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Verlag Langgasse 21

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Samstag, 29. Dezember 1917.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 655. * 65. Jahrgang.

Die Zrledensgrundsätze von Lrest-LitowsK.

Die Verhandlungen in Brest-Litowsk haben zu »inem in mancher Beziehung überraschenden und jedenfalls höchst bedeutsamen Ergebnis geführt, näm­lich einmal zu einer Einigung über gewisse allgemeine Leitsätze, die man wohl als die Grundsätze rür den ab­zuschließenden Frieden ansehen muß, und zweitens zur Festsetzung einer zehntägigen Frist, während der sich die Westmächte entscheiden sollen, ob sie an den weiteren Verhandlungen teilnehmen wollen oder nicht.

In dieser Fr i stb emessun g .bis z um - 4. Januar 1918 ist wohl der Kernpunkt der Weihnachtsb eschlüsse von Brest-Litowsk zu sehen. Von vornherein muß betont werden, daß es sich nicht etwa, wie das von einigen deutschen Zeitungen fälschlich behauptet wird, um ein erneutes Frie­densangebot des Dierbundes oder überhaupt nur um ein Friedensangebot handelt. In Wahrheit liegen die Dinge so, daß auf Verlangen der russischen Vertreter den Verbündeten Rußlands noch einmal die Möglichkeit, sich an den Verhandlungen zu beteiligen, sreigestellt werden soll. Will man diesen Lchritt diplomatisch rubrizieren, so könnte er vielmehr als ein Ultima­tum Rußlands an seine Bundesgenossen ungesehen werden, und zwar in dem Falle als ein befristetes Ultimatum.

Über den praktischen Wert dieses Schrittes mag man im übrigen denken, wie man will. Wir wissen ja, daß die Alliierten unser Friedensangebot vom, Dezember vorigen Jahres mit Hohn und Spott abgewiesen, daß sie auf die Note des Papstes nicht einmal geantwortet und daß sie ebenso die verschiedenen entsprechenden An­regungen der maximalistischen Regierung unbeachtet gelassen haben. Tie Lenin, Trotzly und Genossen wer­den sich schwerlich irgendwelchen Illusionen über den erneuten Versuch hingeben; aber wenn sie sich in ihrem Gewissen zu dieser Rücksicht gegen die bisherigen Bun­desgenossen gedrängt fühlten, so lag von seiten des Dierbundes um so weniger Anlaß zu einer Ablehnung der Maßnahme vor, als auch er d>e Bereitwilligkeit zu einem allgemeinen Frieden wiederholt betont hat.

Im übrigen darf nicht übersehen werden, daß die Mittelmächte sich an die proklamierten Friedensgrund­sätze der Entente gegenüber nur gebunden , erachten, wenn diese sich innerhalb der ihr gewährten Frist zu Verhandlungen bereit erklären, daß also der Entente damit nicht e t w a e i n Freibrief für beliebige Verlängerung des Krieges ausgestellt wird. Nach den lebten Reden Lloyd Georges, der u. a. entgegen den Brest-Litowsker Bedingungen P a l ä st i n a als briti­schen Besitz verkündet hat, und Clemenceaus, der auf der .,R e a n n e x i o n" Elsaß-Lothringens besteht, ist es freilich Wohl noch inehr als unwahrscheinlich, daß die feindlichen Regierungen jetzt plötzlich anderen Sinnes'werden. Und daß die feindlichen Nationen schon so weit sind, ihre Führer und Verführer zum Teufel zu jagen, ist auch ka'nn anzunehmen. Immerhin kann der Brest-Litowsker Appell auch nach dieser Mästung hin mehr nützen als schaden; auch Zollen ja die Verhand­lungen in Brest-Litowsk während der Feit nicht ruhen und unter allen Umständen am 4. Januar fortgesetzt werden.

Was nun die von den deutschen und russischen Ver­tretern verkündeten Grundsätze eines soforti­gen allgemeinen Friedens ohne gewaltsame Geb'etserwerbungen und ohne Kriegsentschädigungen betrifft, so muß bedacht werden, daß es sich hier nur um einen Rahmen handelt, der im einzelnen manchen Spiel­raum laßt. Zunächst scheidet Punkt 3 des Programms, wonach die Frage der staatlichen Zugehörigkeit natio­naler Gruppen, die keim' staatliche Selbständigkeit be­sitzen, nicht zwischenstaatlich geregelt werden kann, so­wohl die sogenannte elsaß-lothringische Frage, die es für uns nie geaehen hat und nie geben kann, ebenso wie die tschechischen und südslawischen Aspira­tionen aus. pn dieser Beziehung dürfte übrigens der Vierbund ailsnahmsweise auf die Zustimmung Englands rechnen können, das dabei an Irland, Indien llsw. denken wird.

Die Erklärung, wonach den Völkern, die durch den Gang des Krieges ihre politische Selbständigkeit ver­loren hoben, dwie nicht dauernd vorenthalten werden soll, bezieht sich aut Belgien, Serbien. Montenegro und Rumänien, wobm die politische Selbständigkeit Ab­änderungen des bisherigen Zustandes wobl nicht aus­schließt. Der Verricht auf gewaltsame Eroberungen würde auch kur England die He r a ü-s gäbe unserer Kolonien, der besetzten Gebiete Mesopota­miens, Palästina und Armeniens sowie Ägyptens bedingen, ferner die Rückgabe Kiau- t s cb o u s seitens Japans und dergleichen mehr. Im jjbrraen würde wir denken dabei bewnders an die pielerörterte kurlandrsche und litauische Frage der

Verzicht auf gewaltsame Erwerbungen durchaus nicht jegliche Gebietserwerbung ausschließen wenn diese nämlich im Rahmen der in Brest-Litowsk verkündeten Grundsätze zu erreichen ist, was wohl durchaus im Rahmen der Möglichkeit läge. Mit diesem Hinweis wird man der pessimistischen Auffassung entgegen treten können, als ob die in Brest- Litowsk verkündeten Grundsätze eines Terständigungs- friedens für uns ohne weiteres gleichbedeutend mit denen eines Verzichtfriedens sein müssen.

«

ZV. T.-B. Brest-Litowsk, 28. Dez. (Drahtbericht.) Die Beratungen der Delegationen der Verbündeten mit den Ver­tretern Rußland?, über die Spezial fragen wurden im, Laufe des heutigen Tages fortgesetzt. Diese Bemtungen sind inzwischen so weit ge«öroert worden, daß eine kurze Unterbrechung der Vechandlnngeu in Aussicht ge­nommen werden kann, nm den Delegationen, von denen einzelne mit ihren heimischen Behörden Fühlanz zu nehmen haben, hierzu Gelegenheit zu bieten.

Ablehnende Haltung in London und Paris.

Br, Rotterdam» 28. Dez. (Gig. Trabtbericht. zb.) »Däily Rärrl" meldet: Tic neue Einladung der russischen Regierung» an den allgemeinen Friedensberrtungen teilzunebmen, ist am Mittwoch bei der Regierung eingegangen. Infolge der Gr» kraniung Lloyd Georges wird das Kabinett diese ' Frage erst am Freitag beraten. Leine Entscheidung wird konform mit der der übrigen Allrerten gehen. Ohne dieser Stellungnahme voran szugreisen, kann gesagt werden, daß keine neu-en 11 mst iin.de eingetreten sind, die sine Änderung in den bisherigen Anschauungen des britischen Kabinetts begründen könnten.

Br. Genf» 28. Dez. Mg. Drailstbertchr. zb.s Das »Jour­nal des Döbars" schreibt: Voraussichtlich werde Frankreich die neue r u s f ass «h e E i n l adung g err n ichhdea n twor - ten. Elomenceau werde die Stellungnahme der Regierung in den Ausschüssen des Senats' und der Kammer persönlich 'begründen. Für Frankreich gebe es nur Sine Möglichkeit, zu einem 'Frieden zu kommen» den Lieg.

Der amerikanische Standpunkt.

Br-. Rotterdam» 28. Dez. (Eig. Drahtbericht. zb.) Über den amerikanischen Standpunkt zu den Friedensberhandlun- gen verbreitet eine Reuterdepssche folgendes: Die Bedingun­gen, welche Graf Ezernin a-ufge,stellt hat, erregen unter dem amerikanischen Voll Zweifel, ob sie ernst gemeint seien. Es sagt, daß der Zweck der deutschen DÄsgiertoii sei, die Ver­handlungen auf die lange Baut zu schi e6cit» das Volk irre;uführen und Z-e i t z u gewinne n. Es werde erklärt, daß die Stellungnahme der Alliierten hinsichtlich ihres Ent­schlusses. keinen Vertrag zu schließen mit einer Regierung, die nicht 'dem freien Willen des regierten Volkes entspricht, u.nver ändert bleibe. Besonderer Wert wi>d in Wakbinaton auf d'-e Nachricht gelegt, daß Deutschland über die ZurückcustMung vori E l s a ß - L o t h r i n g e n, die eine Vorbedingung zu jedem Friedensabkommen ist, still­schweigend hinwegaebt.

Tie Stellungnahme der rumänischen Regierung.

Br. Bern, 28, De;, (Eig. Drahtbericht, zb.) »Daily News" mellden aus Jassy: Die rumänische Regierung lehnt m'chm«AS" FriedensverHandlungen ab. Im Fall, daß der russische Separatfrieden zustande kommt, wird die rumänische Regierum; die notwendigen Folgetun- c - n zaOhen und korporativ zuriicktreten.Daily News," jglau- ben, daß der Ruckiriit der jetzigen rumänischen Regierung das Ende des rumänischen Widerstands brnigen wird. (

Die Mitwirkung der Ukraine bei den Friedens- Verhandlungen.

Br. Genf, 38. Dez. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die Peters­burgerPrawd-a" meldet: Vier Delegierte der ukraini­scher. Soicherregierung sind dem Petersburger Volks­ausschuß zugeorduech, um gemeinsam die russische Friedensfrage zu lösen und bei dem Entwurf der Instruktion für die russischen Friederisdelegiecten mitzuwirken. Das Generalsekretariat der Ukraine hat, wie Havas aus Peters­burg meldet, in Kiew eine ukrainische Telegraphen- Agentur errichtet und die dortige Filiale der Petersburger Telegraphen-Agentur ausgehoben.

Londoner Friedenswetten.

Br. Basel» 28. Dez, kCig. Drahtberichi. zb.) »Daily Mail" meldet: Am Sonntag vor Weihnachten stiegen in Lon­don die Wetten für den Separatfrieden Rußlands mit den Mittelmächte» auf den Stand 2:1» die Wetten für den -allaeme'nen Frieden bis 30. April 1918 auf 1 :t, für den Sturz Lloyd Georges bis 39. März wurden 2:3 gewettet, _

Grlandos Reden in den Gehermsitzunyen.

Br. Zürich, 28. Dez. 'Eig. Drahtbericht, zb.) Der poli­tische Mitarbeiter derJtalici" schreibt: Die fünf, Reden

Orlandos tu den Geheimfiyan,ze>l der Kammer hatten keinen Zweifel mehr gelassen, daß Orlando die früheren imperia­listischen Kriegsziele Jtal'ens nicht mehr ver­teidigt und zu einer sofortigen Liquidierung des Krieges

bereit sei, allerdings nur in Übereinstimmung mit der Alliierten. Das Exposä des italienischen Finanzmiiitsters is! insofern besonders bemerkenswert, als darin das neu« Finanzjahr 1918/19 bereits als FriedenSiahr be- handelt wird.

Gsterreichischaungarischer Tagesbericht

W. T.-B. Wien, 28. Dez. (Draytbecicht.) Amtlich ver­lautet vcm 28. Dezember, mittags:

Östlicher Kriegsschauplatz.

Waffenstillstand.

Italienischer Kriegsschauplatz

Westlich des Monte Asolone und östlich des Mont« Solarclo wurden feindliche Vorstöße abgewiesen.

Der Chef des Generalstabes.

Aus ver französischen Kammer,

W. T.-B. Paris, 28. Dez. (Drahtbericht.) In ker Kam­mer interpellierte der sozialistische Abgeordnete Monte! über die Unterhandlungen zwischen -den alliierten Re­gierungen» die ohne Wissen der Parlamente ge­pflogen : und jüngst veröffentlicht worden seien. Er fragte, wÄche Maßnahmen der Regierung infolge der Verüffeni- li-chung notwendig erscheinen würden. Auf Zwischenrufe, ins­besondere seitens Briands, der erklärte, daß die ven de» Russen veröffentlichten Verträge für niemand geheim scheu erwiderte Moni eh es werde ein Interesse dafür bestehen» all« Debatten der Geheimsitzung vom 5. Juli über die inner« Politik zu veröffentlichen. Pichon erklärte, daß alle Der- trcter der Alliierten dieselbe ErÄärung abgogcven hätten, «tf zwar die, daß an dem Tage» an dem Rußland eine reg<« recht gebildete» aus dem Willen der Nation begründete R» gisvirngchosihen würde» man bereit sch, mit ihm die Krieg?- ziele mrd die etwaigen Bedmiynngen eines dauernden Frie­dens zu prüfen. Der Sozialist Mistral erklärte, di» Entente habe Unrecht getan» den Sozialisten die Pässe f ü i Stockholm zu verweigern» denn dadurch! sei die Lag, Keren SkiS unhaltbar gowordem. Der Redner schließt mi- dem Verlangen der Revision der Kriegsziele de: Entente. Abgeordneter Lo i r o l l e interpellierte über die durck den russischen Waffenstillstand an der russischer Front geschaffene Lage für Fnankrchch. Nach längeren Aus­führungen Pichons lehnte die Kammer mit 387 gegen 10.- Stimmen den Vorrang für die, Tagesordnung Lounguet» wo noch u. a. künftig nur vom Parlament gutgohoihene Ver- pslichtungen' als endgültig angesehen iverden solle»', cf uni nahm mit sämtlichen 384 abgegebenen Stimmen die Tages crdnnng S y m i a n an, nach der die Ka-mmer die ErkläruM, der Regierungchilligt und im Vertrauen zu ihr zur Tagesordnung übergeht, an. Die Sitzung wurde anfgehobea.

Tie Bolschewiki der französischen Arbeiterschaft!"

ZV. T.-B. Berlin, 28. Dez. (Drahtberichi.) Der Pariser Presse zufolge übte der Vertreter des Metallarbeiter-Syndi­kats, Nerrheim in Clermont, an der Haltung der Oonkockv ratio» Generale du Travail eine sehr scharfe Kritik. Er er­klärte, die alliierien Regierungen hätten nach Brest- L i t o iv s k gehen m ü s s e n. Die Arbeiterklassen wünschev nicht an Diplomatentischen, sondern innerhalb der Inter­nationale an der Friedenskonferenz teilzunehmen. Die Schäden des Krieges müßten überall, auch in Ost­preußen, gemeinsam wieder gut gemacht werden. Einige Mii.derbeitSleute, darunter Boucderon, vertraten die Ansicht NeriheimS noch entschiedener. Boucderon warf der Mehrzahl ihre nationale Haltung vor. Man dürfe nicht vergessen, baß alle Völker in gleicher Weise die Opfer ihrer Regierungen seien. Bonaderon und die übrigen Mitglieder der Minderheit b e f ü r w c r t e t e n die Politik Lenins und D r o tz k y s und nahmen sie gegen die heftigen Angriffe und Verleumdun­gen der Ententepreffe in 'Schutz. Kurz vor dem Schluß des Kongresses ergriff Nerrheiin nachmals das Wort. Er führte aus, die Mcürheit der französischen Arbeiterschaft habe nicht dar Geftibl, daß die Politik der Eonfedevafton den Krieg ab­gekürzt habe Die Minderheit innerhalb der Eonsöderation wolle allen Hindernissen zum Trotz eine Annäherung an die deutsche Arbeiterschaft,, da sie überzeugt seien, daß die deutsche Arbeiterschaft die Empfindungen und Triebe ibrec Regierungen nicht teilt. Auch der geringste Hoffnungs­schimmer auf den Frieden dürfe nicht verschmäht werden. NcrrheimS Rede wurde sehr beifällig ausgenommen.

ZV. T.-B. Bern, 28. Dez. lDcahtbrricht.) Die franzö­sische Presse widinet dem Gewerkschaftskongreß, der von reaktionären Blättern sehr scharf verurteilt wird, zahlreiche Besprechungen. Besonders gerügt wird die Sprache der Minderheit. Das «Journal des Debats" spricht von den Bolschewikis der französischen Arbeiterschaft. Es sei bedauer­lich, daß die Mehrheit der Minderheit die übliche Konzession machte, so daß die M-ndecheft sich nicht habe zähmen lassen. Journal des Debats" undTemps" bedauern den Mangel jeglicher Äußerungen über Elsaß-Lothringen sowie die Forderung auf Abhaltung einer Konferenz in Stock­holm oder anderswo. Herve erklärt, die defaitistische Min­derheit des Kongresses l>abe immer noch nicht eingesehen, daß das deutsche Volk keine Stimme habe und die deutsche Arbei­terschaft an dem Tag zu zählen beginne, wo Deutschland mili­tärisch geschlagen sei. Die Kriegsziele dtztz Enttz«t>