Verlag Langgafse 21
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Samstag, 16. Februar 1918.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 79. . 66. Jahrgang.
Lloyd George in Röten.
Die letzte große Kriegszielcmseincmdersetzung im englischen Unterhause läßt deutlich erkennen, daß die Opposition gegen Lloyd George i in Wachsen ist. Man kann nach ihrem Verlauf auch nicht behaup- ten, daß der englische Premierminister die Situation für sich gerettet hätte. Außer an der sachlichen Schwäche seiner Position liegt das auch an der Iorm, die der Knock-out-Politiker diesmal gegen seine politischen Widersacher beliebt. A s q u i t h hatte in sehr vorsichtiger Weise sich durchaus auf den Boden der Erklärung Lloyd Georges gestellt, die dieier seinerzeit aö- gab, um die Arbeiterschaft ftir das neue Mannschasts- gesetz zu gewinnen. Jene Erklärungen waren aber nicht Lloyd Georges wahre Meinung, und um diese doch wieder durchzuseben, war der britische Premier nach Versailles gefahren und er erließ von dort aus mit den ihm kongenialen wilden Männern Giemen- ceau und Orlando die kriegshetzerische Proklamation von Versailles. Aber in jener Stadt sind auch noch militärisch-sachlich ^ehr wichtige Beschlüsse gefaßt worden. Offenbar ist der französische General N i v e l l e faktisch Oberkommandierender geworden, und Haig und Robertson haben setzt die peinliche Stellung und den zweifelhaften Ruhr«, die englischen Soldaten für die französischen Spezialkrtegs- ziele anrennen zu lassen. Sie haben sich wohl, obgleich sie in Versailles nicht zu widorsprechen ivagten, hinter Asguitb gefliichtet. und auf ihre Auskünfte gestützt, der- suchte Asquith Lloyd George über d:e wahre Gestalt des Versailler Kriegsrates auf den Zahn zu fühlen. Dad brachte Lloyd George in Bedrängnis, und um sich zu retten, griff er zu einem Trick, der seiner brutalen Boreranffassung des politischen Kampfes ent- spricht. Er schob Asguith unter, Auskünfte der- langt zu haben, die dem Feinde nützen könnten. Der sonst so rubige Asguith stah sich genötigt, den Premierminister sofort zu unterbrechen und „in schärf- ster Weise Einspruch gegen diele Unterstellung" zu er- heben. Jedenfalls hat die Taktik Lloyd Georges in keiner Weise verfangen, und die Situation konnte für ihn auch nickst durch B a l f o u r gerettet werden, der am nächsten Taae nachzuweisen versuchte, daß eine politische Kriegszielkundgebung eine militärische Sache sei. Lloyd Georae hat einen bedenklichen Stoß erhalten. Selbst die „Times" fordern, daß dir Öffentlichkeit die volle Wahrheit erfahre, und die liberalen Blätter sprechen es offen ans, daß die Interessen des Landes wichtiaer sind als die Interessen des Kabinetts. Der Ebelrednkteur der liberalen „Daily News", Gar- diner. beklagt in einem offenen Brief an Asguith die Zurückhaltung der liberalen Partei, und er wirft Lloyd George vor. daß er das Parlam ent ausschalte und hinsichtlich der Kriegsziele eine unaufrichtige Politik treibe. Sein Blatt fordert das Parlament auf. deutlich zu machen, daß England von Westminster und nicht von Versailles aus regiert werde. Der Arbeiterführer Henderson batte schon in eiiwr Wahlrede in Sonthwick am 8. Iebruar "rklärt, daß Lloyd Georae England dem in allen Ländern wachsenden neuen demokratischen Geist entfremde. Er erklärte es als Pflicht der britischen Demokratie, jedes Iriebe n s b in d er n i s zu entfernen, selbst wenn dieses Hindernis die aeaenwartiae Regierung sein sollte. Lloyd George Hilst sich inzwischen mit einer Verschärfung der Zensur, die zunächst den Earonel R e- p i n g t o n traf, der in der „Morning Post" über den Kriegsrat von Versailles allerlei Kritisches geschrieben hatte. Ob aber die Gewaltspolitik im Innern von England in der gegenwärtigen Lage in verschärfter Form ertragen wird, das ist doch noch sehr die Frage.
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Br. Rotterdam, 14. Febr. Nach dem Londoner Mitarbeiter des „Handelsblad" veröffentlicht die „Times" einen Brief von Lord Huqh Cecil, worin dieser offenbar im Hinblick auf die im Unterhaus? durch die Auseinandersetzung zwischen Asauith und Lloyd George entstandene Lage davor warnt, es zu einem Parteizwist kommen zu lassen, der einen un- günstiaen Eindruck im Auslands machen müsse. Asguith und Lloyd George seien jedenfalls einig darin, daß der Krieg zu einem guten Ende geiührt werden müsse. Da aber bei der gegenwärtigen Stimmung im Unterhause keiner von beiden eine Mehrheit aus sich vereinigen könne, die der notwendigen Einmütigkeit des Hauses nahekomme, so sei eine Umbildung des gegenwärtigen Kabinetts in der Weise zu empfehlen, daß unter einer neuen Leitung Lloyd ttseorge m-d Asguith zusammenarbeiten müssen. Anschließend daran bemerkt der Vertreter des „Handelsblad", für diese neue Leitung komme vielleicht der jetzige Blockade- minister LordRobertCecilin Frage, der gestern
im Unterhause erklärt habe, er habe sich persönlich mit dem Völkerbundgedanken eingehend beschäftigt und einen eigenen Plan dafür lusgearbeitet.
Runciman gegen die imperialistischen Bestrebungen Englands.
U. Rotterdam, 15. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der Exminrster Runciman beschwor am Donnerstag in der Unterhaussitzung die englische Regierung, England möge von seinen bisherigen imperialistischen Bestrebungen Abstand nehmen. Erst dann werde die nationale Einheit zurückkehren. Im Gegensatz zu Balfour^ befürwortete Runciman die Aufnahme von Besprechungen mit Vertretern der feindlichen Länder. Daß die Regierung den Arbeitervertretern die Pässe nach Stockholm verweigert habe, sei ein großer Fehler gewesen. Wenn nun abermals eine internationale Arbeilerkonferenz zusammenberusen werde, solle die Regierung diesen Fehler nicht wiederholen.
W. T.-B. Rotterdam, 15. Febr. (Drahtbericht.) Nach dem „Nieuwe Notterd. Courant" schreibt der Pavlamentsbericht- crstatter des „Daily Chronicle": Einen erfrischenden Gegensatz zur Balfour-Rede bildete gestern die klare Rede Runcimans. Zum erstenmal hat einer der früheren liberalen Minister in Worte gekleidet, was Millionen im Lande denken, daß man nämlich die Kriegsziele von allen imperialistischen Absichten säubern müsse, und daß das Land sehen müsse, daß die Kriegsziele noch dieselben seien wie 1914. Dann werde die nationale Einigkeit wiederhergestellt werden. Runciman sprach sich dafür aus, daß man jede Gelegenheit ergreifen müsse, um mit den Staatsmännern der Gegenpartei zu verhandeln. Wenn die Staatsmänner dies nicht auf sich nehmen wollten, könnte man die Vertreter der Demokratien zusammenkommen lasten.
Gerüchte über Veränderungen im englischen Generalstab.
17. Rotterdam, 15. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der Londoner Berichterstatter de? „Manchester Guardian" erklärt zu der Meldung, daß möglicherweise der bisherige Generalstabschef Robertson dem General Wilson diesen Posten überlasten werden müsse, dies wäre keine Herabsetzung kür Robertson, weil die Befugnisse des obersten Kriegsrats, in welchem Robertion die Stelle General Wilsons einnehmen soll, außerordentlich ausgedehnte seien. Zudem scheine es, daß die Gerichte von dem bevorstebenden Rücktritt Robertsons nicht zutreffen, zumal es dem Interesse der englischen Regierung zuwiderlar fen würde, denn ihre Stellung wäre bei dem Rücktritt RcbcrffonS gefährdet.
Br. Schweizer Grenze, 15. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Schweizer Blätter berichten: Neuerdings gehen Gerüchte über einen bevcrste'henden Rücktritt LordDerbhs um. Man erwartet auch den Rücktritt mehrerer Mitglieder des Generalstabs, indes nintmt man an, daß der Gcneralstabschef Robertson auf seinem Posten verbleiben wird.
Die angebliche Stimmung der englischen Arbeiterschaft.
IV. T.-B. New 'York, 15. Febr. (Dcahtbericht. Reuter.) Auf einer vier zu Ehren der Mitglieder der englischen Arbeiterordnung in den Vereinigten Staaten abgehalteneir Massen- bersammlung von Arbeitern erklärte das englische Parlamentsmitglied D u n c a tt- Die Amerikaner kennen nur wenig die den Alliierten zufallende Aufgabe. Ich fordere die Arbeiter in Amerika auf, aus den Erfahrungen der englischen Arbeite'' wälnend des Krieges Nutzen zu ziehen. Die Behauvtung. daß die englische Arbeiterschaft den Frieden (die verstümmelte Stelle heißt wahrscheinlich „um jeden Preis") wolle, ist lächer- lich. Wir haben den Krieg nicfit angefangen und nicht dazu avfgefcrdert. Nun haben wir gelitten und wir sind nicht bereit, den Feind die Fciedensbedingungen aufttellen zu lasten. — Der Generalsekretär der englischen Gewerkschaften A p p e l,t o n erklärte, daß er selbst das höchste Zutrauen zu der Fähiakeit der Engländer besitze, stand zu halten. Er fügte hinzu: Wir mögen zurückweichen müssen, aber wir werden erreichen, was wir brauchen. Deutschland setzt mit seinem Rückzug ein da, wo wir in einer besseren Lage sind, wie jemals zuvor. Der Redner wandte sich gegen die angeblichen Arbeiternnrnhen in Großbritannien und erklärte, daß die große Masse der Arbeiter für den Krieg bis zum Ende sei.
Annahme der Adresse auf die englische Thronrede.
IV. T.-B. London, 15. Febr. lDrahtbericht. Reuter) Lloyd George leidet an einer leichten Erkäl tung. Er ist ons Haus gefesselt, jedoch imstande, die Geschäfte weiterzuführen. — Das Unterhaus hat die Adresse auf die Thronrede angenommen.
Br. Schweizer Grenze, 15. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Laut „Basler Nachr." wird aus London gemeldet: Das Oberhaus geuehmigte einstimmig die Antwort auf die Thronrede.
Das „Selbslbestimmuna-"rechtverlangen der Entente und Irland.
Berlin, 15. Febr. (zb.) Wie dem „B. L.-A." von der Schweizer Grenze gemeldet wirb, berichtet die „Morning Post": Tie Iren haben an Lloyd George eine Anfrage über die Anwendung des nationalen Selbstbestimmungsrechts auf Irland eingebracht. __
Der öslerreichi'ch-nnaariscke Tagesbericht.
W. B.-T. Wien, 15. Febr. (Drahtbericht.) Amtlich verlautet vom 15. Februar, mittags: Keine besonderen Ereignisse.
Der Chef des Generalstabes,
Vor Frieden mit der Ukraine.
Eine Armeebefehl des Naisers Narl.
W. T.-B. Wien, 15. Febr. (Drahtbericht.) Aus dem Kriegspressequartter w:cd gemeldet: Der Kaiser hat anläßlich der russischen Erklärung über die Beendigung des Kriegszustandes folgenden Armeebefehl erlassen:
Das russische Millionenheec geht daran, die gegen die Monarchie erhobenen Waffen niederzulsgen. Ich will diese Stunde nicht ohne ein Gedeukwort an meine Wehrmacht vorübecziehen lassen. Ich blicke vor allem, rückschauend auf die schweren Wochen, in denen Österreich-Ungarns Streitkräftc, geleitet von den Segenswünschen meines unvergeßlichen Großoheims, fast der ganzen Wucht des ersten russischen Stucms zu widerstehen hatten. Alles, was sich im treuen Zusammenwirken mit unseren Verbündeten später erfüllte, es zog seine Urkraft aus jener Feuerprobe. Zum Frühling von Gorlice und Tarnow bedurfte es der schmerzlichen Blutsaat, welche der erste polnisch-galizische und der erste Karpathenwinter in die Erde gesenkt hatte. Die Wiedereinnahme Lembergs, die Eroberung von I w a n - g o r o d und B r e st und die Abwehr von 1916, deren siegreichen Ausklang ich als .Heerführer inmitten meiner Getreuen verbringen konnte, alle diese Erfolge wären ohne den Schwung und Ovfermut jener Anfangsperiode kaum zu denken. Ter große russische Zusammenbruch erhielt seinen ersten Anstoß am S a n und D u n a j e c. Diese Erkenntnis wird für alle Zeit zu den glänzendsten Überlieferungen der vaterländischen Geschichte gehören. Noch :'t die Stunde nicht da, in der ich meine Kriegsleute an den häuslichen Herd zurückrufen kann, aber die Heimkehr wird kommen, und dann mögen meine Völker aus den erhebenden Erinnerungen an die Ruhmestage ihrer Söhne die Kraft zum Wiederaufbau und zu neuen Gedanken schöpfen.
Gott sei mit uns! Karl in. p.
Oer Warenbezug aus der Ukraine.
Br. Budapest, 15. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Heute begaben sich der Handelsministec S e r e n y i und der Minister für Volksernährung Fürst Windisch-Grätz nach Berlin, um dort die Ernährungsfragen mit den zuständigen deutschen Stellen zu verhandeln. Gleichzeitig mit der Reise dieser Minister begaben sich auch Vertreter der ungarischen, österreichischen, türkischen und bulgarischen Regierungen nach Berlin, um an den Verhandlungen über den Warenbezug aus der Ukraine teilzunehmen. Die Konferenz in Berlin findet am Samstag statt. Ein Teil der Konferenzteilnehmer wird sich dann über Warschau nach der Ukraine begeben.
Immer gröhere Schwierigkeiten für die deutsche Uommifsion in Petersburg.
W. T.-B. Berlin, 15. Febr. (Drahtbericht.) Die Tätigkeit der nach Petersburg entsandten deutschen Kommission stößt in der letzten Zeit auf immer größere Schwierigkeiten. Unterredungen mit maßgebenden Persönlichkeiten, ohne di« nach Loge der derzeitigen Verhältnisse in Petersburg ein Fortaairg der Verhandlungen nicht zu erzielen ist, werden den Mitgliedern der deutschen Kommission dadurch unmöglich gemacht, daß die russischen Volkskommissare, insbesondere Lenin und T r o tz k y, andere dringende Geschäfte vor- schützen. Bald ergeben sich diese, bald jene Gründe für die Verzögerungen der Verhandlungen. Nachdem sich nun in den letzten Tagen auch noch der schwerwiegende Fall ereignet hat, daß die russische Regierung eine von ihr gegebene Zusage am nächsten Tag wieder zurückgenommen hat, entsteht die ernstliche Frage, ob die weitere Anwesenheit der deutschen Kommission in Petersburg unter den derzeitigen Verhältnissen noch Zweck hat.
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Rumänien und die Mittelmächte.
Br. Berlin, 15. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Zwischen dem Viecbund und den rumänischen Unterhändlern haben, wie wir gören. eigentliche Verhandlungen noch ntcht begonnen. Man ist zunächst noch im Stadium der Vorbesprechungen, die sich noch einige Tage lang hinziehen können. Zweck dieser Besprechungen ist natürlich auch. Klarbeit über die weiteren Absichten Rumäniens zu schaffen. Sollte eine Grundlage für die Verhandlungen sich ergeben, so würde möglicherweise Herr v. Kühlmann zur Teilnahme an ihnen nach Bukarest fahren.
Radoslawow zur Lage.
Br. Berlin, 14. Febr. (zb.) Der bulgarische Ministerpräsident R a d o s l a w o w , der sich zurzeit zwecks Besprechung von politischen Fragen in Berlin aufhält, äußerte sich einem Mitarbeiter der „Voss. Ztg." gegenüber über die letzten Ereignisse aas dem Gebiete der auswärtigen Politik. Den Friedensvertrag mit der Ukraine bezeichnete er als den Auftakt zu einem kommenden Weltfrieden. Über die Verhandlungsweise Trotzkhs in Brest-Litowsk sagte Radoslawow: Vor meiner Abreise von Sofia nach Brest- Litowsk hatte sich in rnir auf Grund urkundlicher Taffachen die Überzeugung festgesetzt, daß die Bolschewisten nicht gewillt sind, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen. Der Bolschewismus ist nicht nur eine Gefahr für Rußland, sondern weiterhin eine gesamteuropäische, letzten Endes sogar eine Weltgefahr. Trotzky ist offenbar schon mit der Instruktion nach Brest-Litowsk zurückgekehrt, nicht zu unter.
