Verlag Langgaffe 21
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Sonntag, .10. Zebruar 1918.
Morgen-Ausgabe.
Nr« 69. ♦ 66. Jahrgang.
Der zriedcirsjchlutz mit der Ukraine.
(Von unserer Berliner Abteilung.!
I-. Berlin» 9. Febr. (Eig. Draptbericht. zb.i Die Nachrichten. die während der letzten zwei Wochen ans Breft-Litowsk über die Entwicklung der Frisdensbesprechungen mit den ukrainischen Delegierten von der deutschen Presse veröffentlicht wurden, ließen zwar ein günstiges Ergebnis erwarten, der tatsächliche Abschluß des Friedens, der nun, heute nacht erfolgt ist, konnte indessen weiteste Kreise einigermaßen überraschen. Der schnelle Gang der Verhandlungen und der Abschluß zeigen aber auch aller Welt,, daß es sticht an uns l.egt, wenn die Unterhandlungen mrt der russischent, Delegation sich bis jetzt nur ergebnislos hingeschleppt haben. Bei der Ukraine lag vor allem der gute Wille vor, zu einem cl-rkichen und dauerhaften Frieden zu gelangen. Auf '< beiden Seiten wünschte man aufrichtig, dem sinnlosen Morden ein Ende zu bereiten. Daher konnte der Erfolg nicht aus,-- bleiben. Damit diese Verhandlungen zu einem günstige^ Ende gebracht werden konnten, sind gegenseitig in den verschiedenen Fragen Zugeständnisse gemacht weiden. Die Schwierigkeiten, die sich auf territorialem Gebiete ergaben, konnten dank dem weitgehenden Entgegenkommen Österreichs in der.Ruthe nenfrag 2 und dank der loyalen Haltung der Ukraine gegeichber den auf klein- russischem Gebiet wohnenden Polen schnell und befriedigend gelöst werden.- Erst der Wortlaut des Friedensvcrtrags wird uns Klarheit über die einzelnen Abmachungen geben können. Aber aus den Verhandlungsbecichten können wir schon jetzt so viel sagen^ daß, wenn auch besondere Überraschungen nicht zu erwarten sind, dieser erste Friede für uns durchaus ' g ü n st i g beurteilt Weeden muß.
.Ans Grundlage der gegenseitigen.Beziehungen, die sich sortE-in. vollkommen freundschaftlichem Sinne abwickeln sollen, ist man zur Regelung des künftigen Handelsverkehrs gekommen. Hier liefen wohl vor allen: die beiderseitigen Interessen zusammen. - Die Prodilktions- verbältniffe beider Parteien geben ja, der AuStauschmögl-chkeit weiteste!' Spielraum und "von einer ’e t tt ft I i4) e tt K o'I l t V s: 0 n der Interessen konnte auf diesem Gebiete kaum die Rede sein. Die Ukraine mit ihrer gewaltigen Getreide- v. r 0 d u k t i 0 n, die mehr als ein Drittel der russischen Ge- üiintprodukiion beträgt, mit ihren Kohlenlagern am Don, ihrer großen Tabak- und Z u ck e r spn d u st r i e. diirch die sie ganz Nordrußland von sich abhängig macht, bedarf der d e u 1 s ch e n M a s ch i n e n i n d u st r i e und Fertig- fubrikate zur restlosen Ausnützung ihrer Rohstosflagcr aufs dringendste, während andererseits Deutschland und seine Verbündeten diese erste Durchbrechung der englisch e n. B1 0 ck a d e begrüßen werden. Freilich ist nicht sogleich eine wesentliche Hilse von seiten der Ukraine zu erwarten. Die dortigen Zustände erlauben keine sichere Feststellung, was au Lebensmitteln dort jetzt vorhanden ist und was für den Austausch in Betracht kommt. Ob die großen Lebensmitteldcpots. von denen so viel gesprochen wurde, noch brstebeu. entzieht sich unserer Kenntnis. Leider ist wahrscheinlich vieles der Zerstörung zum Opfer gefallen; sollten aler dock noch Vorräte vorhanden sein, so bestehen große Transport sch wierigkeiten. Bahnen sind fast gar rächt vorhanden oder sse bedürfen dringend des Ausbaus. Auch der Schiffahrtöverkehr ist Infolge mangelnden Schifss- raum.s und Mincngefabr im «chwarzen Meer fast völlig unterbunden. Immerhin wird man mit Ruhe die Regelung der Verhältnisse nach einem solchen Ergebnis abwarten können, und auch rm gegnerischen Lager wird man diesen Erfolg der deutschen und österreichischen Politik nicht zu unterschätzen wagen.
Der erste Staat, der mit Deutschland Frieden schloß, verfügt über ein Volk von 35 Millionen, über ein Gebiet, das in Rußland 605 000 Quadratkilometer umfassend, .das Areal des Deutschen Reiches von 504 000 Quadratkilometer um ein halbes hundert Quadratkilometer ülertrifft. Das Land ist reicher, das Volk entwicklungsfähiger als die Großrussen. Wir wiesen schon auf den gewaltigen Bergbau und die ertragreiche Landwirtschaft der Ukraine hin. auch an ihre großen N a pH th a q u e l l e n mag erinnert sein. Vor allem darf man aber ihre handelspolitische Bedeutung nicht vergessen, die Stellung, die sie durch den Hakdn Odessa im künftigen Verkehr auch im Schwarzen Meer und mittels ihrer Lage zwischen Westeuropa und Asten kür den ganzen Handel nach dem fernen Osten einnehmen wird. Über die Ukraine führt ja der nächste Landweg von Asien nach Deutschland. Daß wir diesen zu- ftinftsreichen Staat nach dreijähriger Kriegführung als ersten Freund gewonnen haben,, mag uns bei den ferneren schweren Kämpfen mit den anderen unbelehrbaren. Feinden ein hoffnungsvolles Zeichen, ihnen eine Warnung sein.
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Der Eindruck in verlin.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
L. Berlin, 6. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Es ist selbstverständlich, daß der Abschluß des Friedens mit der Ukraine alle anderen Ereignisse weit in den Hintergrund treten läßt und die gesamte Berliner Presse am heutigen Abend ausnahmslos beherrscht. Alle Zeitungen konstatieren mit Befriedigung diesen Erfolg der deutschen Diplomatie, durch den der eiserne Ring, den die Entente 1 » uns gelegt hat, am einer Stolle gesprengt worden K. *
Die „Boss. Zig." sieht in dem Abschluß des Friedens ein Zeichen unserer Stärke, meint aber dann zurückhaltend, was unsere Diplomaten in dieser Angelegenheit geleistet bähen, werden wir erst beurteilen können, wenn uns die E i n- zelh eiten des Friedensschlusses und seine weiteren Folgen bekannt sein werden. Das Blatt kommt aus die Gegnerschaft zwischen den B 0 1 s ch e w i k i und der Ukraine zu sprechen und meint, wir müßten darüber klar sein, daß der Friedensfchluß mit der Ukraine eine wirkliche Bedeutung nur dann erfüllte, wenn er, gleichgültig auf welchem Wege, zum Frieden mit dem ganzen bisherigen Rußland führt. Dieses Ziel müssen wir fest im Auge behalten, wenn >e Errungenschaft von Brest-Litowsk einen wirklichen und ^.dauernden Wert erhalten soll.
: Das „Berliner Tagebl." hält es für wahrscheinlich, daß ,,
die wirtschaftlichen Fragen, insbesondere die Abmachungen' über einen geregelten Güteraustausch, noch in einem besonderen Schriftstück, außer dem Friedensvertrag, behandelt werden, warnt aber vor übertriebenen Hoffnungen bei uns.
Der „Lokal-Anzeiger" sagt' Die Ukrainer hätten diesen Frieden als verständige Realpolitiker abgeschlossen.
Die „Bert. Börsenztg." schreibt: D:e Wirkung des Friedens werde doch schon m ihrer moralischen Bedeutung gemäß aus der ganzen Welt eine rilchb zu unterschätzende sein und hoffentlich bei uns selbst auch inner* politisch sich nützlich erweisen.
Eine holländische Presseimüerung.
Vv. Rotterdam, 9. Fror. (Eig. Trahtbericht. zb.) Die Nachricht, wonach der Friede zwischen dein Vierbund und der ukrainischen Volksrepublik heute früh 2 Uhr in Brest-Litowsk unterzeichnet wurde, wurde von dem „Nieuwen Rotterd. Courant" sofort als Extrablatt verbreitet und ruft lebhafte Befriedigung hervor.
Noch keine näheren Nachrichten.
L. !Ber%, 9. Febtz. ' '«5ü, -DrahtverOg. üb.) Wie wir hören, liegen an den hiesigen zuständigen Stellen über den Abschluß des Friedens mit der Ukraine noch keine näheren Nachrichten vor. Infolge der Störung des telephonischen und telegraphischen Verkehrs, die nicht in dem Gebiete der Reicbspost, sondern in der Etappe sich -befinden, ist nur ein Draht vorhanden, um den Verkehr zwischen Berlin und Brest-Litowsk zu vermitteln.
Di« Isolierung Erotzstqs.
Eine bereits teilweise einqetretcne holländische Vermutung.
— Haag, 9. Febr. (zb.) Die holländische Presse ist bei der Besprechung der Brester Verhandlungen darin einig, daß die Mittelmächte jetzt Trotzky einfach isolieren und zum Friedenöschluß mit der U k rai ne und ge ge be n e n fa l l s mit Rumänien schreiten werden, ein Schritt, der allgemeine Anerkennung in Holland finden würde.
Berliner Stimmen zu Trotzkhs Verschleppungstaktik.
— Berlin, 9. Febr. (zb.) Zu den neuen Verhandlungen in Brest-Litowsk sagt die „Post": Es wird deutsch gesprochen. — Die „Deutsche Tagesztg." überschreibt ihre Berichte: „Deutscher Protest gegen Trotzkhs Verschleppungstaktik." — Ter ,B. L.-A." sagt: Herr Trotzky ist auf dem besten Wege, die Verhandlungen zu einem leeren Firlefanz herabzuwür- dipen. Dasselbe Spiel, das er mit der Ukraine im vorigen Monat spielte, wiederholt er jetzt mit Polen, nur mit dem Unterschied, daß damals schon sine geordnete Vertretung der Kiewer Rada zur Stelle war. während die Ansprüche Polens auf Teilnalme an den Friedensoerhandlungen bis jetzt grade an dem Widerspruch des rassischen Volkskommissars gescheitert sind.
Die Aussichten der we'tsren Verhandlungen in Vreft-Litowsl».
1. Berlin 9. Fein <Lig. Trahtbericht. zb.) Was die Aussichten anbelristt, zu einem Frieden mit ganz Rußland nt kommen, mutz leider gesagt werden, das- noch immer keine Fortschritte bei den Vertändlungen init den Delegierten der Bolsche- wiki-Regierung erzielt weiden konnten. Die Russen bleiben bei ihrem allen Sbslein, durch theoretische Erörterungen die Versprechungen zu verschleppen und ein Eingehen auf den Kernpunkt der FiüteniHagen zu rernemen. Auch die Stellung der Rumänen muß vorläufig als unsicher bezeichnet werden.
Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.
W. T.-B. Wien, 9. Febr. lDrahtbericht.) Amtlich verlautet vom 9. Februar, mittags:
Keine Kampfhandlungen von Bedeutung.
Heute, 2 Uhr vormittags, wurde in Brest-Litowsk der Friede mit der ukrainischen Republik abgeschlossen. Der Chef des Gcneralstabes.
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Die italienischen Sündenböcke.
W. T.-B. Rom, 9. Febr. (Trahtbericht.) In Verfolg'der über die militärischen Vorgänge Ende Oktober vorigen Jahres eingeleireten Untersuchung hat
der Minisierrat entschieden,-daß die Generale Cad 0 r na.
P 0 r r 0 und C a p e l l 0 weiterhin zur Verfügung des Kriegsministeriums bleiben sollen. Zur Teilnahme an dem Ausschuß des obersten interalliierten Kriegsrats in Versailles hat der Ministerrat General Gaetano Giardino, den früheren Kriegsminister und jetzigen Unterchef des Generalstads des General Diaz, abgeordnet.
Tie italienischen Gebietsansprüche.
Lugano, 9. Febr. (zb.) Die „Tribuua" gibt, angeblich aus Grund sicherer Mitteilungen, den die italienischen Ge bietsansprüche betreffenden Teil des in Paris vereinbarten Entente-Programms wieder Italien soll danach die militärische und diplomatische Unterstützung der Verbündeten zur Erreichung seiner natürlichen Grenzen in den Rätischen und Fulischen Alpen sowie im Nordteil der Adria erhalten.
Nie Zukunft der vallanhalbinsel.
Es war gewiß ein taktischer Fehler, daß Graf Hertling in seiner Rede im Hauptausschuß des Reichstags Bulgarien nicht erivahnte. Nur ein taktischer Fehler war es, denn daran braucht niemand in Sofia zu zweifeln, daß die bulgarisäien Forderungen bei uns die bereitwillige Unter- st ü tz u n g finden, die ihnen in Anbetracht ihrer Mäßigung und _ ihrer Notwendigkeit gebührt. Bulgarien verlangt nichts, was ihm nicht zukommt, es verlangt die D 0 b r u d s ch a bis zur südlichen Donaumündung, sodann Mazedonien und das Mörawatal. Es will eine unmittelbare Landgrenze mit Ö st erreich-Ungarn haben, es begehrt eine größere Ausdehnung an der Küste des Ägäischen Meeres, und wenn es somit sein Augenmerk auf die Häfen Drama, S e r e s und K a w a l l.1 richtet, so braucht daraus kein unheilvolles Zerwürfnis mit Griechenland zu folgen; denn die. Bulgaren denken sich eine Entschädigung Griechenlands in der Weile möglich, daß die Grenze dieses Staates längs des Adciatischen Meeres beträchtlich nordwärts vorgeschoben wird, daß also Südalbanien in den griechischen Bereich zu fallen hätte. Das sind Lösungen und Vorschläge, zu denen man in den Mittelmächten vielleicht noch nicht endgültig Stellung genommen hat, von denen jedoch gesagt werden kann, sie sind doch wohl eine brauchbare Grundlage für die spätere Neuordnung der Verhältnisse im Südosten. Auch das braucht uns gewiß nicht gegen den Strich zu gehen, daß in Sofia die serbische Frage verständnisvoll betrachtet wird, und daß demgemäß zur Erwägung gestellt wird, ob nicht Serbien, das in seinem Nordosten wie im Südosten Opfer zu bringen haben wird, ebenfalls entschädigt und dauernd beruhigt werden könnte durch seine Vereinig» mg mit Montenegro und durch Überlassung eines Hafens südlich von der Adria. Es ist der bulgarische Gesandte in Berlin selber, der kluge Dr. R i z 0 w, der in seinem grundlegenden Buche über die Bulgaren und in dem beigefügten umfangreichen Atlas diesen Wunsch nach Verständigung mit Serbien aus- drückr. Sollte sich jetzt gar die Möglichkeit darbieten, Rumänien für die Abtretung der Dobrudjcha durch Beßarabien schadlos zu halten, io wäre vollends der Weg gezeigt, aus dem eine Ausgleichung der Gegensätze auf der Balkanhalbinsel durchgeführt werden könnte. Die Möglichkeit, einen Balkanbund auf neuer Grundlage zu errichten, wäre gegeben, und dieser Bund würde wesentlich stärkere Sicherheiten als jener enthalten, der vor bald sechs Jahren das Vorspiel zum Weltkriege bedeutete.
Warum ist nun aber den Bulgaren nicht laut und deutlich vom Grasen Hertling gesagt worden, daß wir in allem Wesentlichen zu ihnen halten? Wie gesagt, es ist schlechterdings kein Zweifel daran zulässig, daß unsere Politik gerade diese Bahnen, die hier kurz skizziert worden sind, für die zuträglichsten auch vom deutschen Interessen st aridpunkte aus halten muß. Warum also, so darf man erneut ftagen, wird eine Gelegenheit, uns freudigste Sympathien zu erwerben, ungenutzt gelassen. Wie anders würden englische oder französischeStaatsmänner bei einer solchen Gelegenheit ihre Dankbarkeit gezeigt haben, indem sie sie breit und ausgiebig verwertet baben würden! Jetzt muß hinterher begütigt und beschwichtigt werden, und das wird ja hoffentlich arrch mit den: wünschenswerten Erfolge geschehen, schon veil man sich in Sofia gar nicht vorstellen kann, daß die Dinge in Berlin anders als dort angesehen werden: schade bleibt es aber doch, daß sich hier wieder einmal einer jener leidigen Z w i s ch e n f ä I l e ereignet bat. an denen die Geschichte unserer Diplomatie fo unangenehm reich ist. Der bulgarische Gesandte in Berlin wird ohne Zweifel wissen, daß sich seine Landsleute unnötigerweise Sorgen wegen der Stellung Deutschlands zu den bulgarischen Kriegszrelen gemacht haben; seine Regierung wird er überhaupt nicht erst zu beruhigen gehabt
