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Mittwoch, 22. Januar 19!8.
Morgen-Kusgabe.
Nr« 37.
66. Jahrgang.
Die Verhandlungen in Brest-Litowsk.
YV. T. B. Brest-Litowsk, 22. San. (Erg. Drahtbericht. Amtlich.) Die deutsche Kommission für die wirtschaftlichen Angelegenheiten hat ihre gestern begonnenen Besprechungen mit den russischen Vertretern heute fortgesetzt. Die Vorarbeiten für die weiteren wirtschaftlichen Kommissionsberatungen wurden einer Subkommiffion überwiesen, die bereits heute nachmittag ihre Arbeiten ausgenommen hat. Gestern und heute haben auch die ersten offiziellen Beratungen der deutsch-russischen Rechtsrommis- s i o n stattgefunden. Es wurde im einzelnen behandelt tmö formuliert: Die Beendigung des Kriegszustandes sowie die Wiederherstellung der diplomatisck)en und konsularischen Beziehungen, die Entschädigungsfragen und die Wiederherstellung der Staassverträge. Gegenwärtig wird über die Wiederherstellimg der PrilWt- rechte verhandelt.
Neue Vertreter der Ukraine in Brest-Litowsk.
I-- Berlin, 22. Jan. (Eig. Drahtbe rächt. zö.) Wie wir er- fcrbren, sind nach der Abreise des Staatssekretärs Külhlwann in Brest-Litowsk zwei Vertreter des Zentralkomitees der llkrcrne angtskommen. Aus Grand der von ihnen vorgelegten Vollmacht sind sie als Mitglieder der russischen FriodcnS- delegation in Brest-Litowsk anerka n t wovden.
Abbruch der Beziehungen der russischen Regierung mit Bumünien.
Br. Haag, 22. Jan. (Eig. Drahtbericht. zib.) Das holländische Naue Wnreau meldet aus London: Wie „Daily Mail" erfährt, ries die russische Regierung ihren Gesandten m Rumänien zurück und besah! ihm, Jassy sofort zu verlassen, da Rumänien das Petersburger Ultimatum nicht befriedige nd be a n tw o rte t hat. ""
Dir Maximalisten und das Selbstbestinimungsrecht.
17. Rotterdam, 22. Jan. (Eig. Drachtbericht zb.) Der Petersburger Berichterstatter der „Daily News" meldet: Bei den Krawallen, die am Dag« der Eröffnung der Konstituante stattfanden, wurden 15 Menschen getötet und etwa 100 verletzt. Wie sich nach ,der Auflösung der gesetzgebenden Versammlung ergab, sind die politischen Ziele der Maximalisten und Sozialrevolutionäre nahezu identisch; die Streitigkeiten sind in der Hauptsache persönlicher Art, weil die Führer der beiden Parteien das Verlangen zeigen, die ungeteilte Macht in Händen zu haben. Der „Nieuwe Rotterd. Courant" schreibt in einem Leitartikel: Die U-Mistände, unter denen tdie Konstituante eröffnet wurde, zeigen, daß die Maximalisten nur so lange mit dem SelbitbestimmunqSrecht der Völker einverstanden sind, als es in ihrem Interesse liegt. Sobald die Ausübung dieses Rechts aber ihre Macht einzUschränken droht, gebrauchen sie Gewalt. Das Blatt erwartet, dass, falls die Mittelmächte mit der Ukraine den Frieden abschlietzen, es mit der Macht der Maximalisten ein Ende haben werde.
m\ Amsterdam, 22. Jan. (Eig. Trahtberieht, zb.) Unter dem 20. Januar meldet Reuter aus Petersburg: Einer Deputation der Sowjets erklärte Lenin, daß die Konstituante keine Zustimmung zum Zusammentritt erhalten werde. Sie werde durch den nationalen Konvent ersetzt, den der bevorstehende Kongreß der Sowjets einsetzen werde. Während der letzten Tage haben die Roten Garden alle in den Straßen und Bahnhöfen erhältlichen Anti-Bolschewikischen Zeitungen beschlagnahmt und verbrannt.
Oie fortschreitende Versetzung in -er russischen ktrmee.
L. Berlin, 22. Fan. (Eig. Drahtbericht, zb.) Nach Berichten, welche uns von der Ostfront zugegangen sind, nimmt die Zersetzung der russischen Armee weiter ihren Fortgang. Trotz den von russischer Seite verbreiteten Nachrichten ist wenig Stimmung innerhalb des russischen Heeres fiir die W e i t e r f ü h r u n g des Krieges vorhanden. Weite Teile der Streittmicht oes Gegners sind derart demoralisiert, dass Kenner der Verhältnisse versichern, an einen schnellen Wiedevausb-rn der Heeresmacht sei nicht zu denken. Besonders trägt hierzn die schlechte Verpflegung bei. Von einzelnen Fcontabschmtten wird berichtet, dass die Nahrungsmittelversorgung vollständig versage. Dazu kommt noch, dass im Transportwesen volle Anarchie herrscht. Bei den heutigen Zuständen aber ist eine Besserung in der Organisation der Eisenbahn kaum zu erwarten, ©o wird an einzelnen Frontstellen geradezu von einer verzweifelten Lage infolge Stockens der Proviantzufuhr bericktet. In der Ukraine arbeitet die Entente durch ihre noch in Rußland befindlichen Offiziere mit Hochdruck. Man hofft offenbar, dort fruchibaren Boden für die Absichten unserer Gegner zu finden. Besonders find cs französische Agenten, die in Kiew die Zeitungen zu beeinflussen suchen. Die Funksprüche, die an der Nordfront verbreitet werden und die iich vor allem mit der Auflösung der konstituierenden Versammlung in Petersburg beschäftigen, geben ein krasses Bild ton ixt Unaufrichtigkeit der Bolsihewiki. Überall, wo die
jetzigen Petersburger Machthaber auf Widerstand stoßen, erklären sie einfach ihre Gegner als Feinde der Revolution und bekämpfen sie. Ihre großsprecherischen freiheitlichen Theorien wenden sie nur so weit an, wie es ihnen paßt, nämlich vor allem in den Verhandlungen in Brest-Litowsk, wäbrend sie im eigenen Lande alle andersgesinnten Kreise durch Waffengewalt Niederkämpfen.
Oer Krieg gegen England.
450 000 Mann Ersatztrnppcn — nur ein „Flohbiß".
W. T.-B. Bern, 22. Jan. (Drahtbericht.) In der Unter- hausdebattc am 17. Januar über die Mannschaftsersatzvorlage erklärte »der Abgeordnete Rogge, er bpsitzc eine Information, die er dem Hause nicht in öffentlicher Sitzung mitteilen könne, da er sie bei einer privaten Besprechung erhallen habe. Nur so viel könne er sagen: „Wenn Geddes durch die neuen Maßnahmen rnit 450 000 Mann aus den Zivilberusen auszukommen hoffe, so sei nach seiner Kenntnis der Lag« das ganze Vorhaben völlig a b s u r d, denn das bedeute einen bloßen Flohbiß und werde England dem Sieg um keinen Zoll näher bringen. Der Premierminister könne dem Hans sehr wichtige Informationen neben, auf die es Anspruch habe. Indem er sie verheimliche, beweise er dom Hause und dem Lande eine unbedingte Geringschätzung. Der Abgeordnete Smallwood beklagte sich über die in der englischen Armee herrschende Günstlingswirtschaft, durch -die viel« fähige junge Männer zu Hause gehalten würdeii, während andere trotz einer vielfachen Verwundung immer wieder an die Fronl gesandt würden. Wenn es keine Bevorzugung gebe uud alle Gesellschtaststtaffen die gleichen Opfer brächten, würde man keine Krisis seitens der Arbeiterschaft zu befürchten brauchen.
Die Annahme der englischen Heeresverstärkung. NWS. Haag, 22. Jan. (Eig. Drahtbericht. zb.) Aus London wirb gemeldet: Das britische Unterhaus
hat den Gesetzesvorschlag zur Vermehrung der Heeres- stärke ohne wesentliche Änderungen in dritter Lesung angenommen.
Ein neuer englischer Generalstabschcs.
Br. Bern, 22. Jan. (Eig. Drahtbericht. zb.) HavaS meldet aus London: Generalseldmar schall Haig hat den Divi- sionsgeneral Lawrence zum Chef des Generalstabs ernannt. Der Pariser „Temps" bemerkt dazu, diese Ernennung sei nur ein Vorspiel einer Reihe von Veränderungen im britischen Oberbefehl.
Carson zurückgetrcten.
W. T.-B. London, 22. Jan. (Drahtbericht. Reuter.) Amtlich wird mttgeteilt, daß Carson als Mitglied des Kriegskabi- netts zurückgetreten ist.
Die englischen Lebensmkttelnöte.
YV.T.-B. Bern, 22. Fan. (Drahtbericht.) Die Lebensmittelknappheit rief in Manchester am 16. Jan. eine bemerkenswerte Kundgebung hervor. Am Vormittag, um 8 Uhr, legten sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen der acht großen Munitionsfabriken im Openchaw- Gordon-Distrikt die Arbeit nieder und marschierten zum Rathaus, uin die nationale Zwangsrationierung mit gleichmäßiger Verteilung der Lebensmittel für alle Gesellschaftskreise zu verlangen. Die Zeitungsberichte betonen, daß die Kundgebung um so eindrucksvoller war, als sic in völliger Ordnung und ohne Zwischenfall verlief. Eine aus 16 Personen bestehende Abordnung trug dem Oberbürger- ineiiter die Beschwerden der Arbeiter vor, die sich hauptsächlich gegen die ungleichmäßige Verteilung deS Fleisches richtete und den Argwohn bekundete, daß seitens der Spekulanten eine künstliche Knappheit hervorgerufen würde. Ein Mitglied der Abordnung versicherte, die Arbeiter hätten nunmehr die Grenze dessen erreicht, was sie aushalten könnten. Sie vermöchten nicht, bei trockenem B-r o t 14 Stunden zu arbeiten. Sie würden vielleicht sich selbst, keinesfalls aber ihre Kinder ans dem Altar des Nahrungsmittelwuchers opfern. Der Oberbürgermeister gab die Zusage, er werde sein Möglichstes tun, um Abhilfe zu schaffen, und sandte an Lord N h o n d d a einen telegraphischen Bericht über die Kundgebung. Eine weitere, einem Generalstreik gleichkommende, 100 000 Personen umfassende Veranstaltung gegen die ungleiche Lebensmittelversorgung von Manchester wurde von den Salford-Gewerkschaften für nächsten Sonntagmorgen beschlossen. _
Kuch Vrkand des Landesverrats beschul!» g^.
Br. Amsterdam, 22. Jan. (Eig. Drahtbericht, zb.) Im Falle Caillaux' wird ans zuverlässiger Onelle mitgeteilt, daß Clemenceau am Montag eine wichtige Besprechung mit Poincare hatte, wobei Clemenceau die neuentdeckte Beschuldigung gegen Briand vorlegte und Poincares Entschließung zur Verhaftung Briands forderte. Der Präsident ersuchte Clemenceau, zunächst den ersten Termin Eaillaur abzuwarteii. Doch sind Maßnahmen getroffen, Briand nicht außer Landes zu lassen. Dian will in Italien Beweise gefundeii haben, wonach auch Briand mit italienischen Sozialisten beraten Hai, wie durch den Sturz der italienischen Regierung ein sozialistisch-liberales Kabinett geschaffen werden könne. Die Folge dieses Staatsstreichs sollte auch m Frankreich zu einem ähnlichen Ereignis führen. Das in
Italien entdeckte Anklagematerial gegen Briand wird von der italienischen Regierung benutzt, um die Niederlage in V e n e l i e n zu untersuchen, wonach Cadorna und sechs andere Genercile, die nach abgesetzt sind, unter Anklage kommen.
Lin türkischer Flottenvorstotz in den Dardanellen.
W. T.-B. Berlin, 22. Jan. (Drahtbericht. Amtlich.) Am 20. Januar stießen türkische Streitkräfte, und zwar der Panzerkreuzer „Sultan Javus SeIim" (früher „Goeben"), der kleine Kreuzer ,.M i b i11 i“ („Breslau") und Torpedoboote in den Dardanellen gegen feindliche Streitkräfte vor, die zur Fliegerauf- kläiung bei der Insel Jmbros festgestellt wurden. Ein großer und ein kleiner englischer Monitor wurden vernichtet, ein Tcansportdampfer von 2000 Tonnen versenkt, mehrere Hulks schwer beschädigt und die englische Signalstation an der Kephalo-Bucht zerstört. Beim Rückmarsch nach Len Dardanellen ist der kleine Kreuzer „M i d i I l i" infolge mehrerer Unterwassertreffer von Minen oder Unterseebooten gesunken. Der Kreuzer „Sultan Javus Selim" saß beim Einlaufen innerhalb der Dardanellen an der Enge bei Nagara leicht fest. Er ist jetzt, wie die englische amtliche Meldung behauptet, durch schwere Be schäbigungen auf Strand gesetzt.
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Eine Marine-Entrntekonfrrenz.
Br. Genf» 22. Jan. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die gleichzeitige Anwesenheit des italienischen Kriegsministers Generalleutnants Alfieri und des italienischen Generalstabschess der Marine Admiral Thaon di Reval in Paris gibt den Pariser Blättern Anlaß zu Vermutungen über den Zweck dieses Besuchs. Der Admiral hatte mit dem französischen Marineministei L e v g u e s eine längere Unterredung im Hinblick aus die bevorstehende Ententekonferenz der Ententemarinen, in der neben anderen Angelegenheiten auch die Abwehr gegen den U-Bootskrieg zur Erörterung gelangen soll.
Lin Antrag auf Loslösung des deutschen Teile, von Böhmen.
Br. Wien, 22. Jan. (Eig. Drahtbericht, zb.) Bei dem Wiederzusammentritt des österreichischen Abgeordnetenhauses gaben die deutichnationalen Abgeordneten Böhmens die E r k l ä r u n g ab, sie wünschten die Loslösung der deutsche Teile des Königreichs Böhmen und die Vereinigung dieser Teile zu einer selbständigen österreichischen Provinz Deutsch- bohmen. _
Abgeordnetenhaus.
(Eigener Trabtbericht teg „Wiesbadener Tagblatts".)
$ Berlin, 22. Januar.
Am Regierungstisch: Kommissare.
Präsident Graf v. Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 2,45 Uhr.
Zunächst wird das Einverständnis des Abgeovdneten- lrauses mit der endgültigen Fassung des Artikels 1, Ziffer 7, des Entwurfs eines Kriegsgesetzes zur Vereinfachung der Verwaltung, wie es sich aus den Beschlüssen der dritten Lesung ergab, festgestellt.
Nach Erledigung von Rechnungss.rchen folgt die Beratung des Antrags des Abg. Dr. Heß (Zentr.) und Genossen, uw Beseitigung der Bevorzugung von Vorschülern vor den Volks schülern. In dem Antrag der Unterrichtskommtffion wird die Staatsregierung ersucht, Maßnahmen für die Volksschule zu treffen, durch welche die Aufnahme in höhere Schulen den Volksschülern unter nicht ungünstigeren Bedingungen ermöglicht wird als den Vorschülern.
Nach kurzen Ausführungen der Abgg. Maller (kons.), Hetz (Zentr.), Wittrock (Vpt.), Hönisch (Soz.), Blankenburg (natl.) und Ramdohr (freikons.) wird der Antrag der Kommission angenommen.
Es folgt die Beratung des Antrags der Abgg. F ü r- bringer und Genossen auf Errichtung eines BankinstttutL zur Gewährung von Schiffsdarlehen. Die Handels- nnd Gewerbekommission beantragt, die Staatsregierung zu ersuchen, in Erwägung zu ziehen, wie das firr die deutsche. See- und Binnenschiffahrt bestehende Bedürfnis nach Schiffsdarlehen befriedigt werden soll.
Abg. Dr. Hager (Zerttr.) berichtet über die Verhandlungen der Kommission.
Die Abgg. Fürbringer (natl.), Dr. Crüger (Vpt.), Hamme» (kons.) und Brockmann (Zentr.) befürworten die AnnahWe des Kommissiensantrags.
Der Kommissionsantrag wird angenommen.
Hierauf berichtet Abg. Pohl (Vm.) über die Verhandlungen der Jlrsttzkvurmiffion über den Antrcrg Aronson (Vpt.), betreffend das Haltekinderwesen. Im Antrag der Kommission wird die Regierung ersucht, auf eine reichsgesetzliche Regelung des Haltekinderwesens einznwirken, durch lvelche eine einwandsfreie Pflege der Haltekinder uud B» ouitzchttgung b§c Ziehmütter 'gewährleistet wird, mit feg
