Verlag Langgaffe 21
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Sreitag, 22. März lyl».
Morgen-Ausgabe.
Nr. 137. . 66. Jahrgang.
Zürst Lichnowsky.
Die vielberufene Denkschrift des Fürsten Lichnowsky, die aller Welt außerhalb Deutschlands durch die Veröffentlichung umfangreicher Auszüge und teilweise sogar des ganzen Wortlauts in feindlichen und neutralen Blättern längst bekannt ist, bedeutet jetzt auch für das deutsche Prchlikum kein Gebeimnis mehr. Nachdem sich der Hauptausschuß des Reichstags mit dieser Nieder- schrift des früheren Botschafters in London eingehend befaßt hat, nachdem im Hauptausschuß Herr v. Payer die schärfste Verurteilung der Denkschrift ausgesprochen und damit die Zustimmung der Vertreter aller Parteien, ausgenommen natürlich die Unabhängigen Sozialisten, gefunden hat, lag kein Anlaß mehr vor, die Sache fernerhin unter das Siegel des Verschweigens zu stellen. Das Urteil über den Schritt, den Fürst Lichnowsky getan hat, kann nur dasselbe sein wie das im Hauptausschuß abgegebene: Man hat es mit einer ganz unverzeihlichen, schwerbegreiflichen Entgleisung des ftüheren Botschafters zu tun, mit einem Akte, der nicht einmal dann erklärlich erscheint, wenn man verletzte Eitelkeit oder verrannte Rechthaberei oder sonst irgendeinen, den klaren Blick trübenden persönlichen Beweggrund annimmt. Was der Verfasser erzählt, davon bekommt man beinahe an jedem Punkte den Eindruck, daß es ohne nähere Fühlung mtt den eigentlich treibenden geschichtlich-politischen Kräften geschrieben ist, aus deren Zusammenprall der Krieg entstand, daß es von dem merkwürdigen b e- schränkten Gesichtspunkte eines Mannes aus angesehen ist, der nur allzu leicht zum Opfer der Überlegenheit britischer Diplomatie werden konnte, und der sich noch heute in seiner blinden Vorliebe ftir die englischen Staatsmänner hartnäckig dagegen sträubt, die Wahrheit zu erkennen. Schon allein die Enthüllungen der belgischen Dokumente über den Ursprung des Krieges, schon allein die Enthüllungen des Suchomlinow- Prozesses hätten denFürsten Lichnowsky bedenklich machen müssen gegen die Einseitigkeit seines Urteils, aber er wollte die Dinge nickt sehen, wie sie sind, und so kam dies erschreckende Pamphlet zustande, das allerdings Schaden genug anstisten konnte. Denn das Ausland hat sich längst schon begierig auf diesen Kronzeugen für die a n g e b- liche Schuld Deutschlands am Kriege gestürzt, und es wird sich natürlich nicht ausreden lassen, daß Fürst Lichnowsky auch bewiesen hat. was er behauptet. Wer die Druckkosten für die Veröffentlichung der Denkschrift getragen hat, Kosten, die bei der außerordentlich großen, angeblich in die Hunderttausende gehenden Verbreitung sehr beträchtlich sein müssen, das ist im einzelnen nicht bekannt geworden. Man weiß aber, daß die Denkschrift während des Streiks in großen Massen non Hand zu Hand gegangen ist. Als Druck o r t ist Görlitz angegeben, was jedoch wohl eine Irreführung ist. Daß Fürst Lichnowsky mit der Veröffentlichung nichts zu tun hot und daß er sie lebhaft bedauert, beides kann ohne weiteres geglaubt werden. Vieles in der Denkschrift liest sich wie eine bei einem Diplomaten doppelt seltsame Naivität. Bald nach seiner Ankunft in London im Jahre 1912 getvann Fürst Lichnowsky die Überzeugung, daß wir unter keinen Umständen einen englischen Angriff oder eine englische Unterstützung eines fremden Angriffs zu befürchten hätten. Diese Ansicht gab er wiederholt auch in Berlin bekannt, mit ausführlicher Begründung und großem Nachdruck sogar, aber man wollte ihm nicht glauben. Darüber beklagt sich der Fürst noch. Er ist also heute noch der Meinung, mit einer Ansicht recht gehabt zu haben, die sich kurze zwei Jahre darauf als schwer st er Irrtum erweisen mußte. Er beruft sich für seine Meinung auf Lord Haldane natürlich. Der wird gerade der rechte Mann gewesen lein, um unseren Botschafter mit schönster biedermännischer Offenherzig, keit über die letzten Geheimnisse britischer Staatskunst aufzuklären! Wenn Fürst Lichnowsky auf Sir Edward Grey zu sprechen kommt, dann durchzift-rt förmliche Rührung seine Sätze. Dieser Minister scheint ihm das Ideal von Ehrlichkeit und auch Dentschfreundlichkeit zu fein. Kaum verständlich, aber Fürst Lichnowsky sieht es nun einmal so. Bei der Behandlung der serbischen Krise geht er auf Einzelheiten ein, die weiterzugeben man Anstand nehmen möchte, wenn es jetzt nicht doch die Pflicht wäre, mitzuteilen, was in der Denkschrift schon mitgeteilt ist. Fürst Lichnowsky berichtet von der Kieler Woche: „An Bord des „Meteor" befand sich auch als Gast Seiner Majestät Graf Felix Thun. Er hatte die ganze Zeit wegen Seekrankheit ftotz des herrlichen Wetters in der Kabine gelegen. Nach Eintreffen der Nachricht von der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand war er aber gesund, der Schreck oder die Freude hatte ihn geheilt." Für den Fürsten Lichnowsky stehi es fest, daß Generalstabschef Graf v. Moltke zum Krieg- drängt, ihm wurde das
aber „natürlich nicht gesagt". Trotzdem weiß er es. Er weiß auch, daß Herr v. T s ch i r s ch k y, unser damaliger Botschafter in Wien, einen Verweis erhielt, weil er berichtet hatte, er habe in Wien Serbien gegenüber zur Mäßigung geraten. Fürst Lichnowsky weiß auch, was kein Unterrichteter sonst weiß, näinlich. daß am 5. Juli in Potsdam jene entscheidende Besprechung stattgefunden habe, in welcher die Wiener Anfrage wegen der Folgen des Vorgehens gegen Serbien die unbedingte Zustimmung aller maßgebenden Personen -chielt, und zwar mit dem Zusatz, eS werde nichts schaden, wenn daraus ein Kireg mit Rußland entstehen wllte. So stehe es wenigstens im österreickstschen Protokoll, das- Graf Mensdorff in London erhielt. Bald darauf sei Herr v. Jagow in Wien gewesen, unt mit dem Grafen Berchtold alles zu besprechen. Hierzu ist festzustellen, daß die Legende von einem Krön r a t in Potsdam längst durch die denkbar bestimmtest: Bestreitung der Reichsleitung zerstört worden ist, daß sie eine jener Ausstreuungen ist, mit denen der englische Lüge n- f e l d z u g betrieben wird, daß sie nur dort noch geglaubt werden kann, wo man im Bewußtsein der eigenen Schuld die ungeheure Verantwortung für den Krieg auf den Unschuldigen, auf uns. abwälzen will. Aber Fürst Lichnowsky siebt es ebkln anders und will, daß sich sein System der Anschuldigung gegen die eigene Regierung und das eigene Vaterland lückenlos schließt, und zu diesem Zwecke ist es ihm eine Leichtigkeit, sich auf feindliche Darstellungen zu stützen, deren Beweiskraft ihm doch bei ruhigem Nachdenken mehr als zweifelhaft sein sollte. Fürst Lichnowsky glaubt alles, was uns abträglich ist. er ist das Sprachrohr der feindlichen Überzeugungen. Er brachte es sogar fertig, dem Reichskanzler im Juli 1914 zu sagen, wir ständen mit England schon so gut wie lange nickt, und auch in Frankreich sei ein pazifistisches Ministerium am Ruder. Eine starke Sache, aber so liest man es mit Erstaunen >n der Denkschrift. Wir haben, ' so behauptet Fürst Lichnowsky, den Grafen Bercbtold ermutigt, Serbien anzugreifen, und dieser merkwürdige Diplomat nimmt keinen Anstand, sich auf das vom Zaren verpfändete Wort zu stützen, daß er keinen Mann marschieren lallen werde, solange noch unterhandelt werde. Wir haben, so versichert der Verfasser, durch unser Ultimatum nach Petersburg die Möalichkeit einer friedlichen Beilegnng geflissentlich vernichtet. Aber wozu weitere Auszüge? Schließlich braucht man die Denkschrift nicht zu verurteilen, man kann es i ihrer eigenen niederdrückenden Wirkung überlassen, wie sie ausgenommen werden wird und ausgenommen werden muß. Sie bedeutet einen Fleck auf dem deutschen Namen.
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Unverkennbare Empörung in Österreich-Ungarn.
W. T.-B. Wien, 21. März. (Drahtbericht.) Die Veröffentlichungen aus der Denkschrift des Fürsten Lichnowsky baben hier in der Öfßmtlickckeit und in den poliftschen Kreisen großes Aussehen erregt, in den Kreisen der österreichisch-ungarischen Diplomafte haben sie unverkennbare Empörung hervorgerufen. Im übrigen wird betont, daß die Darstellung des Fürsten Lichnowsky auch dort, wo er sich mit der österreichischungarischen Politik befaßt, vielfach den Tatsachen nicht entspricht _
Holland; Unterwerfung.
Beruhigende Wirkung der Erklärung der deutschen Regierung.
W. T.-B. Amsterdam, 21. März. (Drahtbericht.) Der Amsterdamer Vertreter des Wolff-Bureaus berichtet aus Haager politischen parlamentarischen Kreisen, daß auf Grund der heutigen Laudon-Rede ein Einvernehmen darüber herrscht, daß die in Holland befindlichen holländischen Schiffe durch das Ultimatum der Entente unberührt bleiben. Nur der im Ausland befindliche Schiffsraum wird von den Forderungen der Miierten-Regiernngen betroffen. Die dem Vertreter des „Mgemeen Handelsblad" durch den Unterstaatssekretär von demBusicke abgegebene Erklärung, betreffend Deutschlands Stellungnahme zur Frage des holländischen Schiffsraums in Holland und einer etwaigen Ermöglichung der Versorgung Hollands durch den Pendelverkehr dieser Schiffe, wirkt beruhigend. _
Dsterreichisch-ungarischer Tagesbericht
W. T.-B. Wien, 21. März. (Drahtberlcht.) Amtlich verlautet vom 21. März, mittags:
Österreichisch - ungarische Artillerie hat auf dem westlichen Kriegsschauplatz in dem Kamps gegen Franzosen und Engländer cingegviffen.
In Vsnetren lebte die Gefechtstätigkeit mehrfach beträchtlich auf. Der Chef des Generaljluües.
weitere Auflösung des groß-russischen Heeres.
Berlin, 21. März. (Cig. Drahtbericht, zb.) In Groß- Ruhland dleiben die Verhältnisse weiter ungeklärt. General Dubjenko, der an der Nordsront befehligt, hat erklärt, datz er mit seinem Korps von etwa 8000 bis 10 000 Mann den Krieg trotz des Friedensschlusses fortsetzen werde. Indes bleibt eS recht fraglich, ob er unter den Truppen Anhänger finden wird. Deutsche Offiziere, die aus der Gefangenschaft zuriickkehren, bekunden, daß das Bestreben, möglichst schnell in die Heimat zurückzukommen, unter den russischen Soldaten allgemein herrscht. Einstweilen werden die deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen noch bewacht. Doch ist cs fraglich, wie lange die Bewachungstruppen noch ihre Befehle befolgen werden. Die Disziplin ist überall sehr schlechi, auch bei dem polnischen Korps, dessen Offiziere lieber ihren versönlichen Angelegenheiten nachgehen, als sich um den Dienst zu kümmern. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Auflösung des ruffischen Heeres weiter zunehmen, da keiner Lust hat, in den Truppenverbänden zu bleiben. Damit würde die Voraussage erfüllt werden, die auf dem Sowjet-Kongreß als Vorwurf gegen die Regierung gemacht wurde, daß die Neubildung einer Wehrmacht Jahre in Anspruch nehmen würde.
Die Unruhen in Beiutschkstan.
W. T.-B.. London, 21. März. (Drcchkbewicht. Amtliche Meldung.) Die Haltung des Aristammes in BLluischiftan ist seit einiger Zeit unbefriedigend und führte zu einer Reihe von Ausschreittmgen. In einigen Fällen vom Kohtran-Stamm unterstützt, schnitt der Aristamm Telegraphendrähte durch, schoß auf Eisenbahnzüge, zerstörte Eigentum der Regierung, griff auch zahlreiche unserer Posten an, wurde aber mit vielen Verlusten zurückgeschlagen. Da die Stämme noch immer aufsässig sind, werden jetzt Strafmaßnahmen gegen sie unternommen.
Eine Begegnung des Grafen Menzdorf mit General Smuts.
Sr. Wien, 21. März. (Eig. Drahtbericht, zb.) Über eine Begegnung zwischen dem gewesenen österreichisch-ungarischen Botschafter in London, Graf Menzdorf, und General Smuts verlautet von wohlunterrichteter Seite, daß diese Begegnung tatsächlich in einem kleinen Schweizer Ort stattgsfunden batte. Nei dieser Begegnung ist es wohl zu einer mehrstündigen Aussprache zwischen Graf Menzdorf und Smuts gekommen, doch kann von irgendwelchen Verhandlungen keine Rede sein. Als eingehende Verhandlungen vcn Smuts angeregt wurden, hat Graf Menzdorf sofort erklärt, daß solche Verhandlungen selbstverständlich nur unter Zuziebung der Bundesgenossen Österreich- Ungarns, stattfinden könnten. Damit war die Ausspoache zwischen Graf Dlenzdocf und General Smuts beendet. Das Scheitern des Versuchs, Österreich-Ungarn in Sonde r ver ha n d l u n g e n mit England zu verwickeln, erklärt, datz sich die englischen Minister im UnieohauS in Stillsckweigcn über die Begegnung d Mnerals SmutS mit Graf Menzdorf hüllten.
Abgeordnetenhaus.
(Eigener Drahtbericht des „Wiesbadener Tagblatts".)
$ Berlin, 21. MärH.
Am Mmistertisch: v. Eisenhart-Roth«. — Präsident Graf v. Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 11.20 Uhr. Auf der Tagesordnung steht zunächst die Beratung des vom Herrenhaus in abgeänderter Fassung zurückverlangten Entwurfs eines SchätzungsamtSge- s e tz e s. Das Herrenhaus hat die Bestimmung über di« Errichtung eines LandesschätzungSamts, die vom Herrenhaus gestrichen war, wieder in das Gesetz hinei,ngebracht.
Nach kurzen Ausführungen der Abgg. Grundmann (kons.), Dr. Hager (Zentr.), Dr. Liebmann (natl.) und Eaffel (Vpt.) wird der Gesetzentwurf gegen die Stimmen des Zentrums in der Fassung des H e r r e n h a u s e s angenommen. Damit fit das Gesetz endgültig erledigt.
Der Gesetzentwurf, betteffend die B a ulast en bischer, wird nach kurzer Debatte an den Ausschuß zurückverwiesen.
Es folgt die erste Beratung zum
Eisenbahnanleihegesetz.
Da der Minister nicht anwesend ist, wird um 12.10 Uhr die Sitzung für eine Viertelstunde unterbrochen. Um 12.30 Uhr wird die Sitzung wieder eröffnet.
Unterstaatssckrelär Stteger: Mit Rücksicht auf die bestehenden Verhältnisse werden in dem vorliegenden Gesetzentwurf nur Mittet für die dringenden Bedürfneffe der Staatseisenbahnen gefordert. Das Schwergewicht der Vorlage liegt in der Vermehrung der BetriebS- mittel. Es sollen nicht weniger als 1880 Loko- nrotiven, 1800 Personen- und 35 9 00 Gepäckwagen gebaut werden. Wir erwarten, daß durch die Vor- lcgen die schweren Schaden, die der Krieg verursacht Hatz überwunden werden. Ich hoffe, daß das. Haus die Battlotztz tzoK- wollend prüfen wird, - --
