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Zreilag, 8. Zebruar 1918.
Morgen-klusgabe.
Nr- 63. . 66. Jahrgang.
Nach dem Streik.
O Berlin, 5. Februar.
Es wird große Schwierigkeiten machen, den Riß wieder auszufüllen, der durch die törichte Streikbewegung in unsere Parteiverhältnisse gekommen ist. Auch wer es den sozialdemokratischen Führern erleichtern wollte, ihre schädliche Unüberlegtheit wieder gutzu- machen, könnte ihnen so leicht nicht vergessen, was sie angerichtet haben, sich selbst zum Nachteil, uns anderen aber auch. Denn die Wirkung auf das feindliche Ausland ist sichtbar, und mau wird sich in London und in Washington nicht aus reden lassen, daß wir vor dem inneren Zusammenbruch stehen. Man will es so sehen, und den schadenfrohen Feinden kann man es ja auch gar nicht verdenken, wenn wir die Ereignisse nach ihrem Wunsch und Willen biegen und strecken. Wir freilich wissen cs besser, wir dürfen gerade aus der B e s ch r ä n k t h e i.r der Bewegung schließen, daß die ungeheure Masse unserer Arbeiter Staatsgefühl und ruhige Besonnenheit genug besitzt, um sich vor den Verlockungen durch die Streikhetzer zu bewahren, und wir können uns geradezu der an sich freilich imwillkommenen Probe freuen, die es ermöglicht hat, Spreu und Weizen zu soi.dern. Nur werden wir dem Aus lande dies wahre Bild der Vorgänge zunächst wohl vergeblich zeigen: man wird uns nicht glauben, weil man es nicht will. Jnnervolitisch haben mir aus den Ereignissen der vorigen Woche die Folge, daß sich das Verhältnis zwischen der Sozialdemokratie und den bürgerlichen Parteien der Mehrheit unweigerlich einigermaßen verschoben hat, und daß davon auch die Beziehungen zwischen Regierung und Mehrheit betroffen werden. Dies kann man auch dann sagen, wenn auf allen Seiten der bestmöglichste Wille vorausgesetzt wird, über das Vorgefallene hinwegzukommen und es ciuSznstreichen. Der gute Wille dazu bestebt in der Tat, und er wohlbegreislich, schon weil er der natürliche Ausdruck von wertvollen politischen Interessen ist, die zu wahren, jedem Faktor unser:r heutigen Mehrheitsverhältnisse und der darauf irffgebauten Re- giernngspolitik eine selbstverständliche Pflicht sein muß. Mer die Leitung der sozialdemokratischen Partei hat durch ihre unkluge Vermengung mit dem sinnlosesten aller Ausstände einen solchen Mangel on Einsicht bewiesen, daß sie sich nicht wird wundern dürfen, wenn an die Stelle des ihr io oft gezeigten Vertrauens jetzt wieder in sehr wichtigen Kreisen A r g- wohn und Verstimmung treten. Die Regierung wie die bürgerlichen Parteien, die sich Überwindung dieses woblverständlichen Unmuts angelegen sein lassen sollten, können bei diesem Bemühen leicht ans beträchtliche Hindernisse stoßen, und sie werden, um über sie chinwegznkommen, jedenfalls ein Maß noil Energie onf- wenden müssen, das für bessere Zwecke aufgespart werden könnte. Vieles also ist jetzt erschwert »norden. Die Sozialdemokratie hat sich Blößen gegeben, die von ihren Gegnern auf der Rechten mit Lust nnd Liebe wer- den benutzt werden, sie hat sich auch dadurch geschwächt, daß sie den Trennungsstrich nach den u n a b- k> äugigen Sozialisten hin selber verwischte, und es kann ibr geschehen daß sie bei etwaiger Wiederholung des Fehlers ganz in das Schlevptau der Herren ,H a a s e und D i t t m a n n gerät. Man merkt sa freilich, »uie gern die Sozialdemokraten den rettenden Aus»neg ein- schlagen inöchten, an jedem Tage aufs neue, zeigt es die äußerst vorsichtige, von verstärkten Gessiblen der Rene getragene Sprache des „Vorwärts", aber der Irrtum der vorigen Woche »var zu ernst und folqenschtver, als daß er mit bloßer Rene schon wieder autzumachen wäre. Man muß wohl sauen: Das öffentliche Bewußtsein hat in sich selbst ein wunderbar feines Gefühl da- für, ob eine Streikbewegung inneres und äußeres Recht für sich geltend machen darf. Diesmal war die Verurteilung allgemein, sie wurde mit instink- tiver Sicherheit ausgesprochen, und sie mußte um so mehr anfrechterhalten werden, je wirrer die gestammel- ten Rechtfertigungsversuche auf der Gegenseite wurden. Um was eiaentlich ist gestreikt worden? Niemand kann es sagen, die Streikenden selbst am wenigsten. Vielmehr sagen können es die Hetzer aus dem Laaer der Unabhängigen, aber wie sie es wirklich meinten, das auszu- sprechen. »nerden sie sich hüten. Wir »nerden also von ihnen nicht erfahren, daß sie sich als A a e n t e n u n- serer Feind? betätigten, daß sie eine Bewegung Hervorrufen wollten, in deren Wirbel Reich und Nation genügend bin- und hergerissen »werden sollten. um halb geläbmt in den uns aukaedrnngenen Ent- scheidungska'nvs einzutreten. Daß die paar hunderttausend Verführten, ein erfreulich geringer Bruchteil der Millionen unserer Arbeiter, das nicht erkannt haben, mag ihnen zu vergeben sein. abe>- daß die sozial- LemokratifchenFührer diesen SaHrerhalt nicht
I erkannt, vielmehr wohl geglaubt haben, ihn durch rhrr Einmischung verwischen zu können, das hat man ihnen vorzuwerfen, und daran werden sie noch lange zu tragen haben. _____________
Die englische Thronrede am Schluß der parlamenlstagung.
Br. Rotterdam, 7. Febr. Wie Reuter »neidet, heißt es in der Thronrede, mit der das englische Parlament geschlossen wurde: Durch das Vorgehen der Ver
einigten Staaten, denen andere neutrale Staaten folgten, ist nun tatsächlich die gesamte zivilisierte Welt zu einein Bunde der Völker gegen g e »v iss en- lose Überfälle vereinigt. Dies hat unseren Waffen neue Kraft verliehen und uns ein neues Vertrauen zu dem schließlichen Triumph unserer Sache gegeben. Andererseits ist Rußland, das durch innere Spaltungen beunruhigt wird, nicht imstande gewesen, den Kampf dnrchzuhalten, bis die Früchte seiner großen Opfer gepflückt Vierden konnten. Im jetzigen Augenblick hat es aufgehört, seinen Teil an der Aufgabe der Alliierten zu tragen. Die Unterhandlungen, die es mit dem Feinde eröffnet hat, haben jedoch dazu geführt, zu beweisen, daß die Begierden, die diesen unglücklichen Krieg hervorgerusen haben, ungeschwächt sind. Die,e tragischen Geschehnisse haben dazu beige- trage», auf die anderen Verbündeten zu drücken. Sie haben jedoch die Geisteski alt und die Lopalität nicht berührt, mit der alle weiter dem gemeinschaftlichen Ziel zustieben. Mitten in der Verwirrung der »vechselnden Geschkbnisse steht klarer als jemals der Beschluß der Demokratien der Welt, einen gerechten und dauerhaften Frieden zu sichern.
Die Thronrede gedenkt dann der in Frankreich, in Palästina und in Mesopotamien erzielten militärischen Erfolge, spricht den Dank kür die Bewilligung der Kriegsansaaben aus. streift die Vollziehung der Wahlreformbeschlüsse, und indem sie noch die Hoffnung ansdrückt, daß das irische Problem trotz aller Kompliziertheit zu glücklicher Lösung gelangen werde, betont sie zuletzt noch einmal die Notwendigkeit, den Krieg bis zu gutem Ende fortzusetzen.
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Die strengste Maßregel des englischen Lebensmittel- Kontrolleurs.
W. T.-B. Amsterdam, 7. Febr. lDrahtibe dicht.) „Algemeen Handelsblad" meldet aus London vom 6. Fsbruar: Lord
N b o n d d a bat die örtlichen Lebensmittelkomitees ermächtigt, alle Lebensmittelvorräte der Kleinbändler, mit Aus- nähme der Genußmittel, zu requirieren. Dies ist die strengste Maßregel, die bisher von dem Lebensmittelkontrolleur angeweudet wurde.
Deutschland und die hoUandisch- amerikanischen Verhandlungen.
W. T.-B. Amsterdam, 7. Febr. (Drahtbericht.) Das „Algemeen Handelsblad" veröffentlicht eine Unterredung , seines Berliner Vertreters mit dem Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Frhcn. v. d. Bussche über die Stellungnahme Deutschlands zu den holländisch-amerikanischen Verhandlungen Frhc. v. d. Bussche erklärte:
Ben deutscher Seite ist stets das ehrliche Bemühen der Niederländer, ihre Neutralität als wirkliche „Un- seitigkeit" aufrecht zu erholten, rückhaltlos anerkannt worden. Der Kaiserlichen Regierung ist die schwierige Lage, in der sich Holland zwischen den beiden kriegführenden Mächten, England und Deutschland, befindet, gut bekannt. Um so höher wird von ihr die Haltung der niederländischen Regierung auf dem Gebiete der Neutralität in dieser für sie w schwierigen Zeit geschätzt. Daß allerdings in der öffentlichen Meinung Deutschlands bisweilen eine hiervon verschiedene Ansicht zum Ausdruck kommt, liegt daran, daß von Holland aus nur allzu häufig der Eindruck erweckt wird, daß die hclländische Neutralität eine stacke ententefreundliche Färbung trüge.
Ich glaube, daß es dem Wirken gewisser holländischer Blätter zu verdanken ist, daß der von der englischen wie von der amerikanischen Regierung immer stärker auf die Niederlande ausgeführte Druck auf ihre eigene öffentliche Meinung gerechtfertigt erscheint. Denn die Bereinigten Staaten ton Amerika, die sich noch vor einein Jahr so lebhaft für die Rechte der Neutralen einsetzten, schrecken jetzt vor dem r ü ck - sichtslosesten Druck nickt zurück, um Holland zunächst auf wirtschaftlichem Gebiet in Gefahr zu bringen. Die Kaiserliche Regierung hat volles Verständnis dafür, daß Holland kein Mittel besitzt, um die in amerikanischen Häfen widerrechtlich fest gehaltenen bolläudischen Schiffe vor dem Zugriff der Entente zu schützen. Das von einer mächtigen Koalition mit allen erdenklichen Mitteln bekämpfte Deutsche Reich kann aber n i ch t r u h i g die Wirkung eines Gewaltaktes hinnehmen, die für die Feinde eine Verbesserung ihrer Lage und für Deutschland in selbem Maße eine Vecschlecht^cung seiner eigenen bedeutet.
Unser Entgegenkommen
mutz seine Grenze an der Rücksicht auf die dringenden Lebensnotwendigkeiten des eigenen Volkes finden, die wiederum notwendigertveise von der Dauer des Krieges abhängen. Wenn nun Amerika durch den neuen, der Forme nach nur notdürftig verhüllten Schiffsraub mehrere hunderttausend Tonnen neutralen Schiffsraums für die Zwecke der Entente an sich bringt, so wird hierdurch zweifellos die Kriegslage für die letzteren erleichtert und damit der Krieg aller Wahrscheinlichkeit nach verlängert. Eine solche Lösung müßte auch einen gewissen Vorteil für Holland mit sich bringen, wenn sic für uns verstäridlich erscheinen sollte. So viel mir bekannt ist, soll indessen die weitere Verpflegung Hollands, so weit sie überbauvt noch von den Vereinigten Staaten gewährt werden wird, mittels holländischer Schiffe erfolgen, die zurzeit noch in niederländischen Häfen liegen und von denen die Entente außerdem noch einige zum eigenen Gebrauch zu fordern scheint. Damit wird also weiterer holländischer Schiffsraum dem Zugreifen der Entente ausgefetzt werden. Sie werden verstehen, daß eine derartige Situation die deutsche Regierung nicht uninteressiert lassen kann. Außerdem wird sogar, so weit mir bekannt, Amerika sich entschieden in die Ausfuhr Hollands nach Deutschland einmischen, also die Blockade an die deutsch-holländische Grenze verlegen.
Die Vereinigten Staaten — fügte der Unterstaatssekretär binzu — wissen sehr wohl, daß Holland auf die
Zufuhr deutscher Kohlen und anderer wichtiger deutscher Rohstoffe
angewiesen bleibt, die es nicht von der Entente erhalten kann; dich scheinen sie sich, so weit sie sich um die holländischen Lebensinteressen überhaupt kümmern, darauf zu verlassen, daß Deutschland letzten Endes das stammverwandte Volk »weder verhungern noch erftieren lassen werde. Es liegt hierin auch ein vollkommen richtiges Einschüßen der deuffchen Denkart, die von demselben Gegner im übrigen ständig skrupellos verunglimpft wird. Mur hat Deutschland während dieses Kampfes ums Dasein zu seinem Bedauern nicht immer die Möglichkeit, diese freundnachbarliche Gesinnung zu betätigen, wenn seine eigenen.Interessen sich dem gebieterisch entgegenstellen. Zum, Schluß betonte der deutsche Staatsmann, daß er bcffe. Holland werde die dringend gebotene Vorsicht gegenüber dem weiteren Verhalten Amerikas und Englands keinesfalls außer acht lassen und nicht vergessen, daß das deutschchclländische Kohlenabkommen die Interessen der Entente nicht berührt habe, während bei den vorliegenden Verhandlungen mit der Entente — wie dies ja bisher stets der Fall — deutsche Interessen stark berührt werden.
«
W. T.-B Amsterdam, 7. Febr. (Drahtbericht.) Während der deutschfeindliche „Telegraaf" das provisorische holländisch- amerikanische Abkommen lebhaft begrüßt, wendet sich die angesehene holländische Wochenschrift „Haagsche Post", der man allzu deutschfreundliche Neigung gewiß nicht zuschreiben kann, gegen die amerikanische Regierung, die es durch ihre Haltung Holland gegenüber erforderlich machte, daß 300000 Tonnen holländischen Schiffsraums, also nahe ein Drittel der ganzen holländischen Handelstonnage, tatenlos monatelang in amerikanischen Häfen bleiben mußte. Das jetzige Abkommen befriedigt das Bbrtt keineswegs, da nur ganze zwei Schiffe Lebensmittel nach Holland l ringen dürfen und . es noch nicht einmal feststehe, ob diese Schiffe das dringend erforderliche Getreide einführen würden Des weiteren bemängelt das Blatt, daß das Land der Freiheit das holländisckw Schiff .Nieuw Amsterdam" mit holländischen Paffagieren eine Woche lang im Hafen zu verbleiben zlo ang, während 70 holländischen Reisenden aus willkürlichen Gründen oder ganz ohne Grund die Reiseerlaub- ins sogar nach den eigenen holländischen Kolonien verweigert »rurde.
Die Krfegspontlfi SlmerMar.
W. T.-B. Washington, 6. Febr. (Reuter.) Der Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Ausschuß für auswärtig-: Angelegenheiten, F l o o d, legte das Gesetz für die Bewilligung von Geldern für das diplomatische und konsularische Korps vor. Er ecklärte: Die Vereinigten Staaten würde,! mehr Geld für den Krieg in weit kürzerer Zeit liefern, als es die kühnste Hoffnung unseres eigenen Volkes oder der Nationen, mit denen wir verbündet sind, glaubte. Bei Erörterung der Miffion des Obersten Hause nach Großbritannien und Frankreich sagte er: Es. besieht vollständige Übereinstimmung über den genauen Umfang besten, was die Alliierten den Vereinigten Staaten bringen, sowie dessen, was die Vereinigten Staaten liefern können, sowie über den Zeitpunkt und hie Art und Weise. Mit Genehmigung des Staotsl etrnttzmentS erklärte Flood, daß die zwischen Jehji und dem Staatsdepartement ausgelauschten Noten die Brücke zwischen den Vereinigten Staaten und Japan beseitige und für den Frieden im fernein Osten gewirkt hätten. Flood zollte dem Staatsdepartement Anerkennrpng für, bie Verhandlungen über die Rationierung der neutralen Staaten,- Verhandlungen, die die Gefahr einer heftigen Erregung in Holland. Dänemark und Schiveden mit sich brächten. Es ist keine Lähmung, erklärte er,-bei. ejnem der Neutralen infolge des Kurses entstanden, dew die Regierung bezüglich dieser; Tinge zu verfolgen gezwungen ist.
