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Verlag Langgasse 21

„Tagbiolli,»«»".

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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagdlatts: Berlin W. 57, Au der Apost-lkirche 7. U Fernsprecher: Amt Liitz-w 6202 n»d 6203.

Mittwoch, 3. Juni 1913.

Morgen-klusgabe.

Nr. 255. ♦ 66. Jahrgang.

Schicksalsfragen.

ES gibt keine Lösung der polnisck-en Frage und der -eng mit ihr zusammenhängenden inneren Fragen der- Donaureichs, die eine wirkliche Befriedigung sur alle beteiligten Staaten und Völker gewähren könnte. Ge- rade weil das jedem Betrachter als eine Selbstnerftano- lichkeit erscheinen mutz, hat man ein Recht, es auszu- sprechsn, um den hochmütigen Beurteilecn zu entgegnen, die mit rückwerfenden Mienen so tun, ils würden über­all auf diesen Gebieten nur Dummheiten begangen. Man solle, so erklären sie, nur auf üe hören, und dann würde bald alles in Ordnung sein. Wie wissen uns frei von übertriebener Ehrfurcht vor den Staatsmännern Mitteleuropas, aber das möchten wir doch sagen: so klug und einsichtsvoll wie die Leute, die fertige Rezepte für die „Lösung" des polnischen Problems und der tschechischen Fraae iibeneick'en, und die Serien :n der Wilhelmstratze und am Ballplatz auch. Es wird immer nur gelingen, einen Komproniitzweg gangbar zu machen, alle diese Fragen an nnseren Grenzen und zum Teck innerhalb nnscrer Grenzen gebören zu denen, die sich mit schicksalshafter Notwendigkeit iahrbundertclan.z drohend, gefährlich und manchmal auch verlockend bc- hauptet haben. Wie kann man glauben, datz sie jetzt so einfach beglichen werden sollten. D e u t \ 4 e _ und Polen werden niemals in einen dauernden Zustand von Friede und Freundschaft geraten: die Tschechen werden niemals aufhören, nach immer größerer Selb- ständigkeit innerhalb des Donaureichs zu 'treden: die

Geschichte Österreichs wird imnier ausgefüllt sern von ' dem unversöhnlichen Gegensätze zivischen Deiitschcn und Westslawen. Darum soll und darf man nicht die Hände in den Schatz legen, sondern es nmtz vorgesorgt werden, datz di? idt.V'r'Mt Feniw.üaftm H* abllumpfen. datz Gemeinsamkeiten nach Möglichkeit verwirklicht wer- den Vielfach begegnet inan in deutschen Blättern der Forderung, datz den Tschechen und den Slowenen, von denen ein gefährlich großer Bevölkerungsteil sich schlimm gegen die Gesamtinteressen des Reichs vergangen hat. eine schroffe Machtpolitik Zucht. Ordnung und Unterwerfung -ffnblene" uintztr. D itz die österreichische Politik solche Wege nicht gehen wird, dessen darf man sicher sein: aber man braucht das vom deutschen Stand- punkte aus keineswegs zu bedauern, sondern es sollte vielmehr jeder Versuch, eine Ausgleichung der inner- österreichischen Widersprüche herbeiznführen, von uns aus unterstützt oder wenigstens moralisch gebilligt wer- den. Auch in der polnischen Frage mich versucht werden, eine Linie aufzufinden, bei der unsere unverlier­baren Interessen gewahrt bleiben können, ohne datz die Gesinnungen der Polen sogleich und unnötiger- weise zu leidenschaftlich!- Feindschaft gesteigert werden- Das Einfachste. was man in bezug aut diese polnischen Dinge sagen kann und soll, ist zugleich das Richtigste. Man mag über unseren Entichlutz vom November 1916 denken,' wie man will, so ist Polen nun doch einmal von uns »viederheraestellt, und dainit mutzte fortan jeder unserer Staatsmänner. auch w-an er jen-n Ent- schlutz nicht lobte, als ehwner, unabänderlicher Tatsache rechnen. ' Demnach mich man auch In Zukunst,immer rechnen mit cineni selbständi zen polnischen Nationalwillen. der uns niemals bequem und gefällig sein wird. Für die rutzervolnischc Lösung spricht' die Möglichkeit. Polen durch Vereinigung mit Westaalizien zu befriedigen. Gegen sie aber spricht doch sehr,"daß eine einheitliche und konsequente Politik der Donaumonarchie durch ste ungeheuer erschwert wird. Und möglichst einheitliche und einfache Verhältnisse, möglichst wenig D-chvel- und M'schv'rbältnisse z» schaf­fen, wüßte Leitmotiv »„l-nc: östlich, n Neuordnungen werden. So wäre die Einsetzung einer besonderen Dynastie in Polen immer noch das mindeste der Übel. Es wäre vernünftig, die Roibungsflächen zwischen uns und Polen, soweit es unsere Sicherheit gestattet, zu vor- mindern. Unteren Sicherbeitsbedürsnisten würde eine dauerndeMilitärkonvention, die uns dasBesatzungsrecht in den Narewfestungen gäbe, wohl genügen, während eine Abtretung polnischen Gebietes an Preußen jedes auch mir leidliche Verhältnis zwischen Polen und uns unmöglich zu machen droht. Wir finden uns m diesem Urteil zusammen mit einem so besonnenen und hervor- ragenden Betrachter,' wie e§ der Berliner Historiker Friedrich Meinecks ist, der sich im Iunibeft der „Neuen Rundschau" (Berlin, S, Fischer) über Grundfragen deutscher Nationalpolitik äußert und dabei die Ostiragen besonders eingehend behandelt. Der innere Zer- f a ll R u ß l a n d s, so schreibt Meinecke, begann ja eigentlich schon mit der Eroberiina Polens durch uns und unseren Verbündeten. Es wäre zuerst wohl noch denkbar aoweien, Polen, von strategffch"N Grenzverbesse- ' rungen abgeseben. an Rußland zurückzugeben, u,n mit diesem einen Sonder- und Verständigungsfrieden zu «chlietzen. Aber daS alte Nrckland wollte uickt. und das

neue Rußland der Revolution war kein Partner, dem man unbedenklich Polen hätte zurückgeben können. Ob der Moment im November 1916 schon der richtige war, um ein selbständiges Polen aufzurichten, darüber kann man allenfalls streiten. Datz es früher oder später ein- mal geschehen mutzte, war doch wohl zwangsläufig. Bis­marck sah es voraus, wenn er an die Möqlicklkert eines deutsch-österreichischen Krieges gegen Rußland dachte, und schon zu Beginn des Wiener Koiigresses hat sich einmal dieselbe Perspektive eröffnet, als Metternich bei Preußen anklopfte, um gemeinsam die Erwerbung Polens dinch Rußland, wenn nötig durch K"ieg L" ver­hindern. Schon damals wußten die Diplomaten keinen anderen Rat, als Polen wieder aufzurichten. Nun, jetzt soll es also „aufgerichtet" werden. Aber wie? In Wien hält man an der austropolnis.'ien Lötung '-nt, in Berlin wird sie verschmäht. Wie sich der Reichskanzler und Herr v. Kühlmann auf der einen, Graf Burian auf der anderen Seite demnächst in den Berliner Ver­handlungen verständigen werden, darüber wagen wir keine Vorhersage, sprechen indessen den Kritikern, die schon jetzt überzeugt davon sind, datz unsere Reichs- leitung es falsch machen wird, die Befugnis zu solcher Voreiligkeit ab. Es wild keine Lösung gebm, die nicht beanstandet werden könnte: es wird aber auch keine geben, für die sich nicht gute Gründe geltend machen ließen. Jedenfalls wird es nicht mehr lange dauern, bis endlich Klarheit in die polnischen Dinge kommen wird.

O

Oie Berliner Reife Burians.

W. T.-B. Wien, 4. Juni. (Wiener Korresp.-Burean.) Der Minister des Äißern wird sich am 10. Juni nach Berlin begeben, um dem Reichskanzler feinen Antrittsbesuch abzu- statten Bei diesem Anlaß wird ein eingehender Ge­dankenaustausch über alle zwischen den beiden verblin- beten Mächten derzeit schiwessienden Fragen stattfinden. Atz einer endgültigen Entisklseidiinp einzelner zur Erörterung stehender Fragen dürfte es hierbei nicht kommen, da die zur Bereinigung des ganzen Komplexes der eng zusammen­hängenden Fragen erforderlichen internen Vorarbeiten und Drrotungen weder in Österreich-Ungarn noch in Deutschland so freit gedieleu sind, datz sie im Zeitpunkt der Berliner Reise Durians abgeschlossen sein könnten. Die gelegentlich dieser Zusammenkunft geführten Besprechungen werden nach dem binnen kurzem zu gewärtigenden Zustandekommen der beider­seitigen Beschlußfassung fortgesetzt werden. Sie werden vor­aussichtlich bald zu einem endgültigen Ergebnis führen.

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Sin UnterftaatsfeSretSr für die Ostgebiete.

Br. Berlin, 4. Juni. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der bis- berloe Verwaltungsches im Obevcstgcbiet Unterstaatssekretär Freiherr v. Falkenhausen wind ein beim Reichsamt des Innern neu zu schaffendes Unterstaatssekretariat für die be­setzten Ostgebiete übernehmen. Freiherr v. Falkenhausen leitete seinen bisherigen Posten seit November v. I.

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Heuer ukrainischer Ncchrunysmiltekral.

Br. Berlin, 4. Juni. (Eig. Drahtbericht. zb.) In, Kiew ist, wie unS von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, ein neuer ukrainischer Nahrunesmittelrat ins Leben gerufen worden, dessen Aufgabe es sein wird, unsere Lebensmittel- bezüge aus-der Ukraine und die Versorgung der ukrainischen Stadt" selbst zu organisieren. Zum stellvertretenden Vor­sitzenden ist der frühere Chef der Reichskanzlei Herr iupi Graevenitz berufen worden.

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Sine Rommlssion nach dem Kaukasus.

Br. Berlin, 4. Juni. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der bisher in der deutschen diplomatischen Vertretung in Litauen tätige LegationSrat v. Kardorfs wird sich im Auftrag des Aus­wärtigen Amts nach dem Kaukasus begeben, uud zwar zusam­men mit General Kretz, dem fficheren Goneralstabschei Tjemal-Pas<l)aS. Die Aufgabe der Herren wird sein, sich über d'e durch den türkischen Vormarsch nach >dem Kauka­sus geschaffenen Verhältnisse zu unterrichten.

Erfolgreiche Uämpfe an der klisne.

W.T.-B. Berlin, 4. Juni, abends. (Amtlich Drahtbericht,)

Erfolgreiche Kämpfe auf dem S ü d u f e r der AiSne westlich von EoissonS.

Eie Amerikaner als Lückenbüher.

Br. Genf, 4. Juni. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der drin­gende Bedarf der EnI-cnte-Hccrcklcitung nötigt den amerika­nischen General Pershing, die der Ausbildung seiner frisch angelommenen Truppen zugcmessene Mindestzeit noch abzukurzen. Der Transport der amerikanischen Abteilung aus den Lbungslagern nach der Front soll Ende der Woche durchgssühct fein.

Deutscher Reichstag.

Eigener Tralubericht des „Wiesbadener Tagblatts".)

# Berlin, 4. Juni.

Am Bundesratstisch: Graf v. Hertling, v. Payer, v. Nodowitz, Dr. o. Krause, v. Wrisberg, Dr. Walraff.

Vizepräsident Dr. Paaschs eröffnet die Sitzung w» 2,15 Udr und gedenkt oes verstorbenen

ReichstagLpräsiosnteii Cr. Kaempf in längerer Rede, in der er u. a. ausführt: Wir alle stehen unter dem Eindruck des Todes unseres verehrten Präsidenten Dr. Kaempf. Mit ihm ist ein langjähriges Mitglied unseres Hauses, späterer Vizepräsident und seit 1912 Präsident deW Hauses, entschlafen. Er wurde als erster Präsident deN Hauses gewählt in einer Zeit, wo schwere politische Kämpfe dahin geführt hatten, datz zwei fast gleich starke Parteigruppen einander gegenüberstanden. Es war damal» nicht leicht, immer das Gleichgewicht zu erhalten. Er hat es aber verstanden, durch Pflichteifer die Würde de» Hauses zu wahren. Ihm war es denn auch vergönnt, alS dieser furchtbare Krieg ausbrach, als Präsident des Hause» während dieser größten Periode an leitender Stelle die Ge­schäfte zu führen. Ich darf feitstellen, datz Sie sich zum An­denken des Entschlafenen non den Plätzen erhoben haben.

Reichskanzler Dr. Graf v. Hertling: Der schwere Schlag, ter den Reichstag durch den Tod seines hochverehrten Präsi­denten getroffen hat, hat bei den Verbündeten Regie­rungen und der Reichsleitung schmerzlich st e Anteilnahme gefunden. Der Verewigte war ein Manul ftm großen Talenten des Geistes un^ von vielseitiger Bil­dung, von vielgestaltigen Interessen und vor allen Dingen ein Mann der'Arbeit und der Pflicht. Berufen, zu großer Zeit an der Spitze des Hauses zu stehen, hat er sein Amt un­ermüdlich verwaltet, bis eine schwere Krankheit ihn davon ftrnbielt und der Tod ihn erlöste. Sein Andenken wird in Ehren bleiben. (Bravo!)

Vizevräsident Dr. Paasche bringt sodann eine Reih« Beileidstelegramme zur Verlesung, darunter ein solches vom Kaiser, von Hindenburg. dem Reichskanzler, Ludendorff, fremden Parlamenten usw., und gedenkt mit warmen Worten des Dankes unserer braven Truppen bei den neuen schweren Kämpfen, die uns siegreich bis a n die-Ufer der Marne gebracht haben. Jetzt, wo wir nach dem Osten hin die Hand frei haben, wird es unS ge­lingen, dis e n t s ch e i d e n d e S ch l a ch t zu führen. Für daS neue Blutvergießen sind wir nicht verantwortlich, sondern die. die unsere Friedenshand zucückqewiesen haben. Hoffent­lich gelingt es unseren Truppen, recht bald den ehrenvollen Frieden zu erreichen. (Beifall.)

Vor Eintritt in die Tagesordnung ruft Vizepräsident Tr. Paasche den Abg. Dr. Cohn-Nordhausen (Unabh. Doz.) noch für eine Äußerung in seiner letzten Rede vor Pfingsten zur Ordnung. (Heiterkeit bei den Unabh. Soz.)

Auf eine Anfrage des Abg. PriroteS (Soz.) erklärt General v. Wrisberg. daß eine Urlaubsbeschränkung für Elsaß-Lothringen nicht bestehe.

Es folgt die Aussprache über

Bela'secungsqefeff und Fenfur»

Abg. Frhr. v. Nechenbrrg (Zeatr.): Der Reichstag hat sich zum soundsovielten Male mit Klagen über die H-andhabung, der Zensur zu beschästigen gehabt. DaS Schutzhaftge­setz hat sich als lückenhaft erwiesen. Im H e e r ist erne Agitation für die Daterlandspartei zngelassen, trotzdem dies gegen den klaren Wortlaut der Militärgesetze verstößt. Wir wünschen gleiches Recht für alle.

Abg. Bauer (So,.): Das Obeckommando in den Marken begünstigt die Vaterlandspartei in der Versammlungsfrei, hpit. Sozialdemokratische Veffamnckungen, nLmentlich in der Wc-blrechtsfrag«, werden verboten. Man befürchte! Be» unrubiguna im Volk. Die Presse der Linken wird sorgfältig von den Soldaten ferngehalten. Das Verfammlungsrecht der Gewerkschaften wird vom Kriegsniinisterium nicht mehr so woblwollend gehandhabt wie zur Kanzlerschaft Bethmann HrllweaS. Es prallen alle Beschiverden beim Kriegsmrmste- rium ab. In allen Bezirken herrscht vollkommene Militärdiktatur, besonders im Bezirk des 6. Armee» ko'ps. Die politische llberwachun.) von Gewerkschfftsvev» sommlungen ist völlig überflnsiig. Wenn die Arbeiter di« schweren Kriegssahre so ruhig durchgelmlten haben, sc ist da» ihrer politischen und geweOkschaftlichea Schulung zu danken. Geht die Gewaltpolitik im Innern so weiter, dann gehen wir einer Katastrovhe entgegen. Unsere Forteruiig bleibt die Beseitigung des Belage­rungszustandes.

Staatssekretär Walrasf: Für heute sei nur festgestellt, daß die Regierungen den Beschwerden der Geweick- schäften nicht teilnahmslos gegenüb-rßehen. Im Gegenteil manche Härten des- Belagerungszustandes sind in Verbindung mit den Militärbebörden beseitigt worden. Auch hinsichtlich tes Verbotes von Zeitungen sind wir bestrebt gewesen, Mrlderunaen herbeizuführm. Härten müssen beseitigt weiten. Im übrigen sind Belagerungszustand »nv Zensur KrieqSnotmendigkciten. In Englands und Amerika werden die ZeftungSverbote viel strenger ge- hcr.dlabt als bei uns. Sie sind dort vielfach begleitet von Bei Haftungen von Redakteuren. Auch in Frankreich wird« schärfer vorgegangen als bei unS.