Verlag Langgaffe 21
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Mittwoch. 13. Februar 1918.
Morgen-klusgabe.
Nr. 73. . 66. Jahrgang.
Ein unmöglicher Zustand.
Nach der guten und sachlichen Erledigung unserer Verhandlungen mit der Ukraine haben wir durch Herrn Trotzky eine Überraschung erfuhren. Er hat plötzlich erklärt, daß Rußland unter Verzicht auf die Unterzeichnung eines formellen Friedensvertrags den Kriegszustand mit Deutschland und dessen Bundesgenossen für beendet erklärt und daß gleichzeitig der Befehl der völligen Demobilisierung der russischen Streitkräfte erteilt worden ist. Im ersten Augenblick konnte man — und das waren wir denn auch alle — über diese Wendung der Dinge erfreut sein, und wir wollen auch gar nicht leugnen, daß wir die neue Formel des Herrn Trotzky als ein Ergebnis zu unseren Gunsten, vielleicht sogar zugunsten eines Friedensschlusses mit Rußland verbuchen dürfen. Andererseits freilich können wir uns den großen Bedenken, die der neuen Lage an- haften, nicht verschließen. Daß Herr Trotzky irgend einen weithin wirkenden S ch a ch z u g unternehmen würde, um dem schweren und doppelten Druck des ihm von uns auferlegten Ultimatums und des Friedensschlusses mit der Ukraine sich zu entziehen, war zu erwarten. Es wäre aber politisch sehr kurzsichtig, wollte man nun diesen Schachzug als eine ehrliche und dem Wortlaut nach gemeinte Tat bewerten. Was Herr Trotzky vorschlägt, ist ein völkerrechtliches Monstrum; es gibt Krieg und es gibt Frieden, es gibt auch einen Zustand zwischen Krieg und Frieden, das ist nämlich der Zustand, während dessen die Waffen ruhen und über den Frieden verhandelt wird. Aber es gibt keine definitive Beendigung des Kriegszustandes ohne Aufrichtung eines neuen Friedenszustandes. Was so entstände, - wäre ein Vacuum, von dem niemand zu sagen vermöchte, nach welchen Güehen es funktionierst und welche Möglichkeiten ihm innewohnen. In ein« derartige Unsicherheit und Unübersichtlichkeit können wir uns unmöglich hinsinbegeben. Das andere aber, womit Herr Trotzky uns oder wohl richtiger unser Volk ködern will, ist noch weniger wert. Er will die russische Armee endgültig demobilisieren. Er scheint zu vergessen, daß diese Armee bereits seit Wochen und Monaten sich so endgültig in der Auflösung befindet, daß sie heute nur noch ein leerer Begriff ist. Wir haben schon seit langem nicht mehr mit ihr gerechnet, und wir werden auf absehbare Zeit hinaus mit ihr nicht zu rechnen haben. Das Geschenk, das» uns Herr Trotzky so entgegenbringt, ist also von vornherein wertlos, rmd bestenfalls eine Bestätigung des Zustands, den unsere Armeen schaffen. Solche Anerkennung aber haben wir gar nicht verlangt, einfach darum nicht, weil alle Welt den Tatbestand richtig einschätzt. Herr Trotzky freilich mag ein gewisses Interesse daran haben, die schöne Vokabel von der völligen Demobilisatian aus deni Munde zu stoßen, denn wir können uns loohl denken, daß Millionen der russischen Bevölkerung höchst unwillig darüber sind, daß ein endgültiger Friedensschluß nicht zustande kommt. Diese Unwilligen, von denen vielleicht über Nacht Herrn Trotzkys blutgetränkter Diktaturthron umgestoßen werden könnte, will Herr Trotzky füttern. Wir haben keine Ursache, ihm dabei behilflich zu sein. Und dies um so weniger, als die weitaus greifende Gebärde, mit der Herr Trotzky angeblich in überströmendcr Friedensbereitschost das Herr nach Hauke schickt, eine Gefahr verbirgt, hie uns recht unbeguem werden könnte. Es ist nämlich ohne weiteres klar, daß sehr unbekümmert um dre ^genannte völlige De- mobilisation die Rote Garde und all die übrigen maximalistischen Raubhorden unter den Waffen bleiben werden, um so wie bisher die russischen R a n d v ö l k? r. die zur Selbständigkeit streben, zu vergewaltigen. Nun aber könnte es sehr wohl sein — das haben wir schon an einem Appell der estländischen Ritterschaft gesehen — daß eines Tages diese von den marimalistischen Greueln heimgefuchten Völker uns um Hilfe anruken. Es liegt sogar sehr nabe, daß di« Ukraine, gegen die die demagogische Wut des Herrn» Trotzky nach dem mit uns vollzogenen Friedensschluß lebhaft anffchäumt, dies tut. Würden wir dann, wozu wir uns nicht nur politisch,^ sondern auch menschlich verpflichtet fühlen müßten, Hilfe senden, so würde der schlaue Herr Trotzky Entrüstung mimen und die Entente zum Zeugen anrufen, wie frivol Deutschland und dessen Bundesgenossen den Frieden, den er durch seine Demobilisation begründet habe, um- stoße. Auch zu dergleichen Schiebungen wollen wir Herrn Trotzky kein Sprungbrett schaffen.
Demgemäß, der Zustand, den Herr Trotzky uns auf- nöftgen möchte, ist ganz gewiß aut die Dauer genau besehen aber überhaupt unmöglich. Das Entweder- Oder, das wir den Maximalsten während der letzten Brester Verhandlungen, und zwar von Rechts wegen so «che wir irgend möglich an den Leib gerückt haben.
können wir nicht durch phrasenhafte Erklärungen umstoßen lassen. Entweder inacht Herr Trotzky mit uns einen regulären Frieden, oder er will den Krieg. Mr möchten aber glauben, daß ihm folcf* Mangel an politischer Einsicht, besonders nach dem loyalen Vorbild, das imsere Friedensfindung mit der Ukraine aufgerichtet hat, nicht gerade das Vertrauen seiner Völker sichern wird. _.
Rußland und Deutschland.
(Von unserer Berliner Abteilung.) h. Berlin, 12. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Reichskanzler Graf Hertling und Staatssekretär des Auswärtigen Amtes v. Kühlmann sind heute vormittag in das Große Hauptquartier obgereist, um dort mtt dem Kaiser und oem Generalfeldmarschall v. Hindenburg über die Lage zu beraten, die sich aus den Erklärungen Trotzkys uiw.. dem Abbruch der Verhandlungen von Brest- Litowsk ergeben hat, sowie über die Maßnahmen, die mrg«- sichiS dilser Lage seitens der Verbündeten zu ergreifen sind. Die Sitzung in Brest-Litowsk, in der der Vorsitzende der russischen Delegation seine merkwürdige Erklärung über die einseitige Beendigung des Krieges adgab, dürste wohl vorläufig die letzte Fviedensbesprechung mit den Russen gewesen sein, denn die Delegierten haben Brest- Litrwsk verlassen, ohne daß irgendwelche Abmachungen über weitere Verhandlungen getroffen worden wären. Es war selbstverständlich, daß die Bevollmächtigten der Zentralmächte zn den alle Teilnehmer vollkommen überraschenden Ausführungen Trotzkys ohne weiteres keine Stellung nehmen konnten. Sie waren von ihren Regierungen wohl dazu befugt, einen Frieden abzuschließen, aber die so plötzlich neugeschaffene Lage hätte zum mindesten eine Beratung der Delegierten untereinander erfordert. Herr Trotzky hat es offenbar abgelchnt, in Brest loeiter zu verhandeln, denn in seiner Erklärung verweist er auf den Weg des unmittelbaten Verkehrs oder auf die Petersburger Kommissionsverhandlungen. Demgegenüber müssen wir jedoch betonen, daß wir es bereits einmal abgelehnt haben, uns von der ruffischen bolschewistischen Regierung Vorschriften darüber machen zu lassen, w o wir verhan- dclri wollen. Von unserer Seite werden, falls der Petersburger Regierung daran liegen sollte, die Verhandlungen wieder anfzunehmen, in wohlwollendster Weise alle Vorschläge, auch die, an einem anderen Ort weiter zu beraten, geprüft werden, denn es wäre durchaus denkbar, daß die Großruffen nicht in einer Stadt weiterberhandeln wollen, die jetzt zu dem Gebiet 'der ukrainischen Volksrepublik gehört. Aber darüber muß man sich in Petersburg klar sein, daß es nach wie vor für uns ganz ausgeschlossen ist, an einem neutralen Ort, umgeben von einem ganzen Spionagell nd Jntrigennetz der Entente, die Besprechungen fortzuführen. Auchl in Petersburg weiter zu verhandeln weiden wir auf das bestimmteste ablehnen, um so mehr, als die Verhältnisse in der russischen Hauptstadt sich nachgerade derart entwickelt haben, daß für die notwendige persönliche Sicherheit der sich dort Aufhaltenden kann: noch irgendwelche Garantie von der Regierung übernommen werden kann. Wir können heute auch mitteilen, daß die Absicht besteht, wenn nicht eine vollständige Änderung der Lag« eintritt, die jetzt noch in Petersburg weilende Kommission der Zentral- mächte abzuberufen. Was aber die fetzt geschaffene diplomatische Lage anbetrifft, so hat Herr Trotzky mit , seiner Erklärung sich und d:e russische Regierung g e b u n - ^deii. unter Verzicht auf die formelle Unterzeichnung eines Vertrages, den Kriegszustand zu beenden und die Demobilisierung der russischen Armee durchzufüh-ren. Wir haben zu dieser Erklärung bis jetzt keine Stellung genommen, ja überhaupt -nickt nehmen können. Wir baben vollkommen freie Hand in allen Entscheidungen Rußland gegenüber. Wie rnücher dre augenblickliche Lage ist und wie wenig Wert man auf die Erklärung Trotzkys legen kann, beweist ein Fnnk- sprrrch. in dem der russische Oberbefeblshaber Krhkenko, dessen angebliche Gefangennahme durch polnische Truppen sich nicht zu bewahrheiten scheint, in Gemeinschaft mit dem Mitglied des obersten Kollegiums, Florowski, den russischen Soldaten Mitteilung vom Demobilisationsbefehl gemacht hat. Der Funkspruch schloß mit der Aufforderung, Disziplin zu wabren und durch keine Ausschreitungen die. Friedensseier zu stören. Drei Stunden danach aber erging ein neuer Befehl Florowskis, die Verbreitung dieser Mitteilung einzustellen, alle" den russischen Soldaten Mitteilung vom Demobili- tationsbefehl gemacht hat. Der Funkspruch schloß mit der Aufforderung, Disziplin zu wahren und durch keine Aus- cchreitungen die Friedensfeier zu stören. Drei Stunden danach aber erging ein neuer Befehl Florowskis, die Verl »itungdieserMitteilung einzu st eilen.
Die Beurteilung der Lage bei unseren Verbündeten.
W. T.-B. Budapest, 12. Febr. (Drahtbericht.) Die Blätter geben ihrer freudigen Genugtuung über den Eintritt des' Friedenszustandes mit Rußland Ausdruck. „Pester Lloyd" schreibt: Zu der Erklärung des Herrn Trotzky in Brest-Litcwsk ist keine Gegenerklärung unserer Delegationen gemeldet Das kann nur bedeuten, daß wir uns gegenüber Rußland auch durch die Erklärung der russischen Delegation
nicht gebunden erachten. Wir müssen uns frage», welchen Grund die Petersburger Regierung haben kann, zwischen der Beendigung des Kriegszustandes und dem regelrechten Friedensschluß eine Lücke eintreten zu lassen. Dre Antwort auf diese Frage fiihrt auf die Möglichkeit hin, die den Friedenmit derUkraine nicht Verhindern kennte, aber ihren Versuch, ihn zu verhindern, deutlich genug verraten hat, sich vielleicht mit der Absicht trägt, ihn wenigstens nachträglich an einer Auswirkung zu verhindern. Wir müssen freie Hand behalten gegenüber etwaigen Versuchen, die Beziehungen zwischen uns und dem ukrainischen Rachbar durch Gen-alt oder im Krieg zu stören. — „Magyar Hirlap" bringt über den Frreden einen Arttkel aus der Feder des Grafen Julius Andrassh, der sagt: Es ist von besonderem Wert, daß der russische Friede nicht mit Beziehungen auf die Balkanstaaten verknüpft ist. Denn dies bedeutet die endgülttge Liquidation der zaristtschen Polittk in den Balkanstaaten und den Verzicht auf den Anspruch, daß die Politik der Balkanstaaten von Petersburg aus dirigiert werde. Das einzige, was unsere Freude trübt, ist, daß man bei allen Tatsachen, die Rußland betreffen, ein großes Fragezeichen machen kann.
W. T.-B. Konstantinopel, 12. Febr. (Drahtbericht.) Alle türkischen Zeitungen begrüßen den Friedensschluß mit der Ukraine mtt Genugtuung und heben die wirtschaftlich« Bedeutung des Vertrags hervor.
Der Eindruck im neutralen Kurland.
W. T.-B. Amsterdam, 12. Febr. (Drahtbericht.) Der Friedensfchluß mit Rußland, der heute vormittag durch Exttaausgaben der Zeitungen bekannt wurde, hat hier ida-s größte Aufsehen erregt und wird in der ganzen Stadt lebhaft besprochen. Die RachmittagSauSgaben der Blätter enthalten -lange Artikel über den Friedensschluß. „Algemeen Handelsblad" schreibt: Die rasche Einigung mit der Ukraine muß auf die russische Regierung tiefen Eindruck gemacht haben. Es ist jetzt klar, daß die Entente vom Osten nichts mehr zu erwarten hat. Rumänien kann jetzt, wo die Länder, an die es grenzt, den Kampf aufgegeben haben, allein nicht den Krieg fortsetzen. Der Kampf im Osten ist beendet. Der Sonderfriede ist zu« st and egekom m e n. Da? ist der Anfang vom Ende bei Weltkriegs. — „Tijd" schreibt: In Deutschland tagt cs im Osten, Deutschland ist jetzt ander Ost grenze frei. Was -das zu bedeuten hat, werden die nächsten Wochen sich der Entente wahrscheinlich in erschreckender Weise zeigen.
W. T.-B Bern, 12. Febr. (Drahtbericht.) Das „Berner Jrttellig-enzblatt" schreibt unter der Überschrift: Frieden im Osten — Wirklichkeit! Aus den langen Erklärungen Trotzkys ging die ' Absicht auf Verschleppung hervor, wenn nicht gar die Verhinderung einer friedlichen Verständigung. Von dem Augenblick «des Hin- überspielens der revolutionären Absichten nach Deutschland, war die Heftung der deutschen Deleyattou gegeben. Man muß die Beherrschung, die sich v. K ü h l m a n n auferlegt« bis zum letzten Tag, nur bewundern, denn ihm konnte der Ausgang bis zum letzten Augenblick nicht mehr zweifelhaft sein. Man rechnete in Deutschland in offiziellen Kreisen sicherlich mtt der Möglichkeit eines vollkommenen Bruchs. Mit dieser Erledigung -des Ostens setzten die Mittelmächte den S chl u s; p u n k t hinter ihren größten Erfolg in,diesem Krieg. Aus einer ständig drohenden Gefahr eines kampfbereiten Groß-SlawenreichS ist ein Konglomerat von mittelgroßen demokrattfchen, auf lange Zeit hinaus mtt sich selbst beschäftigten Staaten geworden." deren Vielfarbigkeit die Schließung des Ringes um Mitteleuropa, wie Eduard VH. ihn mtt dem Zaren formte, unmöglich macht.
Wilsons Rnlworl.
A. G- Haag. 12 Febr. (Eig. Drahtbericht, ch,) Wilson hat heute im Krnoreß eine Antwort aus die Reden Hertlings und Czernins gegeben. Er sindet Hertlings Erklärung unklar und verbittert.' die l> ; c r n i u s freundlich. Czernin scheine die Basis für einen Frieden erkannt zu haben. Gras Hertlings Antwort sei vage und sehr verwirrend. Tie Methode, die er Vorschläge, sei die Methode des Wiener Kongresses. Man könne und wolle darauf nicht mehr zurückgeben. Nur wenn die schwebenden Probleme auf eine selbstlose und gerechte Weise behandelt werden und die Wünsche und natürlichen Bedingungen sowie internationalen Aspirationen befriedigend gelöst werden, kann ein dauerhafter Friede znstandekommen. Diese Probleme können nicht s e p a » r a t oder in besonderen Gruppen besprochen werden. Dieser Krieg habe seinen llriprunx in der Verletzung der Rechts der k l«i n e n R a t i o n c n Es müßten jetzt Übereinkommen gettoffen werden, die derartige» für die Zukunft unmöglich machten. Gras Hertling uimichc dies durch Verhandlunqe'i von Macht zu Macht zu erreichen, er wünsche aber zugleich d,e Grundlage des Industrie- und HardclSltbens durch ein gemeinsames Abkommen gesichert zu sehen Ter deutsche Reichskanzler könne doch nicht verlangen, daß ihm auf dem eine» Gebiet der Vorteil eines allgemeinen Ab- klmmens zngebilligt werde, ohne für das anders Gebiet den Weg deS allgemeinen Übereinkommens ebenfalls emzuschlagen.
Di« Prinzipien, die beim Friedensschluß angewandt werden müßten.
seien:
1 daß jeder Teil der definitiven Lösung basiert sein muß auf gerechter Entscheidung über jeden Einzelsall und auf einer Regelung, di« di« meisten Chancen für einen dauerhafte» Frieden bieten,
