Verlag Langgafse 21
„Taztlanh»»«".
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Zreitag 23. 3onuor 1918.
Morgen'ktusgabe.
Nr« 41. . 66. Iahrgsng.
Die ttanzler-Kede.
Graf hertttng antwortet der Entente.
I-. Berlin, 24. Jan. (©iß. Drahtbericht. zb.) Der Hauptausschuß -des Reichstags trat heute Donnerstag 3 Uhr zusammen. Außer den Ministern waren sehr viele Reichstagsabgeordnete erschienen. Der Reichskanzler Graf Hertling kam in Begleitung der meisten Staatssekretäre und zahlreicher anderer hoher Negierungsbeamter. Er begann sofort nach Eröffnung der Sitzung mit seiner Rede.
Meine Herren! Ms ich zum letztenmal die Ehre hatte, vor Ihrem Ausschuß zu sprechen — es war am 3. Januar — standen wir, so schien es, vor einem in Brest-Litowsk eingetretenen Zwischenfall. Ich häbe damals die Meinung ausgesprochen, daß wir die Erledigung dieses Zwischenfalls in Mer Ruthe abwarten -sollten. Di» Tatsachen haben dem Recht gegeben. Die russische Delegation ist wieder in Brest-Litowsk eingetroffen, die Verhandlungen sind wieder ausgenommen und fortgesetzt worden. Sie gehen langsam weiter und sind außerordentlich schwierig. Auf die näheren Umstände, die diese Schwierig, keilen bedingen, habe ich schon das vorigsmal hingewiesen Manchmal kon-nre in der Tat der Zweifel entstehen, ob es der russischen Delegation Ernst sa: mit den Friedensverhaudluu- gen und allerlei Funksprüche, die durch die Welt gehen, mit böchst seltsamem Inhalt können diese Zweifel bestärken.
Trotzdem Helte ich an der Hoffnung fest, daß wir auch mit der russischen Delegation in Brest-LitowSk demnächst zu einem guten Abschluß kommen werden.
G ün st i qer stehen unsere Verhandlungen mit den Vertretern-der Ukraine. Auch hier sind noch Schwierigkeiten zu vberwinden, aber die Aussichten sind günstig. Wir hoffen, demnächst mit der Ukraine zu Abschlüffen zu kommen, die ün beiderseitigen Interesse gelegen und nach der wirtschaftlichen Seite vorteilhaft st e h e n. Ein Ergebnis war bereits am 4. Januar, abends um IO Ubr, zu verzeichnen. Wie Ihnen allen bekannt ist, hatten die russischen Delegierten zu Ende Dezember den Vorschlag gemacht, eine Einladung an sämtliche Kriegsteilnehmer ergehen zu lassen, sie sollten sich au den Verhandlungen beteiligen, -und als Grundlage hatten die russischen Delegierten gewiffe Vorschläge sehr allgenioin gehaltener Art unterbreitet. Wir haben uns damals aus den V o r s ch l a g, die Kriegsteilnehmer zu den Verhandlungen einzuladen, eingelassen unter der Bedingung iT-och, daß diese Einladung an eine ganz bestimmte F r i st gebunden sei. Am 4. Januar des Abends um 10 Uhr war diese Frist verstrichen. Eine Antwort war nicht erfolgt.
TaS Ergebnis ist, daß wir der Entente gegenüber in keiner Weise mehr gebunden sind, daß wir die Bahn frei hoben für Sonderverliandlnugen mit Rußland und auch selbstverständlich an jene von der ruffischen Delegation uns vorgelegten allgemeinen Frirdensvorschläge der Entente gegenüber in keiner Weise mehr gebunden sind. Anstatt der damals erwarteten Antwort, die ausgeblieben ist, sind inzwischen, wie die Herren alle wissen, zwei Kundgebungen feindlicher Staatsmänner erfolgt: die Rede des englischen Ministers Lloyd George am 15. Januar und die Botschaft des Präsidenten Wilson am Tage danach. Ich erkenne gern an, daß Lloyd George seinen Ton geändert hat. Ec schimpft nicht mehr und scheint danach seine früher von mir angezwsifelte Verhand- lunqsfähigkeit jetzt wieder Nachweisen zu wollen. (Heiterkeit.) Immerhin aber kann ich nicht so Jxneit gehen wie manche Stimmen in dem neutralen Ausland, die aus dieser Rede Lloyd Georges einen ernstlichen Friedenswillen, ja sogar eine freundliche Gesinnung heran «lesen wollen. Es ist wahr, er erklärt, er wolle Deutschland nicht vernichten, habe eS nie vernichten wollen. Er gewinnt sogar Worte der Achtung für unsere politische, wirtschaftliche und kulturelle Stellung, aber dazwischeen fehlt es doch nicht an anderen Äußerungen. Dazwischen drängt sich doch immer Miedet die Auffassung- durch, daß er über das schuldige, aller möglichen Verbrechen schuldige Deutschland Recht zu sprechen habe. Eine Gesinnung, meine Herren, auf die wir uns selbstverständlich nicht einlassen können, in der wir von ernstem Friedenswillen noch nichts verspüren können.
Wir sollen die Schuldigen sein, über die nun die Entente zu Gericht sitzt.
Das nötigt mich, einen k u r-z e n Rückblick auf die dem Kriege varangegangenen Verhältnisse und Vorgänge zu werfen, auf die Gefahr hich längst Bekanntes noch einmal zu wiederholen. Die Auftichtung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 hatte der alten Zerriffenheit ein Ende gemacht. Durch den Zusammenschluß seiner Stämme hatte das Deutsche Reich in Europa diejenige Stellung erworben, die seinen wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen und den daraus begründeten Ansprüchen enffprachen. (Bravo!) Fürst Bismarck krönte sein Werk durch das Bündnis mit Ö st erreich» Ungarn; es war ein reines Defensiv bündnis. von: ersten Tage :rn so gedacht und so gewollt. Im Laufe der Jahrzehnte ist nie auch nur der
leiseste Gedanke an einen Mißbrauch zu aggressiven Zwecken ansgetaucht. Insbesondere zur Erhaltung deS Friedens sollte das Defensivbündnis zwischen Deutschland und der eng in alter Tradition durch gemeinsame Interessen mit uns verbündeten Donaumonarchie dienen. Aber schon Fürst Bismarck ahnte, wie ihm oftmals vorgeworfen wurde, den Alpdruck der Koalition, und die Ereignisse der folgenden Zeit haben gezeigt, daß es kein bloßes schreckhaftes Traumbild war. Mehrfach trat die Gefahr feindlicher Koalittonen, die den verbündeten Mittelmächten drohten, in Erscheinung. Durch die Einkreisungspolitik König Eduards ward der Traum der Koalitionen Wirklichkeit.
Dem englischen Imperialismus stand das aufstrebende »nd erstarkende Deutsche Reich im Wege, in französischer Rcvanchesucht, im russischen exvansiven Bestreben fand dieser britische Imperialismus nur allzu bereite Hilfe, und so bereiteten sich für uns gefährliche Zukunftspläne vor. Schon immer hatte die geographische Lage Deutschlands die Gefahr eines Krieges mit zwei Fronten uns »abegcrückt. Jetzt wurde sie immer sichtbarer. Zwischen Rußland und Frankreich wurde ein Bündnis abgeschloffen, dessen Teilnehmer das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn an Einwohnerzabl um dos Doppelte übertrafen. Frankreich, das republikanisch- Frankreich, lreh dem zaristischen Rußland Milliarden zum Ausbau der strategischen Bahnen im Königreich Polen, die den Aufmarsch gegen uns erleichtern sollten. DiO französische Republik zog den letzten Mann zur dreijährigen Dienstzeit heran. So schuf sich Frankreich neben Rußland eine bis an d,e Grenze seiner Leistungsfähigkeit gehende Rnstnüg. Beide verfolgten dabei Zwecke, die unsere Gegner jetzt als i m p e r i a l i st i sch e bezeichnen.
Es wäre Pfsichtvergeflenhcit gewesen, wenn Deutschland diesem Sviel ruhig zngesch.iut batte, wenn es nicht auch für uns eine Rüstung zu schaffen versucht hätte, die uns gegen die künftigen Feinde zu schützen hatte.
Meine Herren! Ich darf vielleicht daran erinnern, daß ich selbst als Mitglied des Reichstags sehr häufig über diese Di-nge gesprochen habe, und daß ich bei neuen Rüstungsa-us- gaben stets ^darauf hingswiesen habe, daß das -deutsche Volk, wenn eS diesen Rüstungen zufti-mmt, lediglich eine Politik des Friedens treiben wolle. Es scheint nicht, daß btefq Worte irgendwie vom Ausland brachtet worden wären. Und nun zu
Elsaß-Lothringen,
bau ^em jetzt wieder oyd George rodet. Auch jetzt spricht er - m Unrecht, das Deutschland im Jahre 1871 Frankreich ■ i habe. Eli aß-Lothringen — ich sage es nicht Ihnen, bedürfen der Belehrung nicht, aber im Ausland scheint nian die Dinge noch nicht zu kennen —, Elsaß-Lothringen umfaßt bekanntlich zum größten Teil rein deutsche Ge- biete, die durch jahrhundertelange fortgesetzte BergrwaW- guiig und Rechtsbrüche vom Deutschen Reich -losgelöst wurden, bis endlich 178!) die französische Revolution den letzten Rest verschlang. Damals winden sie ft,mzöfische Provinzen. AIS wir mm ttn 70er Krieg lic uns freventlich entrissenen Landstriche zurückvevlangteu, war das nick- Eroberung fremden Gebiets, sondern reck'. ..nilscf', was man heute Desannexion nennt, und diese Dcsannexion ist denn auch von der ft-cmzösi'chen Nationalbersa-mmlung, der verfassungsmäßige!, Vertretung des französischen Volkes in damaliger Zeit, am 29 März 1871, mit großer Stimmenmehrheit ausdrücklich anerkannt worden. Und auch in England sprach man damals ganz an dersals heute. Ich kann r::ich auf einen klassischen Zeugen berufen: Es ist kein anderer als der berühmte englische Historiker und Sch-r-ftsteller Thomas C a r l y l e, der in einem Brief an die „Times", und zwar im Dezember 18 7 0, felgendes schrieb: „Kein Volk bat einwi so schlimmen Nachbarn, wie ihn Deutschland während der letzten 40 Jahre in Frankreich besaß. Deutschland wäre verrückt, wenn es nicht daran dächte, einen Grenzwall zwischen sich und eine:n solchen Nachbarn zu errichten, — ich bemerke, daß diese harten -Ausdrücke, die Thomas Carlyle in diesem Zusammenhang gegen Frankreich gebrauchte, ich meinerseits nicht wiederholt habe —, einen solchen Grenzwall zu errichten wo es die Gelegenheit dazu hat. .Ich weiß von keinem Naturgesetz und ke-inAn Himrnelsparla- nientbeschluß, kraft -dessen Frankreich Mein von allen irdftchen Wesen nicht verpflichtet wäre, einen Teil der geraubten Ge- b.ete zurückzuerstatten, wenn die Eigentümer, dunen sie ent- rffsen, eine günstige Gelegenheit haben, sie zurückzuerobern." Und ün gleichen Sinne sprechen angesehene englische Presseorgane, beispielsweise die „Daily News", sich aus. Ich komme nunmehr zu Wils o u, meine Herren. Auch hier erkenne 'ch an, daß der Ton ein anderer geworden ist. Ls scheint, -daß die damalige einmütige Zurückweisung Wilsons in der Antwort auf die P-spstnots Wischen der deutschen Regierung und dem Leutscheu Volk Zwietracht zu sti-stea, ihre Wirkung getan bat. Diese einmütige Zurückweisung konnte Wilson schon auf den richtigen Weg leiten, und der Anfang ist vielleicht gemacht. Denn jetzt ist nicht mehr die Wade von der UuLrüdriütiMg des deutsche» Volles durch eine
autokratische R^stvung, und die früheren Angriffe auf das Haus Hohenzollern sind nicht wiederholt. Auf die Angriffe :n der Darstellung der deutschen Politik, die sich auch jetzt in der Botschaft Wilsons befinden, will ich hier nicht eingehen, sondern im einzelnen die Punkte besprechen, die Wilson vorlegt. Es sind nicht weniger als 14 Punkte, in die er sein Fr:eLensprogramm formuliert, und so bitte ich um Ihre Geduld. wenn ich diese 14 Punkte hier so kurz als möglich zum Vortrag bringe. Ter erste Punkt verlangt, es sollten keine g e b e i m e n internationalen Vereinbarungen mehr statt- findcn.
Meine Herren, die Geschichte lehrt, daß wir uns am ehesten mit einer weitgehenden Publizität der diplomatischen Abmachungen einverstanden erklären können.
Ich erinnere daran, daß unser Defensivbündnis mit Öster- reich-Unngarn seit 1888 aller Welt bekannt ist, während die O'feniivabmachungen zwischen unseren Feinden erst im Laufe des Krieges und zuletzt durch die Veröffentlichungen der russischen Geheimakte das Licht der Öffentlichkeit erblickten. (Sehr richtig!) Auch die Verhandlungen in Brest-Litowsk vor aller Öffentlichkeit beweisen, daß wir durchaus bereit sein wollen, auf diesen Vorschlag einzugeben »nd die Publizität der Verhandlungen als allgemeinen politischen Grundsatz anzuerkennen. Im zweiten Punkt fordert Wilson die Freiheit der Meere. Die vollkommene Freiheit der Schiffahrt auf dem Meere im Krieg und Frieden wird auch von Deutschland als eine der ersten und wichtigsten Znkunftsfvvderungen aufgestellt. Hier besteht also keine Meinungsverschiedenheit. Die von Wilson am Schluß angefügte Einschränkung ist nicht rechtsverbindlich und scheint überflüssig, würde also am besten Wegfällen. In hohem Grade aber wichtig wäre es für die Freiheit der Schiffahrt in Zukunft, wenn auf die stark befestigten Flottenstützpunkte, wichtige internationale VerkehrSstraßeu. wie sie England in Gibraltar, Malta, Aden, Hongkong, auf den Falklandsinseln und manchen anderen Stellen unterhält, verzichtet werden könnte. Drittens: Beseitigung aller Wirtschaftlichen Schranken. Auch wir sind mit der Beseitigung wirtschaftlicher Schranken, die den Hände! in überflüssiger Weise einengen, durchaus einverstanden.
Auch wir verurteilen einen Wirtschaftskrieg, der unausweichlich die Ursache künftiger kriegerischer Berwicklmbge« in sich trägt.
Viertens: Beschränkung der Rüstungen. Wie schon früher von un? erklärt wurde, fft der Gedanke einer Rüstungsbeschränkung durchaus diskutabel. Die Finanzlage sämtlicher europäischer Staaten nach dem Kriege dürfte einer befriedigenden Lösung in der wirksamsten Weise Vorschub leisten. (Sehr richtig!) Man sieht also, meine Herren, über die vier ersten Programmpunkte könnte mcm ohne Schwierigkeit z» einer Verständigung gelangen. Ich wende mich zum fünften Punkt: Schlichtung aller kolonialen Ansprüche und Streittgkeiten. Die praktische Durchführung des von Wilson vorgelegten Grundsatzes wird in der Welt der Wirklichkeit einigen Schwierigkeiten begegnen. Jebeinfalls glaube ich, daß es zunächst dem größten Kolonialreich England überlassen bleiben kann, wie eS sich mit diesem Vorhaben seines Verbündeten abfinden will. Bei der unbedingt auch von uns geforderten
Neugestaltting deS Weltkolonialbesitzcs wird von diesem Programmpunckt ssin-erzeit noch zu reden fein. 6. Räumung d-errn ff ischenGebiete. Nachdem die Ententestaaten es abgelehnt -haben, innerhalb der van Rußland und den vier verbündeten Mächten vereinbarten Frist sich den Verhandlungen anzutschließen, mußte ich im Skainen der letzteren eine nachträgliche Einmischung ableh neu. Wir -stehen hier vor oin-er Frage, die allein! Rußland und die vier verbündeten Mäch.te an», geht. q
Ich halte an der Hoffnung fest, daß cs unter Anerkennung der- Sekbstbestiiümung der westlichen Nandvölker des ehemaligen russischen Kaiserreichs gelingen wirb, zu einem guten Verhältnis, sowc-hl mit diesen, als mit dem übrigen Rußland zu gelangen,
dem wir aufs dringendste die Rückkehr in einen Ruhe und Wohlfahrt gewährleistenden Zustand wünschten. Punkt 7 kommt aus die -d e l g i s ch e Frage. Was -das anbelaagt, sr> ist v»n mei-nen Amtkworgängern wiederholt anerkannt worden, daß zu keiner Zeit während des Kriegs -die gewaltsams Angliedernng an Deutschland ein Programmpunkt der deutschen Politik gebildet -hat. Die belgische Frage gehört zu dem« Komplex der Frag-en, deren Einzelheiten -durch die Friedens-, verhandiungen zu ordnen sein werden.
. So lange unsere Gegner sich nicht rückhaltlos auf den Boden stellen, daß die Integrität unseres Gebiets sowie der Berbündetci, die einzig mögliche Grundlage von FriedenSüesprechungcn bieten kann, muß ich an dem bisher stets eingenommenen Standpunkt fcst- halten und eine Borwcgnahmc dcr belgischen Angelegenheit aus der Gcsamtdiskussio» ablehnrn.
8. Be-reiung des französischen Territoriums^ Die okkupierten Teile Frankreichs sind ein wertvolles La
