche Bürgschaft ist n i r- aends zn erkennen, die Erfahrungen auf den Ge bieten auf denen von einer Rationierung abgesehen wurde, sprechen durchaus daaegen. Sodann: wo sollen das Mehl, das Brot, die Kartofteln die Milch h e r- kommen, die für den freien Handel übrig blieben, nachdem, wie es auch der Antrag Roesicke selbstverständ­lich will, die ärmeren Teile der Bevälkernna nach wie vor durch Rationierung versorgt werden sollen? Die Mengen an Brot und Milch sind doch jetzt schon so ge. ringfügia, daß bei einer Beschlagnahm; durch da? Reich in dem Umfanae, daß den weniaerbemittelten Schichten der Bezug gesichert ist. schlechterdings nichts übrig, bleiben kann, was alsdann nach in den freien Handel zu gelanaen vermöchte. Die Voraussetzung beim Antrag Roesicke scheint zu sein, daß sogar noch Brot- getreibe in Fülle verborgen gehalten wird, besten Herauslocknng ans dem widerrechtlichen Gewahr- sam eben durch den fteiaestellten Übergang in den legi­timen Handel ermöglicht werden fall. Gabe cs aber solche Hinterziebunaen in arößerem Umfanae, dann wäre es die natürliche Konsequenz daß das Reich nach si ä r k e r e M'ftel anwendet, um ein; derartige s ch ä n d- I i cf» c Beeinträchtigung der Gesamtheit durch rücksichtsloseste? Z n a r e i i e n zn ver- hindern. Statt dessen wird vom Abgeordneten Roesicke gewisiermoßen eine Prämiierung der Hinter- z i e b e r vorgeschlagen.

Wir erwarten mit Bestimmtheit, daß der vom Ber­liner Magistrat beschlossene P r o t e si gegen den Antrag Roesicke Nachfolge bei anderen städtischen Körperschaften finden wird. Die Eingabe des Magistrats der Reichs­hauptstadt kann in ihren sachlichen VorauZsetzunaen überhaupt nicht widerlegt werden. Es ist und.bleibt so: wir bedürfen der vorhandenen Bratgetreidevorräte bis zur letzten Tonne, um das Volk auch nur not­dürftig zu ernähren. Auch in den Vorfahren hat eS sich gezeigt, daß der Bevölkerung das Mindestmaß an Broternährung nur gewährt werden kann, wenn die gesamte Ernte an Brotaefteide mit ä ußerster Anspannung erfaßt vsird. Soll rber dem Land- wirk ein bedeutender Teil seiner Getreideernte arund- sZhfich belasten werden, so ist damit die Anfte^terhal- tung auch nur der fetzigen Brotration unmönlich ge- macht. Nichts kann klarer sein, nichts kann anischi"dener gegen einen Antrag sprechen, der nur durchführbar wäre, wenn wir reichlichere Leben smstwl batten. Dann gker wäre er eiaentlich wieder überftüllia.

Wir möchten die Frage nicht auf das Gebiet hlnuber- fpielen, wo es sich um den Gegensatz zwischen agranicher und nichtagrarischer Weltanschanunq nnd Politik han­delt; wir wollen ohne weiteres innebmen. datz oer An­trag Roesicke von den beiten und reinsten Beweggründen eingegeben worden ist, nnd ^chon der Uinstand, daß er auch außerhalb des konservatiom Bannkreises auf wohl- wollende Beurteilung stößt, sollte es ausschließen, daß hier wieder einmal der leidige Zwist anaefacht wird, der unser innerpolitisches Leben so viele Jahrzehnte hindurch unliebsam genug beherrscht hat. Es genügt aber auch, die Dinge mit nnbesaagruer Sachlichkeit zu betrachten, es bedarf keiner Einmischung parterpoliti- scher Gegensätze, um zu s e h r e r h e b l i ch e n B e d e n- k e n gegen das vorgeschlagene gemischte System zu ge- langen.

Der deutsche Kbendberlcht.

W.T.-B. Berlin, ö. Juni, abends. (Amtlich- Drahtbericht.)

An der Schlackitfront ist die Lage unverändert.

vie Unmöalichsteil einer feindlichen Gegenoffensive.

V/. T.-B. Rotterdam, 5. Juni. Der ..Nieuwe Rottend. Cl'urnnt" schreibt zu der deutschen Offensive: Es ist vorläufig für die Entente, besonders fiir die Franzosen, beruhigend, daß die Deutschen ausgehalten werden, bev,r sie noch größere Vorteile errungen habcm. Es ist aber auch so gerade schlimm genug. Der Gewinn bat dieselben Maße wie die Offensive bei St. Quentin, Während des Stillstandes nack der Flandernschlacht hörten wir gar oft die Versicherung,, deß die Ententetruppen jetzt auf alles vorbereitet seien, daß sic dank ihrer Überlegenheit in der Lufr ausgezeichnet über alles, was der Feind beabsichtige, unterrichtet seien, endlich, daß Fech mit einem großen Gegenschlags überraschen werde. Aber die Tatsache zeigte, das; eine Gegenoffensive ui möglich war. daß man sich aufs Abwarten beschränken motzte, daß der Angriff einen Punkt traf, an dem man ihn am wenigsten erwartete, und daß die Heeresleitung der Entente keine Ahnung von den Plänen des Feindes hatte. Da die Alliierten keine Gegenoffensive während der ersten Panse haben unternehmen können, da es ihnen nicht gelungen ist. während der zweiten Offensive tue Lage zu ihren Gunsten zu ärckern, und da sie sich aiich zum dritten Male haben über­raschen lassen, ist zu fürchten, oaß sie auch während der nun zu erwartenden Pmrse nicht viel ausrichten werden, und daß sie in Unsicherheit abwarten müssen, ob die Deutschen nach einiaer Zeit wieder mit einer dritten und vierten Offensive hervorbrecken werden, die ebenso erfolgreich sind wie ihre früheren Offensiven.

Soft unglaubliche englische Nachlässigkeit.

Br. Genf, 5. Juni. (Eig Drahtbericht, zb.) Die „Vofl. Ztg." erfährt von der -Westfront: Eine Nachricht, die man kaum für möglich halten würde, wenn sie nicht amtlichen Ursprungs wäre, kommt soeben aus Flandern. Dort ist im Kampfg-eviet fcic methodische Durchführung der Sanierung des Schlachtfeldes nunmehr abgeschlossen worden. Dabei wurden nicht weniger alS 3300Leichen aus früheren Kämpfen, allo meist aus den Schlachten des vorigen Jahres, und zwar in der Hauptsache Engländer, u übe­st attet aufgefunden und von nnL nun endlich be­erdigt. Es kommt gewiß an jeder Front vor. daß einzeln; Gefallene eine Zeitlang ungeborgen liegen bleiben, weil man rm Feuer nicht an sie heran kann Daß aber die Zahl so groß gewesen wäre, ist, so weit sich daK auf unserer Seite überblicken läßt, noch niemals vorgekommen. Im Verlaufe eines so langen Zeitraums hätte man gewiß ein- greifen können.

Neue französische Besorgnist-.

Bt. Basel, 5. J-uini. (zb.) Im Pariser Havaskommentar vom 3. Juni heißt cs: Durch den Zufluß unserer Reserven an der Front wird Las Gleichgewicht zwischen den beiderseiti­gen Kräften allmählich herge,stellt. Indessen sind die Deut­schen numerisch üb er! ege n und können eine neue Off e n- sive in einem anderen Abschnitt unternahmen.

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Die deutsche Ueberlegenheit ln der Luft.

Amerikanische Zeiturgen aus den Anfangstagen der großen Offensive, die jetzt eintresfen, bringen in ihren Be- richten über die Verhandlungen der Senatskmnmissionen für Militärangelc-genheiten vom 25. März bemerkenswerte Fei't- Yellnngen. „Chicago Daily Tribüne" schreibt vom 26. März: „Rach General Wccd haben die deutschen Flieger die volle Lust Herrschaft über den amerikaniscken Abschnitt. In einzelnen Fällen sind sie so tief geflogen, daß die amerikani­schen Truppen mit Rorolvern aus sie schoflen. .General Wood gab auch der Ansicht Ausdruck, daß die fremden Kampftlug- -zeugmotore leistungsfähiger find, als der Liberty- motor." Laut „New Dort Times" vom gleichen Tage gestand General Wood, „daß Frankreich und England enttäuscht seren über die Langsamkeit der.amerikanischen Kriegsvorbereitun­gen, da sie geglaubt hatten, daß dir Vereinigten Staaten, -wenn fie einmal im Krieg seien, mehr Kraft »eigen würden".

Nr. 257. . 66. Jahrgang.

Deutscher NeichstaAt

(Eigener Trabkdericht tes „Wiesbadener Tagblatts",)

ckß Berlin, 8. Juni.

Am Bundesratstisch: Dr. r, Payer, v. Walraff und von Wrisberg. — Vizepräsident Dc. Paasche eröffnet die Sitzung um 1,20 Uhr. Als Vorlage ist der F r i e d e n s v e r t r a z mit Rumänien eingegangen. Aus der Tagesordnung steht zunächst die erste Lesung zur Abänderung des Gesetzes, betrtffend die Gewährung einer Entschädigung an die d'kitglieder des Sicichstays. Danach sollen die Abgcc rdnrten st-rtt der bishsrig-n 3000 M. künftig 5000 M erhalte» Dementsprechend soll mich bei Versäumnissen ein höherer Betrag, statt 20 künftig 30 M„ in Abzug gebracht werden.

Abg. Dovc (Vpt.) empfiehlt di; Bewilligung einer A u s- »eandsentschädigung für den 1. Präsidenten, dem Abg. Gn:f Westarp (kons.) widerspcrcht, während Staats­sekretär Walrafs erklärt, daß die Verbündeten Regierungen zu der Vorlage zwar noch nicht Stellung genommen, aber dem Grundsatz wohl beistimmen könnten, worauf die Vorlage in sofortiger zweiter nnd dritter Lesung einstimmig ange- nonimen wird.

Danach Fortsetzung der Aussprache über

Belagerungszustand und Ienfur.

Abg. Gotheia (Vpt.): Es ist mißlich, jetzt, wo sich große Kän:pse abspielen, über diese Dinge zu reden. Es ist aber eher schlimmer als besser geworden. In rein militärischen 2-innen ist, wie wir anerkennen müssen, die Zensur eine un- bcdii.gte Notwendigkeit. Dabei muß es aber bleiben. Der verschärfte Belagerungszustand in den nicht mehr bedrohten Festungen sollte baldigst ausgehoben werden. Die Zensur scheint lediglich dazu da zu sein, alle Verhetzungen und Ver- tächtigungen der Reichsregierung und des Reichstags zu- zulosskn und andererseits die Kräfte der Abwehr zu unter­drücken. Man mißt da niit zweierI ei Maß. Dann ist es schon besser, wenn die Zensur überhaupt be> seitigt wird. Redner bringt eine große Reihe Einzelfälle vor. in denen der fortschrittlichen Presse namentlich auch die Herausgabe von Flugblättern und Broschüren vervoteu oder- eingeschränkt wurde, während die Schriften der Vaterlands­partei ungehindert hätten verbreitet werden können. Die Schaffung einer Beichwerdeinstanz war ein Schlag ins Waflec.. In der bisherigen Weise kann nich: weitergearbeitet werden.

General v. WriSberg: Daß von militärischen Stellen der Versammlungsfreiheit entgegengearbeitet werde, trifft nicht zu. Im letzten Jahre hätten 8011 Versamm- lungeu stattgefunden. Verboten wurden 99. Davon entfallen aus die Vaterlandspartei 849 Versammlungen, bezw. 14 ver­boten, auf die Gewerkschaften 2749, bezw. 19 (Hört! Hört? rechts? Ein Verbot, den „Vorwärts" aufzulegen, be- steht nicht. Versammlungsreden werden nur untersagt, wenn es sich um notorische Hetzer handelt. (Zuruf links: Wer stellt tos fest? Oldenburg-Januschau?) VersammiungS- vcrbcte sind nur-erfolgt, sobald derartige Veranstaltungen generell untersagt werden muhten.

Oberstleutnant v. d. Berg: Frhr. v. Richthofen hatte ge- wünscht, daß Nachrichten, die in der Presse der Verbündeten erscheinen, bei uns nicht verboten werden sollen. Das Verbot war nur vorübergehend und wird nicht wiederholt werden.

Aba. v. Gräfe (kons.)- Das Jntereffe an der Zensurfrage ist in diesem Augenblick, wo im Westen das Gewaltigste sich vollzieht, nicht gerade groß. Auch Sie dreistündige Rede deS Abgeordneten Gothein hat nicht brzu beigetragen. Die Männer draußen haben kein Verständnis für solche Debatten, Es Et ün den Zensurrrageu manches besser geworden, DaS sollte man anerkennen. So weit irgend möglich, sollte Bersammlungs- und Pressefreiheit Platz greisen.

Vizepräsident Paasche schlägt vor, sich jetzt zu ver­tanen. Der nächste Redner Hit in Aussicht gestellt, zwei Stunden zu sprechen. Um 6 Uhr sei eine polctischeBe- sprechung beim Reichskanzler. — Die Abstim- m u i- g bleibt zweifelhaft. Es erfolgt Auszählung durch Hammelsprung. Für Vertagung stimmen 114, dagegen 45 Abaeordnete. DaS Halls ist nicht beschlußfähig. — Nächst« Sitzung Donnerstag 1 Uhr: Wahl des^Präsidenten und Fort-, setzung der Beratung. — Schluß nach 84-> Uhr.

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Der Umsatzsteuerenlwurf.

W T.-B. Berlin, 5. Juni. (Drahtbericht.) Der Unter» ausschutz des HauptansschufleS des Reichstags, dem der 11m- satzsteuerentwurf zur Vorbereitung überwiesen worden war, hat gestern g:gen die Stimmen des Zentrums, der Konser­vativen und der Deutschen Fraktion den fortschrittlichen An­trag zum Sckutz der Warenhäuser gegen ein« Uberbesteuerung angenommen. Danach dürfen dis Steuern vom Warenumsatz, welche beim Inkrafttreten de» Gesetzes in den Bundesstaaten und Gemeinden bestehen, vom 1 Ap-ir 1919 ab nicht weiter erhoben und weitere Steuern vcin Warenumsatz von den Bundesstaaten oder Gemeinden nicht eingeftihrt werden. Ferner wurde der Zentrumsantrag angenommen, nach welchem die Gemeinden aus dem ihnen überwiesenen Vecgütnnqsanteil nach Anweisung deck Landesrrgieiung die Mittel zur Erleichterung der Lebens- mittelbeschaffung für Miuderbemittelte K»; Verfügung zu stellen haben