' Verlag Langgasse 21
„TagdlunliuuS".
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„TagvlatlhuuS" Nr. 6850-53.
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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagdlatts: Berlin W., Potsdamer Str. 121 K. Fernsprecher: Amt Lützvw 61Ü2 nnd 6203.
Morgen-klusgabe.
Sonntag. 6. Januar 19l8.
Js-kolge Nichteintreffens der ersordrrlichcn Papier- seudungen erleidet das regelmäßige Erscheinen unserer sonntäglichen Unterhaltungsbrilagen: „Unterhaltende
Blätter", „Kinderzcitunq" „Laudbote" und „Alt- Nassau" eine vorübergehende Unterbrechung, die ausgeglichen werden wird, sobald die Storungen in der Papierbeförderung behoben sein werden. Unsere Leser erhalten sämtliche Beilage« alsdann nachgcliesert.
Der Verlag.
Zur tage.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
I». Berlin, 5. Jan. (Eiq.'Drahlb wicht, zb.) Während die rechtsstehenden Zeitungen sämtlich fordern, daß die Regierung ihre erfolgreiche F e st i g k e i t gegenüber den Russen auch weiterhin bekunde, ist man ans sozialdemokratischer Seite bestrebt, die Mehrheitsfraktionen zu veranlassen, sich erneut zu In:» in der Friedensresolution vom 1 9. I u l i ausgesprochenen Prinzipien zu, bekennen. Aber im Zentrum und in der Volkspartei betont man, daß die Friedensresolution befr: st? t .var, genau wie die Erklärung der Delegierten des Viecbundes vom 28. Dezember. Sowohl hinsichtlich des Selbstbestimmungs- rechts der Völker wie der Entschädiqiinqsfraaen, sollten unsere Besprechungen, was die Entente anbelangt, nur auf 10 Tage hinaus.Gültigkeit baden, und zwar falls innerhalb dreier Zeit von London, Paris und Rom die Erklänrnq kommen würde, daß auch diese Ententestaaten sich an den Friedensverhandlungen beteiligen wollten. Wenn auch die Mebrheitsparteien mit der Sozialdemokratie darin übereinsiimMLg,. daß dis Versprechungen, die den Russen gegeben wur» den, bindend sind, so hält man es doch nicht für angebracht, allaeuieine gültige Bindungen, auch der Entente gegenüber einzugch°n. Die Meinungsver- sch i e d e n b e i t en. die also bei der Mehcheit bestehen, sind Nickt so tiefgehend, daß von einer Umwand- lung der Reichstagspolitik geredet werden könnte. Im ..Berliner Tageblatt" wie in der „Vois. Zeitung" wird die Forderung ausgesprochen, daß die russischen Dokumente vollständig verökfentlicht werden, wie dies bereits in den neutrolen Ländern geschehen ist. Das deutsche Volk ist wabrlich mündig genug und braucht nicht eine forcierte Darstellung der Verhandlungen. Im Gegenteil wäre es nützlich, daß es die Schwierigkeiten der Friedensberatung deutlich erkennt. Auch wenn einige Zeit erforderlich sein wird, um mit T r o tz k v und anderen Bolschewisten, zu einem Ausgleich zu kommen, wird es bei uns nicht an Geduld fehlen. Man da ft sich sa zu der Übeweuaung bekennen, daß die Russen einen Fortgang der Kämpfe nicht wünschen können. Selbstvefttändlich wird man mit Rnß-
land — das ist der allseitig« Wunsch — zu einem Dauerfrieden kommen, der eine Aussöhnung beider Völker gestattet. Aber von gewissen Voraussetzungen, die wir als Sicherheit unserer O st grenze betrachten müssen, können wir nicht abgehen. Das ist die Ansicht, die auch bei den Linksparteien des Reichstags, unter welchem, wir Nationalliberale. Zentrum und Volkspartei verstehen, geäußert wird.
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Eine englische Meldung.
Br. Rotterdam, 5 Jan. (Gig. Drcchtbericht. zb.) Nach dem .Nieuwe Rctterid. Courant" meldet der Petersburger Korrespondent des „Daily Telegraph": ES ist Tatsache, daß die Bolschewiki jetzt zugegen, daß die Unterhandlungen von Brest-Litowsk w i ß g 1-ü ck t sind, und -daß die deutschen Vorscklage keine Grundlage bilden, auf der Rußland Frieden schließen könnte. Als aber die Sowiets nritleilten, daß die Ledingilngcn unrnn^bmbar se'en, standen die Vertreter der verschiedenen Armeen auf und erklärten, daß die Soldaten nicht mehr kampken würden und Lies auch nicht tun könnten.
Zusammentritt derrfonftituante am 18. Januar.
W.T.-B. Petersburg, 5. Jan. zDrahtbericht. Petersburger Telegcaphen-Agentur.) Da die für die verfassunggebende Versammlung notwendige Anzahl von Abgeordneten noch nicht erreicht ist, und da viele Abgeordnete ihre Man- datsnachweise in der geforderten Form noch. nicht erreicht haben, da außerdem viele Abgeoconete, die bereits in Petersburg eingetcoffen waren, wegen der Unsicherheit über den Tag der Eröfrnnnz wieder abgeceist sind, da aber andererseits der Verlauf der Wahlen mit mehr oder minder Sicherheit vermuten läßt, daß nach den russischen Weihnachten die. notwendige Anzahl Abgeordnete erreicht sein wird, hat der Rat der Volksbeauftcagtrn die Eröffnung der Versammlung auf den 8. (18.) Januar anberaumt, vorausgesetzt, daß dann 400 Abgeordnete Anwesend sein werden.
Die Verhandlungen der Maximalisten mit den Ukrainern.
W. T.-B. Petersburg, 5. Jan. (Drahtbericht. Petersburger Telegraph-n-Agentur.) Da die offiziellen Vertreter der ukrainischen R a d a sich bereit erklärten, die Verhandlungen mit dem Rat der Volkskommissare? der die Unabhängigkeit der ukrainischen Republik anerkennt, z» eröffnen und da die Rada ihrersnts den gegenrcoolutio- nären Charakter der Tätigkeit ihrer Anhänger anerkennt, wäre die Eröffnung non Besprechungen mit ahnen absolut wünschenkwert. Es wird dabei beabsichtigt, daß der Rat der Vftksk, mmissare das Recht aller Nationen, einschließlich der lkcaniischen, auf staatliche Unabhängigkeit unbc- dn^t anerkennt. Der Versuch, den Krieg mit der Rada zu vermeiden, muß gemacht werden, wenn die Rada den gegenrevclutionären Charakter der Tätigkeit K a l e d i n s anerkennt nnd den Krieg gegen ihn nicht verhindert. Der Rat der Volkskommissare spricht die Überzeugung aus, daß die ukrainische Rada Bedingungen schaffen wird, die jeden Zniiimmenstliß zwischen den Brudervölkern unmöglich machen werden. Der Rat der Volkskommissare hält es für angebracht.
Nr. 9. . 66. Jahrgang.
regelrechte Beziehungen mit der Rada zu eröffnen, um olle Verwicklungen zu vermeiden, die durch di« Politik der Rada mit Bezug auf die allgemeine Front und tie gegenwärtige revolutionäre Erhebung Kaledins hecvor» gerufen wurde. Der Rat der Volkskommissare schlägt der Rad« Besprechungen über ein Abkommen gemäß den angegebenen Grundsätzen vor und bezeichnet als günstigste Orte, um die Verhandlungen zu führen, dir Städte Smolensk und Witeksk.
Finnland.
Die finnische Abordnung beim König von Dänemark.
W.T.-B. Kopenhagen, 5. Jan. (Drahtbericht.) Das Ritzausche Bureau meldet: Eine finnländische Abordnung, bestehend aus dem Startsvat Grippenberg, ÄgrarkulturraL Pa! Heimo und Professor Reutpr, die beauftragt ist, der dänischen Regierung mitzuteilen, daß der Landtag und die Regierung von Finnland dieses Land zu einem freien und unabhängigen Staat erklärt haben, ist in Kopenhagen eingetroffen, um die dänische Regierung zu ersuchen, Finnland als freien und unabhängigen Staat anzuerkennen. Der Kör.ig empfing heute die Abordnung. Der Führer, Staatsrat Grippenberg, verlas die folgende Erklärung: Der Landtag ur-d die Regierung von Finnland erklärten Finnland zum fieien und unabhängigen Staat. Das finnische Volk scheidet also ans der 1809 geschaffenen Vereinigung mit Rußland aus. Diese Vereinigung mar nicht auf einer kulturellen und geschichtlichen Gemeinsamkeit zwischen dem russischen und finnischen Volk begründet, im Gegenteil war das finnische Volk nach Sprache, Religion, Kultur, Sittengrsetz und Geschichte völlig verschieden von dem russischen Volke. Diese Verschiedenheit wri.de während der Vereinigung nicht behoben oder vermindert. Während bald 80 Jahren hatte die russische Politik gu gen Finnland, indem sie in Wort und Tat das durch die Verfrssurg vcn 1809 geschützte Recht der inneren Unabhängigkeit leugnete, zum Ziel, d;r besonderen Stellung Finnlands zum russischen Reiche ein Ende zu machen. Als der Weltkrieg eintrat, bestand ein vollständiges, von der höchsten Gewalt des Kaistrre'cheS festgesetztes Programm zur Ruffi» fizierung Finnlands. Wen» Finnland jetzt verlangt, daß die fieien Staaten der Welt es als vollständig unabhängig an- ei kennen, so unternimmt es diesen Schritt, indem es sich auf das Selbstbestimmungsrecht beruft, welches das Gerechtigkeitsgefühl der Gegenwart auch für die kleinen Nationen fordert. Wegen der politischen Absonderung, in der sich Finnland befindet — infolge der Anarchie, die gegenwärfig in Rußland herrscht — und wegen der Hungersnot, von der daö Land vedroht ist, und der Notwendigkeit, die russischen Soldaten in Finnland, die ein« ständige Gefahr für die gesetzliche Ordnung sind, zu entfernen, iit es notwendig geworden, diese Forderung, die keinen Auf- schul duldet, zu stellen. In dem Gedanken an die freundschaftlichen Beziehungen, di: während Jahrhunderten zwischen Dänemark und F-nnland bestanden, und die enge Kultur und wirtschaftlichen Beziehungen wagt die finnische Regierung zu. besten, daß der König und die dänische Regierung und da§ edle, freie dänische Volk die Notwendigkeit und Gerechtigkeit
(7. Fortsetzung^
Nachdruck verboten.
Hanne Iepsen.
Eine Geschichte aus der Kleirilstadt von Albert Prtersra.
„Ja. aber dein Vater schien doch auch in fürchten —. Ich finde es nur so furchtbar interessant. Ist der Mensch in dich unglücklich verliebt, Hanne?"
.Das weiß ich wirklich auch nicht. Liese gesagt hat er mir's nicht. Und ist es denn ein Unglück, in mich verliebt zu sein?"
„Ach was. du bist gräßlich. Du versiehst mich schon. Und wenn er es dir nun sagt?"
„Das will überlegt sein. Liese."
„Überlegt? Nein, das finde ich drollig, rasendrollig. Hanne."
„Du bist albern, Liese. Wenn dir jemand sagt, daß er —"
„Ach was, jemand! Wenn dieser jemand nun ein Tischler ist?"
„Mir kommt es nur darauf an, wie ein Mensch ist."
„Na —" meinte Liese ironisch.
„Ich will dir etwas sagen. Liese", nnd Hanne setzte sich steil auf, „ein brandenbnrgi'cher Junker saß vor — na, sagen wir — fünfhundert Jahren auf seinem sandigen Stück eigener Erde sein Sohn übernahm es, dessen Sohn. Enkel, Urenkel, >ie eroberten, erarbeiteten und ererbten was dazu, und heute sind sie eine der ersten Familien Preußens. Und das ist auch, was! Und nun denke dir. vor 'n paar hnndert-Jabren baute sich hier in U!M»m ein Handwerker sein Haus mst Werkstatt, kein Sohn übernahm es, dessen Sohn. Enkel, Urenkel, und heute sitzt einer derselben Familie in demselben Haus, schafft in derselben Werkstatt, aas ist was! Ja, lache doch nicht, das ist eigentlich im Verhältnis genau so aristokratisch wie jenes. Dagegen- ein Arbeiter läßt seinen verschüchterten Sohn Lehrer werden der spart i Leibe ch. daß lein pedantischer Sprössling Theo
logie studieren kann. Der Pastor kennt nur den Ehrgeiz seinen Jungen Jura, — natürlich Gerichtsjnra, oder wie das heißt — studieren zu lassen. Der Herr Amtsgerichtsrat strebt höher' 'ein Sohn muß Regie- rnngsjnrist werden. — Du weißt ja. wie, mein Bruder immcr auf die Herren schimpft, nur weil er selbst es nicht ist, Na, und der Reaiernngsasii'ssor strebt sich schließlich ins Ministerium hinein. Prr, über die Streberei. Ne, da ist mir mein aristokratischer Handlverker lieber."
Liese saß erst sinnend da. Dann sagte sie schließlich: „Hanne, du liest und denkst zuviel."
„Habe ich recht oder nicht?"
„Ach was, ich weiß nicht. Übrigens — hörst du? — Da kommt jemand."
Frau Iepsen hatte während der ganzen Zeit schweigend dagesessen, nur dann und wann, wenn ihre Tochter allzu gewagte Gedankensprünge machte, hob sie schnell für einige Sekunden den Kops und sah Hanne halb belustigt, halb entsetzt an. _
Jctzt blickte Frau Iepsen nach der Tür, die geöffnet wurde und in deren Rahmen ein mittelgroßer, junger Mensch» erschien. Er war nicht gerade das. was man eine Rasiegesialt nennt. Zn br-üt kür seine Größe, ein wenig beleibt, das von Schmissen durchzogene Gesicht recht fleischig. Und Herr Christian harte seinem Sohne den allzu breiten Mund vererbt. Sonst aber war er eine angenehme und annehmbare Erscheinung. Ein kecker, dunkelblonder Schnurrbart, freundliche blaue Augen, das lockige Haar an den Seiten nnd hinten ziemlich kurz gehalten, war in der Mitte sorgfältig gescheitelt. Im übrigen saß der Jackettanzug vorzüglich, dazu Straßenlack, geschickt gebundene Schleife und äußerst saubere Oberwäsche.
„Heureka, zu deutsch: dat hemm wi hatt. Guten
Abend, teure Mutter, gebt mir einen Kuß, teure Schwestern."
„Ach geh", antwortete Hann?.
„Frechmops", rief Liese und versuchte harinlos zu lachen. Karl faßte mit beiden Händen keiner Mutter Kopf und drückte ihr mit komischer Würde einen Kuß auf die Stirn.
...Der Himmel segne deine fernere Lebensbahn."
„Schäme dich. Karl", sagte die Mutter mit zärtlichem Vorwurst
„Wieso? Wegen meines väterlichen Segens?"
Dann ergriff er die Hände der iungen Mädchen miß führte sie abwechselnd an die Lippen. ^
„Beträgst du dich in Gerichtssitzungen auch so?" fragte Hanne.
„Den Angeklagten die Hände fäffen? Ne, Kind, kannst du dir keine Landstreicher- und Spitzbubenhand vorstellen?"
„Du scheinst dich amtlich ja in angenehmer Gesellschaft zu bewegen", lachte Liese: sie kannten sich seit ihrer Kinderzeit und nannten sich daher — auch öffentlich _ w* •
H +> U • t
,.Ein Opfer des Berufs Liese, oder wenigstens doch der Ration, die ich augenblicklich als Jünger des Strafrechts verdauen muß."
„Gibt's bei euch auch noch etwas anderes als Strach, recht, hn, ihr Grausamen" fragte Hanne.
„Soll ich dir eine Vorlesung über Zivilrecht halten- teuerste aller Schwestern?"
„Warum nicht: man kann nie genug lernen."
„Na, also
„O je, weißt du gar nichts anderes?" meinte Liese lachend, „übrigens" — es schlug sechs — „ich muß gehen? wir haben heute astbnd einige Herren zu Tisch: ich muß Mama helfen."
„Humanistischen Hilfslehrecabeud?" kragte Karl, und durch feitten spöttischen Ton klang doch em wenig Unwille hindurch.
Sortjetzuu, 1,1g,) .
