Vor Sonnenaufgang.
Wie eine junge Frucht, flaumüberzogen,
Noch unberührt, gereift erst über Nacht:
So sieht die Erde aus. Durch Nebelwogen Schimmert der Blütenkerzen Helle Pracht.
Ein Amsellied tönt durch die reine Stille;
Erst schüchtern, immer Heller, froher dann Grüßt es die Sonne, die in lichter Fülle,
Mit leisem Tritt nun steigt den Berg hinan.
Dora van Nievelt.
Das große Glück.
Eine Bauerngeschichte von Alfred Manns, Bremen.
(Schluß.)
In der Frühe des nächsten Morgens standen sämtliche Dorfbewohner vor dem Hause des Kasper Dierks. In der Tür stand der Landgendarm mit ernster und wichtiger Amtsmiene. Er ließ keinen der Neugierigen hinein und antwortete auch nickst auf die vielen an ihn gerichteten Fragen.
Da drängte sich Gerd Boltmann heran. Er war der reichste Bauer des Dorfes und pflegte im Kruge nicht knickerig zu sein
„Nun?" fragte er.
Da öffnete der Gendarm den Mund. „Der Doktor hat den Kasper eben untersucht, der Schädel ist ihm mit einem stumpfen Beil eingeschlagen. Ganz tot ist er noch nicht, aber Leben kann man das nicht nennen."
„Ja, weiß man denn nicht-— ?"
„Der Staatsanwalt ist drin und Stoffers Wiggers, der sich als Zeuge gemeldet hat." „Ich Hab' gehört, da war die Rede von einem Brief, und mein Kollege, den der Staatsanwalt mitgebracht hat, ist schon zu Brün Wilms."
Die Dörfler hatten die Hälse gereckt und die vordersten hatten die Schlußworte gehört.
„Ja, der Brün ist es gewesen natürlich," schrie Bernd Ricklef lebhaft. Bernd bewarb sich ebenfalls um Martha Bollmann
„Wie hatte er den armen Kasper Dierks gestern schon angefaßt."
„Natürlich, der war's." meinte auch der Dorkarme Krc- schan Klüth giftig. Krischan holte sich jeden Mittag aus Brün Wilms .Küche sein Essen; das hörte nun auf. denn eben kamen Jungens mit der Nachricht, daß der fremde Gendarm den Brün ins Spritzenhaus gesperrt habe.
„Ihr beiden seid mir die Rechten", meinte der junge Lehrer verächtlich. Aber wahr wird's ja leider sein, was ihr sagt. Er hat die Rache in die eigne Sand genommen. Jammerschade um den tüchtigen Kerl, den Brün. Tut's Euch nicht auch leid, Vater Bollmann?"
Gerd Bollmann machte ein unendlich hochmütiges Gesicht: „Was geht mich der Kerl an?"
„So?" machte der Lehrer verwundert. „Ich dachte-"
„Ihr habt nichts zu denken, Schulmeister. Ihr habt Kinder zu lehren und weiter nichts, verstanden?"
Der Lehrer zuckte die Achseln; er wollte etwas erwidern, als zwei Herren in der Tür erschienen, denen der Gendarm ehrerbietig Platz machte. Es waren der Staatsanwalt und der Kreisarzt.
„— — — — nochmals zur Besinnung? Halte ich für ausgeschlossen," hörte man den Arzt sagen.
„Schade", entgegnete der Staatsanwalt, und zum Gendarm gewendet, befahl er: „Sie bleiben hier und lassen niemand hinein."
In dem Augenblicke erschien der zweite Gendarm und meldete die vollzogene Verhaftung des Brün Wilms, worauf sich der Staatsanwalt zum Spritzenhause begab.
„Sie wissen, unter welchem Verdacht Sie stehen," redete er hier den Arrestanten an.
Brün sah weder verstört noch sonderlich erregt aus.
„Herr Richter", sagte er ruhig, „es tut mir leid, daß Kasper Dierks so endete, wenn er auch kein guter Mensch gewesen ist und meinen Vater ins Grab gebracht hat. Ich begreife es auch, daß Sie mich für den Mörder halten, und ich habe keinen Zeugen dafür, daß ich die ganze Nacht geschlafen habe. Aber ich glaube sicher, die Sache wird sich bald aufklären, und Sie tun jetzt, was Sie müssen."
Der Staatsanwalt hatte in seinem Leben schon viele Verbrecher gesehen, aber diese ungekünstelte, fast heitere Ruhe des Angeklagten verblüffte ihn. Er tat noch einige Kreuz- und Querfragen und entfernte sich dann kopfschüttelnd.
Als Brün Wilms abgeführt wurde, mußte er durch die Schar der fast vollzählig versammelten Dorfbewohner. Die meisten schwiegen und nur wenige riefen ihm ein gute? Wort zu. Brüns Stirn zog sich kraus, er biß die Zähne auseinander. Ta gewahrte er Martha, die mit ernster Miene neben ihrem Vater stand.
„Martha", rief Brün unwillkürlich. Doch das Mädchen wandte ihr Gesicht ab. Brün ging weiter. Er empfand kemen sonderlichen Schmerz, das Benehmen des Mädchens schien ihm selbstverständlich. ^,Ja, ja, das ist nichts für die Martha," dachte er, „das ist nun aus."
Träumend sah er auf Tante Tines Hof, an dem er mit dem Gendarm jetzt vorüberkam. Er sah das Waschhaus und lächelte ein klein wenig. Plötzlich fühlte er zwei weiche Arme an seinem Hals. Die Grete war es. Sie hatte, von Brün unbemerkt, auf der anderen Seite der Straße gestanden.
Der Gendarm war dermaßen erstaunt, daß er vergaß, irg-nd etwas zu unternehmen.
Brün drückte inzwischen die Grete fest an sich: „Glaubst du denn an mich!"
Verwundert, selig und traurig sah sie ihn an und nickte. Da küßte er sie. Er wollte auch etwas sagen, doch nun mischte sich der Gendarm ein, der sich inzwischen wieder auf seine Amtsvflicht besann. Er faßte Gretes Arm und schrie barsch: „So was ist nicht erlaubt!" und zu Brün gewandt: „Weiter!"
Es war nur wenige Stunden später, da wurde der junge Schullehrer vom Gemeindevorsteher gebeten, als Zeuge und Protokollführer mit ihm zu Kasper Dierks ^u gehen. Der Arzt sei auch da und habe gesagt, es fet nicht ausgeschlossen daß der Kranke noch einmal kurze Zeit sein Bewußtsein wiedererlangen würde.
Seit einer halben Stunde belagerte wieder das ganze Dorf das Haus Kaspers.
Endlich erschien der Schullehrer und ans seinen Augen sprach große Freude.
Bernd Ricklef hielt ihn an: „Nun, kommt der Kasper Dierks mit dem Leben davon?"
„Nein, der ist tot —-
„So, und denn so vergnügt."
„Ja, er ist vorher wieder bei Vernunft gewesen und hat den Täter genannt, der auch schon verhaftet ist."
„Na, das ist doch nichts Neues, das wissen wir doch alle."
