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Dienstag. 25. Dezember 1917.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 651. . 65. Jahrgang.
(V* Wegen des Weihnachtsfestes erscheint die nächste „Tagblatt"-Ausgabe am Donnerstagnachmittag.
Weihnachten 1917.
Von König!. Oberhofprediger O. Ernst Dryander, Vizepräsident des preußischen Oberkirchenrats.
K. K. Man kann Weihnachten loslösen von seinem geschichtlichen Ausgangspunkte. Es ist das Fest der Kinder. So hat es guten Grund. Es ist durchwoben don aller Poesie der Kindheit. Eine Weihnachtsfeier ohne Kinder ist uns allen nur eine halbe, Kinder sind die Hauptpersonen, Kinderlieber erklingen, nur da wird es ganz empfunden, wo Erwachsene wieder zu Kindern werden. — Man kann auf derselben Bahn einen Schritt weitergehen: Weihnachten ist das Fest des Hauses. Jede Gemeinschaft bedarf z» ihrem Gedeihen einen Höhepunkt. in dem sie auf sich selbst sich besinnt, in ihrer Eigenart zur Erscheinung kommt. Für das Haus, insbesondere das deutsche Haus, ist Weihnachten ein solcher Höhepunkt. Weihnachten entbehren heißt des Hauses entbehren, der treuesten Gemeinschaft, der heimeligsten Stelle, die es für uns gibt, ohne die wir abgesplittert, vereinzelt, liebeleer dastehen.
Aber bei alledem würde etwas fehlen, wenn in der Freude an den Kindern, in der Traulichkeit häuslicher Gemeinschaft das Fest aufginge. Es würde sogar recht eigentlich entleert werden. Jedes Lied, jeder Spruch, jede Kerze, die zum Brauche des Festes gehören, we-st auf ein Tieferes zurück. Einst habe ich im Jahre 1869 von den Kindern einer Sonntagsschule in Bordeaux vor dem brennenden Weihnachtsbaum, der eben zu-den französischen Pxotestanten sich Zugang verschafft hatte, ein Danklied dafür gehört, daß sie hättest lesen lernen. Das empfinden wir als eine Geschmacklosigkeit. Mögen die Anlieger des Stromes, der die stlspr bewässert und ro-f schwer beladenen Skiffen ihnen seine Gaben zuführt, vergessen, wem sie Gedeihen und Reichtum verdanken: w'i r dürfen di- Quelle nicht vergessen, von der aus der Reichtum der Liebe, der Gemeinschaft, des Friedens und der Freude ausaeht, die unsere Weibnachtsstuben erfüllt. Wir feiern den Eintritt alles Reichtums und .aller Freude, der ewigen Liebe selbst in die dunkle Welt, tun es heute dreifach und vierfach, wo wir zum vierten Male in der Kriegszeit das Fest begehen. Christ ist geboren — freue dich, freue dich, Christenheit!
Man beaebt den Geburtstag großer Männer eine Zcitlang festlich. Wenn ibr Einfluß zurücktritt und nur noch dem Forscher bekannt ist, erlischt die Feier von selbst. Wer de"kt daran, Karls des Großen oder des Hohenstaufen Medrichtz Geburtstag zu feiern!? Hier aber ist eine geschichtliche Größe, deren Einfluß nicht erloschen ist ia die immer wieder mit neuer Macht jeder Zeit den Menschen erareift. Man begebt jene Feiern in beschränkten? Kreise, Frankreich anders als Deutschland. Hier ist einer, dessen Macht und An- ziebunaskr^rt alle Völker, alle Zeilen. Freunde nnd Feinde umfaßt, weder an Zeit nach Ort, weder an Vo'k noch Bildung gebunden. Man könnt? allenfalls die Geburtslage anderer Religionsstifter beron,ziehen. Ab»r auch sie sind an Klima und Landschaft, an Bolk und Sitte gebunden. Sie müssen erft entnationalisiert werden, um Westerlöser zu sein. Christus allein ist der universelle Genius, der kein?'anderen Schranken l>at als hie der Menschheit. „Allem Volk e" widerlährl in seinem Kommen große Freuds — worin ruht diese Macht?
Nicht darin, daß hier ein Mensch unter hunderttausend anderen geboren ist — vielleicht etwas begabter als ste. Auch wenn die Natur alle ihre Fülle über ihn ansgeaolsen hätte — er war" längst übertrollen! Sondern darin, daß in ibm ein Geheimnis in die Welt ge- treten ist, das erst allmählich steh entfaltete. In drei Worten bat das späteste, aber tiefste Evangelium das Wirken Jesu geschildert — sie stehen auf dem Grabstein Herders, der die heiligen Runen dieses Evangeliums entziffert nnd auSaelegt hat —: Licht. Leben, Liebe. Denken wir uns diese heilige Dreieinheit hineinaeiaßt in den Inhalt eines Menschenlebens — nicht nur versanifiziert. sondern Person geworden in der Gestalt Cbristi. i>nd wi>° versieben etwas von dem Geheimnis. das Mofr Gestalt umgibt. Licht. Leben, Liebe träat sie in di d dunkle, vergängliche, liebeleere Welt hinein, mit einer Kralt, daß weder der Lauf der Jahrhunderte unch dir Bosheit der Menschen den Strom h"t hemmen können, der beftbend und erquickend von ibr aus stch eraosten bat. Auch der unermeßliche Jammer de« Krieges hat es nicht vermocht. Christus ist. wie Johannes es ansdmickt, das Fleisch gewordene Wort, der Fleisch gewordene Gottetzaedanke. „Ein Erreter aus aller Not. ein Erlöser vom Bösen! Wer das Herz ai»l dem rechten Fl"ck hat. dem sinken die Hände und er betet an" — lagt det Wansbek»r Botz. Das ist keine
Dogmatik, deren Lehrsätze der moderne Mensch im Gefühl seiner Selbstgenügsamkeit meint ablehnen zu müssen. Das ist eine Tatsache, die jeder empfängliche Menjch erleben kann, ja die er erleben niuß, wenn er sein eigenes Ziel, die volle Humanitas, erreichen will.
Hiermit ist die Frage beantwortet, ob wir auch heute, mitten im Kriege, Weihnachten feiern dürfen. Wir dürfen es nicht nur, wir sollen es erst recht. Nicht nur, weil die Wafsenstillstandsverhandlungen das „Friede auf Erden" zur Wirklichkeit zu machen scheinen. Mag unsere Festfeier äußerlich dürftig sein: es wäre beleidigend für unser Empfinden, wenn sie keine Einschränkung zeigte! Wehmütig sehen wir die Lücken in unserem Kreise, und unsere Gedanken suchen in heißer Sehnsucht im Unterstand, in der Etappe, im Lazarett die Entfernten oder empfinden schmerzvoll, daß diese Lücken sich nicht wieder schließen. Aber es soll gelten, was Matthias Claudius zu seinem Vetter Andres am Grabe des Freundes saat: „Weine nicht, denn heute ist auch unser Herr Christus geboren." Unsere alten lieben Weihnachtslieder sollen erklingen, die Herzen sich fester zueinander finden. Auch von dem dunklen Tannenbaum geht ein Glanz aus, der der Verbitterung und dem Verzagen wehrt. Ich habe früher sahrelang in einent Krankenbaus Weihnachten mitgefeiert. Da war es ein Höhepunkt, wenn wir ein kleines Lichterbäumchen in die dunklen Stuben derer trugen, die. an der gemeinsamen Feier nicht teilnehmen konnten, während der Schwesternchor im Hintergrund die Weihnachtslieder sang und Weihnachtssprüche gesagt wurden. ’ Und es war merkwürdig, die verschiedenartige Wirkung zu beobachten, die die unscheinbare Feier auf die Überraschten ausübte. Mit leuchtenden Augen lag der ettfe da und konnte sich nicht satt sehen. Der andere zog die Decke über den Kaps, um seine ausbrechenden Tränen zu verbergen. Unsere Feiern, hier in.^r Heimat, draußen im Felde, in'derDde de» Gesgngenschäft werden ebenso verschieden sein wie diese Wirkung. Wie sie bei uns sich äußere — möge ne lange nachklinaen!
Denn aus der Kinderwelt wächst das zukünftige Geschlecht. Ans der Welt des Hauses entsteht aas Volk. Wie es im Hause steht, dem Staat im Kleinen, so wird es im Staate sieben, dem großen Haule, dem wir ange- bören. Und wie es die sittlich religiösen Mächte sind. die^Krafte, die in der Verson Cbristi sich zusammenschließen, an denen das Glück und Heil des Haules erstarkt, so werden es dieselben Kräfte des Lickits, des Lebens nnd der Liebe Cbristi sein, aus den-m unser gesamtes Volksleben sich wieder erbauen muß. In der christlichen Kultur, wie sie in der ewigen Perlon Cbristi begründet ist, ruht die Zukunft und die Kralt unseres Volkes. In der ernsten Geistesschlacht, die ausaekämpft werden muß, wenn die Waffen ruhen, tritt Christus an die Front, zeigt uns in seinem Lichle die Wahrheit, in seinem Leben d o s Leben, in feiner Liebe d i e Liebe und ruft uns zum Streit ans. Möge Deutschland seinen Ruf hören. _
Die §ri»ökn«v»rbandl«ngen mit Rußland.
W. T.-B. Brrst-Lftowsk, 24. Dez. (Drahtbericht.) Der beittige Tag würbe von den Delegotilnen der vier Verbünde- ■im batzu benutzt, um die aus die russischen Vorschläge zu erite-ilon.de Antwort zu beraten. Hierbei wurden d-e Grundlinien einheitlich fcstgestellt. Die erfovderLiche Formulierung ■wird morgen vormittag erfolgen.
Eine gewisse Klärung schon in der ersten Sitzung.
— Berlin, 24. Dez. ( zb.) Wie die „VolkSztg." ' meint, hat bereits die Eröffnungssitzung der Friedenskonferenz über vcischiedene Fragen eine Klärung gebracht. Das ist, wie sie schreibt, dos Verdienst des deutschen Vertreters v. Kühl- mann. Er bat die Ziele der Konferenz in seiner Eröffnungsrede beschränkt und wir wollen hoffen, daß sich auch hier in der Beschränkung der Meister zeigt. Jedenfalls werden schon die l.ächsten Verhandlungstage dir Lage weiter klären. — Ter ,B. L.-A." sagt' Wir sind überzeugt, daß Exzellenz v. Kühlmciin seine ganzen Fähigkeiten zusammenfassen wird, um etwaigen unvernünftigen Gedankengängen der ruffischen Unterhändler zu begegnen und um dir deutschen Interessen nach allen Richtungen hin zu vertreten.
Sin anderer verhandlunysorl?
I* Berlin, 24. Dez. (Gig. Drahtbericht, zb.) Mehrfachen Meldungen zufolge ist mir der Möglichkeit zu rechnen, daß die Friedensvechandl ringen nickt in Brest-Litowsk zu Er de geführt werden. Anläßlich der Anwesenheit deS polnischen Ministerpräsidenten in Berlin soll dem ^.B. T." zufclge die Wahl eines anderen Verhandlungsoctes angeregt und besprochen worden sein. ES hat sich nämlich herausgestellt, daß die ganzen Räumlichkeiten und die Unterkunfts- verhälrnisse in Brest-Litowsk für die große Menge von Personen bei den FrsÄrrnsuerhrndlunqen nicht ausreichen. Große Wahrfcheinlickileit sei nun dafür vorhanden, daß die' Friedensverhandlungcn mit Rußland in Warschau zu Ende geführt worden dürften. An der skandinavische« Presse taucht
auch die Meldung auf, daß finnischen Blättern zufolge dir Zentralmächte und Rußland dahin übereingekommcn seien, ?.,h der allgemeine Friedenskongreß auf neutralem Bcden abgehalten :r>erden soll. Beide Parteien hätten sich für Stockholm als geeigneten Kongreßort aus» gesprochen.
Zu der Frage t>c§ Präliminarfriedens schreibt das „Berl. TagM.": Kühlmanns Worte sind vielfach so «mfge- faßt worden, als müsse und werde nun der Kreis der Frage», die in Brrst-LitowÄ zur VenhanAung kommen, ein sehr beschränkter sein, und als würden die politisch wichtigen Fragen» vor allem diejenigen, die sich ans die Zukunft Polens, Litauens und Kurlands beziehen, ausgeschMet und vertagt werden. Wir glauben nicht, daß die Absicht besteht, diase.Fragen gewissermaßen beiseite zu lassen und die Erörterung darüber bis zum allgemeinen Frieden zu verschiebeil. Wir glauben auch nicht, daß die Dliöglickcksit zu einem solchen Verfahren besteht. Allerdings wird sich in den Verhandlungen mit Rnißland eine definitive Lösung insofern nicht treffen ■lassen, als ja die Bestätigung der Abmcchungen immer erst bet dem allgemeinen Friedenkschluh erfolgen kann. Und darum kann auch von ■einem Vrrfrieden und Präliminarfrieden gesprcchen werden. Das besagt aber keinesfalls, daß die Frage der besetzten Gebiete nicht zwischen den Mittelmächten und Rußland erörtert und zur Entschei- duuy gebracht werden soll.
Selbständige Teilnahme der ukrainischen Regierung.
I* Berlin» 24. Dez. (Giß. Drahäbericht. zb.) In der Enterrtepresse wird ■die Nachricht verbreitet, Deutschland habe den Wunsch ausgesprochen, auch die Verbündeten Rußlands bei den Verhandlungen in Brest-Litowsk vertreten zu sehen. Diese Nachricht ist selbstverständlich falsch Wenn wir auch nichts dagegen hätten, daß Ententedelegierte an den Beratungen Anteil nehmen, so wird doch von seiten der Mittelmächte kein Schritt erfolgen, der so gedeutet werden könnte, als legten sie einer solchen Beteiligung befoir- deve Bedeutung bei. Die interessanteste Nachricht, die ans Rußland kommt, und die uns bestätigt wird, betrifft den Entschluß der ukrainischen Regierung, sich selbständig bei den Friedensverhandlungen in Brest- Liitowsk vertreten zu lassen. Die Ercksendung einer ukrai- n.i schon Kommission wird erwartet. Selbstverständ- I : ifj htben die Mittclmäckte k ei neu Grund, die Selbständigkeit jener-russischen' Freiadvölker, nicht «nznerkcnnen, denen in Petersburg diese AHerike'nnurlg nicht, versagt wird. Die Friedenskonferenz in Brtzst-Litowsk dürfte heute recht bedeutsame ^Beschlüsse fassen. Mäglichcrwrtse ist der Gang ihrer Beratungen etwas langsamer, als Optimisten vermuten möchten, aber da man in Deutschland mit aller Ruhe dem Verlauf der Debatte entgegerssieht, so braucht die ■Entente, die natürlich alle Mittel in Bewegung setzt, um ihre Pläne durchgusühren, nicht auf Zeichen der Ungeduld bei uns zu rechnen. Die Nachricht, ivonach man in Petersburg an eine Verlegung der Friedenskonferenz nach Stockholm denke, ist uns noch.nicht bestätigt worden. Teckmisch wäre eine solche kaum ratsam, ßbon wegen der viel schwierigeren Verständigung und V e rlehrsmögl ich leiten.
*
Ein Gespräch mit Scheidemaan in Stockholm.
8. Stockholm, 24. Dez. (Erg. Drahtbericht, zb.) Der Stockholmer Berichterstatter der Petersburger Telegraphen-Agentur -berichtet, daß er in einem Gespräch mit Scheidemann den- Cindruck gewann, daß den deutschen Sozialisten 'die nötige Kenntnis der russischen Verhältnisse fehle. Die. deutschen Sozialisten seien nicht so fretmdlich gegen Rußland gesinnt, wie man erwartet habe. Die deutsche sozialistische Mehrheit al/tube fest an die guten Absichten ihrer Re- g i e r u n g. Scheidemann habe energisch die M ö q» lich k ei t einer Revolution in Deutschland während des Krieges bestritten.
Eine Ansprache des Kaisers an die zweite Armee.
IV. T.-B. Berlin, 24. Dez. (Drahtbericht.) Die An» spräche des Kaisers lei der zweite t Armee am 22. Dezember lautete folgendermißen: „Kameraden! Das Jabr 1917 neigt sich seinem Ende zu, und oa 'var es mir ein Bedü-smi. wieder einmal die Westfront nnd ihre heldenhaften Kämpfer zu besuchen. Ein e r e i g n i s v o l l e s Jahr ist eS für das deutsche Heer und das de fts-che Vaterland gewesen. G e ° wattige Schläge lind >zefrllui und große Entsrbei, düngen haben eure Kimerchen im Osten berl-eiführen können. Es ist aber kein Mann, kein Offizier und kein Führer auf der ganzen Ostfiont, wo ich sie auch gesp-achen habe, der nicht rückhaltlos erklärte, wenn unsere Kameraden im Weste«, nicht so sta n d z e ha l t c n hätten, könnten wir dis hier nicht tun. Der taktische nnd -tratezische Zusammenhang zwischen den Schlachiea an der Aisne, in der Champagne, im Artois, in Flaiideru und bei Cambrri und den Vorgängen im Osten und Italien ist so klar, daß es sich, erübrigt, ein Wort darüber zu verl'eren. Einheftlich geführt, schlägt dat deutsche Heer auch einheitlich. Um diese OffensivschläM führen zu können, mußte ein Teil des Heeres in der De^M
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