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Dienstags 29. Ianuar 1918«

hertling, Czernin - Wilson.

Das Echo der Verbandspresse auf die Reden Hert» !ings und Czernins stellt einen dreistimmigen Akkord dar. Man merkt deutlich die verschiedene Tonlage der französischen und der italienischen Mei­nung, während die englisch-amerikanische Welt möglichst auf einer Linie zusammenzuklingen sucht. Die Franzosen machen es sich am leichtesten. Ihre Zen­sur gestattet, was ja nach ihrem bisherigen albernen Verhalten anzuerkennen ist, den ungekürzten und un- gefälschten Abdruck der Reden. Aber dem gallischen Temperament paßt es wenig, sich in die gründlichen Gedankengänge der gegnerischen Staatsmänner einzu­arbeiten. Und so wird eben irr Paris wie immer sehr oberflächlich drauflos geurteilt. „Matin", „Petit Journal" und „DÄats" erklären alles, was in Berlin und Wien gesprochen worden sei, sür Schanmschlägerei. Andere Blätter meinen, Deutschland sei schuld, daß Österreich-Ungarn so schüchtern bleibe. Wieder andere glauben nicht, daß Wilson sich in Czernins Schlinge sangen lasse. Bei solchem Geplätscher fehlt natürlich jeder tiefere Gedanke. Und da überhaupt der gute Wille fehlt, sachlich zu reden, muß es vorläufig als hoffnungslos aufgegeben werden, sich mit Frank­reich in eine Aussvrache einzulassen. Wenig Aussicht auf Verständigung besteht auch mit der italieni­schen Presse. Wenn z. B. der „Corriere dclla Sera" von der „obskönen Art und Wei'e" spricht, wie Czernin Wilson „den Hof mache", so ist das glatte Eifersucht und Zorn darüber, daß die italienischen Ansprüche in den Reden Wilsons und Lloyd Georges so schlecht wegge­kommen waren. Hohle Redensarten aber sind es nur, wenn „Sccolo" und „Giornale d'Jtalia", das Organ des Außenministers Sonnino, von einer pangermanisti- schen, imperialistischen Herausforderung des demokra­tischen Europas durch Hertling fasele. Laßt alle Hoff­nung fahren! Mit solchen Toren läßt sich nicht poli­tisieren. Dagegen müssen die Äußerungen der ameri­kanischen und englischen Presse, soweit sie bis jetzt vor­liegen, einigermaßen ernst genommen iverden. Beide Lager arbeiten infolge der Northcliffeichen Organi­sation gleichmäßig wie elektrische Uhren. Reuter brachte sofort eine zusammenfassende Beurteilung der Reden Hertlings und Czernins aus Washington und die Lon­doner Zeitungen bemühen sich trotz ihrer parteipoliti­schen Verschiedenheiten eine mit Amerika übereinstim­mende einheitliche Formel zu finden, nänilich die der überlegenen, halb höhnischen, halb wach­samen Abwehr. „Wir lassen uns nicht sangen, auch nicht durch den scheinbaren Unterschied in den Reden der beiden feindlichen Staatsmänner", das ist ungefähr die Grundlage, auf der sich die führenden englischen und amerikanischen Blätter treffen wollen. Aber dieser „scheinbare" Unterschied wird doch mit großem Ernst und Eifer besprochen. Man sucht die Tonart bei Hertling und Czernin festzustellen. Einige helfen sich damit Czernin sei von einer Konferenz mit unzufrie­denen Landsleuten gekommen, Hertling von einer Kon­ferenz mit Hindenburg und Ludendorfs. Die ganz Schlauen meinen, es handle sich einfach um ein Spiel mit verteilten Rollen. Hertling und Czernin steckten unter einer Decke. Sie hätten sich vorher verständigt, um einen Keil zwilchen Amerika und Enaland zu trei­ben. Präsident Wilson sollte veranlaßt werden, Sonder- verbandlnngen zu eröffnen. Czernin sollte in seinem Entaeoenkommen gegen Wilson möglichst weit gehen, 'Hertling sich zurückholten. Wenn sich Wilson dann zu einer Unterredung hätte bringen lassen, batten sie ge­wonnenes Sviel. Der „Daily Erpreß" ist es. der in so spürnasiger Nsvchologie das Gras wachsen hört. Aber auch die „Time s" sehen in den gleichzeitigen Reden, verstärkt durch Küblmanns Programm, eine Verab­redung gemeinschaftlicher diplomatischer Offensive gegen die Ententemächte.

Wir können den witternden, mißtrauischen Feinden ruhig zugeben, daß sich der deutsche Reichskanzler und der österreichisch-ungarische Minister des Äußern selbst­verständlich vorher besprochen haben, ehe sie so über­aus verantwortungsvolle und weittragende Kciegs- zielerklärnngen in die Welt gehen ließen. Der Unter- schied im Ton und in den Forderungen aber ergab sich aus der Verschiedenheit der politischen Lage zwischen Deutschland und der Donaumonarchie. Graf Czernin hat diese Verschiedenheit so offen wie nur möglich klar- gclegt. Aber mehr noch, und darauf scheinen die angel­sächsischen Zeichendeuter nicht kommen zu wollen: In der deutschen Presse wurde bereits angedeutet, daß ein so gewandter Diplomat wie Graf Czernin die Ausein- einandersetzung mit 14 Wilsonschen Punkt -n nicht so energisch eingefädelt hätte wenn nicht di? Gewiß­heit bestünde, daß der Präsident in Washington mit der sofortigen Aussvrache ein v er st au den ist! Ausfallen mußte ja auch Czernins Äußerung, der

Morgen-Kusgabe.

Präsident lese seine Wiener Rede in dem Augenblick, da sie gehalten wurde! Was meint die Verbandspresse über diesen doch sehr interessanten Punkt? Oder viel­mehr. warum verschweigt sie in holder Scham diese nackte, aber so gesunde Tatsache?

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weiter» englische pressestimmen.

U. Rotterdam, 28. Jan. (Eig.- Drahtbericht, zb.) Die englische Presse bespricht ausführlich die Reden Hertlings und Czernins. Beide scheinen, so heißt es allgemein, nach sorgfältiger gemeinsamer Übereinknnft festgestellt zu sein. „Evening News'' sagt' Das Bemerkenswerte an Hertlings Rede ist, daß er tatsächlich erklärt, Deutschland werde nur mit den einzelnen Ententestaaten, nicht mit ihrer Ge­samtheit verhandeln. Das werden wir natürlich entschieden ablehnen — „Daily Telegraph" will aus Hertlings Rede herauslesen, daß die deutsche Militärpartei wieder über- wirgenden Einfluß auf die Regierung bekommen habe. Man sei also auf dem ursprünglichen Standpunkt angelangi und es sei nutzlos, weiter über den Frieden zu reden. — „Times", „Daily Mail" und „Morning Post" urteilen ähn­lich. — „Daily News" meint dagegen, Hertling verschließe keineswegs die Friedenstür. Falls dies Deutschlands letztes Wort wäre, seien die Friedensaussichten schlecht. Aber das entscheidende Wort werde gewöhnlich nickt von der öffentlichen Tribüne gesprochen. Czernins Rede sei noch verheißungs­voller, da er direkte Besprechungen mit Wilson anregtc. Solche Besprechungen könnten die Streitfragen zwischen den beiden Parteien auf das Mindestmaß reduzieren.

Die ersten Stimmen aus Amerika.

W. T.-B. New Jork, 28. Jan. (Drahtbericht. Reuter.) Die New Imker Morgenblättcr bezeichnen allgemein Hertlings Rode als unaufrichtig und anmaße n d, aber sie sehen in Czernins Rede die Nachgiebigkeit Österreichs. „Trihuna" sagt: Der Friede, welchen die deutsche Regie­rung verlangt, ist ein Friede, der es Deutschland ermöglicht, einen großen Teil seiner gegenwärtigen Eroberungen zu be­halten. Die Rede des Kanzlers ist zu sehr von oben herab und sophistisch. um aufrichtig zu klingen. Die richtige Antwort aus Hertlings Vorschläge kann nicht von den Kabinetten, son­dern muß im Feld gegeben werden. — Auch der „N e w Dort Herold" beschuldigt die Rode, die. wie er meint, für die Front bestimmt sei, der Unaufrichtigkeit. Aber er bewill­kommnet diesen Ausspruch von Chauvinismus als ausgezeich­netes Mittel, den eindruckS- und gedankenlosen Vertretern eines vorzeitigen Friedens in allen Landern die Eroberungs- lust Deutscklands in ihrer unverhüllten Blöße zu zeigen. — Der „91 ew Jork World" sagt: Hertlings Rede zeigt ein anderes Deutschland als im vorigen Jahr und bei der Ankün­digung des unbeschränkten Unterseebootskriegs. Anders wie sein Vorgänger spricht Hertling über den Frieden nicht nrehr in Ausdrücken vom deutschen Sieg. Das Deutschland, das durch ihn spricht, zeigt nicht mehr aus die Krieqskarte, indem es sich zum Eroberer Europas auffjihrt. Es ist das Deutsch­land im Verteidigungszustand nach innen sowohl als nach außen. — „New Jork Times" sagt: Czernin verwendet eine Sprache, wie sie von einem Staatsmann, der bereit ist, sehr weit zu gehen, nm dem Frieden die Tore zu öffnen, er­wartet werden kann. Hertlings Rede ist lediglich die Wiederholung der deutschen Anmaßungen.

Französische Kommentare.

Berlin, 28. Jan. lzb.) Die „Morgenpost" meldet: „Echo de Paris" zufolge findet zwischen den Ententemächten leb- bafter Meinungsaustausch über die Antwort auf die Kund­gebungen von Czernin und Hertling statt. Wilson werde auf die Auslassungen der beiden Minister Punkt für Punkt eingchen. Später werde auch Clemencean antworten.

„Journal de? Debats" erklärt, das; durch die Unnachgiebigkcit Hertlings in allen Gebictsfragen alles sonstige scheinbare Entgegen- kommen bin fällig werde., Der Krieg werde nicht durch Reden beendet werden können.

„Matin" beb> besonders die Äußerung über Belgien und Elsaß-Lothringen hervor. Man sehe, daß zwischen den Anschauungen der Mittelmächte und der Entente ein unüber­brückbarer Abgrund Haffe. L fl erreich sei vielleicht aufrich. tigcr in dem Wunsch, den statu« quo ante wiederhcrzustellen, wäh­rend Deutsäüund verkappte Annexionen wolle und sich Belgien all Erpressungsmittel bediene. Man müsse eben weiter kämpfen, solange die beiden Staaten auf ihren fetzigen Forde­rungen beharrten.

Oer Eindruck in Bulgarien.

W. T.-B. Sofia, 28. Jan. (Drahtbericht. Bulgarische Telegraphen-Agentnr.) Die Reden des Grafen Czernin und des deutschen Reichskanzlers Grafen Hertling erregten in ollen hiesigen politischen Kreisen die grlßte Aufmerksamkeit. Auch die Presse befaßt sich mit ihnen und bebt besonders die Ruhe und nachdrückliche Beweisführung her­vor. Sie bemerkt, daß, wenn die Ententepresse sie unverkürzt wiedergcben dürfe, der Eindruck in den Ententeländern eine Stimmungsänderung bewirken würde. Die Staats­männer der Mittelmächte schlagen einen ehrenvollen Frieden zum Nutzen der Menschheit vor. Die Freimütigkeit und er­leuchtete Vaterlandsliebe würden einen stärkeren Widerhall erwecken, als jeder Sieg in einer Schlacht.

Nr. 47. . 66. Jahrgang.

Keutzerungen der neutralen presse.

W. T.-B. Kopenhagen, 28. Jan. (Drahtbericht.) „Ekstra- bladet" führt aus: Die Reden Hertlings und Czernins sind von dem gleichen Friedenswillen beseelt, der die Politik- Deutschlands und Österreich-Ungarns in den letzten Jahren prägte. Es kommt nun aus die Alliierten an, wie sich die nächste Zükunft gestaltet. Die entscheidende Bestimmung darüber wird wahrscheinlich auf der bevorstehenden Konferenz in Paris getroffen werden. Die Welt wird mit Spannung deren Ergebnis erwarten.

Sr. Rotterdam, 28. Jan. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der „Nteuwe Rottecdamsche Courant" nennt Czernins Rede und besonders dessen Anregung zu einem Gedankenaustausch, wie in Washington, sehr bedeutungsvoll, weil diese An­deutung natürlich mit deutscher Billigung erfolgte. Dennoch bliebe auch bei den von Czernin ausgestellten Forde­rungen die Tatsache bestehen, daß die seitens der Entente ver­langten Gebiete von den Mittelmäckten verweigert wer­den. Der alte Gegensatz bleibt also weiter bestehen, so daß der Krieg vorläufig noch fvctdanern müsse.

vie Vernichtung von Munitionszufuhren durch unsere U-Voote.

L. Berlin, 28. Jan. (Erg. Drahtbericht, zb.) Die Wirkung, die der U-Bootkrieg auf die Munitionsversorgung der Heere unserer Feinde hat, geht aus einer Zusammen­stellung hervor, die uns Auskunft über die Versenkung von Schiffen gibt, deren Ladungen für die d i r e k t e K r i e g - s ü h r u n g dienen sollen. Seit 1. Februar bis Ende Dezem­ber v. I. wurden 27 Truppentransportdampfer versenkt, und 265 Schisse, die K r i e g s m a t e r i e I geladen hatten, fielen in dieser Zeit unteren UffBooten zum Opfer. Unter diesen 266 versenkten Schiffen befanden sich nach ein­wandfreier Feststellung 97 Fahrzeuge, welche Munition und fertiges Kriegsmaterial an Bord hateen. Un­sere U-Boole können aus den Explosionen der von uns ver­nichteten Schisse seststellen, ob sie'Munition geladen haben. Durch solche einwandfreie Feststellung dürfte die Munitipn, welche durch unsere U-Boote vernichtet wurde, ettoa auSge- rcickt haben, um 50 Divisionen zu je 50000 Mann c i n c u Monat lang für normale Kampftätigkeit zu ver­sorgen oder 25 Divisionen bei gesteigerter Gefechtstätigkeit in demselben Zeitraum.

vie „«Soeben" wieder in ttonstantinopei.

W. T.-B. Konstantinopel, 28. Jan. (Drahtbericht.) Der türkische Panzerkreuzer „Sultan Javus Selim" ist gestern hier cingctroffen. Das Schiff ist völlig verwendungs- dereit. Trotz zahlreicher feindlicher Angriffe auf das Schiff ist dieses lediglich durch zwei kleine Bomben getroffen worden. Dadurch wurden unwesentliche Be­schädigungen an den Schornsteinen und der Reling ver­ursacht. _ >

Der Wirrwarr an und hinter der Ostfront.

Berlin, 28. Jan. (Eig. Drahtibericht. zb.) Die Nach­richten von der Ostfront mehren sich, daß der Einfluß der ukrainischen Rada >.m Sinken begriffen ist, während der der Charkower Bolschcwiki-Regieruny im Wach­sen sei. Es ist nicht ganz klar festzustellen, ob cs sich um Tendenz- Meldungen der Bolschowiki handelt, die natür­lich ein Interesse daran haben, die ukrainische Regierung in unseren Augen möglichst hcrabzusetzen. Im übrigen hängt für die Bolfchewiste n fetzt alles davon ab, wie weit es ihnen gelingt, Truppen, die ihnen treu ergsben sind, aus der Front herauszuzieheu. Bei der 8. Armee scheint ihnen dies gelungen zu sein, während bei der 4. und S. Armee Widerstände sich geltend machten. Bei der 6. Armee ist cs zu heftigen Kämpfen zwischen Rumänen und Russen ge­kommen. die diese Absicht der Bolschewiki verhindern wollen. Die bolschswikrschen Truppen scheinen eine Nieder­lage erlitten zu haben. Die Absichten, welche die Rumäne!« bei dem Fasthalten der Russen au ihrem Frontteil verfolgen, ist nicht ohne weiteres einzusehen. Es 'hat den Anschein, als ob die Rumänen selbst beabsichtigten, ihre Truppen auS der Front herauszunehmen, um Betzarabien besetzen zu können, und damit ein Faustpfand in der Hand zu haben. Auch die Verpflegungszentrale in Beßarabien scheint eine große Anziehung auf die Rumänen auszuüben. Die Stim­mung unter den Rumänen selbst hat sich verschlechtert. Uns gegenüber zeigen sie sich etwas zugänglicher. Der Einfluß der Entente bei den Rumänen ist aber nach wie vor groß. Während es äußerlich den Anschein hat, ä'ä ob sich die Bolschewiki-Regierung befestige, gehen auf der inneren russischen Front, lebhafte Veränderungen vor, 9llS Gegengewicht zu der Roten Garde bildet sich allenthalben eine Weiße Garde, die die Bolschewisten bekämpfen will. So hat sich in Finnland eine Weiße Garde gebildet, der bereits 75 000 Mann angehöreu. Besonders bemerkens­wert scheint, daß der finnische Staat die Absicht hat, Schweden zu bitten, Truppen zur Wiederherstellung der Ordnung nach Finnland zu entsenden», * '**