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Die Gesetzmäßigkeit des Geschehens.

Die geistige Weit hat ihre Gesetze, wie die phy­sische, »na in jener herrscht, wie in dieser, eine nnab- wendbare Notwendigkeit. Der Geist hat seine stufen­weise Entwickelung, wie der Körper, und es gibt ein bestimmtes Alier für g wisse Neigungen und Meinun­gen, wie für Schönheit und Stärke. Was den Ge­setzen der Natur gemäß ist, muß. geschehen, nur lang­samer oder schneller, schlechter oder besser, je nachdem Verhältnisse und Umstände fördernd oder störend da­rauf wirken. Tie Pflanzen wachsen aufwärts, das Was er fällt, und jedes Wesen hat seine Bildung und Wirksam eit nach den ihm innewohnenden Gesetzen. Dem Empfangen folgt das Gebären, und der Geburt der Tod Daß dies geschieht, ist Naturnotwendigkeit; aber Geburt und Tod können auch unnatürlich be­schleunigt, dies r künstlich verzögert we.d n. Das Tre blia.s vermag die bessere Jahreszeit ärmlich zu ersetzen. Dämme halten den Strom stellenwe.se auf, oder verändern auch seine Richtung. Aber immer und allenthalben tritt die Natur am Ende wieder in ihre Rechte, die nie verjähren, und aus denen man sie nur vorübc-gehend verdrängen kann. Die abwärts g bogene P.lanze rich.et s ch."so wie der Druck aufhört, wieder in die Höhe, und das Wasser folgt der Nie­derung, wo es nicht aufgehallen wird.

So hat auch die geistige Natur ihre ewigen Ge­setze, denen dre Entwickelung der Völler, der ganzen Menschheit und des eiuz leen Menschen folgt. Auch in ihr ist das Folgende durch das Vorhergegangene be­dingt, und aus der Gegenwart gestaltet sich die Zu­kunst, wie jme sich aus der Vergangenheit gestaltet hat Die Kette des Kausalitätsgesetzes geht durch die geistige, wie durch die Körperwelt. Ring greift in Ring, und einer schließt sich an den . andern als Ur­sache und Wirkung an. Tie Gegenwart läßt sich nicht aus der verketteten Re henfolge der Zeiten reißen; sie ist die. Tochter der Ve gangenheit und wird Mutter der Zukunft. So ist der Wechsel mit der.. Beständigkeit, das Vorübergehende mit dem Bleibenden gemischt, und so mnß es sein, und es kann nicht anders werden. Da ist kein Stillstehen möglich iin Sinne der Har.hijlor schen. aber auch k.in is.liertes Schaffen, kein w ll.ur.iches Abreißen und Fortsp nnen ohne anzu- knüpsen, wie gcw.sse Revolutionäre meinen. Da ist ewiger Wechsel, aber nach Gesetzen, durch dre das Fernste mit dem Nächsten, um so mehr also das Nahe mit dem Nah n z rsammcnh ngt. Was ist kann nur so sein durch das, was es gewesen, und h.lst auch wieder das bestimm n, >vas se.n wird. Nichts bleibt dasselbe, nichts steht still in der Natur. Alles Leben ist En.Wickelung; St.l.stand ist Tod.

Joh. Weitzel U828).

Die Urfei.

Von Rudolf Dietz.

Meine Jugend aber war von Sonne, Mond und Sternen umstrahlt und deshalb hell und märchenhaft und lustig ziiglcich. Die Helle Sonne, das war meine feine Mutter, die in einer tadellosen Erziehung und Umgebung an einem kleinen deutschen Fürstenhofe ausgewachsen war und mir mehr geben konnte als eine junge Dorfschullehrerswitwe vom Durchschnittsschlage. Und das märchenhafte Mondlicht

meiner Kindesabende ging aus von einer ganz prächtigen uralten Großmutter aus den Hessenbergen, die wie weiland die Frau Vichmännin der Brüder Grimm die alten deut­schen Märchen in so wunderbarer Weise erzählen konnte, wie's heute keine moderne Großmama mehr fertig bringt. Und die lustigen Sterne, das waren all die Charakterköpfe und Schlaumeier und Spitzbuben meines Tannnsdorfes — Kerle, die mir heute noch oft hell in der Erinnerung auf- lenchten !vie purzelnde Sternschnuppen und Meteore.

Und aus dem Dreilicht meiner Bubenzeit kriecht mir eben ein gar fideles Späßchen in meine Goldfeder, die Ge- schichie von der Urfei.

Der Mutter Bestreben, mich vor der rauhen Dorf- mnndart zu behüten und mir ein klassisches Hochdeutsch mitzugeben, der Großmutter Märche»>zauber und die Derb­heit meiner Dorforiginale sind die Schöpfer der Ursei.

Da ich zuhause nur ein gutes Schriftdeutsch hörte, blieb es nicht aus, daß ich die lebendige Sprache der Dorf­gasse oft mißverstand und den mir unklaren Klängen eine ganz unbeabsichtigte Deutung gab.

So hatte ich schon wiederholt ans dem Munde von Kindern und Erwachsenen das märchenhaste Wort „Urfei" gehört und dachte mir in Erinnerung an der Großmutter Märchenabend« besagte „Urfei" als Stammutter aller Feen, Niren »nd Elsen, als eine zauberhafte Königin der Nacht in dusligem Schleiergewand m t diamanlenstrahlendem Kron- reis im goldenen Blondhaar. Ach, wie sollte ich mit meiner „Urfei" enttäuscht werdezz!

Die beiden hellsten Originatsterne der Dorfgemeinde waren der „Bechtchannjer" und der „Raawcschorsch", neben­bei Konknrrcnten in der heiligen Zimmermannsknnst. Beide le steten, der Dorskunst entsprechend, tadellose Arbeit, nur waren die 'Ausmessungen des Raaweschorsch etwas exakter als die des Bechtehannjers, der sich mehr ans seinen mehr­fach geleimt, n alten Zollstecken verließ.

Die Zimmerplätze der beiden Balkenknnstle: lagen nahe beieinander am Rande einer Dorfwiese und waren ein Lieblingsausenihalt für uns Buben. Wenn nämlich die Zimmermannszunst einig !var, legten ihre beiden Vertreter aus unfern Wunsch in rührender Kindecfreundlichkeitz einen langen Zimmerbalten quer über einen dicken Baumstamm, und die schönste Schaukel der Welt war fertig.

Als icb aber eines Tages mit einem Spielfrennde wieder auf den Werkplatz kam, schien zwischen den beiden Zimmer- mäninrn gerade ein heftiges Gewitter ausgetobt zu haben, und meine Bitte an den Raaweschorsch um Herrichtung der Schaukel wurde mit ein paar kräftigen Ptotzwolken aus der kurzen Knasterpfeife beantwortet.

Icb wollte abschleichen, da krächzte der alte Raab: „Kannst mer'n Gefalle dirhn. Gih mol schnell bei den Becbt eniwwer — e’ seilt mer mol sei' Aagemooß lehne!"

„Was soll er lehne?" fragte ich zaghaft.

-„Sei' Aagemooß e' waaß schant Bescheid."

Also ich brav hinüber zum Bechtehannjer: „Guten Tag, Herr Bccht, und einen schönen Gruß vom Herrn Raab, und Sie. möchten so gut sein, und ihm mal Ihr Aagemooß lehne."

Baas — hatte ich eine saugrobe Ohrfeige auf dem linken Backen.

Weinend kehrte ich zu meinem tenslischen Auftraggeber zurück, der mich bedauernd ansah und sagte: „No, e' Urfei hätte d'r aach nit gleich ze gewwe brauche!"

Nun g ng mir unter Tränen ein lustiges Licht ans, und in seinen sternhellen Strahlen lag die zauberhafte, gold- gekrönte Ursei in Trümmern ans dem Zimmerplatz des Raaweschorsch.