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Samstag, 9. Zebrrrar 1918.

Etwas vom Schleichhandel.

O Berlin, 7. Februar.

Dem Schleichhandel soll jetzt schärfer zuleibe gegan­gen werden, und wenn drakonische Strafen das Übel austilgen könnten, so würde man ja hoffen dürfen, daß wir dieser Pest ledig werden. Aber wie ist es denn mit dem Schleichhandel? Darf man ihn so heftig schelten, wenn man, wie es doch Millionen und Aber- millionen unseres Volkes tun, an ihm als Verbraucher teilnimmt? Es ist eine wundersame Verkennung des Sachverhalts, eine moralische Umstülpung gleichsam, wovon sich das Urteil setzt so häufig bestimmen läßt: weil der Schleichhandel oder der landwirtschaft­liche Herr über die Lebensmittel maßlos hohe Preise fordern, fällt auf sie die ganze Last von Verachtung und Haß, aber vergessen wird zumeist, daß der, der sich an diese Hüter der nahrhastesten Dinge wendet, ebenso mitschuldig ist wie jemand, der Beamte oder Angestellte durch Bestechungsgelder zu Vergehen verführt. Nun soll beileibe nicht der Svieß umgedceht werden, es soll nicht auf die Verbraucher, die den Schleichhandel nicht entbehren zu können behaupten, ein härterer und spitzerer Stein als auf die Schleichhändler selbst gewor­fen werden. Es ist nun einmal hüben und drüben, wie es ist, und weil wir unter der Herrschaft eines Massenlasters leben, har es beinahe etwas Er­greifendes, daß dem Übelstands jetzt durch strengere Strafen gesteuert werden soll. Die Jrrtümer, durch die wir in die heutige Lebensmittelwirtschast hineingeraten sind, werden nicht weggetilgt werden, wenn man diese Wirtschaft nicht grundsätzlich ändert, und wenn das geschehen sein wird, dann wird man auch keine besonderen Paragraphen gegen den Schleichhandel nötig hoben. Zunächst jedenfalls ist Ob­jektivität nötig. Wie steht es denn im letzten Grunds mit diesem Schleichhandel? Uns will bedünken, daß inan ihm soaar die Rolle einer unvermeidlichen Funk­tion znschreiben darf, nachdem nun doch einmal alles ans dem Gebiete der Lebensmittelversorgung ins Wanken geraten ist und nachdem es ins Wanken kommen mußte, weil der ganze Aufbau auf einer bedenklich schiefen Ebene erfolgt war. Es läßt sich wohl hören, wenn einer der agrarisch gerichteten Sozial­demokraten (es gibt diese Besonderheit^, nämlich Julius Kaliski, in den „Sozialistischen Monatsheften" meint: Die bisherige Verfolgung des Schleichhandels hat nur das Gegenteil des beabsichtigten Zwecks erfüllt. Es hat sich in der Praxis ergeben, daß schärfere Straf- bestimmungen mit einer Steigerung der Preise im Schleichhandel Hand in Hand gehen. Die höheren Schleichhandelspreise waren keineswegs etwa immer durch eine Abnahme der verfügbaren Lieferungs- reseiven bedingt: vielmehr stieg mit der Höhe der zu erwartenden Strafen die Ristroprämie. So wird es auch bleiben, wenn man sich nicht zu einem gründlichen Umbau unserer Lebensmittelvrganisa- ti om entschließt. Ein Vorteil des Schleichhandels­systems kann gegenüber den schlimmen fressenden Schäden, die es im Gefolge hgt, nicht ganz uner­wähnt bleiben: Der Vorteil nämlich, den die Lockung der ungeheuer hohen Preise für gewisie Gebiete der Produktion ausübt. Sicherlich stnd nicht nur mancher­lei Lebensmittel an den Markt gekommen, die sonst im eigenen Haushalt des Produzenten verbraucht wor­den wären: es sind auch mehr Lebensmittel er­zen a t worden. Aber auch diese Konstatierung soll nicht dahin gedeutet werden, daß unbeschränkte Preis­entwicklung oder gar der Schleichhandel nun als Quelle der Prodnktionsanregung zu empfehlen ist. Wir wol­len den Schleichhandel vielmehr unterbinden. Das ist aber nur möglich, wenn wir ihn über­flüssig machen. Jede wirtschaftliche Einrichtung hat so lange unzerstörbare 'Daseinskraft, als sie eine an sich notwendige Filnktion erfüllt. Wir müssen also das, was der Schleichhandel auf verbotenen Wegen voll­bringt, auf anderen, legalen Wegen zu er­reichen suchen. Es gibt Methoden, die das erzielen könnten: das Kriegswucheramt ist freilich nicht in ihrem Besitz. Kaliski erwärmt sich anaenschcinlich für das neue Programm der landwirtschaftlichen Körperschaften, das den E r f a s s u n g s a p p a r a t nunmehr organisch aufgebaut wissen will, indem in der Gemeinde eine nach genossenschaftlichen Grundsätzen arbeitende Geschäftsstelle errichtet werden soll, an die sämtliche Gemeindeinsassen ihre landwirtschaftlichen Er­zeugnisse abzuliefern haben. Daran sollen sich dann weftcr die Kreisstellen. Provinzstellen, die Zentral- einkauss- und -Verkaufsgenossenschaften, der Bund der Landwirte, die Bauernvereine usw. angliedcrn. Was aus diesem Plan wird, läßt sich noch nicht übersehen, und wir unsererseits verspüren zunächst keine Neigung, uns für oder gegen ihn zu binden, möchten aber doch nicht unerwähnt lasten, daß vor Monaten schon gleich-

Morgen-Kusgabe.

artige Organisationspläne vorgelegt worden sind, so u. a. von der Zentralstelle für ländliche Wohlfahrts- und Heimatspflege für Elsaß-Lothringen. Wünschenswert

wäre es, wenn der von den landwirtWiftlichen Berufs-

crganisationen dem Kriegsecnährun.Mamt überreichte Vorschlag für die Neugestaltung unserer Lebensmittel­versorgung eine größere Tellnah me in der Öffentlichkeit fände, damit aus dem Für und Gegen mehr Klarheit hervorginge. Bisher wissen außer­halb der Fachkreise nur die wenigsten von diesen Vor­schlägen, obwohl sie überall veröffentlicht worden sind. Die Veröffentlichung genügt eben nicht: heute hört man davon, morgen hat man es vergessen, und es muß nach­geholfen werden. Soviel ist uns aber klar: mit den Strafbestimmungen gegen den Schleichhandel wird die Aufgabe, unsere Ernährung zu sichern, bestimmt nicht gelöst werden. _

(Ein flämisches Volksbekenntnis in Antwerpen.

(Won unserem Kriegsberichterstatter.)

Antwerpen, 3. Februar.

In der Halle der Würfe hatten sich heute mittag einige tausend Männer, Frauen, Jünglinge und junge Mädchen aller Stände tiersammelt, um als Bewohner der rein flämi­schen Provinz Antwerpen sich der Volksabstimmung von Brabant und ^Ostflandern anzuschließen und Flandern als selbständigen Staat zu erklären.

Hinter der grünbekräbzten Rednerkcmzel hatten die Mit­glieder des Rats von Flandern Platz genommen, umgeben von den mit Fahnen und großen Jnschriststandarten im Halbkreis ansgestellten flämischen Verbänden Antwerpens und des Kempenlandes und den mit farbigen Barretts geschmückten Abordnungen der Genier Hochschule. Inbrünstig, wie ein heiliges Gelöbnis der Treue zum bitter bekämpften germani­schen Volkstum durchbransten die choralhaft-festlichen Klänge des Guido Geizellschen Liedes von der Goldenen Sporenschlacht die weite Halle.

Unter Jubel wurde die Neuwahl des Rats von Flandern verkündet und die Wahl des Gaurats für die Provinz Ant­werpen vorgenommen. Von stürmischen Kundgebungen der Zustimmung begleitest wiesen die Redner des Tages auf die Bedeutung der Schicksalsstunde des flämischen Volkes hin. Der Krieg mir allen seinen Schmerzen habe kommen müssen, damit sich die Welt darauf besann, daß neben Finnen und Iren und Ukrainern auch das Keine Volk der Flamen sein Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung fordere; in der letzten Stunde der Gesabr hat sich das von seiner eigenen französisch gesinn­ten Regierung und von übermächtigen französischen Organi­sationen bedrückte und fast schon erdrückte Flämenvolk darauf besonnen, was es seiner großen Vergangenheit, was es seinem in eine bessere Zukunft aufwachsenden Kindern schuldig isst Nun sei der Weg betreten, wo es nur Sieg oder völligen Un­tergang aber kein Zurück gebe. In dieser Stunde dxr Volks­erhebung richteten sich die Äugen jedes guten Flamen auf die Viertelmillion flämischer Volksbrüder, die durch Gewalt und wider Recht von dem flämischen Mutterland weggerissen, jen­seits der französischen Grenze in Dünkirchen, Cassel, Grave- lingen allen Mitteln der gewalttätigen Bedrückung und Ent­nationalisierung ausgesetzt sind, auch für sie möge bald die Stunde der Freiheit schlagen.

Diese Gedanken wurden in der Hauptversammlung und in den daran anschließenden Sondertagungen erörtert, und überall weckte die heilige Begeisterung der Redner stürmische, jubelnde Zustimmung. Ms äußeres Zeichen der Freiheitser- kiärung wurde über der Versammlung das flämische Löwen­banner gehißt und mit dem tausendstimmigen Gesang des „Blaamsche Leeuws" begrüßt.

Ms nach Schluß der Hauptversammlung die Studenten und Verbände unter Vorantragung von Fahnen und Tafeln mit den Inschriften, wie in „Maanderen alles vlaamsch" und „Maandeven an de Vlamingen", über den Meir und die Kniserlaan nach dem Bahnhof zogen, ließen die „Franskill- lons" durch eine Bande von mit Pfeilen, Stöcken, Messern, Niespulverboniben und ähnlichen Mitteln ftanzösischer Über­zeugungskunst ansgestatteten Rowdies wütende Gegenkunü- gebungen veranstalten, aus denen der bezeichnende Ruf „Vive kt France" und der Versuch, die „Marseillaise" zu sin­gen, heraustönte. Die Flamen erwiderten mit dem Lied „Het Vlaomsche heir staat immer pal" und dem „Blaamsche Leeuw".

Von der Spitze der Kathedrale wurden unter dem Ge­läute der Korolusglccke viele Tausende der UnabhängigkeitS- erKärung Flanderns abgeworsen, die wie weiße Vögel über die von der sonntäglichen Menge erfüllten Straßen der Alt­stadt flatterten. (Kb.)

W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.

Die flämische Bewegung und die Regierung in Le Havre.

Sr. Brüssel, 6. Febr. (Eig. Drahtbericht. zb.) Das Zentralflämische Pressebureau schreibt: Die flämische

aktivistische Bewegung, über die die belgische Flücht- lingspreffe bereits seit zwei Jahren weidlich gewitzelt hast die angeblich nur von einem Paar Dutzend „Verrätern" auf deut-

Nr« 67. . 66. Jahrgang.

schen Befehl unternommen wurde, scheint den Herren in Le Havre, seitdem die Wahlen zum Rat von Flandern vollzogen werden, doch nicht mehr so ganz harmlos, wie sie glauben machen wollen. Es geht nämlich das Gerücht, auf Einwirkung per Regierung in Le Havre sei dem Brüsseler Gericht das Ansinnen gestellt worden, gegen die Veranstalter der Wahlen, die seit drei Wochen in Flandern in allen Städten stattfinden, strafrechtlich vorzugehen, weil sie sich angeblich ein Recht angemaßt haben, das nach der Verfassung nur dem König zustehe: die Wahlen zur Einsetzung von Gau­räten vorzunehmen. In Wirklichkeit scheint es den Macht­habern in Havre nur um eine politische Kundgebung zu tun zu sein, mit den: man wieder einmal dies- und jenseits des Ozeans die „deutsche Mache" diskreditieren will, denn U>ie inan hörst soll nur eine Anklage erhoben werden, aber an die Durchführung eines Prozesses, der auf schwankendem rechtlichem Boden aufgebaut ist, denkt niemand.

vas Protokoll von Versailles.

Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Wenn die Entente­minister darauf reckmen, durch die erneute Unterstreichung der Einheitsfront die Einheitlichkeit unserer inneren Front zu erschüttern, so könnte ihnen die Vergangenheit einen Finger­zeig dafür geben, daß derartige Rechnungen ohne den Wirt gemacht stnd. Wir wollen es uns versagen, auf die güilstige militärische Lage der Mittelmächte hinzuweisen, und rur hervorheben, daß diese auch dann nicht im min­desten gefährdet wäre, wenn auf der anderen Seite die Einheitsfront wirklich zustande gekommen sein sollte. Um wie viel weniger aber durch ihre vapierne Vorführung! Und wir möchten es dock nicht unterlassen, dem Tone der Sieges­zuversicht in dem Versailler Protokoll aus dein eigenen Lager eine recht pessimistische Stimme gegenüberzustellen. Lovat Fraser, der kürzlich bereits in einem scharfen Artikel in der „Daily Mail" die Fehler der englischen Heeresleitung im Jahre 1917 öffentlich gegeißelt hatte, hält jetzt in einem an Lord Derby selbst gerichteten Brief der englischen Regierung vor, sie behaupte die — Unwahrheit, wenn sie die im Zrvil- berufe stehenden Dienstpflichtigen noch auf 4 Millionen Menschen angäbe. Die Arbeiter, so heißt es weiter, sowie die ganze Nation wissen, daß unser Land beinahe weiß- geblutet ist. Was heißt das anders, als daß das Er- oberungsprogramm, das in dem Dokument von Versailles neuerlich bekräftigt wird, an der Übermacht der Tatsachen innerhalb des Verbandes selbst scheitern mutz? Sachlich bedeutet das Protokoll von Versailles ein neues Bekenntnis zur Freisetzung des Krieges bis zum Äußersten. Indem es den: Vcrständigungswillen der Mittelmächte abermals ein Eroberungspragramm entgegensetzt, belastet es die Entente von neuem mit der alleinigen Schuld, wenn dos blutige Ringen der Völker weiter dauern muß.

Bedrohung Deutschlands mit Rohstoffverweiger,,ng nach dem «rleg

W. T.-B. Paris, 8. Febr. (Drahtbericht. Ilgence Havas. Senat.) In Beantwortung einer Interpellation über die Pläne der Regierung hinsichtlich der wirtschaftlichen Vereini­gung mit befreundeten und verbündeten Ländern sagte der Minister für Handel und Industrie: Man muß mit den Kriegsnotwendigkeiten rechnen, die eine Unterbrechung und selbst eine Stillegung gewisser Handelszweige» erfordern. Ms Beispiel führte Clementel die Frage des Kaffees an, und bemerkte, daß, wenn die Regierung nicht durch eine besondere gesMiche Verfügung über den Preis für Kaffee eingegriffen habe, dieser unzulässige Steige­rung aufgewiesen hätte. Der Minister erinnerte an die Er­nennung eines dauernden Wirtschaftsaus­schusses und setzte hinzu: Jeder muß sich bemühen, die nationale Erzeugung zu heben und die im Hinblick auf den Krieg von Frankreich im Ausland eingegangenen beträcht­lichen Schulden zu tilgen. Was die Frage der in anderen Ländern, insbesondere Deutschland, notwendigen Roh­stoffe für die Industrie betrifft, ist eine Organisation notwendig, die eine Verständigung darüber mit den verbünde­ten Ländern sichert. Von Bedeutung ist in dieser Hinsicht der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg, der mächtigsten Nation voin Gesichtspunkt der Rohstoffe, durch die tue Alliierten jetzt über eine furchtbare Waffe verfügen. Immerhin ist die Stunde noch nicht gekommen, um Zollfragen zu lösen. Die Entscheidung darüber muß in aller Klarheit unter der Mitarbeit aller Alliierten vorbereitet wer­den. Zum Schluß sagte Clementel: Deutschland fft mehr als jedes andere Land hinsichtlich der Rohstoffe und der Nah­rungsmittel vom Ausland abhängig. Wir beabsichti­gen nicht, einen wirtschaftlichen Angriffsbund zu gründen, wollen aber Herren unseres Marktes bleiben und unsere Rohstoffe für uns und unsere Bundesgenossen und die uns freundlich gesinnten Neutralen Vorbehalten. Wenn wir Deutschland unsere Tür verschließen, geschieht es, weil es selbst es will. Wir wünschen einen dauernden, frucht­bringenden, für die Menschheit wohltätigen Frieden. (2eb= Hafter Beifall.) Der Senat nahm daraus folgende Tages­ordnung an: Der Senat stellt fest, daß die Alliierten m Rohstoffen eine wirtschaftliche Waffe erster Ordnung besitzen, die besonders von unseren Feinden ge­fürchtet wird, und fordert die Regierung auf, durch die Zu­sammenfassung der wirtschaftlichen AnstrHWiingen in Axsmk-