Verlag Langgasse 21
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Zreitag, 21, Dezember 1917.
Kbend-Kusgabe.
Nr. 646. . 65. Iahrgang.
ESS!
Der Tagesbericht vom 21. Dezember.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 21. Dez. (Amtlich.)
iVcüiidfcr Sirlegoschauplaq;
Heeresgruppe Kronprinz Nuvprccht.
In Flandern blieb bei dichtem Nebel die Artillerie- tätigkeit meist gering Nördlich von der Straße Ipern- M e n i n trat am Nachmittag erhebliche Feuersteigerung ein. In erfolgreiche» Ecku.rdu.rgsgefechten südlich von Hollebeke wurde eine Anzahl Engländer gefangen.
Heeresgruppe Herzog Albrecht.
Bei Hirzach südlich von Altkirch fielen bei gelungenem Borstoß in die französische Linie 31 Gefangene in unsere Hand. s
Lstlicher Kviegsschanplatz.
Nichts Neues.
Mazedonische Front.
Keine größeren Kampfhandlangen.
Italienische Front.
Siebenmal stürmten italienische Kräfte gegen die von den österreichisch-ungarischen Truppen in den letzten Tagen erkämpften Höhen westlich vom Monte Asolona» dreimal gegen den Monte P o r t i c a an. Alle Angriffe scheiterten unter schweren Verlusten.
Gleiche Mißerfolge hatte ein feindlicher Angriff am Monte Solarolo.
Lebhaftes Feuer hielt während der Nacht und am frühen Morgen in den Kampfabschnitten an.
Der Erste Generalquartiecmeister: Ludendorff.
Die falsche Methode.
Der Magistrat der Stadt Neukölln hat an daS Kriepserriährnngsamt eine Denkschrift über den Schleichhandel und den damit verbundenen Lebensmittelwucher gerichtet. Dies Schriftstück ist eine der s ch w e r st e n T,nJ l i g e n, die während des ganzen Krieges gegen die Unzulänglichkeit des herrschenden Ernährungssystems und -vor allem gegen die Rücksichtslosigkeit bestimmter Produzente n- und Händlerkreise vorgebracht worden sind. Dabei ist von vornherein festzustellen, daß die Vorgänge, gegen die sich die Denkschrift richtet, nicht möglich wären, wenn etwa in Deutschland an und für sich ein Mangel an Lebensmitteln vorhanden wäre. Das trifft aber nicht zu; unser Vorrat an Lebensmitteln würde durchaus hinrcichen, um die Bevölkerung e r- träglich zu ernähren, er wird aber miß- braucht, f a l s ch v e r t e i l t und verbrecherisch verschoben. Weil dem so ist, so können wir auch ganz getrost ohne Rücksicht auf das zuschanende Ausland von diesen Übclständen reden; denn es liegt in unserer Hand, ihnen abzuhelfen nnd so unseren Feinden, sowohl denen, die uns von außen bedrohen, wie denen, die uns von innen her schädigen. sehr schnell zu beweisen, daß Deutschland weder ausgehungert noch ausgeiduchert werden kann.
Die Denkschrift bringt den Nachweis, daß ständig gewaltige Mengen von Lebensmitteln aller Art der systematischen Erfassung durch die amtlichen Bertoilungsstellen entzogen werden, in den Schleichhandel kommen und zu schamlosen Wucher- Preisen den Konsumenten und zwar nicht nur einzelnen Personen, sondern Großabnehmern, besonders den Leitungen von i n d n st r i e l l e n Betrieben und den Stadtverwaltungen, angeboten und von dielen unter dem Druck der Verbältnisse gekauft werden müssen. In der von der Denkschrift vorgeführten Liste fehlt kaum irgendeines der für unsere Ernährung wichtigen Lebensmittel. So wird mitgeteilt, daß der Stadt Neukölln Getreide, und zwar 3000 Zentner und mehr, zum Preise von 200 M. für den Zentner, angeboten worden ist und dies so und so oft. H.ü lsenfrüchte 3000 Zentner zum Preise von 240 M. für den Zentner. Vom Gemüse wird mitgetelilt, daß im Laufe von zehn Wochen in Neukölln 425 Eisenbah iyt> aggons Gemüse zu Wucherpreisen verschoben worden sind; dabei wurden z. B. für Weißkohl, dessen Höchstvrbis 7.50 bis 8 M. beträgt, 9 bis 16 M. gefordert, für Zlvieöeln statt 17 M. 50 bis 65 M. Zur Kennzeichnung des Schleichhandels mit Fleisch mag eine Stelle der Denkschrift hinreichen: „Obwohl der Biehhandel ausschließlich in den Händen der dafür geschaffenen Organisationen liegt, sind bei der Jnnehaltung der Höchstpeeise Schweine fastgarnicht oder nur in ganz geringen Mengen zu haben gewesen, dagegen gleich zu Tausenden durch dieselbe Organisation, sobald höbere Preise gezahlt wurden." Die festgesetzten Höchstpreise sind beim Fleisch in vielen Fällen um 75 Prozent überschritten worden. Mit Recht fragt der „Vorwärts" im Anschluß an diese Darlegungen des Neuköllner Magistrats, wie es möalich lei, daß „ganze Gebirge unkontrollierter Lebens mittel erzeugt, geerntet, anfgestapelt und in Transporten von Tausenden von Zentnern .geschoben" werden
können unter den Augen einer Behörde, die mitunter doch selbst das Handgepäck ankommender Reisender von unterst zu oberst kehrt?" Es wäre müßig, auf solche Frage die zutreffende Antwort zu finden; es genügt auch vollständig, wenn die Zustände, die durch die Neuköllner Denkschrift einmal gründlich aufgedeckt und an den Tag gebracht werden, so sch n e Il w ie irgend möglich eine Besserung erfahren. Damit dies aber geschieht, muß scharf zugegrifffen werden, und es darf dabei nicht die geringste Rücksicht gegen die Kreise obwalten, die ohne Zweifel von diesem skandalösen Lebensmittelwucher bisher völlig unberechtigte, aber desto bedeutsamere Vorteile gehabt haben. Daß zu diesen Kreisen sowohl die Händler wie die Produzenten gehören, bedarf keines Hinweises. Wie wir hören, wird die Denkschrift des Neuköllner Magistrats vom Kriegsernährungsamt auf das sorgfältigste geprüft werden: da aber an den von ihr genannten Tatsachen in keiner Weise gezweifelt werden kann, so dürfen wir v»hl annehmen, daß sie den Anstoß dazu gibt, daß endlich unsere Ernährungspolitik eine durchgreifende Besserung erfährt. Denn, wie gesagt, Lebensmittel sind genügend vorhanden, es bedarf nur einer richtigen Verteilung, und es bedarf vor allem der gebührlichen Rücksichtslosigkeit gegen die Erzeuger.
Salsours Uriegszielrede.
Die bestellte Anfrage Collins'.
W. T.-B. London» 20. Dez. (Unterhaus.) Das liberale Mitglied William C o l l i n S warf die Frage nach den Kriegs- zieleu ans. Er sagte: Er habe die Regierung in ihren Bemühungen unterstützt, das '»ziel zu erreichen, für das England ursprünglich in den Krieg eingetreten sei. Nach seiner Meinufig sei kein dauerhafter Frieden möglich, so lange die militärische Autokratie entweder unbesiegt oder vom deutschen Volke nichkÄSerworsen wird und bestehen bleibt. Die Ziele, für die England ursprünglich in den Krieg einge- tveten sei, seien wohl bekannt, daß es ein Krieg werden sollte, welcher dem Kriege ein Ende machen sollte, ein Krieg, welcher die öffentlichen Rechte sestlegcn, ettt Krieg, welcher die Heiligkeit internationalen Rechtes nickst nur für große, sondern auch für kleine Staaten sichern und auch die richtigen Grundsätze von Menschlichkeit. Freiheit und Gerechtigkeit beweisen sollte.
Balfour antwortete mit der bereits gemeldeten Rede. Er schloß diese: PonsonbyS nächster Punkt betraf Persien. Er setzte Vovaus, daß ein Einfluß auf die Gebiete Persiens der Unabhängigkeit dieses Lundes widerspräche und ein großes Unrecht eines Starken gegenüber einen Schwachen darstellte, frais mit den besten Überlieferungen der englischen Staatskunst unvereinbar sei. Das ist mcht nerne Ansicbt. Der englisch-russische Vertrag wurde als großer liberaler Triumph der Freundschaft zwischen den Völkern durchgefi-hrt.
Ich komme nunmehr zu I t a l i e n. Es verdient und verdient es von Rechts wegen, daß eine andece Gebietseinteilung zu seinen Gnnilen stattfindet. Jifwiefern wären wir Imperialisten, wenn wir ans für diese großen und allgemein gehaltenen Ziele oinsetzten? Trifft incht dasselbe für Polen und Elsaß-Lothringen zu, über
Elsaß-Lothringen
möchte ich folgendes sagen: Ponsonby denkt, wir hatten des französischen Botschafters Doumerque Schritte in Petersburg kennen müssen, er denkt das schon infolge der Angabe, daß dies nach Lyndon telegraphiert wurde, aber es ist nicht der Fall.— Ponsonby ruft: *,Doch! Die Depesche beginnt: Abschrift an London. Vertraulich." — Balfour fuhr fort: Wenn London heißt: Englisches Auswärtiges Amt, so kam die Depesche nickst an das Auswäctige Amt. Sie mag vertraulich an den französischen Botschafter Paul Cambon gesandt worden fein, dich davon weiß ich ffichts. Wir hörten zu jener Zeit nie etwas davon und sprachen ni-mals unsere Zffstim- munx dazu au». Ich glaub? auch nickt, daß die» die Pstitik der rersckiedenen französischen Regierungen war, die während des Kriiges amtterten. Wir wünschten niemals und etmutigten auch niemals den Gedanken, daß ein Stück Deutschlands von seinem Mntterlande abgetrennt vick zu einer Art unabhängig:: Republik oder Regierung in irgend einen Form auf ddm l i n k e n Rheinuser geinacht werden sollte, um einen lÄuest Pufferstaat zwischen Frankreich und Deutschland zu bilden. Dies war niemals ein Teil der Politik der königlichen Regierang. Die britisch)- Regierung hatte niemals Kenntnis davon, daß dies von irgend einem französischen Staatsmann ernstlich geplant worden wäre
Wir hoben unsere Kriegsziele erklärt und sie avfrichtig erklärt. Die Mittelmächte haben die ihrigen keineswegs erklärt. Betrachten De die deutsche Antwort auf die Papstnote. Den Mittelmächten werden die ausdrücklichsten Fragen, betreffend Elsaß - Lothringen, Belgien und Polen, vorqeleqt. Alle diese Fragen hätten sicherlich von den Mtttelmäckten beantwortet werden müssen, die Elsaß-Lothringen genommen haben, in Belgien eingedivraen sind und Polen geteilt haben, und doch, so schloß Bolfcur, sagte Ponsonby mit diesem Schriftstück in seinen Händen: .Weshalb erklären Si- nicht Ihre Kriegsziele, Ihr Sckweigen wird von den Mittelmächten mißverstanden?" Der Wert einer solchen Erklärung wird um den Schaden
über treffen, den sie sttften kann. Ich bedauere tief, daß ein Mitglied einen solchen Vorteil seiner Stellung in diesem Harste dazu benutzt hat, um eine Rede zu halren, die dazu beiträgt, die trügerische unermüdliche Propaganda zu stärken, welche die Mittelmächte in jedem Lande Europas betreiben. (Beifall.)
„Unbest??mn1e Allgemeinheiten".
Aus der eigenen englischen Kritik.
W. T.-B. Rotterdam, 20. Dez. Der „Meuwe Rotterd. Courant" meldet aus London: Die liberalen Blätter üben viel Kritik an der Balfour-Rede. Der Parlamentskorrespondent des „Daily Chronicle" schreibt, Balfour habe über cic Kriegsziele nichts gesagt und seine Zuflucht zu un- best i m m t e n A l l g e m e i n h e it e n genomnren und sich hinter den Präsidenten Wilson verkrochen. Die Debatte sei durch Sir Willian, Coll'ns mit. einer Rede eröffnet worden, die scwchl wegen ihrer Geschicklichkeit als auch wegen ihrer Mäßigung und Beredsamkeit bemerkenswert war. Balsour habe sie vollständig igncriert und sick ganz auf Ponsonby, den er offenbar wegen seiner pazisistisckfen Vergangenheit als eine gecignete Beute betrachtete, gestürzt. Es sei bemerkenswert, daß in der Debatte eine Anzahl von einflußreichen Abgeordneten, denen man Pazifismus durchaus nicht verwerfen könne, von der Regierung allen Ernstes eine neue Feststellung der Kriegsziele verlangten, darr-nter Sir William Collins, Lord Henry Kcntinek, Rendell, Leutnant Wedgewood, Noel Buxton und John Willon. Alle hätten darauf gedrungen, daß das Kabinett stiren imperialistischen Ehrgeiz fallen lasse uttb an Englands ursprünglichen, uneigennützigen Kciegs- xielen festhalten und die Idee des Wirtschaftskrieges r «-ch dem Kriege a b l e h n e n möge. Sir Edward Carson wvrde dem Korrespondenten des „Daily Chronicle" züfolge scharf bekrittelt. Es wurde bemerkr,' daß einzelne Redner Caisons Erklärung, daß Deutschland, ehe über den Frieden veilandelt wird, seine Armeen nach dem rechten R b e i n u f e r zstrückziehen müßte, zu tragisch auffassen. Die Bemerkung Carsons fei nickt so sehr auf seine Unfähigkeit als Staatsma nn, denn auf ffine geographische II n g e b i lKW)-ft f*(!) zurückzuführen.
Die Srakhsonsfsihrerbesprechung / beim Kanzler.
W. T.-B. Berlin, 20. Dez. (Amtlichst Der Reick Äkanz- ler «Mpfir«g heute nachmittag Vertreter sämtlicher Reichs- tagspanteiem zi einer v e r tro ul i che n Besp rech u n g über die durch den Beginn der Friedensverhand- lungen mit Rußland geschaffene politische Lage. Der Reichskanzler teilte mit, daß der Kaiser ihm d.rS Mandat zum A b s ch l u ß der Friede ff sverhaudl u ff gen erteilte, und daß er den Staatssekretär b. Kühtmann als Unterhändler bestellt habe. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts gab einen Überblick über den geplan- t e n Gang der zukünftigen Verhandlungen und legte die Gistchtspunkte Mt, öcm denen die Regierung sich dcbei leiten lassen wird. Nach eingehender Aussprache wurde die Zustimmung aller anwesenden Abgeordneten zu den in den A.-isfiibiungen des Staatssekretärs daogelegten allgemeinen Richtlinien festacstellt. Man einigte sich ferner dahin, daß die näckste Sitzung des Hauptaus- s ch u s s e s des Reichstags am 3. Januar stattfinden soll.
Berlin, 21 Dez Die Teilnehmer an den gestrigen Besprechungen beini Reich-kanzler Eroten Hertling gingen, wie dem „Bert. Sok.- Ano" aus Reichfuas/krciier rnitxeteilt wird, mit dem Gefühl auseinander. das; mir dem r >; s s: s ch e n Volke, wenn auch nur langsam und a l I ni ä b l i ch , so doch schließlich eine für Seide Teile l> e friedige n de Einigung über den Frieden sicherzielen lassen dürfte.
Die .Morgenpost" schreikt: Die Übereinstimmung dir Regierung not den Venranenöminnern der Volksvertretung gibt uns die Gewähr, daß in Brcst-LitrwSk eine für das deutsche Volk ersprießliche Arbeit geleistet Neiden wird.
Der „Vorwärts^ meint, es handle sich diesmal nicht um ein« Konferenz mit de» Mch>heitspaitciin, sondern cs waren auch die K o n s e r t a t i r c n die B oten und die Unabhängigen zugegen. Wenn die Richtlinien, die Herr v. Kühlmann für die bevorstehenden Vfftästdlnnger ausgestellt hat, die Znstinunuis'g aller Abgeordneten fanden fr ist das unter solchen Uniständen eine sehr bemerkenswerte Fiststellung.
Kühlmcrnns Kbreise nach Vreft-Litowsst.
Berlin, 21. Dez. (Eig. Drahtbericht. zb-) Der Staatssekretär v. Kühlmann reiijte heute kurz rmch 12 Uhr nach Brest-LttolioÄ alb. _
Rußland.
Kein baldiger Zusammentritt der Konstituante?
— Rotterdam, 21. Dez. (zb.) Nach einem Bericht des „Dailv Telegraph" besteht keine Aussicht auf einen baldigen Zusammentritt der Konstituante. Die Meldungen aus dem Süden zeigen sine zunehmende Tätigkeit der Bolide- w i k r in der Ukraine. Die Nachrichten aus dem Don- gebict lauten widersprechend. Die Kosaken haben die Bahu- geleise aufg-ebrrchen und der Verkehr liegt fast füll.
