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Sonntag» 10. März 1918.
Morgen-klusgabe.
Nr. 117. . 66. Jahrgang.
Surft Bismarck und der Zriedensschlutz mit Butzland.
Die „Voss. Ztg." hat eine Entdeckung gemacht (sie war freilich nicht schwer zu machen, bleibt aber verdienstvoll), die es wert ist, weitergegeben zu werden. Im fünften Kapitel seiner .,Gedanken und Er- innerungen" berichtet Fürst Bismarck von den politischen Treibereien der B e t h m a n n Hollwcg- Partei zur Zeit des Krimkrieges und erzählt, daß sie in einer ihrer Denkschriften Preußen als dem Vorkämpfer Europas das Ziel gesetzt hatte, Rußland zu zerstückeln. Es sollten ihm die Ostseeprovinzen, sogar Petersburg mit eingeschlossen. und das gesamte Polen genommen, der Rest sollte durch eine Teilung zwischen Großrussen und Kleinrussen zersetzt werden. Es ist wahr, der Fliedensvertrag von Brest-Litowsk stellt sich als die denkbar merwürdigste Erfüll ungdies es Programms dar, nur Petersburg ist in seinen Wirkungsbereich nicht einbezogen worden, sonst aber stinimt alles. Fürst Bismarck urteilt in seinen „Gedanken und Ermnerun- gen" über diese Pläne der damaligen Bethmann Holl- weg.Portei also:
„Mit diesen kindischen Utopren spielten sich die zweifellos klugen Köpfe als Staatsmänner auf und hielten es für möglich, den Körver von 60 Millionen Grotz- russen in der europäischen Zukunft als ein vaput mortuum zu behandeln, das inan nach Belieben behandeln könne, ohne daraus einen sicheren Bundesgenossen jedes zukünftigen Feindes von Preußen zu machen und ohne Preußen in jedem französischen Kriege zur Rückendeckung gegen Polen zu nötige^ da eine Polen defrie- "ölende Auseinandersetzung in §Pn Mkdinzsn"Dreußen und Posen und selbst noch in Schlesien unmöglich ist, ohne den Bestand Preußens aufzulösin."
Die „Voss. Ztg." fragt, warum die vielen, die auch heute noch in Bismarcks außenpolitischen Ansichten einen politischen Wegweiser für die Gegenwart sehen, seinen Worten über die Notwendigkeit guter deutsch-russischer Beziehungen so wenig Wert beimesiens denn heute -lägen die Dinge noch wesentlrch ungünstiger als damals, wo von einem dauernden und scharfen Gegensatz zu England überhaupt nicht die Rede sein "konnte, ganz zu schweigen vom Eintreten der Vereinigten Staaten und Japans in die weltpolitische Arena. Das alles klingt sehr einleuchtend und man muß auch zugeben, daß es von hohem Wert gewesen wäre, wenn eine Behandlung Rußlands sich hätte ermöglichen lassen, durch die wir mit Sicherheit einen ruhigen Nachbar, einen Bundesgenossen gegen England im Rahmen einer weitblickenden Festlands- Politik gewonnen hätten. Aber man darf der Entwicklung, die nichts nach unseren Wünschen fragt, keinen Zwang antun wollen, wie er innerlich und äußerlich besteht, wenn man auf die Worte des Meisters schwört. Wer sagt uns denn, daß Fürst B i s m a r ck die Politik der guten Beziehungen zu Rußland hätte aufrechterhalten können, nachdem Rußland selbst sich mit rasender Schnelligkeit auf die Bahnen des k a p i t a l i st i- «chen Imperialismus begeben hatte? War es nicht für den ersten Reichskanzler immer schwerer und schwerer geworden, den Draht nach Petersburg unversehrt zu erhalten? Schon unter ihm war die Zeit vorbei, wo das zarische Rußland das Verhältnis zu uns so ansah, wie wir es umgekehrt .insehen und pflegen wellten, Und als wir bei der Zuspitzung des Gegensatzes zwischen Rußland und Österreich-Ungarn für das Donavreich „optiert" hatten, konnten wir wohl noch den Tag Hinhalten, an dem sich das russische Ungewitter nicht bloß über unsere Verbündeten, sondern über uns entladen mußte, jedoch vermeiden konnten wir ihn wohl nicht. Das letzte Mittel zu keiner Verhütung war der Rückversicherungsvertrrq. Man hat Herrn v. C a p r i v i scharf getadelt, weil er ihn ablausen ließ, aber der Tadel ist leicht, wenn man cs geflissentlich unterläßt, zu untersuchen, ob die Verlängerung in unserem Belieben gestanden hätte. Als in Rußland das Schlagwort geprägt wurde, daß der Weg nach Konst a n t i n o pe l über Berlin führt, batte sich die Pclitik des östlichen Nachbars so sehr sichon gegen uns entschieden daß, wie gesagt, auch Fürst Bismarck nur noch verzögern und Hinhalten konnte, mehr aber nicht. Und nun kam der We I t k r i e q. dessen Ziel für Ruß. land die Zertrümmerung des Don a u r e i ch s war. Gewiß, immer noch konnten wir eine Politik verfolgen, die durch Schonung Rußlands die Möglichkeit späterer Wiederanknüpfung darbot. Es war ein Verhängnis, daß es anders kam. aber ob es auch ein Fehler war, der hätte vermieden werden können, darüber möchten wir nicht mit der Sicherheit urteilen, wie es die Politiker tun, die sich auf die Ansicht des Fürsten Bismarck aus einer ganz anderen Zeit berufen. Ci* einziger grober Fehler steht wohl fest, nämlich der
der S e l b st ä n d i g m a ch u n g Polens, und doch ist auch hier zu fragen, ob ein anderer Weg hätte zum Ziele führen können. Es wird behauptet, daß wir noch unter der Herrschaft des Zarentums einen Frieden mit Rußland haben konnten, der ungefähr in der Richtung der Bismarckschen Politik gelegen hätte, mit dem sich also Rußland hätte zufrieden geben können, bei dem es im wesentlichen unversehrt geblieben wäre und zu uns wieder gute Beziehungen angeknüpst hätte. Wer fedock kennt die Vorgänge, die sich bei Stürmers Friedensangebot abspielten, so genau, daß er ohne genügende Urteilsunterlagen so herb verurteilen durfte? Noch ein Moment wird übersehen, das uns das entscheidende zu sein dünkt, dies nämlich, daß uns eine halbe Zersetzung Rußlands allerdings vielleicht eine ungeheure Gefahr hätte bringen können, daß aber die g a n z e n n d v ö l l i g e Zersetzung des Reiches uns vor dieser Gefahr behüten wird.
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Die bevorstehende Stellungnahme des Moskauer §orvj--t- ongresies zum ^riedsnsle^lutz.
S. Stockholm, 9. März. (Eig. Drahtbericht, zb.) Man rechnet damit, daß die B o l s ch e w i ft e n auf dem Kongreß in Moskau eine große Niederlage erleiden werden. Im Smolny-Jnstitut bestätigt man Lenins bestimmte Vorairssicht, daß der Moskauer Sowjet- Kongreß, wenngleich unter Protest, den Brest-Litowsker Vertrag genehmigen wird. Auch verlautet, daß der Zarenfamilie ein anderer Anfenthalt innerhalb Rußlands angewiesen werden soll. Hierzu bemerkt „Gaulois": Japan müsse sich beeilen, die Zarenfamilie zu befreien. Es wäre jetzt der sehn- lichste Wunsch der leitenden Entevtekreisi, die Dy n a st i e Romanow wieder empor zu bringen.
W. 1.-B. Berlin, 9. März. iDrabtoerickrt.) Die „Nordd. Nllg Ztg." schreibt: Durch Funkspruch ist bei der russischen Regierung dagegen Verwahrung eingelegt worden, daß die Verschleppung deutscher Flüchtlinge aus Estland und Livland fortgesetzt wird, da dies den Abmachungen des Frie- der.srertrages widerspricht.
wachsende Erregung gegen Lenin und Erotzkh.
Br. Kopenhagen, 9. März. (Eig. Drahibericht. zb.) Ans Haparanda wird gemeldet, daß Flüchtlinge aus Petersburg und Helsingfors mitteilen, in Rußland herrsche eine erregte Stimmung liegen Lenin und Trotzky, die beschuldigt werden, durch ihr Hinaus- ziehen der Friedensverhandlunqen den großen Land- verlust Rußlands verschuldet zu haben.
Rücktritt Trotzstys.
W. T.-B. Petersburg, 9. März. <Drahtbericht. Reuter.)
Trotzkp ist von seinem Posten als Bolksbeanftragter für auswärtige Angelegenheiten zurnckgetreten.
Die Entente und der Zriedensschlutz mit Rußland.
Sr. Genf, 9. März. (Eig. Drahtbericht, zb.) Wie es heißt, trifft die Entente Vorbereitungen, um an einem dem Einfluß der Mittelmächte entrückten Punkte in Rußland eine russische Sonderregieruug zu errichten, die den Brest-Litowsker Frieden nicht anerkennen und den Krieg, wenn auch nur mehr oder weniger theoretisch sort- setzen würde. Dem „Echo de Paris" zufolge wird die Entente diese Scnderregierung durch diplomatische und mrlltärijche Vertreter unterstützen. Die Abreise der französischen Mission Bertheloi in daS Innere Rußlands st-ht mit diesem Plane offenbar im Zusammenhang.
Oie Zriedensverhandlungen mit Rumänien.
W. T.-B. Bukarest, 9. März. (Drrhtbericht.) Gestern fand ruf Schloß Cotrogeni eine Vollsitzung der Friedenskonferenz unter dem Vorsitz des bulgarischen ersten Delegierten Tonischew statt, der dem Wunsche Ausdruck gab, die Verbandlungen nach Möglichkeit zu beschleunigen. Der rumänische erste Delegierte schloß sich diesem Wunsche an. Um diesem allseitigen Begehr Rechnung tragen zu können, schlug Herr A r g e t r i a n u vor, es möge ihm möglichst sofort eine zusammenfassende Aufstellung sämtlicher Einzelforderungen der verbündeten Mächte schriftlich mitgeieilt werden, damit er dieselbe persön- l'ch seiner Regierung bortragen könne. Entsprechende Mitteilungen sind Herrn Argetrianu gestern gemacht worden. Er wird heute nach Jassy abreisen. Seine Rückkehr Nird für nächsten Donnerstag erwartet. Inzwischen scllen unverbindliche Besprechungen auf technischem Gebiet mit den übrigen vollzählig hier <uruckgebliebenen Mitgliedern ier rumänischen Delegation fortgesetzt werden.
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Ukrainische Wünsche nach beßarabischem Gebiet.
W. T.-B. Budapest, 9. März. (Drahtbericht.) „Pesty Uzsag" veröffentlicht eine Unterredung mit dem Führer der ukrainischen Delegation Professor Oskar Ostapenko, der u. a. sagte: Der defenitive Fviedensschluß mit der Ukraine hat für uns großes Interesse, so daß wir auf
Grund der Brest-Litowsker Vereinbarungen an den Verhandlungen teilnehmen werden. Wir fordern das Gebiet von Chotin und einen Teil Südbeßarabiens von der Dnejstrmündung bis zur Tonaumündung.
feierlicher Einzug der Rada in Riew.
Sr. Wien, 9. März. -Eig. Dcuhtbericht. zb.) Der .Reichspost" zufolge zog di- Ruöa unter dem Jubel der Bevölkerung feierlich in Kiew ein, wo sie wieder ihren Sitz aufschlug.
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Beglückwünschung des Sultans zum Brest-Litowsster friedensschluß.
W. T.-B. Konstantinopel, 9. März. (Drahtbericht.) Der Sultan nahm heute die Glückwünsche von Abordnungen der Kammer und de.s Senats zu dem Friedensschluß von Brest-Litowsk entgegen, wobei er seinerseits die Vertreter des Parlaments beglückwünschte und seine lebhafte Freude sowie jeine Befriedigung über den glücklichen Friedensschluß ausdrückte. Besonders anerkennende Worte fand der Monarch für die Abordnungen aus jenen Gebieten, die jetzt wieder an die Türkei zurückfallen. Eine Abordnung der Bevölkerung von Saturn und Ardahan tm Kaukasus überreichte dem Sultan eine Glückwunschadresse.. Der Herrscher erwiderte: Diesen Erfolg verdanken wir Gottes Gnade. Die patriotischen Gefühle, die ihr zum Ausdruck gebracht, verdienen größte Wertschätzung. Die Liebe zum Vaterland ist eine Pflicht. Die Gebiets, die ihr bewohnt, waren einst von meinem Reich abgetrennt, aber von jetzt ab werden sie niemals mehr unseren Herzen entrissen werden. Unsere Freude ist gegenseitig.
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Oep Krieg gegen England.
Unser letzter Luftangriff auf London.
Amtliche englische Meldungen.
W- T.-B. London, 9. Marz. (Drahtbericht.) Reuter meldet amtlich- Der Luftangriff scheint von 7 oder 3 Flugzeugen ansgeführt worden zu sein, >on denen zwei London erreichten und Bomben abwarien Die ersten zwei Angreifer näherten sich der JnselThanet um 10.55 Ilhr abends und flogen der Themse- mündung auswärts weiter. Beide wurden zur Rückkehr gezwungen, ehe sie London erreichten. Inzwischen kam ein dritter Flieger um 11.20 Uhr über die Küste von Esse; und bewegte sich nach Westen weiter. 11.45 Uhr wurde er in Ost-London gemeldet Ein paar Minuten später warf o m b e n aus die südwestlichen und »crdwestllcbcn Distrikte ab. Um 11.50 . Uhr warf ein vierter Flieger, der ebenfalls über Esse; kam, Bomben nördlich über London ab und setzte dann seine Fahrt über die Stadt hinweg in südlicher Richtung fort, wobei er zwischen 12.20 Uhr und 12.30 Uhr gns den nördlichen Distrilt die restlichen Bomben fallen ließ. Tie übrigen feindlichen Maschinen, die alle über die Küste von Essex kamen, wurden zur Umkehr gezwungen, ehe sie London erreichten Einigen Schaden an Londoner Wohnhäusern wurde an- ger'chtet. Mehrere Häuser sind demoliert. Die Zahl der Unglücksfäli: wird später bekannt gegeben.
Ein späicrer amtlicher Bericht besagt, daß nach den letztem Polizeiberichten 11 Personen gerbtet und 46 verwundet worden sind. Man iürchtet, daß außerdem noch 6 Leichen unter den Trümmern der Hauser begrabe» sind. Alle Unfälle ereigneten sich in London.
Oie englischen U-Sootssorgen.
W.T.-B. Berlin. 9. März. (Drahibericht.) Die Enttäuschung über die geringe Leisiungssähigkeit des englischen Schiffsbaues im Jahre 1917 zichl immer weitere Kreise. Im „Daily Telegraph" vom 25 Februar knüpft Archtbald Hurd seine Betrachtungen an die brtrüblicdc Tatsache, daß der Schifssbaustand statt der er. warteten zwei Millionen Bruttoreqistertonnen nur 1.1 Milk. Biuttor-gistertcniicu geleistet hat. Bekanntlich hatte im Herbst vorigen Jahres der erste Lord der Admiralität die schon damals feststehenden ungünstigen Zahlen damit zu bemänteln gesucht, daß er behauptet hatte, e? sei zwar im Anfang des Jahres die Er- zenzung gering gewesen, dieselbe werde sich jedoch im November und Dezember gewaltig steigern. Archibald Hurd nennt nun nack, den amtlichen Angaben die Tonnage der neueröautcn Schiffe für N o r e m b c r niit 130 "50 Bruttoregrstectonnen, für Dezember mit 115 753 Bruitorcgistertonnen, für Januar 1918 mir 55 598 Brnttorcgistertonnen. Wie man sicht — schreibt Hurd -—nimmt bic Erzeugung ab, anstatt sich zu steigern. Das ist der Gra b stein aller jener wundervollen Voraussagen im Herbst Andere Kcnner' des englischen Schiffsbaues behaupten, daß sogar die Jahresleistung von 1.1 Millionen Bruttoregister- tonnen im Jabre 1917 nur dadurch möglich war, daß zahlreiche Schisse, die seit Anfang 1914 halb fertig auf Stapel lagen, jetzt erst fettig gestellt wurden
Scharfer Protest aea.cn Northckiff? als Leiter der
Propaganda im feindlichen Ausland.
W T.-B Bern, 9. März. (Drahtberichi.) Die Übertragung höchster Regicrungsämtkr an drei Prcsselords, North- c l i f fe. Rothcrmcrc und Deavenbrock, war am 28. Februar im englischen Unterhaus erneut der Gegenstand scharfer ,Kritik seitens mehrerer Mitglieder. Herbert Samuel tadelt? namentlich die Ernennung Norihclisfes zum Leiter c^r Propaganda in den feindlichen Ländern. Redner öczeichnete cs überhaupt als u n i I u g, das deutsche Lolk wisien zu lassen, daß England in seiner Mitte Propaganda betreibe. Er verurteilte aber besonders, daß diese Tätigkeit noch Notthcliffe übertragen wurde. Ncrmmlich betrachten die Deutschen diese Erneimmrg ungesithr so.
