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Donnerstag» 17. Ianuar 1918.

Morgen-klusgabe.

Nr. 27. 66. Jahrgang.

Die Verhandlungen in Vrest-Litowsk.

W. T.-B. Brest.Litowsk, 16. Jan. (Dvahtbericht.) Am 14 Januar, 6 Uhr nachmittags, hielt die Kommission zur Beratung der territorialen Fragen ihre vierte Sitzung ab. Staatssekretär v. Kühl mann teilte mit. daß d'.e verbündeten Regierungen zu dem Entschluß gekommen seien, die fommlierten Burschläge der russischen Delegation ihrerseits gleichfalls in formulierter Form mündlich zu beantworten. Cr halte aller die Art, gegenseitig init formu­lierten Schriftstücken zu verh tndeln, für außerordentlich zeitraubend und wenig föcsernd. Es werde sich emp­fehlen, die Materie mit dnrchz'lspcechen und dann von jeder Seite je einen Herrn mit der .Redaktion zu beaustr igm. Diese beiden Herren könnten eine gemeinsame Fassung suchen und, falls diese nicht inöglich loäre, die gegenseitigen Differenz­punkte mit festlegen.

Hierauf gelangte die materielle Antwort der Verbündeten zur Verlesung, in der es heißt:

Die ruffischen Vorschläge, betreffend die besetzten Ge­biete, weichen dermaßen von der Ansicht der Verbündeten ab, daß sie in der vorliegenden.Form als unannehmbar bezeichnet werden muffen.

Sie tragen nicht den Charakter des Kompromisses, sondern stellen sich als einseitige russische Forderung dar. Trotzdem sind die österreichisch-ungarischen und die deutschen Delegationen bereit, nochmals und diesmal formulierend ihre Anschauungen über die schwebenden Fragen klar zum Ausdruck zu bringen und noch einen Versuch zu unternehmen, die dem von ihnen angestrebten Kompromiß eine Aussicht auf Verwirklichung bieteti kann. EL muß auch dac.ruk hingewiesen iverden, daß für die Mittelmächte mit einein Abschluß eines Friedens mit Rußland keines­wegs «»ich der allgemeine Frieden verbunden ist. Die Verbündeten Delegationen erklären crufs neue, dass sie der Anschauung sind,' die verfassungsmäßig zuständigen Organe in den neuen Staaten seien als vollkommen befähigt rnzu- sehcn, den Willen weiter Kreise oec Bevölkerung auszu- drüken. Von großer Bedeutung füb die Entstehung dec Staaten Persönlichkeiten ist das Urteil des obersten Gerichtshofes in Washington vom Juni 1808, in dem ausge- führt worden ist, daß di; souveränen Rechte der Vereinigten Staaten von Noroamerika als voll und ganz bestehend cmge- seben werden müßten, von dem Tag: der Verkündigung ihrer Unabhängigkeit d. h. seit 4. Juni 1776 ganz unab­hängig von ihrer Anerkennung seitens Englands im Vertrag von 1782 Droit Internationale, Codseep 160). Die

verbündeten Delegationen nehmen Akt von der Erklärung der ruffischen Regierrng, aus der Tatsache der Zugehörigkeit der besevten Gebiete zum Bereiche des früheren ruffischen Kalser- veichs keine Schlüffe zu ziehen, die irgend welche taisächlichen Vervfiichtungen der Bevölkerung d'eser Gebiete im Ver­hältnis z'ir russischen Republik aufeclegen würden, und daß die alten Grenzen des früheren russischen Kaiserreiches, die Gienzen, die durch Gewalttaten und Verbrechen gegen die Völker gebildet wurden, insbesondere gegen da' polnische Volk, zusammen mit denk Zarismus verschwunden sind, ebenso davon, daß für die ruffische Regierung deswegen die Gruntaisiaabe der jetzt geführten Verhandlungen nicht darin bksteht, in irgend welcher Weise das weitere zwangs­weise Verbleiben der genannten Gebiete im Rahmen des ruffischen Reiches zu verteidigen, sondern in der Sicherung der wirklichen Freiheit und Selbstbestimmung dec inneren Staats- einrichtungen und der internationalen Lage besteben. In dsisem Zusammenhang wäre die Frage aufzuwerfen, ans welchem Rechtsverhältnis die gegenwärtige russische Regierung -ihre Berechtigung und Verpflichtung ab­leitet, für die Sicherung der wirklichen Freiheit und Selbst­bestimmung dieser Gebiete bis zum Äußersten, d. h. unter Umständen bis zur Fortsetzung des Krieges, einzutreten. Wenn in der Tatsache, daß das besetzte Gebiet zum Bereich de? früheren ruffischen Kaiserreiches gehörte, keinerlei Ver­pflichtung der Bevölkerung dieser Gebiete gegen die russische Republik begründet ist, so ist nicht ohne weiteres er­sichtlich, worauf dir russische Republik ihrerseits ihre Rechte und Pflichten gegen diese Bevölkerung gründen will. Stellt man sich aber wie die russische Delegation es tut auf den Standpunkt, daß die russische Republik ein derartige? Recht besitzt, so sind in der Tat der Umfang des Terri- toriiiins, die politische Voraussetzung für die Ausübung des Selbstbestimmvngsrechts des stbergangsregimes und di« Form der Willenskundgebung, die vier Punkte, über die ver­sucht werden muß, Einigkeit zu erzielen.

Zu 1. D:e Behauptung, das Selbstbestimmungsrecht siebe der Nation und nicht auch Teilen von Nationen zu, enispricht nicht unserer Auffaffung des Selbstbestimmungs- rechts. Auch Teile von Nationen können ihre Selbstbestim­mung und Absonderung selbständig beschließen. Es ist hier kciuetweas angenommen, daß die Okkupationsgrenze für die Abgrenzung dieser Gebiets» maßgebend fein soll. S*J rlattb, Litauen und Polen bilden auch hi stor> sch eine gemeinsame Einheit. - Deutschland und Österreich-Ungarn haben nicht die Ab­sicht, sich die jetzt von ihnen besetzten Gebiete einzu- verleiben, sie beabsichtigen nicht, die fraglichen Ge­fiele zur Annahme dieser oder jener Staatsform zu nötigen, müssen aber sich und den Völkern der besetzten Gebiete für den Abschluß von Verträgen dieser Art frei« Hand behalten.

Zu 2. Was die Ausführungen hierzu betrifft, so gehen sie cm dem grundlegenden Unterschied vorbei, auf dem von den beobündetoten Delegationen immer wieder hingewiesen wird. Eine Zurückziehung der H e e r e ist, so lange der Welt­krieg dauert, unmöglich. Jedoch kann ongestrebt wer­den, die Truppen, falls die militärischen Umstände es ge­statten, auf diejenige Zahl zurückzufichren, die zur Aufrecht- erhaltung der Ordnung und der technischen Be­triebe im Lande unbedingt nötig ist. . Das Bild einer nationalen Gendarmerie kann angestrebt werden. Was die Rückkehr der Flüchtlinge und der während des Kriegs Evakuierten betrifft, so wird eine wohlwollende Prüfung vcn Fall zu Fall zuyosagt. Diese Frage kann, da sie nicht vcn ausschlaggebender politischer Bedeutung, einer besonderen Kommission überwiesen werden.

Zu 8. Der russische Vorschlag ist in seinen Einzelheiten nicht klar genug und 'bedarf einer weiteren Aufhellung. Es ist aber ohne tr-eitetes zuzugeben, daß mit der fortschreitenden Annäherung des allgemeinen Friedens den gewähren Vertre­tern der Bevölkerung des Landes in immer steigendem Umfang die Mitwirkung auch an den Verwaltungs­ausgaben einyeräumt werden soll.

Zu 4. Die verbündeten Delegationen sind grundsätzlich bereit, zuzuftimmen, datz ein Volks Votum auf breiter Grundlage die Beschlüsse übeO die staatliche Zugehörigkeit der Gebiete sanktionieren soll. Eine einheitliche Festlegung auf ein Referendum erscheint unpraktisch. Auch ohne Votum können auf breiter Grundlage gewählte und ergänzte reprä­sentative Körperschaften nach Anschauung der verbündeten Delegationen genügen. Es mag darauf hingewiesen werden, datz auch die von der Regierung der Volkskommissare aner­kannten Staatsbildungen innerhalb des ehemaligen russischen Kaiserreichs, wie z. B. die Ukraine und Finn­land, nicht im Wege eines Referendums, sondern durch Beschlüsse von auf breiter Grundlage gewählten Natio­nalversammlungen erfolgten.

Von dem Wunsche beseelt, es neuerdings zu versuchen, zu einer Verständigung mit der rüffkstHen Regierung zu gelangen, haben die Regierungen Deutschlands und Österreich- Ungarns diese weitgshenLen Vorschläge gemacht, fügen jedoch gleichzeitig hinzu, -daß sie den äußersten Rahmen bilden, innerhalb dessen sie eine friedliche Verständigung noch errsichen wollen. Sie waren bei der Entwicklung dieser Grundsätze ebenso von der pflichtgemäßen Absicht durchdrun­gen, die eigene Wehrfähigkeit nicht schwächen zu lassen, so lange dieser unselige Krieg nixh fortgeht, als auch von der Jntension, diejenigen Völker, die an ihr Gebiet an- grenzeu, instand zu setzen, endgültig und feDfländiy über ihre eigene Zukunft zu entscheiden, ohne dabei in den Zu­stand der äußersten Not des Elends und der Verzweiflung zu geraten.

Eine Berständigung zwischen Rußland und den Mittel­mächten über diese schwierigen Fragen jedoch ist nur dann möglich, wenn auch Rußland den ernsten Willen zeigt, zu einer Vereinbarung gelangen zu wollen, und wenn es, anstatt des Versuchs einseitige Diktate aufzustellen» sich bemüht, die Fragen auch von der Gegenseite aus zu betrachten und jenen Weg zu finden, der allein zu einem friedlichen Ergebnis führen kann. Nur unter der Voraussetzung solcher In­tention können die Delegationen der verbündeten Mächte noch an der Hoffnung einer friedlichen Beilegung des Konflikts festhalten.

Line Antwort Lrotzstqs.

Hierauf ergriff T r o tz k y das Wort und «klärte» er hoffe, datz die eben verlesene Antwort der Zentralmächte jedenfalls die Zweifel über die formellen «Schwierigkeiten beseitigt haben, die für die russische Delegation durch die in der vorigen Sitzung gehaltene Rede des Generals H offmann entstan­den wären/ Die ruissische Delegation wäre der Ansicht, datz sie -m vorliegenden Fall die Verhandlungen mit einer Partei führte, die verkörpert werde durch die deutsche Regierung. Der Herr Staatssekretär habe «darauf hingewiesen,, datz alle Punkte dieser Verhandlungen aus dem alleinigen Willen der deutschen Regierung herrühren. So lange diese Ansicht von niemand formell widerlegt sei, sehe die rufsifche Delegation dies- als formelle Anerkennung an. Wenn General H o f f m a n r darauf hingswiesen habe, daß die russische Re­gierung sich auf ihre Machtstellung begründe und mit G e - rv a W vergehe gegen alle anders Denkenden, die sie als Legknrevoii-twnäve und Bourgeoisie stempelte, so müffe aller- dligs bemerkt werden, daß auch die russische Regierung auf der Macht fuße. In der ganzen Geschichte kenne man bisher keine anderen Regierungen. So lange die Gesellschaften In kämpfenten Klassen bestehen. so lange werde sich die Macht einer Regierung auf die K r a f t begründen und -durch Gewalt ibre Herrschaft behaupten. Er müsse aber auf das katego­rischste gegen die Behauptung protestieren, daß seine Re­gierung jeden ander? Denkenden für vogekfrei erkläre. Das. was die Regierung anderer Länder bei den Handlungen der russischen Regierung ab stoße, sei die Art. in der sie von ver inneren Macht Gebrauch mache, und mit der sie sich durch nichts leirren lasse. So hätte er und seine Freunde, als die rumänische Regierung »ersuchte, auf russischem Ge­biete Gewaltmaßregeln gegen revolutionäre Soldaten und Arbeiter anzmvendeu» von hier aus der Petersburger Regie­

rung vorgeschlagen, den rumänischen Gesandten, sein ganzes Gcsandtschoftspersonal und die rumänische Militärmiffion zu verhaften. Und sie hätten die Antwort erhalten, datz die? bereits geschehen sei.

Aiischließend daran führte T r o tz k tz folgendes aus: Was die beiden Beispiele anbetriffi, die General Hoffmann an- fübrte, so charakterisieren diese in keiner Weise unsere Politik auf dem Gebiet nationaler Fragen. Wir haben Erkundigun- . gen eingezogen über den weiß-russischen Kongreß. Dieser Kongreß setzte sich zusammen aus Vertretern weiß- russischer Organisationen und hatte versucht, sich einer der­jenigen Stützpunkte za bemäcbtigen, welche Eigentum des weiß-russischen Volkes sein müssen. (Fortsetzung folgt.)

*

Lin Mordanschlag auf Lenin.

IV. T.-B. Petersburg, 16. Jan. (DccchBericht. Peters­burger Telegraphen-Agentnr.) Als Lenin gestern eine Abteilung der sozialistischen Roten Garde, die zur Frout ab- ging. begleitet hatte und im Automobil zurückkehrte, wurden auf dieses vier Revolverschiisse ohne Erfolg abgefeuert.

Lenin in Finnland.

W. T.-B. Kopenhagen, 16. Jan. (Drahibericht.) Nach einer Meldung >derNationaltidende" aus Hoparanda meldet Djea", datz Lenin sich zurzeit in einem finnischen Sanato­rium befindet, wo er täglich Kuriere und andere Besuche empfängt, die ihn über die Lage in Petersburg unterrichten.

Verhaftung des rumänischen Gesandten und seines Personals.

W. T.-B. Stockholm, 15. Jan. Noch einer Meldung der Aqence Havas ans Petersbitrg wurde der rumänische Ge- sandte D i a m a n d i und das Personal der Gesandtschaft gestern abend auf Befehl des Bolksbeauftragten verhaftet und in der Peter-Pauls-Fefiuny interniert. Die Ursache sei unbekannt. Tie Verhaftung habe großes Aufsehen her­vorgerufen. Da ans Anlatz >des Jahreswechsels keine Zeitung erschien, sei sie nicht allgemein bekannt geworden^ Das diplomatische Korps, auch das neutrale, sei von dem Doyen, dem amerikanischen Botschafter Francis, dringend zu­sammenberufen worden, um Einspruch zu erheben.

Der Abbau Englands in Rußland.

Br. Stockholm, 15. Jan. Großes Aufsehen erregt hier die Tatsache, daß mit dem euglischen Botschafter in Petersburg Buckan-an 6 0 englische - G r o ß i n d u st r i e 11 e und Kaukleute in Stockholm angekommen sind. In Jnduftriellen- . 11 ,b Börsenkreisen der schwedischen Hauptstadt spricht man von dieser Tatsache als im Zusammenhang stehend mit einer allgemeinen Unlust der Engländer, noch weiter in Rntz'tzmd tätig zu sein.

Schreckensregiment der Soldateska an d;r finnischen Grenze.

W. T.-B. Kopenhagen, 15. Jan. WieNationaltidende" aus Stockholm meldet, kam es gestern in T o r n e a zu einem Zusammen st otz zwischen russischen Soldaten und finni­schen Zollbeamten, die die sofortige Abschaffung deS Patzzwanges zum Überschreiten der finnischen Grenze anerdneten. Die Soldaten verjagten die Finnen von der Zollwache und drohten, eine M.ischinenzewehrkompagnie auf­zustellen, falls ein neuer Versuch gemacht werden sollte, den Paßzwong aufzuheben. Die Finnen ihrerseits ersuchten tele­phonisch in Aleabocg um Verstärkungen. Im Bezirk N h l a n d kam es zu blutigen Z u s.a m m e n st ö ß e n zwischen der Roten Garde und der Bürgergarde. Die russischen Truppen an der finnischen Grenze führen ein wahres Schreckens­regiment. Niemand wagt sich mehr aus dem Hause aus Furcht, von Soldaten übecfallen zu werden.

Schwedischer Glückwunsch für Nnnlaud.

IV. T.-B. Stockholm, 16. Jan. (Drahtberichi.) Der Reichstag ist beute zusammengetreten. Die Kammer be­schloß. ein Glückwunschtelegramm an den Präsi­denten des finnischen Landtags abzusenden. Morgen wird der Reichstag mit einer Thronrede eröffnet.

Keine Zurückgabe der Aalandsinscln an Schweden.

Berlin, 16. Jan. (zb.) Nach einer Meldung des ,B. T." was Basel meldet die Agence HavaS aus Stockholm, Senator Swinhufvnd, der zum ersten Präsidenten der finnischen Republik ernannt wurde, habe erklärt, Finnland werde die Aalandsinscln niemals an Schweden zurückgeben.

wirtscha'trkrieg und Ackerland.

Unter diesem Titel weist Rudolf Notheit im zweiten Januarheft des von Frhrn v. Grotthutz herausgegebenen Türmers" (Stuttgart, Ereiner u. Pfeiffer) auf einen Punkt hin. in dem es von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten keine Meinungsverschiedenheit bei uns geben kann, darin nämlich, daß Deutschland leben und sich ernähren muß. Solange aber die dringende Ge­fahr besteht, daß hinter dem Frieden, den dereinst die Westmächte mit uns schließen iverden, der f r a n z ö- s i s ch - a n g e l s ä ch s i s ch e Wi r t i ch a f t s k r i e g sein Haupt gegen uns erhebt, ist es mir der bloßen Ausein­andersetzung über die Kriegskarte in den ko mnienden Friedensverhandlungen für uns nicht getan..