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Dienstag» 5. Februar 1918. M0vgEN-KUZg(lbe._ Nr. 59. . 66. Jahrgang.

Oie Beschlüsse des versaiver Kriegsrats.

dlüVL. Haag, 4. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Eine offizielle Mitteilung über den Kriegsrat in Versailles besagt: Ter oberste Kriegsrat hat die jüngsten Ausführungen des Reichskanzlers und des österreichisch-ungarischen Außen­ministers sehr sorgfältig erwogen, konnte aber darin keine Annäherung an die gemäßigten Bedingungen, die durch die alliierten Regierungen festgesetzt wurden, entdecken. Diese Überzeugung wird noch befestigt bei einer Gegenüberstellung der idealen Ziele, mit denen die .Zentralmächte die jetzigen Verbandlungen in Brest-Litowsk begonnen haben und den sich nun dort zeigenden Eroberungs- und Raubplänen. Unter diesen Umständen bat der oberste Kricgsrat beschlossen, daß die einzige, unaufschiebbare Auf­gabe der Alliierten darin liegt, die m l l i t ä r i s ch e n Kräfte bis zur äußersten Energie zu steigern, die in der zielbewußten .Zusammenwirkung besteht, so lange nicht der Druck der Kraftentwicklung bei den Alliierten bei den feindlichen Regierungen und Ländern eine Änderung in ihrer Gesinnung zuwege gebracht hat. Dadurch sollen die gerechten Erwartungen der Alliierten, Freiheit, Gerechtigkeit und Ackturg vor dem Gesetz der Nationen, erreicht werden. Die Alliierten sind entschlossen, für diese Ziele bis zum Ende zu kämpfen. Die Beschlüsse des obersten Kriegsrates um­fassen nicht allein die allgemeinen Fragen, die aus sämtlichen wichtigen Kriegsschauplätzen befolgt werden müssen, vielmehr auch genaue und erschöpfende Regelung der poli­tischen Probleme unter Aussicht des Rates sämtlicher Arbeiter der Mächte, die im Kampfs gegen die Zentralmächte sich befinden. Die Funktionen des Rates werden an Aus­dehnung gewinnen, ebenso die Grundsätze bezüglich der Ein­beit der Pi litik und der Handlung, wofür im November/ v. I. in Rapallo die ersten Grundsteine gelegt worden sind.

Die Verhandlungen in Brest-LitowIf.

W. T.-B. Brest-Litowsk, 4. Febr. (Drahtbericht.) Heute vormittag hielt die deutsch-österreich'sch-ungarisch-russifche Kommisston zur Regelung der politischen und terri­torialen Fragen eine weitere Sitzung ab. Die Be- sprcckiungen begannen mit einer Äußerung des Staatssekre­tärs v. Kühlmann zu der Frage der Einladung bezw. Zulassung von Vertretern der westlichen Randstaaten zu den Verhandlungen in Brest- Litowsl

Der Staatssekretär erklärte, der frühere Standpunkt der Mittelmächte in der Angelegenheit sei vollkommen un­verändert geblieben. Herr T r o tz k y führte demgegenüber aus, die Frage der Zuziehung einer Abordnung der polni­sch c n R e g i e r u n g als Negierung eines selbständigeil Staats zu den hiesigen Verhandlungen sei ausgetaucht, als die russische Delegation diesen Gegenstand gestreift habe, um das Augenmerk darauf zu lenken, daß die deutsche unid öster­reichisch-ungarische Delegation zwar die Selbständigkeit des polnischen Staats anerkannt, die Heranziehung einer Vertre­tung Polens zu den Verhandlungen jedoch nicht angeregt hätten. Daraufhin habe die Gegenpartei allerdings erklärt, daß sie diese Frage einer wohlwollenden Prüfung unterziehen würde. Hieraus fuhr Herr Trotzkh fort: Wir unsererseits er­kenn e n d i c Selbständigkeit und Unabhängigkeit des polnischen Staats im vollen Umfang an, aber wir können nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, daß die Selbständigkeit nur eine scheinbare ist, so lange Pclen unter dem Regime der Besetzung steht. Ge­rade deswegen, weil wir die Selbständigkeit des polnische'! Volkes und seines Staats anerkennen, können wir, ohne die Selbständigkeit des polniichen Staats anzutasten, doch nichi diejenigen Vertrcter. die durch den Willen der be­stehenden Behörden eingesetzt stnd, als Vertreter des polnischen Volkes amsehen. Ms bevollmächtigt zur Teilnahme an diesen Verhandlungen könne er nur eine Vertretung Polens ansehen, welche sich auf die breiten Massen stützen würde.

In Erwiderung hierauf wies Staatssekretär v. K ü h I • mann zunächst auf die Äußerungen hin, welche die Vertreter der Mittelmächte bei den Ki.-mmisfronssitzungen am 11. und 15. Januar zu dieser. Frage abgegeben haben. Anknüpfend hieran bemerkte der Staatszekretär, warum der Vorsitzende eer inssischen Delegation von den westlichen Randvölkecn Polen heute ousgesondert habe Die Angelegenheiten der Polen, Litauer und Kurländer seien bisher zusammen erörtert warten. Er glaube aber, einen gewissen Fort­schritt darin erkennen zu können, daß Trotzky die Selbstän­digkeit des pclnischen Staats irrr vollen Umfang aner­kannt ha.be. Wenn der Vorsitzende der russischen Delegation auch für die westlichen Randvölker Rußlands d>e Selbständig­keit anerkennen wolle, so würden die Verhandlungen hiermit einen erheblichen Schritt vorwärts kommen. In Beantwortung einer vorher gefallenen Bemerkung Trotzkhs, daß die Regierungen der Mittelmächte die neue finnische Regierung noch nicht anerkannt hätten, erklärte Staats­sekretär Kühlmann, er sei über die

Vorgänge in Finnland

noch nicht genügend unterrichtet, doch seien ihm vo" zuverlässi­ger finnischer Seite.>a hl re iche Klage« darüber zuge­

kommen, daß die rnssische Armee dort in die inneren Kämpfe eingegriffen Hobe, und daß die mehrfach ge­äußerten Wünsche auf Zurückziehung der russischen Truppen von dem finnischen Territorium vcn der russischen Regierung nicht tu befriedigender Weise beantwortet seien. Die Stellungnahme zu den durch dre Ereignisse in Finn­land geschaffenen Zuständen müsse daher durchaus Vorbe­halten bleiben.

Graf C z e r n i n wies darauf hin, daß Herr Trotzkh eine garn richtige Unterscheidung zwischen den Staaten und deren Negierungen gemacht habe. Trotzky erkenne nur die Selbstän­digkeit des polnischen Staats an, wolle jedoch das Recht der dort bestehenden Regierung, diesen Staat zu vertreten, nicht anerkennen. Mit Befriedigung konstatierte 'er, chaß Trotzky mit seinen heutigen Erklärungen wenigstens die Selbständigkeit des polnischen Staats anerkenne, womit eine Annäherung der beiderseitigen Standpunkte angebahnt zu sein scheine. Dagegen vermöge er nicht zuzu­geben, daß die Frage, ob die gegenwärtige polnische Negierung den polnischen Staat zu vertreten berechtigt sei, dem Schieds­spruch einer dritten Regierung unterliege.

Zur finnländifchen Frage bemerkte dann Herr Trotzky, die Petersburger Regierung habe die Unabhängigkeit Finn­lands während des Kriegs anerkannt, so daß sich damals noch Truppenteile, die am Krieg teilnehmen, auf finnischem Boden befanden. Als der finnifche Senat sich mit der Bitte um Anerkennung der Selbständigkeit Finnlands nach Peters­burg gewandt labe, habe diese selbst den Gedanken geäußert, daß die Truppen spätestens nach Abschluß des Kriegs zurück­gezogen würden, falls es aus militärischen Rücksichten nicht möglich wäre, sie schon früher zurückznziehen. Zur Herbei- fübrung eines Einvernehmens hierüber sei eine Kommission gebildet worden. Ms nun in Finnland die Revolution der A r b e i t e r m a s s e n begann, ha.be sich die finnische Sozialdemokratie an die russischen Truppen mit dem/Wunsch gewendet, dtrh sich'-diese nicht r n die Kämpfe e inmischen möchten. Ein diesem Wunsch entsprechendes Telegramm sei vorher selbst on die finnische Regierung ge­sandt worden. Es sei nicht ausgeschlossen, daß zwischen Ab­teilungen der russischen Truppen und Teilen der finnischen Bürgerarmee Zusammen st öße stattgefunden hätten, doch leugne er. daß diese Zusammenstöße irgend welchen Einfluß auf den Gang der inneren Kämpfe in Finnland hätten haben können. Was die Heranziehung polnischst Ver­treter betreffs, so werde an die russische Delegation wieder die Frage gerichtet, ob sie die Unabhängigkeit Polens aner­kenne oder nicht. Es sei klar, daß diese Frage eine Zwei­deutigkeit enthalte. Er erkenne in vollem Umfang das unbeschränkte Recht des polnischen Volkes an, selbständig und unabhängig zu existieren. Aber er wolle nicht die Augen davor verschließen, daß dieser polnische Staat jetzt von fremden Truppen «besetzt sei und daß

die sogenannte polnische Regierung sich nur innerhalb der Grenzen bewegen dürfe, die ihr von oben her gesteckt wüvden. Sei der polnische Staat ein Staat, so müsse er geographische Grenzen haben. Wenn ein Staat weder Grenzen noch einen König habe, dann sei er kein Staat und kein Königreich. Man habe es vielmehr mit noch nicht endgültig gestalteten Verhältnissen zu tun. Ans die Bemer­kungen des Vorsitzenden der österreichifch-ungarifchen Dele­gation habe er zu erwidern, daß seine Regierung durchaus nicht als Schiedsrichter in dieser Frage auftreten wolle. S'e schlage nur einen Weg für die Nachprüfung der Berechtigung der polnischen Regierung vor.

In Erwiderung hierauf bemerkte Graf C z e r n i n, er möchte darauf aufmerksam machen, daß die Delegationen der verhandelnden Mächte nicht hierhergekommen seien, um einen Ringkampf auszufechten, sondern zu vcifuchen, ob und inwieweit es möglich sei, zu einer Ver­ständigung zu gelangen. Fiir Vertreter eines fremden Staats sei es schwer, festzustellen, inwieweit eine in einem anderen Staat dort bestehende Regierung zu Recht bestehe. Die F o r t- setzungderErörterung dieser Frage sei seiner Ansicht nach unkruchtkar Der polnische Staat sei in einer Ent­wicklung begriffen und sein Entwicklungsprozeß noch nicht ab­geschlossen. Deshalb habe Polen, wie Herr Trotzky ganz richtig bemerkt babe, auch keine feststehenden Grenzen. Aber auch die russische Republik, die noch in der Entwick­lung begriffen sei, habe noch keine feststehenden Grenzen, was indessen die Mächte des Vierbundes nicht hindere,

mit der geqenwärtigen russischen Regierung zu verhan­deln, ohne sich auf die Prüfung ihrer Legitimität einzu- lassen.

Wenn Herr Trotzky gegen die Mächte des Vierbundes den Vor­wurf zu erheben scheine, daß sie die neue finnische Regierung nicht anerkannte, so müsse er feststellen, daß ihm von der Ab­sicht einer Nichtverständigung nichts bekannt sei. Daß die Mächte des Vierbundes übrigens auch bereit seien, mit den Negierungen zu verhandeln, die sie für ziemlich radikal halten, gehe aus der Tatsache der Brester Verhandlungen zur Genüge hervor.

Staatssekretär v. Kühlmann fügte hinzu: Die Mette Erklärung des Vorsitzenden der russischen Delegation habe ge­zeigt. «daß es schwer sei, ohne den Wortlaut so weitreichender Erllärungen vor sich zu haben, sich ein sicheres Urteil über das

Gesagte zu bilden. Da ein Widerspruch in den Erklärungeo. eines so geschulten Dialektikers, wie Herr Trotzky es sei, ausgeschloffen erscheine, so liege offenbar ein M i tz - Verständnis von seiner Seite vor. Aus der ersten Er­klärung Trctzkys habe er den Eindruck gewonnen, als hätte der Redner damit rückhaltlos und im vollen Um­fang die Selbständigkeit des polnischen Staats anerkannt. Nun bade aber Trotzky in seiner zweiten Erklärung ausge­führt, daß Polen mangels fester Grenzen und mangels eines Königs weder Staat noch Königreich se:. Es sei allerdings schwierig, die Selbständigkeit eines Staats anzu­erkennen, der gar kein Staat sei. Er müsse doch darauf Hin­weisen, daß man sich vollständig in den Wolken ver­liere, wenn man die Grundlagen einer gesunden juristischen Konstruktion verlasse.

Am Schluß machte Staatssekretär v. Ki'ihlmann Mittei­lung davon. Latz er durch unabweisbare Pflichten gezwungen sei. auf kurze Zeil zu verreisen. Die Zeit, welche durch seine Abwesenheit für die Verhandlungen der politischen Kom­mission verloren gehe, würden durch

Verhandlungen von Macht zu Macht zwischen den anderen in Brest-Litowsk vertretenen Delegatio­nen und der russischen Abordnung sowie Arbeiten der Rechts- und Handelskommission auszufüllerr sein. Die Sitzung wurde hierauf geschlossen.

Trotzkhs Revolntionirrnngspläne.

München, 4. Febr. (zb.) Jetzt sieht man, warum Trotzky die Friedensverhandlungen von Brest in der unerhörtesten Weise verschleppt, so heißt es in der „Münch. Allg. Ztg.". Jetzt sieht man, warum er die Entscheidung, die auf den Ju>eln des Rigaischen Meerbusens, in Riga selbst, in Kurland. Litauen und Polen über deren künftige staatliche Existenz Eereile gefallen ist. nicht anerkennen will. Jetzt sieht man, tiar.itn die Besatzungstrupven sofort zurückgezogen werden lullen, ehe das „Selbstbestimmungsrecht" Platz greifen kann. ^Zetzt versteht man mich, warum Trotzky sich nicht scheut, seinen eigenen sogenannten Grundsätzen Tag für Tag mit der ge- ballten Faust ins Gesicht *u schlugen und eine Gewaltherr­schaft aufzurichten, gegen deren Unduldsamkeit die strenge Ordnung in den Beseyungö- und Etappen-Gebieten noch als Jnkcgriff der Freiheit erscheint. . . Er will eben in Wahr­heit nur revolutionieren. Alles andere ist ein Vor­wand. Jetzt sind die Ukraine und Finnland an der Reihe, dann kommen Kurland, Litauen und Pclen an die Reitze, dann aber erst recht die Mittelmächte. Auch dieser Gedanke entbebrt einer gewissen Großzügigkeit nickt, aber er ist so kräh und abschreckend, daß man glücklicherweise nie mit eine: geistigen oder seelischen Ansteckungsgefahr zu rechnen braucht. Die paar Bolschewisten, die wie in Deutschland haben, werden n i e eine ernsthaftere Rolle spielen. Es ist nur traurig, daß sich ernsthafte Leute zu H „ n o l u n g e r d r e n st e n für sie hergeben. _

Die Laye in Finnland und kn den Ukraine.

I-. Berlin, 4. Febr. (Eig. Drahtbericht, zb.) Zu der Lage in Finnland erfahren wir, daß W i b o r g und Hel- ' i n g f o r s sich in den Händen der Bol > chewiki befinden, während der nördliche Teil Finnlands von der Weißen Garde besetzt ist. Die Nachricht, daß Schweden in Finnland zu intervenieren gedenke, wird dementiert.

Die Lage der Ukraine stellt sich, wie wir erfahren, doch recht wesentlich anders dar, als die Regierung des Herrn Trctzky uns glauben machen will. Die Bolschewik! wur­den bei verschiedenen Gefechten, so in der Nähe von Kiew, zurückgeschlagen. Alle ukrainischen Truppen baben sich aus die Seite der Rada gestellt. Die Volschewiki halten heute die Gouvernements Poltawa, Charkow, Jekaterinoslaw sowie das Donnetzgebiet besetzt. Odessa ist nach einem Kampfe von 42 Stunden in die Hände der Maximalisten gefallen. Auch Sebastopol und die Schwarzmeerflotte sind in den Händen der Bolschewiki. Im übrigen entwickelt General K a l e d i n, hinter dem Grotzftirst Nikolai Nikolaje- witsch zu stehen scheint, eine äußerst lebhafte Tätigkeit. Er steht mit seinen Truppen im Dongebiet. Der Abmarsch von verschiedenen Artilleriesormationen zu seiner Unterstützung scheint sich zu bestätigen. Stacke Kosakenansammlungen werden aus der Gegend von Rostow gemeldet. Drei Armee- kerpS, welcke versuchten, die Grenze nach Rumänien zu überschreiten, wurden, wie von der Front berichtet wird, geschlagen Teile dieser Truppen, etwa 2000 Mann mit :--,00 Pferden, haben die deutschen Linien passiert und sind zu uns übergegangen.^

Die Klagen über die französischen Milliarden in Russland

W. T.-B Bern, 4. Febr. (Drahtbericht.) In der franzö­sischen Kammer brachte der Deputierte M o u t e t die Sprache <iuf die finarziellen Verpflichtungen Rußlands. Er führte aus: Als 1905 zvm erstenmal in Rußland eine revolutionäre Regierung eingesetzt wurde, bat diese Frankreich, von der Anleihepolitik Abstand zu nehmen, die eine ständige Einmischung in die inneren Angelegenheiten Rußland? darstelle. Die ftanzösische Regierung verhielt sich damals die- tem Ersuchen gegenüber ablehnend, und sie muß heute ihren Fehler bezablen. Frankreich hat andauernd Milliarden verschleudert und dadurch nur die Korruption des gar zen Regimes erhöht. ' Ter russische Bankrott, ries Moutet dem Finanzminister zu, ist Ihr eigener Bankrott: