Verlag Langgaffc 21
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Sonntag» 26. Mai 1918.
Der „große Seekrieg".
In England scheint man sich langsam darauf vorzubereiten, daß über kurz oder lang, wahrscheinlich aber so bald es nötig sein wird, die englischen Armeen vom Kontinent zurückzunehmen und nach England zu überführen sein könnten. Im gesunden Deutsch würde das heißen, daß England im vollen Umfange geschlagen lst. Seine Absicht war, bengalische Lanzenreiter zusammen mit Kosaken unter den Linden in Berlin paradieren zu scheu. Die Kosaken haben sich in ihr Stammgebiet zurückbegeben; müssen nun auch die Bengalen, soweit sie nicht in flandrischer oder noch frsnzösijcher Erde liegen, wieder nach London zurück, so ist eben in der Tat, und zwar im vollen Umfange, die englische Kriegsabsicht zusammengebrochen. Das ist ein ziemlich einfaches Exempel. Und mit logischer Notwendigkeit müßte daraus folgen, daß England den Frieden sucht. Das will es aber anscheinend nicht tun. Die englischen Zeitungen, die heute bereits in aller Offenheit die Zurücknahme der Truppen vom europäischen Kontinent erörtern, kündigen zugleich an. daß, wenn dies geschehen müßte, der große Seekrieg beginnen würde. Die „Morning Post" meint, daß es für England und Amerika ein Kleines wäre, auch dann, wenn man nicht mehr auf dem Kontinent kämpfte, eine ganze Generation lang, das Meer zu beherrschen. Nach all den Erfahrungen. die England durch unseren U-Bootskrieg hat machen müssen, wirkt solch Optimismus zum mindesten seltsam. Und dies. um so mehr, als kürzlich erst wieder der Leiter des Schifiahrisamts, Sir Joseph Maclay, im G:gensah zu der heutigen schönfärberischen Rede Lloyd Georges. in keiner Weise mit seiner großen Sorge um die Zukunft des englischen Schiffsraums zurückgehalten hat. Der große Seekrieg hätte doch nur dann für England einen Zweck, wenn es ihm gelänge, Deutschland vom Meere f e r ü z u h a l t e n, zugleich aber dem englischen Handel eine möglichst große und weithinausgreifende Aus- dehnung zu sichern. Das heißt: während kein Schiff denttcher Jlaage den Ozean kreuzt, fährt England lustig darauf los nnd baut noch lustiger Schiff um Schiff. Die Wirklichkeit sieht dann aber doch wesentlich anders aus. Nichts spricht dafür, daß unsere U-Boote ihren Kampf gegen die englische Tonnage einstellen würden. Im Gegenteil, haben wir den Landkrieg siegreich beendet. werden wir mit umso größerer Wucht den .Krieg gegen die feindliche Seemacht und den feindlichen Seehandel führen können. Was aber soll dann ans Englands Hoffnungen werden? Schon heute steht es um den englischen Schiffsraum schlimm genug. Wie Sir Joseph Maclay zuaegeben hat, versenken die U-Bnote gegenwärttg noch mehr und sogar erheblich mehr als zweimal so viel Schfffe. wie auf den englischen Werften gebaut werden. Es läßt sich wirklich kein Grund dafür anfübren, daß dies Berhältnis sich zu Englands Gunsten wesentlich verschieben könnte. Bleibt es aber bestehen, dann muß eines Taaes der englische Schiffspark so gelichtet sein, daß von einer eigentlichen englischen Handelsflotte nicht mehr gesprochen werden kann. Dann würde also auch der große Seekrieg nur noch die Bedeutung einer sportlichen Übung haben; wir möchten aber nicht annehmen. daß England darin sein Heil erblickt. Abgesehen von dieser Erwägung würde doch das Zunicknelimen der englischen Truppen vom Konttnent bereits an und für sich eine un- gebenreGefährdung des englischenJmveriums bedeuten. In Irland, noch mebr aber in Indien, in Ägypten, überall dort, wo englische Herrschaft auf fremde Völker drückt, würde man aulborchen, wenn man müßte zu der Einsicht kommen, daß die englische Macht eben doch nicht absolut ist. daß ihr vielmehr ein ebenbürtiger Gegner, sa. ein Besieger erwachsen ist. Der große Seekrieg also kann für England kein Allheilmittel sein, nnd dies imi so weniger, als wir sehr wohl die Macht hätten, einige der englischen Weltpfciler. so Ägypten. Mesopotamien. aber auch Indien, auch zu Lande recht spürbar zu berennen.
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Eine neue Netze Lloyd Georges.
W. T.-B. London, 25. Mai. (Drahtbericht. Reutermeldnng.) Lloyd George empfing in Jdenburgh unter dem üblichen Zeremoniell das Ehrenbür,zerrecht. Bei dieser Gelegenheit hielt er eine Rede, in der er n. a. folgendes ausfiihrte. Seit 18 Moniten stehe ich an der Spitze der Regierung des Landes während der unruhigsten Zeit der englischen Geschichte. Seither hatte die Regierung und die Verteidigung hauptsächlich mit zwei widrigen Umständen zu kämpfen: Der Zu
sammenbruch Rußlands war für den Feind in einer Zeit, wo das Menschenmaterial aller Kriegführenden nahezu erschöpft war. eine außerordentliche Hilfe. Auf die amerikanische Hilfe kann znnächst nicht gerechnet werben. Es nimmt Zeit in Anspruch. Heere auszubiiden und «lSzuheben. Trotz aller seinec Bemühungen gewagt Amerika
augenblicklich nur ein Fünftel der Unterstützung, die der Feind infolge des Zusammenbruches Rußlands an Streitkräften hinzugewonnen hat. Eine andere widrige Entwicklung ist der unbeschränkte Unterseebootskrieg. Nicht einmal von Deutschland konnte man dieses Vorgehen, das völlig ohne Beispiel ist. erwarten. In der ganzen Geschichte der Piraterie hat es kein Beispiel eines solchen Verhaltens gegeben. (Beifall.) Zuerst hatte der Unterseäbootskrieg Erfolg nnd wvrde eine große Gefahr. Wenn er geglückt wäre, wäre England von Lebensmitteln nnd Heizmaterial abgc- schnitten nnd der Transport von Mannschaften und Munition nach den verschiedenen Kriegsschauplätzen für England und die Alliierten unmöglich gewesen. Die englische Handelsflotte ist die Luftröhre der Armeen der Alliierten. (Beifall.) Wenn sie durchschnitten würde, würden die Truppen der Alliierten nicht mehr atmen können. Diesen Problemen gegenüber befand sich die Regierung. Zunächst mußte der Anbau der Handelsflotte reorganisiert werden. Der Schotte löste die Aufgabe glänzend. Dann war die Einschränkung des englischen Eigenbedarfs, die Verminderung von Englands Einfuhr um Millionen Tonnen sowie die Becmehrring der heimischen Erz-, Holz- Ulld Lebensmittelerzeugung ein notwendiges Erfordernis. Ich danke bei dieser Gelegenheit dem Patriottsmus der Bauern und Grundbesitzer. Seit 1916 wurde der bestellte Boden des Vereinigten Königreichs um 4 Millionen Acres vermehrt. Die Schiffsbanprodnktion wurde 1916 verdoppelt. Tie Regierung hofft, sie in diesem Jahre zu verdreifachen, wenn nicht zu vervierfachen. Englische Seeleute ließen nicht nach, dis sie schließlich der Unterseebootspest Herr wurden. Sie griffen die Nester der Unterseeboote an, verschloffen den Zugang zu zweien von ihnen. Ostende undZeebrügge. (Beifall.)
Lloyd George verlas davaaf den von der Admiralität eingegangcnen Bericht, daß die Bekämpfung der feindlichen Unterseeboote einen befriedigenden Verlauf nehme. Seit dem Beginn des Jahres sei der Admiralstab überzeugt, daß die Flotts der Verbündeten mehr feindliche Unterseeboote versenkte, als der Feind bauen könne. Wir erreichten also den Punkt, daß wir ihre Boote schneller versenken, als die Deutschen sie bauen können, und daß die Verbündeten zusammen Handelsschiffe im ganzen schneller bauen, als die Deutschen sie versenken können. Nach allem zurzeit verfügbaren Material vertritt die Admiralität die Auffassung, daß im April die Zerstörung der feindlichen Unterseeboote eine Rekordziffer (?'?) erreicht. Was die Vermehrung des Schiffsbau es betrifft, so war der April ein Rekordmonat seit dem Beginn des verschärften Unterseebootskrieges. Zum erstenmal überwiegen die Neubauten die Verlobte. Es war kein schlechter Erfolg für die Regierung, deren Fehler so lebhaft kritisiert wurden. Das Unterseeboot bedeutet noch immer eine Bedrohung, aber nicht mehr eine Gefahr. Es kann uns noch immer furchtbare Verluste bereiten, aber als die Gefahr, die über Gewinn oder Verlust oes Krieges entscheidet, können >mr das Unterseeboot ansschalten. Die Deutschen erkannten selbst, daß sie mit dem Unterseeboot nichts erreichten, und das ist die Ursache der gegenwärtigen Offensive im Westen. Der Feind ist zu der Offensive genötigt worden, als zu dem letzten Mittel, den Sieg zu erreichen. Wir stehen unmittelbar vor einem großen Angriff, aber ich kann Ihnen mitteilen, daß die besten Kenner der Lage das größte Vertrauen zu dem Ansgang haben. Unter dem Gesichtspunkt, wie man von den gesamten Kräften des Bundes den besten Gebrauch machen könne, habe ich heute mehr Vertrauen al? bei Beginn des Krieges. Jetzt, wo wir uns dem Stadium der größten Schlach: der Weltgeschichte nähern, die bedeutendere Folgen für das Menschengeschlecht baben wird, als irgend eine andere Schlacht, freue ich mich bei dem Gedanken, daß wir an der Spitze der Freiheitsarmee einen Mann von Fachs überlegenem Genie haben. Für die Deutschen wie für uns gibt es in den nächsten Wochen ein Wettrennen zwischen dem Generalfeldmarschall Hindenbnrg und dem Präsidenten Wilson. Die Deutschen spannen alle Nerven an, um das Ziel zuerst zu erreichen, ehe, die amerikmische Hilfe für die Verbündeten wirksam wird. Jetzt ist nicht die Zeit, um einen polittschen Feldzug zu inszenieren und die Männer, von denen das Schicksal der Nationen abhängt, anzngreifen. Mindestens bis die große Offensive vocilbrr ist, sollten diese Manöver ruhen und Burgfrieden herrschen. Alles muß geschehen, um den Geist, die moralische Entschlossenheit und die Einheit der Nation zu festigen, so lange dieser Kamps dauert. .Indem wir uns vielleicht der entscheidenden Schlacht des Krieges nähern, ermutigt und spannt es an. zu wissen, daß wir es mit tarstereni Herzen nnd gutem Gewissen tun. Hätte ich geglaubt, daß wir mit sicheren und ehrenhaften Mitteln diesen Krieg von Anfang hätten vermeiden oder früher hätten beenden können, würden mich jetzt Sorge und Schuldgefühl niederdrricken. Ich kann ehrlich sagen, daß die Regierung nichts vernachlässigt bat. um zu sehen, wie man ehrknvcll aus dem Krieg mit seinen Schrecken und Tragödien herauskcmmen könnte. Rußland gibt uns eine Lehre des Krieges, daß inan sich nicht sehr auf Fornieln verlassen darf. Trotz ihres Stolzes waren die Russen froh, von den Verhandlungen von B r e st - L i t o w s k heimzukchren, obschon sie ihrer schönsten Provinzen berankt waren.
Rcichrtagspräsibent Dr. llaemp? ch.
W.T.-B. Berlin, 25. Mai. (Drahtbericht.) Seine Exzellenz der Präsident des Reichstags Dr. K a e m p f ist heute nachmittag 5 Uhr sanft e n t s ch l äsen.
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Die Trauerkunde wird das deutsche Volk ohne Unterschied der Parteien schmerzlich berühren. Dr. Kaempf, der berufen war, in Deutschlands schwerster Zeit an der Spitze des Volksparlaments zu stehen, und der als Reichstagspräsident mit stets unbeirrter Gerechtigkeit und nie versagender Umsicht dem Vaterland große Dienste geleistet hat, war es nicht vergönnt, den verheißungsvollen Ausgang dieses langjährigen mörderischen Ringens um unsere Existenz und, Würde, um unser Einsehen in der Well zu erleben. Auf ein Leben voll Mühe und Arbeit, aber auch voll Erfolgen und Ehren vermag Johannes Kaempf zurückzublicken. Stets hat er sich von dem Grundsatz strengster Pflichterfüllung leiten lassen und sich demgemäß den Anfgaben, die ihm gestellt wurden, immer mit vollem Ernst, mtt unbeugsamer Energie und mit unermüdlichem Eifec unterzogen. Mit umfassenden Kenntnissen und außergewöhnlichen Fähigkeiten vereinigte sich bei ihm ein fester Wille und ein gerader Sinn. Sellen ist wohl ein Mann mit so langer und eindringcrrder Erfahrung ausgerüstet ins parlamentarische Leben einge treten wie Kaenipf. als er im Jah^ 1903 zum erstenmal gewählt wurde. Von 1907 bis 1909 war Dr. Kaempf Vizepräsident des Reichstags; 1912 wurde er zum Präsidenten gewählt.
Dr. Kaempf hat ein Aller von 76 Fahren erreicht. Er wurde am 18. Februar 18-12 in Neu-Rnppin als Sohn einesl Gymnasialprofeffors geboren. Nachdein er das dortige Gymnasium besucht nnd 1859 die Abiturientenprüsung abgelegt hatte, widmete ec sich dem kaufmännischen Berufe. Zunächst absolvierte er seine Lehrzeit in dem Geschäft von Blell und Söhne in Brandenburg. 1862 wurde er Handlungsgehilfe in dem Berliner Bankgeschäft von Biolet u. Co.« 1864 Kassierer nnd Prokurist bei der Deutschen Genossenschaftsbank Soecgel. Parcifius u. Co., die damals gerade gegründet wurde. 1863 Gesellschafter in dem Neuen HaSeschen Bankverein Kulisch, Kaempf u. Co. Seine Haupttatigk«^ aber widmete er der Bank für Handel nnd Jndnsttie (Darm- städter Bank), in deren Berliner Filiale er im Jahre 1871 als Direktor eintrat und die ec bis zum Jahre 1896 leitete. Ein schlimmes Augenleiden machte es ihm dann unmögliche den Direktorposten weiter zu bekleiden, doch blieb er der Darmstadter Bank durch die Wahl zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats auch weiterhin noch erhalten. KaempfS besondere Verdienste um Handel, Jndnsttie und Verkehr reichen aber weit über sein Wirken in der Darmstadter Bank hinaus. Er war Mitglied des Ältestenkvlleginms der Berliner Kaufmannschaft. die ibn vor etwa 16 Jahren zu ihrem Präsidenten wählte. Seit 1905 war er außerdem Präsident des Deutschen Handelstages und stand damit auch an der Spitze sämtlicher deutscher Handelskoporattonen. Das er als Präsident des Deutschen Handelstages geleistet hat, das wissen nick,: nur die Angehörigen von Industrie und Gewerbe, dafür sind auch Verwaltung und Gesetzgebung Zeuge, die den Gutachten jener Körperschaft so vielfach Rat und Anregung zu verdanken hat. So ist denn ein an nützlichster Arbeit und ehrlichen Erfolgen auf wirtschaftlichem wie politischem Gebiet besonders überreiches Leben zum Abschluß gekommen; das Leben eines Mannes. Kaempfs Name gehört als der des Neicbötagspräsidcmtcn des Weltkrieges für alle Zeit der Geschichte an.
Aus den Tatzen seiner Urankcheit.
A. B'. Berlin, 25. Mai. (Gig. Drahtbericht, zb.) Seitdem Dr. Kaempf mitten zwischen ztvei Reichstagssessionen wegen schwerer Erkrankung sich in ein Bad begeben mußte und» seine Amtstätigkeit rächt mehr ausüben konnte, war man in polttische-n Kreisen gezimrugen, sich bei dem hohen Atter des Erkrankten mit der nun eingetretenen Möglichkeit ernstlich zu keschäftigen. D'e verschiedenen Kuren, dre er zur Wiederherstellung seiner Gesundheit vornahm, schlugen fehl und es war schon vor einigen Tagen ziemlich gewiß, daß Dr. Kaempf dem Leben kann: erhalten werden könnte. Daß die Nachricht auch außerhalb des Parlaments 'lebhafte Teilnahme findet, ist bei der allgemeinen Beliebtheit, deren er sich wegen seiner itet? durchaus nationalen Haltung in politischer Hinsicht nnd wegen seiner sozialen Tätigkeit erfreute, selbstverständüch.
Ser Kbendbericht vom 23. Mai.
W.T.-B. Berlin, 25. Mai, abends. (Aimklich. Drcchübericht.) Von den Kriegsschauplätzen nichts Neues.
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Italienische Truppen an der französischen Frrmt.
W. T.-B. Bern, 24. Mai. Wie „Petit P«rrsi«rne" berichi» tet, find 'die -für die französische Front bestimmten italienischen Truppen alle in Frankreich eingetroffen. Sie befinden sich augenblicklich noch in einer Stadt Mttteffrankreichs vereinig, wo sie von dem Vertreter Italiens im Versailler Krieysrat General Robilant bcsichttgt wurden. Die italienischen Truppen werden in den nächsten Tagen ans die ftanzösischs Front vertritt.
