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Sonntag. 20. Januar 1918.

Deutsch - MittelafriKa.

Herr Lloyd George war so gütig, unS die Möglich­keit kolonialer Betätigung offen zu lasten, was er frer- lich nur in der Form tat, daß die eingeborene Bevoltc- ruriq befragt werden solle, ob sie zu uns gehören mochte. Für^ die Bevölkerung der britischen Kolonien dünkt ibm solche Frage überflüssig. Aber wrr wollen keinen Kolonialbesitz von der Gnade Englands, wrr wollen ihn aus eigener Kraft erringen und behaup- ten und w werden sich die englischen und auch die amerikanischen Staatslenker an den Gedanken gewöhnen müssen, daß dieser Krieg nicht enden darf, o e v o r >oir in Afrika ein genügend großes und er- giebigeö Territorium für den Bezug unserer Rohstoffe und für die Betätigung unseres berechtig­ten Expansionsdranges fest in die Hand oe- kommen haben. Wenn man die Frage, uni was dreier Krieg geht, auf ihren lebten Kern hin prüft, so mutz inan antworten: er geht uni die Sicherung unserer

W e l t ü e l t u n g, also um die ungehinderte Verbin­dung zwischen irns und Vorderasien brs hm- unter zum Persischen Meerbusen, voin Indischen brs zunr Atlantischen Ozean. Alles andere ist, weltpolitnch an­gesehen, nur Beiwerk. Es bleibt darum freftlch sehr wichtig, aber das entscheidende Problem, das zwilchen lins und England steht und jetzt gelöst werden soll, wird durch keine der spezifisch europäischen Fragen tm welent- lichen berührt. Wir werden diesen Krieg niemals ge- wonnen haben, wenn wir uns mit den Sicherungen unserer militärischen Erfolge nur auf den Kontinent be- schränken, sei es im Osten, sei es in, Westen, sei es auch nach beiden Saiten gleichmäßig: wir werden ihn nur gewonnen haben, wenn wir dr? Engländer von der Land brücke zwischen Ägypten und In o r en wieder vertrieben und uns unseren Antett an A f r i k a gesichert haben werden.

Weil das so ist, darmn müssen wir eine europäische Politik treiben, die es England unmöglich macht, wiede­rum Bundesgenossen gegen uns zu werben. Wir müssen zu einer Verständigung der Festlandsmachte ge langen, zunächst zu einer Verständigmrg mit Rußlaue,, die'die Möglichkeit, auch Frankreich aus den britischen Banden zu lösen, mindestens im Kern enthielte, womit ja noch riicht gesagt ist, daß diese so wünschenswerte Krönung einer weitblickenden Festlandspolitik auch ge- lingen wird. Aber zuin wenigsten sollte keine Politik betrieben lnerden, die ein solches Ziel um lockender Augenblickserfolge willen aus den Augen ließe.

Der Staatssekretär Sols, der vor einigen Wochen in einem in Berlin q-ehallenen Vortage Mte und kluge Worte über die Zukunft unserer Koloniatpolftik ge­sprochen hat, stellte auch die Wiedergewinnung unserer Besitzungen in der Südsee in sein Programm ein. Er hatte gewiß keirie Veranlassung, hierauf zu verzich­ten, aber er selbst wird kauni widersprechen wollen, wenn man ihm entgegenhalten würde, daß die Frage imst-rer Südseeinseln gründlich anders als die unserer afrikanischen Besitzungen liegt, daß dort keine so un- nrittelbaren Lebensinteresten mitsprechen, und daß die ostasiotische Frage unter dem Gesichtspunkte unseres Verhältnisses zu Japan behandelt werden muß, also von dem Standpunkt ans, daß eine Verständigung mit btc -er aufstrebenden Macht in unserem Interests liegt, m- tofern sich der Gegensatz zwischen Japan und den angelsächsischen Mächten vertieft, wie er es aus unent- rinnbarem Zwange tun muß. Das Ziel deS Staats­sekretärs Soft bleibt ein deutsches Afrika, und das mutz unser aller Ziel und Richtpunkt sein. Wir brauchen diese Gebiete um uns in bezug vieler wichtiger Roh- stofte von dem feindlichen Auslands unabhängig zu machen, wir würden nach dem Kriege, auch wenn die feierlichsten gegenseitigen Sicherungen gegen offenen oder verhüllten Wirtschaftskrieg gegeben werden sollten, mit soviel Mißwollen und Schwiertgkerten zu kämpfen haben, daß geradezu unser nacktes Dasein davon abhängt, ob wir eine, unseren Bedürfnissen entsprechende P r o d u k t i o n s P o t i t i k 'reiben kön­nen oder nicht, und die Möglichkeit zu solcher-Politik ist nur gegeben, wenn wir die erforderlichen Rohstoffe ins Land hereinbekommen. Dazu aber gehört em aus­reichender Kolonialbesitz, und den wollen und müssen wir erzwingen.

Nun sind die feindlichen Staatsmänner, wie Lloyd Georges letzte Rede gezeigt hat, immerhin klug genug, um uns zu sagen, daß sie uns das Ventil nicht völlig verschließen dürfen, wenn sie nicht eine auch für Groß­britannien gefährliche Explosion Hervorrufen wollen, und so hatte der edelmütige Premier die Gewogenheit, uns unter einschränkenden Bedingungen immerhin ein bißchen Kolonialbesitz anzubieren. Wir werden ledoch von seiner Güte keinen Gebrauch machen können, wir stellen uns die Sache beträchtlich anders vor, und wir müssen schon heute wissen, daß das, was wir zu for- -ern wir uns berechtigt halten, mit den englischen In-

Morgen-Ausgabe

teresten scharf Ausammenstoßen wird, und daß wrr für die Durchsetzung unseres Anspruchs zu rampsen haben werden, sie aber nicht von dem b r r 1 1 sch c n Wohlwollen erwarten dürfen. Unser Ziel ist ein deutsches Afrika, von Meer zu Meer, und damit ist schon aesagt, daß diese westöstliche Lmre unserer Kolvnialpoftkik in einem unüberbrückbaren Gegensatz zu der nordsüdlichen Linie der englischen Kolonlalponnt steht, die sich in dem Schlagwort „Vom Kap bis Kairo ansdrückt. Es ist derselbe Gegensatz, der vor 20Zähren zwischen Frankreich und England bestand, und bei denn die Republik (Faschoda) unrühinlich den kürzeren zog. Aber Deutschland ist nicht Frankreich, lind wir werden nickst dulden, daß inan uns die G r u n blaßen nn- sorer wirftschaftlichen Cxisienz zerrüttet. Wir sind stark genug, uni nicht nötig zu herben, cs zu duldeil.

Nr. 33. . 66. Jahrgang.

Im Zusammenhang hiermit brachte der Vorsitzende der österreichisch-ungarischen Delegation das

Thema der durch die österreichisch-ungarischen Truppe» besetzten Gebiete

zur Sprache und ersuchte den Vorsitzenden der russischen Dele­gation um Aufklärung darüber, ob die hierauif bezüglichen Verhandlungen mit der Petersburger Regierung oder, wie die ukrainischeDelegation wünschte, nur m i t d i e s e r allein zu führen seien.. Auch hieraus erwiderte Herr Trotzky, Latz der ukrainischen Delegation eine einseitige und selbständige Behandlung dieser Frage n i ch t z u g e st a n d e n werden könne, woraus Gras Ezernin sich die weitere -Be­sprechung dieser Frage -bis riech der binnen kurzer Zeit zu er­wartenden Klärung der Kompetenzsvage zwischen der russi- schen und der ukrainischen De-Iegatio-n .vorbehält.

Die Verhandlungen ln Brest-Litowsk.

W. T.-B. Brest-Litowsk, 18. Jan. (Drahtberichl.) - Die wegen eines leichten Unwohlseins des Ministers Grafen C z e r n i n auf zwei Tage unterbrochenen Besprechungen der Kommission zur Regelung der politischen und territorialen Fragen Wurden -heute vormittag und nachmittag fortgesetzt. Hinsichtlich der Lei der letzten Sitzung angeschnittenen Frage, betreffend die ' -

Rückkehr der aus de» besetzten Gebieten während des Kriegs Ansgewanderten,

wiederholte Staatssekretär v. K ühlman n, daß -die Mittel­mächte i-m Prinzip mit dem Gedanken der Rückwanderung einverstanden seien, und Laß die praktische Durchführung die­ser Repatriierung am besten der KmmnMo« zu übertragen wäre, die mit. dem Austausch der Zivil-aefangeneu,. beschäftigt ist. Auf die Anfrage des Staatssekretärs v. Kühlmann, ob es der russischen Regierung möglich sein werde, sich iiber die in Betracht kommenden Emigranten Nachweise darüber zu Le- schasfen, daß sie vor ihrer M'w-anderuug in den fraglichen Ge­bieten gelebt chatten, erwiderte Herr Trotzky, daß diese Flüchtlinge und Evakuierten derzeit in Rußland in Lands­mannschaften zvsammcngefaßt seien, deren Zentr-alorgane zweifellos di« mögliche Basis dieses Nachweises zu liefern imstande seien. Da dieser Punkt hiermit befriedigend erledigt war, ging die Kommission auf die Besprechung der Frage über, in welcher Weise die Abstimmung über die staatliche Zukunft -derjenigen -besetzten Gebiete erfolgen soll, denen Rußland das S e l b st-b e st'i m-m u n g s r e ch t einyeräumt hat. Deutscherseits wurde darauf hingewiesen, daß das von -der russischen Delegation hierfür beantragte

Referendum

-dem Entwicklungszustand der Bevölkerung dieser Gebiete nicht entspreckn', und daß es richtiger wäre, -die -m den fraglichen Territorien vsstchenden V e r t r et u nstsk ö r p er -durch Wahlen auf breiterer Grundlage derart zu er- gän-zen und zu erweitern, daß sie tatsächlich als Vertretung der ge-iamten Bsrülkcrung ange-sckhcn werden könnten. Dem­gegenüber -bemerkte Trotzky, daß die russische Delegation an ihrem Antrag sesthalte, daß nur -das R e s e r e n d u m über die staatliche Zukunft -dieser Länder entscheiden soll. In Erwiderung daraus wies Staatssekretär v. Kühlmann er­neut auf das Bestreben der Mittelmächte hin, den breiten Schichten der Bevölkerung dieser Gebiete einen zunehmenden Einfluß aus die PoMB einzuräumen, -wa-S unbedingt gewähr- leister werden muffe, ebenso -wie die' Aufrechterhaltüng der Ordnung innerhalb der Übergangszeit. Das, was verhindert -werden müsse, sei Äse Ausbreitung der Revo­lution auf die-ie schön vom Krieg genug heimgesuckten Gegenden. -Eine weitere -Erörterung dieser Frage wird dar­aus v e r r -ag t, und zur

Besprechung des Umfangs des unter Artikel 2 des deutsch österreichisch-ungarischen Entwurfs fallenden Gebiets

überg-cgargen. Aus Einladung des Vorsitzenden legte hier-anö General Hossmann eine Kart« vor, welche die vetreffen- den -Einzeichnungen für das Gebiet zwischen -der Ostsee und Br-est-Litows-k -enthielt. Ans die Bemerkung, -daß di« südlich von Brest-Litcwst liegenden Territorien in dieser Karte nicht berücksichtigt seien, da' hierüber Verhandlungen mit der ukrainischen Delegation schwebten, sah sich Herr Trotzky zu felgender Gegenerklärung veranlaßt:

Wie ich schon zweimal bemerkt, und zwar bei Gelegenheit der Anerkennung der -ukraimschen Delegation, ist der Prozeß der Selbstbestimmung der Ukrainer noch nicht so weit gediehen,, daß die Frage der Abgrenzung zwischen uns und der neuen Republik bereits als durchgesührt «rngefehen werden könnte. Ich habe schon damals bemerkt, daß dies keine Schwierigkeit in der Verhandlung ergeben werde, da nach un­seren Grundsätzen die Grenzen bestimmt werden durch , den Willen -der breiten Massen der -Bevölkerung. die -daran intereMeri sind. In jedem einzelnen Fall würde es einer Einigung zwischen unS und -der ukrainischen Del-egari-cm bedürfen. Dies -bezickht sich natürlich auch im vMen Umsmrg aus die Gebiete, südlich von Brest- Litowsk.

Im Lause der Besprechung vom Vormittag ersuchte Staatssekretär b. Kühlmannum Aufklärung über das

Verhältnis des Kautasus zu der Petersburger Regierung.

Hieraus gab Herr Trotzky folgende Auskunft: Die Kauka- suSarmee steht in vollem Ilmsang unter dem Befehl von Vor­gesetzten, die dem Rat der Volkskommissare unbedingt er­geben sind. Dies wurde -etwa vor zwei Wochen bestätigt auf dem allgemeinen Kongreß der Delegierten der KaukasuZ- >ront.

-Eine weitere -Frage des Staatssekretärs hatte -die

Aalandsinseln

zum Gegenstand, und Herr v. Kühlmann führte -dabei aus, die Aalandsfraye sei für Deu-tschlaud als eins der Mit­unter zcich-ner eines alten Vertrags bedeutsam. Zunächst sei die -Vorfrage zu lösen, ob das AalandsprMem uack -wi-e -vor von der Petersburger Regierung behandelt werde, -oder ob jetzt,die von mehreren Mächten anerkannte finni­sche Re publik'international auch zur Vertretung der die, Aalandsinseln betreffenden Fragen berechtigt zu erachten sei.

Aus die Erklärung des Herrn Trotzky, daß die Profla- mation der staatlichen llnabhängigkeit Finnlands bisher n, der Aalend sfr age keinerlei Veränderung heworgerufen habe, wies Staotss-Är-etär v. Kühl-mann darauf -hin. daß au-S der Aa-landsfrage für Deutschlands Industrie Rechte erwüch­sen. deren Ancr-kennung zum FriedenSvertr-og eine deutsche Forderung tzarstelle. Es sei ein ,deu-tscher Wunsch, bei der Er Neuerung der betreffenden Vertragsbestimmungen die € st s e e a nwohne r, insbesondere auch Schwede n, zur Mitberatung und Unterzeichnung her an zu- z i ehe n. Er -habe Gründe zu der Annahme, daß die Wünsche des schwedischen Volkes, wenn es auch hei den gegenwärtigen Beratungen nicht Zertreten sei, sich in dieser Richtung be­wegen. Herr Trotzky -behielt sich eine Antwort auf diesen Hinweis für später vor. Am Schluß der Nachmittagssitznng erklärte Herr Trotzky, aus- inncrpolitischen Gründen sich für die Dauer einer Woche nach-Pe t e r shu r^g begeben z u müssen, weshalb -er die

Bertagiinz der Beratunsen der politischen Kommission bis znm 29. Januar

Vorschläge Mit seiner Abreise gel>e die Führung der rusti- -schen Delegation auf Herrn Joffe über. Auf feiten der Mittelmächte wurde diese Erklärung zur Kenntnis genommen und der Hoffnung Ausdruck gegobe-n, daß nach der Rückt-ehr Hervn Trohkys eine volle Einigung zu erzielen sei.

Die Wir-tichaftsk-ommiffion. die heute unver-' hindli-che veriranlickw Besprechungen hatte, setzte ihre erste offizielle Sitzung auf SamStagvormi-ttag 11 Ubr fest.

Trotzkqs kkbreise.

Dom unserer Berliner Abteilung,)

' I* Berlin, 19. Jan. lEig. Drahtbericht, zb.) »k-m Donnerstag ist Trotzky einem Wunsch aus Petersburg gefolgt und von Brest-Litowsk nach der russischen Hauptstadt nbgo reist. Beunruhigung braucht aus diesem Anlaß i» fcer deutschen Öffentlichkeit nicht zu entstehen. Die Abreise deö -Volkskommissars für öffentliche Angelegenheiten m Ruß­land hängt nicht mit deni Verlaus der Verhandlungen zu­sammen und es ist vorderhand nicht etwa ein Abbruch der­selben zu fürchteir. R.s i,n-e i n n.e r v o l i t i s ch e Gründe wären — so hat Trotzky erklärt — für seine Rückkehr nach- Potersburg maßgebend, und man wird eö bei der schwierigen Stellung der Bolschewiki-Regierung wohl verstehen, daß sie einem Verlangen des Arbeiter- und Soldatenrates, ihrer Hauptstütze, auf mündliche Berichterstattung, kein glatte? Nein entgegensetzen kann.

Immerhin wild Trohktiö Avreise, -wenn auch inKoische.i w-irtschastliche Fragen -mit -den zurückbleiibenden Mitgliedern der russischen Delegation beraten werden, natürlich, eine neue V e r z ö g e r u n g der FriedensverhandlunGen zur Folge hoben. Den unmittelbaren Schaden, davon ha-t natürlich die rustische Regierung selbst. Die russische Front, im Esten löst sich'immer mehr ans. Sol-daken und Offi­ziere verlassen die St-ellunaeir und schaffen selbst Geschütze -und Kriegsmaterial fort. Fm ganzen find auf diese Me-i-se. jetzt 20V Kilometer von rvgend welcher ru-Mcher Be- satzrmg «ntiblößi.