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Samstag, S. Januar 1918. IHOtgSHsBUSgßbC. Nr. 7. - 66. Iahrgang.
Untcrbrechitng der Verhandlungen in Bieft-ritowrk!
Dl« ErkILritny der NeichrKanzlers.
V/ T.-ß. HierftH, 4. J»n. (Drahtbericht.) Der Haupt- s u r schütz des Reichstags trat heute vormittag >t> Uhr zu einer neuen Beratung zusammen. Als erster Redner sprach Abgeordneter Graf Westarp über die Friedensver- Handlungen in Bcest-LitawSk. Im Anschluß an seine Ausführungen ergriff R-icstskunzler Dr. H e r t l i n g da» Wort mit folgenden Ecklärungenr
Der Herr Vorredner hat die Güte gehabt, an dar zu erinnern, wiS ,ch gestern am Schluffe meiner einleitenden Worte gesagt Hab», daß, was gestern galt, vielleicht heute nicht mehr gelten werde, und daß mir immer mit der Möglichkeit von Zwischen,fallen zu rechnen hätten. Ein solcher Zwischenfall scheint jetzt eingetrcten zu sein. Schon früher hatte wiederholt während der Verhandlungen die ruffische Regierung den Wunsch aussprechen lassen, daß die Verhandlungen von Bcrst-LitowZk verlegt und an einem neutralen Ort. etwa Stockholm, fortgesetzt werden möchten. Jetzt ist dieser Vorschlag ausdrücklich gemacht worden. D«e ruffistste Regierung schlägt di« Verlegung der Verhandlungen von Brest-Litowsk nach Stockholm vor. Ganz abgeseden davon, daß wirnlchtinderLage sind, un» von den Ruffen Vorschriften über den Ort machen zu lassen, wo wir die Verhandlungen writerführen wollen, darf ich darauf Hinweisen, daß eine Verleg ing nach Stockholm zu außerordentlich großen Schwierigkeiten führen würde. Ich will nur eine Schwierigkeit anführen, daß wir wegen der di'ekten Berbindung-n, die die verhandelnden Delegierten mit ihre» Hauptstädten Berlin. Wien. Sofia und Konstant,- ,„ pel not Petersburg haben müssen — die direkten Verbindungen, die in Brest-LitoipSk angelegt sind, funktronieren gut — in Stockholm auf große Schwierigkeiten stoßen würden. Echen dieser eine Punkt führt dazu, daß wir nicht darauf eingehen können. Dazu kommt, daß die Machenschaften der Entente, Mißtrauen zu säen zwischen der ruffisthen Regierung, ihren Vertretern und uns, dort ne.ic» Boden gewinnen würden. Ich habe daher den Herrn Staat! fekretär v. Kühlmann beauftragt, diesen Verschlag ab zulehnen. (Bravo!) Inzwischen sind m Brest-LitcwSk Vertreter der Ukrainer eingetroffen, und zwar nicht nur olS Sachverständige, sondern mit Vollmachten zu Verhandlungen an-gestattet. Wir werde» ganz rubiy mit den Vertretern der Ukraine veiterve-han- deln Ich füge noch hinzu, daß van Petersburg mitgcteilt worden ist, die russische Regierung könne aus Punkt l und 2 unserer Vorschläge nicht eingehen. Diese beiden Punkte kcziehen sich auf die Modalitäten der Räumung der besetzten Gebiete und die Vornahme der Volksabstimmung. In der rufflschen Presse wird uns insinuiert, daß in dii sen Punkten 1 und 2 ausgedrückt fei. wie wir uns in illcyaler Weise unserer Zusage, betreffend das Selbst- bestimmungSrecht der Völker, entziehen wollten. Ich muh diese Insinuation zurückweisen. (Bravo!) Punkt 1 und 2 sind lediglich für die praktischen Erwägungen bestimmt. Wir können davon nicht abgehen. Ich glaube, meine Herren, itir können getrost abwarten. wie dieser Zwischenfall weiter verlaufen wird. Wir stützen uns auf unsere Machtstellung. auf unsere loyale Gesinnung und unser gutes Recht. (Lebhafter Bravo!)
Der Ausschuß vertagt» sich nach di»ser Erklärung, um Sen Fraktionen Geiegeuheit zu geben, zunächst unter sich über die Situation zu beraten.
Der Eindruck in Berlin.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
L. Berlin, 4. Jon. (Eig. Drahtbericht, zb.', Die ErWärung ÄeS Reichskanzlers hat keine allzu große Überraschung >m Haulptavsschuß berpmgerufen, da Andeutun- geo, die Staatssekretär v. Kühl mann vor seiner Abreise den HvakNonsführern gemocht, schon darauf schlitzen liefen, daß man mtil Zwischenfällen und Verschleppung^' versuchen zu rechnen haben werde. Die Enteuledepeschen aus Petersburg zeigten in den letzten Lagen, daß die Botschafter B u ch a ii a n und N o u l e n § die größten Anstrengungen mochten, Trotzky von weiteren -LondeuvelhoMungen mit Deutschland abzuhalten unter dem Versprechen, die englische nnd die französische Regierung zur Tai! netzine an allyemei» non 'BeNhandlnugen zu bewegen. Mogkätzerweise haben auch Lenin und Trotzky auf dt« Konstituante Eindruck machen wellen. Sin Telegramm unseres Stcckhetzmer Z.-Ssn- derbecichterimtrers meldet, daß die verfass» kMsbente Ver- fWnm!>'ing am 4. Jonnor. also heute, zusammentreten sollte. Heut« lief auch die zehntägigeFrist ab, welcheiuBrest»
LitcwrSk der Entente gestellt wurde, um sich mit den Vorbedingungen für allgemein« Foiodensverhandlungeli einverst-rn- den zu erklären. Dis zur Stunde ist eine selch« Erklärung aus London oder Pari» nicht eiitgolaufen, so daß eine weitere B-ndung des VievbundeS gegenüver der Entente nicht besteht. Die Forderung Trotzkys. noch Stockholm zu gcthen. ist zweifellos auch ein Erfolg der Entente-Bot- s ch a f t e r. Wir batten sclwn vor einigen Tagen darauf hin- setzi'iesen. daß dir technischen Vortzedingutigen für eine Vec- !egu:>g noch der skandinavischen Hauptstadt sehr ungünstig sind. In Brest-Litawsk beständen dagegen sowM nach Petersburg wie noch Dcrl'n die besten drahtlichen Verbindungen. Wenn der Reichskanzler auch darauf verwies, 'daß in Stockholm die rulfstichen Delegierten den Ränken der Entente.Agenten «ukgrsetzt seien, so begriff man im Houptansschuß dieses Argument und stimmte hem Kanzler z-i, daß er den Staatssekretär v. Küstlmonn beauftragt hat. die russischen Vorschläge a b z u lehnen. Daß Trotzky weiterhin insinuiert-, diß der Vierbund in seiner Antwort Punkt 1 und 2, unsere Zulaae betreffend das Selbstbeftim- munasrecht der Völker in 'Nodaler Weise zum Ausdruck gebracht habe, ist schon desbukb hinfällig. weA inzwischen die Mebrheitsfraktionen, d. h. das Zentrum, die Volkspartei und die Soz'w'domokratie, ganz deutliche Erklärungen aibtzegetzen haben, wo« die Mehrheit des Par- ba rn Mi iS und die Regierung unter dem Selbstbestimmungs- recht vevstclhin. Die Vertagung de? Ausschusses erfolgte heute auch desh-ilb, weil die genannten MehrheitSpar- teien. einem Antrag des Zentrums folgend, ihre Ansicht über tie VnrauSsetzutngen für oinen Friedensschkuß im Osten in einer Entschließung formulieren und dem Haurt- «mSschuß zur Abstimmung unterbreiten sollen. Inzwischen wird in Brost-LitowSk mit den U kro i n e rn w ei t«r ve r- ha ndel t. E« ist lebr we-tvokl, daß der Kanzler auSdrückl-ch betonen konnte, diele Vertreter der ukrainischen Politik wären nick» nur als Sochiverstö«dioe, sondern mit Vollmachten a u 4 g e st o t t e t. ziz den Verhandlungen gekommen. Die Russen dürfen nicht an netz men. daß Deutschland sich durch Drohungen bee'nfl'lssen lassen nird. Die iMitärisöhe Lege ist außerordentlich günstig, daß. wenn es sein müßte, auch im Osten wieder den W-rfsen da» Wort gelassen werden könnte.
He Meyrzahl der Neichstagsabgeorvneten auf dem Slandpunstr der Reareruno.
I-. Berlin, 4. Jan. (Eig. Dcrhtbericht. zb.) Nach der Rede des Grafe i Hertling traten die Parteien zusammen, »in zu der Erklärung Stellnng zu nehmen. Die Mehrzahl der Abgeordneten steht auf dem Dtandp l:>kt der Regierung und hält es mit der Aürüe des Deutschen Reiche» für unvereinbar, auf die Forderung der Russen einz.rgehen. Auch der grüßte Teil der Berliner Presse vertritt diese Ansicht. Allgemein wird betont, daß die Regierung den russischen Anmaßungen gegenüber Energie zeigen und die Verdäckstig rügen der Petersburger Presse unbedingt zucückweisen müsse.
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Ni. Wie,, 1. Ja». (Gig. Drahtbericht, zb) Das
ukrainische Pressebureau verbreitet folgende Mitteilung: Gcniäß der um 26. Dezember von den Zeutcalmächten auf die Note der Rada erteilten Antwort sind in B r e st-L i t o w sk Delegierte der Rada erschienen. Auf''die Frage der Bolschewiki. ab die Rada die Autorität der Volks- k o m m i s s a r e anerkenne, antworteten die Ukrainer mit Nein, dagegen begrüßten sie die Delegierten de» Brerbundrs sehr freundschaftlich.
vie Kntwort der Zentrolmächte an die Ukraine.
Ni. Wien, 1 Jan. (Gig. Drahtbeeicht, zb.) Das
ukrainische Generalsekretariat richtete eine Note an die kriegführenden und nentrrle» Mächte, in der es heißt: Durch las Universal der ukrainische» Z;utralrada vom 30. Nov. 1917 wurde die Ukraine zur Stellung eines selbständigen Staates erhoben. Die ukrainische demokratische Republik strebt die Bildung einer föderativen Republik an, welche Länder des einstigen Rußland ttmfasseu soll. So lange aber keine sötrrat've Regierung existiert und die Frage der ge- n>einsamen auswärtigen Vertretung n>chr geregelt wird, muß die Ukraine selbständig die internationalen Beziehun- g:n aiikiiüpfkil Die gesamte Demokratie des ukraiiiischeii Stactes erstrebt den allgemeinen Frieden. Der Fcicbr soll allen, sogar den kleinsten Völkern F r et heit nach tem Prinzip der Selbstbestimmung sichern. Die ukrnnische Regierung wird an allen Fr>edensveichandlungen teilnehmen. Vcn len Regierungen des VierbnndeS trat eine tele- grapö'kche Antwort ein. in der es heißt: Es zeigt sich, wie ui:»» gäi glich notwendig es ist, daß. die Vertreter der ukrainischen hemrkratilchen Republik an den Friedensver- har.llungen in Brest-Litowsk teilnehmen. Deutschland, Hster- reIch-Ur.garn, Bulgarien und die Türkei halten es für not- wend'g. zu erklären, daß sie bereit sind, Vertreter der ukrainischen Republik als Teilnehmer an den Friedensver- l>a:iN>i'iger> in Brest-Litowsk zu begrüßen. Gezeichnet ist die Ar,(wert: .Küblmvr.n, Ezernin, Pokow. Nessim. Die Antwort erfrlgte rm Einvernehmen mit der russischen Delegation.
via Zristunft Lilauews.
Berlin, 4. Jan. Der J2.-2." veröffentlicht ein« Unter. Ladung eines feiner Mitglieder mit einer in Berlin weilen
den. über die Loge in Litauen angebllich vorzüglich rrntervich- teten Persönlichkeit. Von dieser Seite wich dem „£.»21." erklärt. drß ein freiwilliger Anschluß Litau« nsan Ruß» k a n d oder an Polen als undenkbar gelten könne, wenn auch, insbesondere von polnischer Seite, jetzt und späterhin die denkbar größten Anstrengungen zur Aufsengung Litauens gemacht wenden dürften. Wenn auch diese Bestrebungen in dem polnischen Adel Litauens eine Stutze findan, so werden ihnen doch kaum Erfolge beschicken sein, da die große Mehrheit der BovLlkerung und auch die Geistlichkeit Litauens im Gegensatz zu Polen stehen. Ebensowenig neigt der Litauer zu Rußcnid, und wenn er noch vor einigen LVonaten die Wad! gehabt Härte so würde er sich zweifellos für dMi. Anschluß an Deutschland entschieke-t haben, zu dem er in wirtschaftlicher, politiischer und kultureller Beziehung weit mehr hinneigt, o-IS zu Rußland oder Polen. Judeffeti hat die S t! m m u n g in l e tz t e r Z e i t, wie dem „L.-A." verstclzent wird, infoseln eine Ändern na ertzabren, als di« Formel vom Sclbstbeftimmungsrecht der Völker und vor allen Dingen auch die Stelluugnaihme der der'tscher: Linksparteien zum Frieden und zur Nationaliinlenfrage, «ruf die VeöhÄtmsse in Litauen nickit ohne Einfluß geblieben sind. Auch das Beispiel der Unabhängiigkeitserkläru.ng Finnlands hat seinen Eindruck wicht verfehlt. So ha-t sich in Litauen bei aller Anerkennung für das, was man Teiutschl.atnd zu danken hat. das Bostr Ären nach Erricht un-g eines tinab- bängigen Staatswesens heranSgebrkdet, das soinM, eigenen Fürsten wählen will, und ohne jede Bi'ndung bestshem möchte. Ein solcher Weg würde allerdings 'dem Lande nach der Überzeugung derjenigen, die es kennen, schwerlich zum Segen geveiick^n, denn es fehlt die Kraft, als neer- gcklüdetoS Staatswefen auf eigenen Füßen stehen zu könne», so deh «m gänzlich unabhängiger bi tonischer Staat wcchr- scheitrlich zu dauerndem Siechtum verurteilt sein würde.
Zur LoStrrnnunq LitnuenS von Nnhland.
W. D.-?.. Berlin, 4. Jrn. (Drahtberichl.) Zu den gestern uns aus Bern ükiermittelten Erklärungen des litau- ischen Nationalrats in Lausanne über die Lostrennung Litauens von Rutz'and Iv-rd nnS mitgeteilt, daß sich in der Erklärung insofern ein Irrtum befindet, als die von allen Litauern anerkannte Stelle nickt der Nationalrat in der Schweiz, sondern oer litauisch« L a n d e e r a t ist.
Eine Erinneruny.
Professor Hans Delbrück hat ein Buch hermlö- gegcben „Krieg und Politik 1914 bis 191 6". Das Buch enthält die während dieser Zeit in den „Preußischen Jahrbüchern" veröffentlichten Aufsätze des Berliner Historikers, und man liest eS mit Erfchütte- riing durch die großen Dinge, denen es üilt, aber auch mit wachsender Besriedissunci darüber, daß dieser scharfe und unbeirrbare Beobachter dieser ganzen langen Zeit die Linie seiner politischzm Beteachtuug konsequent Hut innehalten können, daß ihm schließlich die Entwicklung in jedem Betracht, militärisch wie politisch, rechtgegeben hat. Die Lärmmacher vom Süiloge des- Grafen Reventlow Pflegen gerade Hans Delbrück als den Inbegriff einer Politik der Zaghaftigkeit hinzustellen, bloß weil er stets vor dem n a p o l e o n i s ch e n Wege gewarnt hat, weil er besonders kruitvall gegen eine wie immer geartete gewaltsame Angliedernng Belgiens an das Reich gesprochen' und geichrieben hat, well ermögliche Augenblickserfolge ausgewogen sieht durch den überwiegenden Schaden, den sie ims dadurch bereiten müßten, daß wir. um sie zu sichern, die ge- steigerte Feindschaft der ganzen Welt abermals ans uns ziehen würden. Wie Delbrück aber wirklich unsere Aufgabe ansieht das sieht weientlich anders aus als das Zerrbild, das im gegnerischen Lager so oft schon entworfen worden ist. Auch ein Delbrück steht auf dom Standpunkte, daß. wenn sich das Deutsch- tuin in seiner ganzen Stärke nnd Größe behaupten und entwickeln soll, es nicht genügen kann, ein in sich befriedigtes Deutsches Reich inmitten Europas geschaffen zu haben und zu erhalten, ändern daß das deutsche Volk und der deutsche Staat hinaus müssen in die Welt und ihren Anteil heischen neben den anderen großen Nationen an der Beherrschung der Erdkugel. Immer deutlicher zeichnete sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Horizont dre Möglichkeit ab, daß die Welt einmal aufgeteilt werde, zwischen Angel- sachslNtnm und Russentinn. Hatten bis zum Jahr« 1870 die Franzosen jenen beiden Rieienmächten die Wage gehalten, so hatten sie ruS ihrer Stellung zurücktreten müssen, nicht nur wegen ihrer Niederlage bet Sedan, sondern besonders wnl das französische Volk allmählich s-nne Zeuaungskrut verlor. Wohl erwarbm die Franzosen noch ein gewaltiges Kolonialroich. aber sie hatten nicht mehr die Menschen, es zu französieren. Wäre Deutschlond dabei geblieben, als bloße Landmacht stillzusitzen. so wäre mit der Zeit nicht nur Afrika, sondern auch die Türket, Persien und China unter die Weltmächte verteilt worden. Auch der französische Besitz wäre einmal in die Hand der Russen odey
