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Sonntag» 2. Iuni 1918.
Oie Stimmung in paris^
Von der Schweizxr Grenze, 31. Mai, abends, wird Ans geschrieben:
Die Stimmung in Paris ist genau dieselbe wie vor 3% Jahren, als nämlich am letzten Septemoertag 1914 Poincar^ und die Minister ein Stück Papier Unterzeichneten. das dann vorsichtshalber erst sechs Stunden nach ihrer Abreise nach Bordeaux reröfsentlicht wurde. Sie wollten die Wirkung lieber nicht verionlich abwarten. Kn dem Schriftstück hieß es: „Um über das Heil der Natron zu Wachen, haben die Behörden die Pflicht, sich zeitweilig von Paris zu entfernen." Den Mitgliedern des Parlaments wurde ausdrücklich geraten, „sich nicht fern von der Regierrmg (also von Bordeaux) zu halten, um gegenüber dem Feinde den Sammelpunkt der nationalen Einheit zu bilden". Wie es diesmal gehalten werden soll, weiß rnan noch nicht. Cleruenceau zeigt sich täglich zweimal seinem betrübten Volke in den Wcmdel- gängen der Kammer. Er ist nicht mehr wie bei der letzten Offensive „entzückt, wirklich entzückt", sondern so niedergeschlagen, daß er nur schwachen Trost auszn- teilen vermag. Ter Vorstoß der Deutschen über die Äisne gegen die Marne sei trotz seines riesigen Umfanges vielleicht doch nur eine Diversion. Die Hauptoffensive komme noch und werde vom französischen Ober- kommando an anderer Stelle erwartet. Als der bestürzte Tiger seiner Tränen nicht mehr Herr wurde, schickte er Abrami, den Uuterstaatssekretär des Krieges, vor, der den Abgeordneten weitere „Aufklärungen" geben soll Dieser Eifer des Diktators, das Parlament zu unterrichten, fällt natürlich auf.. Bisher war ihm der gute Geruch seiner Kriegsregierung bei diesen Herren ziemlich gleichgültig. Wahrscheinlich soll das ftanzösische Oberkommando herausgeredet werden, weil es auf den Stoß bei Reims so gar nicht gefaßt gewesen war und die fleißige Vorarbeit des Gegners an dieser Stelle so gar nicht gemerkt hat, ein Vorwurf, der sich wiederum auf den französischen Aufklärungsdienst abwälzen läßt, wie die Bemühungen eines Teiles der Pariser Presse auch bereits zeigen. Auf keinen Fall soll die öffentliche Meinung m Frankreich den Glauben an den Generalissimus Fach verlieren. Diesem Zwecke dienen alle Ausreden. Und allen trübseligen Eingeständnissen folgt stets die beruhigende Versicherung, es sei noch immer gut gegangen und es werde schließlich so sein wie bei Verdun. Der Feind werde sich die Zähne, wenn alles schief gehe, doch noch an den Außenforts von Paris ausbeißen. Mit solchen Redensarten ließen sich aber die Parteiführer im Parlament nicht abspeisen. Es versammelte sich die Armeekomnussion. um über die Lage zu beraten. Man beschloß, die parlamentarischen Armeckontrolleure an die Front zu schicken, um nach dem Rechten zu sehen. Als erste enteilten Renaudel und Abel Ferry. Man stelle sich vor, Scheidemann und Ebert reisen an die deutsche Front, um Hindenburg und Ludendorff zu überwachen! In der „Heure" gibt Sembat das Zeichen zu einem Hagel von Vorwürfen, der dem „überraschten Foch" tlarmachen soll, daß er vieles versäumt und nichts zur Verbesierung des Wider- standes in den kviftschen 'Stunden getan habe. Warunr habe er nicht, wie die deuffche Heeresverwaltung, jedes ihm angebotene Mittel zur Verstärkung der Schlagkraft sofort geprüft und bei Tauglichkeit verwendet? Seit Januar habe Herr Louis Breton, der Direktor für Erfindungen, das Modell eines neuen außerordentlich wirksamen Geschosses im Schreibttsch liegen, das jetzt erst in den Fabriken probeweise hergestellt werde. Und so weiter in kindischer Lehrhafttgkeit. Diese Angriffe ' in Verbindung mit dem parlamentarischen Mißtrauen scheinen den Diktator zu neuen Gewaltmaßregeln auf- zupeitschen. Er läßt alles verhaften, was sich kritischen Geistes verdächtig macht und er hört wohlgefällig auf die Stimmen, die ihn mit außerordentlichen Vollmachten ousstatten wollen, um das Parlament in den kommen- den schwarzenTageu beiseite zu schieben. DieSozialisten hingegen, die von diesen Plänen rechtzeitig Wind be- kommen haben, nehmen die seinerzeittge Forderung Renandels wieder auf, mit der Einberufung de^ Ratio- nalversammluug nunmehr nicht zu zöaern. So gärt und kocht es im Herenkessel der französischen Politik. Jeder Kilometer, den die deutschen Truppen vorstürmen, erhöht den Siedegrad. Um ein kleines noch, und neben die militärische Katastrophe Frankreichs tritt der politische Zusammenbruch. Wird England, an eine Leiche gebunden, weilte rkämpfau wollen? Wefterkäuchsen können?
Oer Kbendbsrichl vom 1. 3um.
W.T.-B. Berlin, l.Juni, abends. (Amtlich. Drahtbericht.)
Au der Front von Noyon bis Chateau -Thierry je. Hk»* neu wir pf t ndBodea.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 231. * 66. Jahrgang.
Der Kaiser im Kampfgelände.
»r. Berlin, 1. Juni. (Eig. Drahtbericht. zb.) Von der Front wird dem „L.-A." gedrahtet: Der Kaiser hat auch den gestrigen vierten Kampftag der neuen lschlacht vom frühen Morgen bis zu in Abend im Kcrmpfgelände und bei ven Truppen verbracht. Er ist durch die eroberten Stellungen des Damenwegs gefahren und auf den Trümmern des von uns wiedergewonnenen Forts C o n d e gewesen. Er hat mit dem Oberbefehlshaber Generaloberst v Boehn, dem er in Anerkennung seiner Verdienste die Order mit der Ei Trennung des Chefs eines .Regiments überreichte, und mit mehreren Korpskommandeuren eingehend beraten. Auf einem Gefechtsstand hat er lange dem Kampf um die sogenannten Pariser Stellungen bei Soisson? beobachtet und ist dann knapp vor Soissons gewesen, in dem gewaltige Brände wüteten und das von ungeheuren Rauchschwaden überschattet war. Längs des Aisnegrunde s fuhr der Kaiser weiter bis Berry- a n - B a c, um auch diesen Abschnitt auS eigener Anschauung kennen zu lernen. Immer wieder äußerte er auf dieser Fahrt seine rückhaltlose Anerkennung und Bewunderung für die Truppen, die diese gewaltige Abwehrstellung unserer Gegner bezwangen.
Die Fochschen Reserven.
Sr. Schweizer Grenze, 1. Juni. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der ..Zürcher Anzeiger" berichtet, daß die neu vintreffenden französischen Truppenreserven weit hinter der eigentlichen Kampfzone ausgeladen werden müssen, da das Marnegebiet unter schweren: deutschen Artillerieseuer liegt. — Nach den „Basler Nachr." meldet Reuter ^ aus London: General Fach werde seine Truppen von der Front noch den gegenwärtigen Kampfplätzen an der Marne aö- zrchen. Es dürfte daher nicht überraschen, wenn Foch weiter etwas Gelände abgibt, um leine Reserven dem vergrößerten deutschen Vorstoß entgegen zu halten.
Die Verluste der 3 englischen Division.
W. T.-B. Berlin, 31. Mai. Die 8. englische Division war seit dem 21. März an der Frühjahcsschlacht beteiligt. Nach kurzer Ruhe bei Amiens wurde sie an die neue Front abtransportiert, wo sie die Franzosen ablöste. Auch dieser Division kam der deutsche Angriff gänzlich unerwartet; Verbindung und Befehlsübermittlung setzten bald nach dem Beginn der Schlacht aus. Die Verluste der Division betragen über 40 Prozent. Besonders schwer hat die 23. Brigade gelitten. Die 8. englische Division bestand zur Hälfte aus ganz jungem Ersatz.
Englische Zugeständnisse.
W. T.-B. London, 1. Juni. (Drahtbericht. Reuter.) Der Sonderberichterstatter bei der französischen Armee berichtet: Der Feind ist imstande, seine täglichen Fortschritte bei zu - behalten, weil er andauernd seinen Fronten frische Truppen zusührt. Viele deutsche Divisionen wurden bereits in der Schlacht ermittelt, aber eine noch größere Anzahl muß daran teilnehmen. Die heftigsten Käinpfe wurden gestern cm Tale der Crise ausgesuchten, einem kleinen Flüßchen, das bei Soissons in die Aisne fließt. Die Kämpfe giugeu hin und her, aber schließlich behauvteten die Deutschen nach außerordentlich erbitterten: Kampfe ihre neue Linie.
Die Lage in Paris.
Bern» 1. Juni. Was bisher noch zweifelhaft erschien, ist heute in Paris nach Meldungen von dort bereits zur öffentlichen Debatte gestellt: Herr Clemenceau berät mlt der militärischen Führung über die Flucht der französischen Regierung von Paris nach Bordeaux. Es sind a>r die französische Gesandtschaft in der Schweiz Meldungen gelangt, die über die Größe der Krisis und über die Maßnahmen zur Flucht keiiren Zweifel mehr lassen. Schon am letzten Dienstag, den 28. Mai, war Herren Clemenceau von parlamentarischer Seite der Rat gegeben worden, den Abzug vor Regierung möglichst unauffällig vorzubreiten. Und es war besonders Genecal Foch, der diesen Rat da- nials unterstützte mit dem klaren Hinweis auf die ungenügende Hilfe der Engländer, über die er sich sehr unzweideutig ausgesprochen haben soll. Aber Clemenceau lehnte im Hauptquartier, wo er sich am 28. Mai eingefunden hatte, mit Rücksicht iruf die ihm feindliche Stimmung im Parlament ab, da er den Sturz seines Ministeriums befürchtete. Jetzt sieht er sich in die Zwangslage versetzt, der Kammer reinen Wein einzuscüenken, in deren Wandelhalle die Maßnahmen zur Wucht der Regierung mit zunehmender Leidenschaft besprochen werden. Die Vorbereitungen müssen jetzt mit Überstürzung getroffen werden. Die Bewohnerschaft befindet sich im Zustand größter Aufregung, die nicht nur durch die Granaten de: deutschen Ferngeschütze, sondern fast mehr noch durch den näher urld immer näher kommenden Donner de: Kanonen an der Front von Stunde zu Stunde gesteigert wird. Clemenceau schützt vorübergehende Unpäßlichkeit vor und ist für Freunde und Feinde seiner Regierung einen Dag lang unsichtbar geblieben. Die Führer der Parteien beoaten mit dem Generalissimus, ob es angezeigt wäre, daß auch die Kammer sofort dem Beispiel der Regierung folgt und ihren Sitz nach Bordeaux verlegt, oder ob sie im Interesse der Verhütung einer Panik noch länger in Paris bleiben soll Sei: dem 30. Mai b c g ü n st i g t die Regierung die Massen flucht unter der Bevölkerung so offenkundig.
daß die Unruhe unter den ärmeren Klassen nur noch größer geworden ist. D:c Lebensmittelzuftrhr nach Paris ist wiederholt ins Stocken geraten.
Llemeiiceaus Stellung erschüttert!
8. Bern, 1. Juni. (Drahtbericht.) Clemenceaus Stellung wird in den hiesigen politischen Kreisen fiir stark gefährdet gehalten. Pariser Meldungen sprechen bereits von dem Eintritt einer MinisterkrifiS, die durch den Gang der deutschen Offensive beschleunigt wenden körmrte.
Berlin, 1. Juni. (zb.> Der „B. L.-A." schreibt: Dia
Minderheit bei der gestrigen Ablehnung der Erörterung^ - "sch» - '
der Kriegslage in der französischen Kammer war die st är k sto seit dem Bestehen des Minrsteriums Clemenceau.
Nach französischen .Zeitungen ist Clemenceau am 29. Mai einer ernsten Gefahr entronnen. Er befand sich an eines Stelle der Front einige Minuten vor der Ankunft einen / deutschen Kavallerie Patrouille von etwa vrerzigk ^ Mann, die das Städtchen, aus dem Clemenceau kaum geflüchtet war, stürmte. Einige Franzosen und ein General, die auf Beobachtungsposten standen, wurden eingeschlossen- Der General wurde dabei getötet.
Pariser Presiestimmen.
W. T.-B. Bern. 1. Juni. Einige große ftanzösische Blätter äußern Besorgnisse über das Schicksal der Eisenbahnlinien nackt Ehalons und Paris und betonen, daß diese Linien wegen ihrer großen Wichtigkeit nach Möglichkeit geschützt werden müssen. Im allgemeinen hosst die ftanzösische Presse, daß durch das Eingreifen der Reserven, das sich heute oder morgen fühlbar machen könne, ein S t i l l st a n d der deutschen Offensive erzielt werden könne. Die Konimentarc bemühen sich, Gemessenheit und Kaltblütigkeit zu wahren, daß aber die Stimmung in Paris sehr b c k l o n, n, e n ist, gibt Herde in der „Bictoire" ohne weiterer zu, indem er erklärt Wozu unsere Beklemmung verheimlichen, jetzt, wo ganz Frankreich den Ernst des deutschen Stoßes eingesehen? Gestern, am dritten Schlachttage, hot sich der Druck des Feindes nicht vermindert, scndern noch verstärkt. Die Resultate der Marneschlacht im September 1914 sind gefährdet. Wir bezahlen den Verrat Rußlands, wie schon die Engländer dafür bezahlten. Der „TempL" erklärt, das Schicksal Frankreichs stehe auf dem Spiele.
Italien gehen die klugen auf.
Lugano, 1. Juni. A>n der ©reuige schildern Reisende aus Mailand den Eindruck der Nachrichten aus Paris als geradezu vernichtend für die Stimmung im italienischen Voll. Dem Festrausch bei. den Erinnerungsfeiern ist der Katzen- jammer auf dem Fuß gefolgt. Ganz Mailand und, wie au» Rom gemeldet Witt, auch die ganzepoli tische Welt der Reichs- Hauptstadt steht vollkcmmen unter 'dem Bann der furchtbaren Ereignisse, die sich in .der Champagne aüspielem und die nach der allgemeinen Überzeugung entscheidend auch für die Geschicke Italiens sein dürften. Kein Mensch, so erzählt man an der Grenze, spricht heute im Ernst von den Weinen Offensivaktionen Italiens, alles Interesse konzentriert sich auf die Frage: Wetten Frankreich und England imstcntte sein, dem feindlichen Borbruch einen Halt zu bieten? Nach Rom ist vcn Paris ein Hilferuf gekommen, rmd es scheint, als ob Italien.bereit wäre, mit ein paar,D i v i f i o n e n Frankreich lbciznspringen und die eigene Offensive abzubrcchen, doch gewinnt man den Eindruck, daß die Regierung in -Rom Widerspruch gegen diesen Plan der italienischen Heeresleitung er- * Leibt, um Zeit zu gewinnen, sich ein Bild über die Lage zu machen. Die Entscheidung fällt Italien offenbar sehr schwer. Es gibt in der römischen Regierung eine Strömung, die den richtigen Augenblick für das Ende 'des Kriegs nicht verpassen möchte, während die sranzcsenfreundliche Richtung im Kabinett Orlando um jeden Preis Frankreich unterstützt sehen möchte. In Mailand spricht man von einer vorzeitigen Ein» heruftmg der Kammer, die Orlando hören will, ehe er den letzten und wichtigsten Entschluß saßt.
Der Eindruck in der Ukraine.
W. T.-B. Kiew, 1. Juni. (Drahtbericht.) Die Zeitungen kesprecyen die deutschen Erfolge im Westen unter der Überschrift „Ein neuer Durchbruch der französischen Front". Während „Golus Kiewa" in dem deutschen Vorgehen einen Schlag ins Herz Frankreichs sieht, ist „Kiewskaje Mysl" zurückhaltender. Vorläufig sei es nur ein taktischer Erfolg; erst der Fall von Reims, das auf den Höhen von St. Thiecry verteidigt werde, werde ein strategischer Erfolg und eine direkte Bedrohung von PariSs ledeuten.
Eine englische Bestütigung für die Wirksamkeit unserer U-Boote.
IV. T.-B. Berlin, 31. Mai. Wir brauchen zwar kein Zeugnis auS feindlichem Mund für die erfolgreiche Tätigkeit '.unserer Untersookriegssührvng' freuxn uns aber über j-ed« Widerlegung, welche die amtlichen englischKN Ableug- nungsversuche durch höbe englische Militärs erfahren. Wie. bereits General Maurice Lloyd George der Unwahrheit beschuldigte, so straft jetzt ein zu unserer Kenntnis gelangtes Telegramm des Vizeadmirals v. Dnves die amtlichen englr- schen Angaben Lügen. Tie englische Regierung versucht bekanntlich. unseren U-Bootkrieg als einen Fshlschlag hinzu- stellen. Im Widerspruch mit dieser Auffassung steht ein Telegramm, welches der genannte englische Admi- r a l und Befehlshaber der Streitkräste, die ln der Nacht zum 23. April dein Hasonsperrversuch gegeu ZpeltMjWs uMte».
