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Mittwoch, 23, Januar 1918.
Kbend'klusgabe.
Nr. 38.. 66. Jahrgang.
Oer Tagesbericht vom 23. Januar.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 28. Jan. (Amtlich.)
Wefflirlrer RriegSsrhanPlatz,
Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht.
Fast an der ganzen flandrischen Front war am Nachmittag der Feuerkampf gesteigert. Auch südlich von »er S c o r p e lebte die Gefechtstätigkeit wieder auf.
Bei St. Quentin wurden bei erfolgreicher Durchfüh- ruug zahlreicher Erkundungen Gefangene eingebracht.
Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.
Nördlich von S o u a i n und nordöstlich von Avocourt folgten nach starker Feuerwirkung französische Borstöße. In heftigen Kämpfen wurde der Feind zurückgeschlagen. Eigene Jnfanterieabteilungen drangen östlich von Malan- c o u r i in die feindlichen Gräben und kehrten mit einer Anzahl Gefangenen zurück. Zwischen B e a u m o n t und L> rnrs nahm die Artillerietätigkeit am Abend zu.
östlicher KriegSschauPl«tz.
Nichts Neues.
Mazedonische Front
Die Lage ist unverändert.
Italienische Front.
Zu beiden Seite» der Brenta Artillrriekämpfr.
Der Eiste Grne»»l,«artiermeister: Ludenbarff.
Die Lage in Wien.
Sr. Wien, 23. Fan. (©iß. Drahtbericht, zb.) Der Ausstand der Arbeiterschaft ist zu Ende. Das Straßenbild in den Arbeiterbezirken und in ganz Wien hat wieder sein normales Gepräge erreicht. In einem Aufruf der Arbeiterzeitung' an die Arbeiter und Arbeiterinnen heißt es: Die Regierung hat in ihrer Antwort auf die Forderungen der Arbeiterschaft den frei gewählten Vertrauensmännern der streikenden Arbeiter und Arbeiterinnen mttgeteilt, sie erblicke den Wert der Darstellung der Regierung vor allem darin, daß diese sich nicht damit begnügt, in allgemeinen Redensarten ihre friedlichen Absichten zu versichern, sondern über die konkreten Fragen, die den Gegenstand der Frir- densvcrbandlunaen bilden, vor allem über die polnische Frage,. Auskunft gegeben hat. Handelt die Regierung nach ihrer heutigen Erklärung, so kann und wird der Friede an diesen Fragen nicht scheitern, und damit ist die größte Gefahr, die dem FriedenSschlnß mit Rußland entgegenstand, beseitigt. Was die ErnährungSfrage anbelangt, hat die Regierung unserer Forderung, die Abschaffung des Privilegs der Selbstversorger - und die Einschränkung der Lohnmüllerei, angenommen. Ferner hat sich die Regierung verpflichtet, die Demokratisierung des Ge- meindewahlrechtS zn fördern und ihren bisherigen Standpunkt, die Gesetze, die das allgemeine Wahlrecht für Ränner und Frauen einführen, nicht zur kaiserliche-, Sanktionierung vorlegen zu können, aufgegeben. Endlich hat die Regierung der Aufhebung der Militarisierung der Betrieb und der Aufhebung des KciegSleistungSgesetzes grundsätzlich zugestimmt und sich verpflichtet, dem Ronhsrat einen Gesehentn>urf vorzulegen, der das Arbeitsver- hältnis im Kriege auf zivilrechtliche Grundlagen stellt und die A r b e i t e r vor der Bedrohung durch M'litärstrafgerichte befreit. Dafür, daß diese gewiß Nertvollrn Versprechungen nicht nur Versprechungen bleiben, bürgt uns die Macht der Arbeiterklasse selbst. Aus diesen Gründen hat der Wiener Arbeiterrat einmütig beschlossen, die streikende Arbeiterschaft Wiens zur sofortigen Wiederaufnahme der Arbeit aufzufordern.
In einer Versammlung der Vertrauensmänner führte Viktor Adler über die Verhandlungen mit der Regierung aus: Was den Frieden betrifft, so find die Minister ebenso ungeduldig, wie wir. Aber wir haben ein Dokument, das nicht nur unS mitgeteilt, sondern das vor der Lsftnilichkeit der ganzen Welt ein bindendes Verspreche» gibt. Den,' es ist feitgeleyt worden, daß der Kaiser und der Minister des Äußern nach wie vor in einen allgemeinen Frieden einstimmen und daß der russische Friede nur die Einleitung zu einem allgemeinen Frieden sein soll. Ferner ist nochmals festgelegt, daß Gr ff Czernin nach wie vor an den Grundsätzen der Abrüstung »nd des Schiedsgerichts feslhält.
vke «naarkschen Krbe1t»r bei wefterle.
W. T.-B. Budapest, 22. Ja«. Meldung des ungarischen Korreipendenchiircaus Ministerpräsident DekerIe empfing eine Arbeiterabordnung, die eine Denkschrift mit den Resolutionen der Arbeiterversammlungen überreichte. Der Denkschrift zufolge di lickten die Arbeiter den Wunsch aus, daß die auswärtige Vertretung der Monarchie einen annexionslosen, aus dem Selbst- besnmmrnoörechi der Volker beruhenden Frieden chrbaldigst ab- schließe, und daß im Abgeordnetenhanse der Wahlrechtscnt- w u r s ohne Verzug verhandelt werde und daß. falls die Tiszapartei hi« Erledigung verhindern wollt«, da« Haus ausgelöst würde. Sodann wünschten die Arbeiter eine gerechte und billig« Verteilung der Lebensmittel und Bedarfsartikel an die Arbeiter. -
Der Ministerpräsident verwies bezüglich des Friedensschlusses auf die bekannte Erklärung des Grasen Czernin und fügte hinzu, daß die ungarische Regierung dir Friedenspolitik mit voller Kraft unterstütz«. Der Wütlsterpiäsideut bemerkte jedoch, daß Ereianiste wie die
Streiks die FriedenSderhandlungen ernstlich gefährden. Falls die Arbeiter das Zustandekommen des Friedens wünschten, müßten die entstandenen Betriebsstörungen sofort eingestellt werden. Bezüglich des Wahlrechts wiederholt der Ministerpräsident die Bersichernng, daß die Regierung mit dem Wahlrecht stehe und falle. Sie werde alles tun, um das Zustandekommen des Gesetzes zu beschleunigen. Falls sür das Wahlgesetz keine Mehrheit i-n jetzigen Augenblick erlangt werden könne, werde die Regierung an die Wähler appellieren. Was die Lebensmittelfrage betrefse, so sei die Regierung zu energischen Maß- nahm>-n entschlossen, um durch den Krieg der ichwierigen Verhältnisse Herr werden zu können und eine genügende Versorgung mit Lebensmitteln durchzusühren. Die Regierung, schloß der Ministerpräsident, gibt die Erklärung ab, unter keinerleiDruck von auße n. zu stehen, um Mißrerstaiidniste zu zerstreuen, welche mannigfach zu Be. ttiebscinsteünngen führten. Die Regierung erwartet, daß die Arbeiter nuimichr zu der Arbeit zurückkchren.
Der Führer der Arbeiterabordnung nahm von der Antwort des Ministerpräsidenten Kenntnis, dankte und drückte die Hoffnung aus, daß die Arbeit nun in sämtlichen Betrieben wieder ausgenommen wüide. Am Montag stütz werde in jenen Werkstätten, wo der Betrieb unterbrochen war, die Arbeit wieder ausgenommen.
Vor der Reichskanzler-Rede.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
Berlin, 23. Fan. (Eig. Drahtbericht, zb.) Nachdem nunmehr f e st st e h t, Laß der Reichskanzler Graf Hertling in ber morgigen Sitzung des Hauptausschusses die schon lauge angekündigte große politische Rede hätten wird, beschäftigt man sich in parlamentarischen Kreisen wieder besonders mit der äußeren Politik, wählend es in den letzten Togen bescnderS innenpolitische Fragen waren, die sin Vordergrund ücS Interesses standen. Nahrung erlhielten di« Besprechungen, die sich vor allem auf die FrisdenSverhand- lungen bezogen, Lurch Nachrichten, welche über das neutrale Ausland auS Rußland zu uns gelangt sind. Rechtsstehende Blätter baden diese zum Teil unkontrolli-rr- baren Meldungen und die daraus sich ergebenden Vermutungen über die Zukunft Rußlands mit ihrer etwaigen Rückwirkung auf die Friedensverhandlungen vom Breft-Litowsk zum Anlaß genommen, ihr altes Thema fortzuspinnen und einen ungünstigen Baden sür die Aufnahme der vielleicht aussichtsreich klingenden Ausführungen des Grafen Hertling vorzubereiten. Der „L.-A." wirft bezüglich der Fortführung der Verhandlungen in Brest-Litowsk die Frage auf, „o b we i t e r v e r ha nd elt werden soll mit Männern, die persönlich ebenso wie das L a n d, in dessen Namen sie sprechen, von der durch sie entfesselten Anarchie jeden An genblick verschlungen werden können, irgend welche Bürgschaften bieten. In parlamentarischen Kreisen, so meint -das Matt weiter, hört man deshalb auch die Meinung aussprechen, daß eine Rückwirkung der Petersburger Vorgänge auf die Verhandlungen in Brest-Litowsrk immerhin in Rechnung zu stellen ist." .
Demgegenüber können wir fsststellen, daß keinerlei neue Tatsachen vorliegen, die eine Änderung in der Beurteilung der FriedenSfrage zu rechtfertigen geeignet sind. Fest sieht, daß die Zentralmächte nach wie vor .den Willen habe», zu einem Frieden mit Rußland zu gelangen, der das Levensintereste beider Völker sicherstellt und ei» dauerndes freundschaftliches Verhältnis garantiert. Tiefe Bestrebungen aber werden durch die endlosen Auseinandersetzungen mit T r o tz k y natürlich scharf gefährdet. Gegenüber den unfruchtbaren Tiraden des Vorsitzenden der russischen Delegation muß es einmal klar ausgesprochen werden, 'daß auf diese Weise eine Verständigung kaum zustande kommen kann, und wir sind der Ansicht, daß sich .die Delegationen der Zentralmächte wohl nicht mehr lange Hinhalten lasten, und von der russischen Regievung Darlegungen tatsächlichen Inhalts verlangen werden. Sollte aber Herr Trotzkh, wie vielfach von Kennern der Lage behauptet wird, mit geläuterten Ansichten von Petersburg noch Brest-Litowsk zurückkehren, so liegt, toaS wir im Gegensatz zu anderen leitenden Presseäußerungen ausdrücklch betonen müffen, für die deutsche Regierung kein Grund vor, mit der von uns anerkannten russischen Regierung nicht die Verhandlungen bis zum Abschluß des Friedensvertrag« durchzuführen. Die heutige Besprechung der Parteiführer mit dem Staatssekretär Ä ü h l m a n n wird den Parlamentariern Klarheit über di« Absichten der Regierung geben, und die morgige RechSkanzler-Rede dürfte zweifellos nochmals aller Welt.darlegen, daß nicht Deutschland es ist, das dem Friedenswillen des russischen Volkes hinderlich im Wege steht.
Hindenburg und Ludendorff in Berlin.
W. T.-B. Berlin, 23. Jan. (Amtlich. Drahtbevicht.) Zum militärischen Vortrag beim Kaiser sind Genera lseld- marschall von Hindenburg und General der Jrchantert« von LudendovU heute in Berlin eingetroßfen.
Der widerstand der englischen Militärs gegen das einheitliche Dberkommando.
Ag. Genf, 23. Jan. (Eig. Drahtbericht, zb.) „Echo de Paris" meldet: In London wird bei der ParlamentSmehr- heit eine zunehmende Verbitterung darüber bemerkt, daß der Pariikularismus der englischen Militärs di« Ver- einbeitlichung des Oberkommandos verhindert. Der Bericht des Marschalls Saig über de« Feldzno im Jahre 181 1 sowie
über die Schlappe bei Lambrai zeigen den Wunsch nach einheitlicher Oberleitung. Vonar Law mache statt einer feiten Zusage nur Ausflüchte. Man könne vom Volk nicht verlangen, daß es eine halbe Million neuer Soldaten stellt. Die bisherigen Ergebmffe der Kriegsführung entsprächen keineswegs den gebrachten Opfern. Man könne nur neue Anstrengungen verlangen, wenn die oberste Leitung in den Entente-Armeen in gleicher Weise geregelt werde wie in der Flotte.
Die Pressung der neutraien Schiffahrt zum Dienst für die Entente.
Berlin, 23. Fan. Aus Washington wird gemeldet, die Holländische Regierung habe beschlossen, 80 holländische Dampfer, die jetzt in amerikanischen Häfen biegen, an Amerika zu vermieten. Das vorläufig« Abkommen sei soeben in London unterzeichnet. Es bestimme, daß die Schiffe nicht im Kriegsgebiet fahren sollen.
8. Stockholm, 22. Jan. (Eig. Drahtbericht, zb.) Ein namhafter Malmöer Reeder- teilte dem „Aftonbladet" mit, daß die schwedischen Reeder von der schwedischen Regierung gezwungen würden, England die augenblicklich stillliegenden Fahrzeuge abzutreten. Falls die Reeder sich weigerten, würde die Regierung ihre Schiffe enteignen. Das Abkommen, welches die schwedischen Schiffe in englische Hände gibt, gilt für drei Monate, doch werden die Schiffe darauf keineswegs frei. Neue Unterhandlungen sollen folgen. Als Entschädigung für die Überlastung der Schiffstonnage bekommt Schweden 100 000 Tonnen Waren. Die in Amerika befindlichen schwedischen Frachtschiffe sollen sofort zurückkehren, um gleichzeitig in den Dienst Englands gestellt zu werden.
Oie Kdmiralstabsmeldung.
W.T.-B. Berlin, 22. Jan. (Amtlich.) Unsere Unterfee. boote im Mittelmeer waren kürzlich mit besonders gutem Crfolff tätig. Sieben Dampfer «ad zwei Segle» mit rnnd
27 008 Brnttorrgistertonnen
sind ihren Angriffen znm Opfer grfallen Den HanptanteU an diesen Erfolgen hat Kapitänlentnant Becker <Franz).
Alle Dampfer, bis auf einen, waren bewaffnet urch fuhren meist in stark gesicherten Geleitzügen. Unter ihnen konnten namentlich festgestellt werden die englischen Dampfer „Eghptian Transport^', „Staelville", „Altenton" und „Arab", deren Vernichtung für die Kriegswirtschaft unserer Feinde von besonderer Bedeutung ist, weil mit ihnen 2 4 000 Tonnen Kohle verloren gingen. Bon den übrigen Dampfern hatte einer, der sehr starken Detonation nach zu- urteilen, Munition geladen. Ein anderer, anscheinend mit Reis tief beladener Dampfer wurde im Artilleriegrfecht zäh verfolgt, auf die Klippen der Küste der Cyrenaika gejagt und dort trotz Eingreifens einer Landbatterie vernichtet, fvitz beiden Segler mit Namen „Gniseppe" und „San Antoni" waren italienischer Nationalität. Bon ihnen hatte erster Holzladung. Der Chef des Admiralstabes der Marine.
vie unveränderte Wirkung des U-Vootkriegr nach englischem 3üyeständnis.
W. T.-B. Rotterdam, 22. Jan. Nach dem „Nieuwen Rotterd. Courant" erklärte das liberale Unterhaus- Mitglied Georges Lambert in einer Rede in Tor- rinton, daß die Derluste der englischen Handelsflotte infolge des U-BootSkrieges unvermindert fortdauern. Im Dezember wurden 30 Prozent mehrSchiffe der- senkt als im November. Im letzten Jahre sind d r e i- einhalbmal so viele englische Schiffe gesunken als neu gebaut wurden. Und nicht nur Schiffe, sondern auch die Ladungen sind verloren. Unterdessen bauten die Deutschen noch größere U-Voote. Alle patriotischen Engländer boffteu, daß die Reorganisierung der Admiralität die Folge baden werde, daß man der U-Bootsgefabr Herr werde. Die Lcbens- mittelversorglmg in England iei eine sehr ernste Sache geworden. Die Libcnsniittcl 'eien eine Voraussetzung dafür, daß dr° Nation und die Armee am Leben bleiben. Lambert drang zum Schluß auf größere Sparsamkeit im Verbrauche an Lebensniirteln.
Dir Kritische Lage in Rußland.
Berliu, 28. Jan. Wie der .,B. L.-A." schreibt, wrrvde gestern abend in parlamentarischen Kreisen di« Lage in Rußland als sehr kritisch bezeichnet. Dasselbe Blatt meDet: Ein Erlaß der russischen Volkskommissar« wendet sich gegen die \ drohende Erhebung in der russischen Hauptstadt, wo di« Bolschewiki gegenwärtig nicht über auSreichersde Kräfte verfügen. ES werde angenommen, daß die Petersburger Regimenter den Bolschewiki nicht mehr blindlings ergeben seien, sondern sich bei einem neu anfflammenden Bürgerkrieg neutral erklären würden. Die Bolschewiki träfen Gegenmaß. nahmen durch Heranziehung ergebener Matrose« und finnischer Sold-tten und durch Verstärkung der lettischen Scharfschützen. Bedenklich sei aiuch di« tägliche Verschärfung der Lebensmittelkrife. „Prawda" feMst bezeichnet die Lage der Volkskommiffarien als kritisch. In alleu Straßen Petersburgs erinnerten Anschläge daran, daß tue Stadt sich sin Be lagern nqszn st and bejindet.
