Verlag Langgaffe 21
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Mittwoch. 19. Dezember 1917. Nr. 641. . 65. Iahrganz.
Die 8rieden;v:rhandlungen mit Rußland.
O Berlin, 17. Dezember.
Die Frieden? Verhandlungen mit Rußland haben begonnen. Da di» bofichewikische Regierung chorankcnlose Hssentlichkert liebt: wird sie, liueii v.tiedelholten Zusagen getreu, über die nunmeyrigen 8>erHandlungen wohl manches mitteilen, was nach den sonstigen Grundsätzen des diplomatischen Verkehls als strenges Geheimnis qehiitet zu werden ps'cgt. Aller- dinas werden die Machthaber in Petersburg zugt ich ein Kompromiß mit den von unsren Untcrhandiern erhobenen Forderungen eingehen niiinrn, und sie werden hiernach doch Wohl nicht alles. ivaS »on jetzt ab zwilchen ihnen und unserer Regierung verhandelt wird, vreisgcben wollen Aber der na t ii r l i >h e A n s p r u ck der Volker, über die Einzelheiten du' Friedensberatung ungefähr unterrichtet zu w>> rd en, wird nicht unerfüllt bleiben. Es läßt sich nnnehmcn, d-tz die marimalistische Regierung versuchen wird, die Möglichkeit eines allgemeinen Friedens vorziibereiten. Liedcr- £;c> 11 bat sie ja betont, daß den bisherigen Verbündeten Rußlands der Beitritt zum Frieden niit den Dierbundsstaaten offenpelaifen werden soll ur.d daß ein Sonderkrieden nur geschlossen werden wurde, wenn die anderen Ententemächte durchaus dabei bi-bairtcn. den Krieg foitzusetzen. Iedenfills jedoch sind die Verhandlungen mit uns und unseren Verbündeten im Gange. Wie an dem Zustandekommen d,s Waffenstillstandes die Vertreter Österreich-Ungarns. Bulgarstns und der Türkli mitgcwirkt haben, so werden auch die diplomatischen Vertreter dieser Staaten an den nunmehrigen Friedensverhondlungen beteiligt sein. Es handelt sich also nicht bloß »m eine Lersländi- giino zwischen uns und Rußland, sondern zugleich um die Ordnung alter Fragen zwischen Mit- t e l c n r o p a » n d dem ö st l i cf) e n Reiche, um die tderstelluno einer neuen Ordnung zwischen dem Rigaischen Meerbusen und dem armenisttren Hochland. Es geht um die grundlegenoe Sicherung des Friedens auch zwischen der Türkei und Rußland, um die Erfüllung der nationalen Ansvräche Bulgariens, uni die Vcrstcin- digung zwischen Rußland und dem Donanreiche, zugleich um das Schicksal Rumäniens- Überblickt nran diese F ü I l e v o n Aufgaben, so wird es sofort klar, daß die jetzt zu erzielende V»rständigunj, za hl reiche Ver- zabniinaen aufweisen wird, mft denen sie in die Intcr- t?f?n drr Verbandsmächte pinorei f »n muß. Was wir nnd Ostrrreich-Ungarn mit Rußland abmachen, insoweit ck Polen, die baltischen Provinzen, die Gekiest' der österreichisch-ungarischen Grenze betrifft, das braucht En lcmd nnd Frankreich nicht? anzugehen', vielleicht läßt gch dasselbe noch in bezug ans Rum ä » i e n sagen, da? von den siegreichen Vierbundsmratm völlig einoekapselt worden ist und übe'' dessen Zukunft Rußland allerdings entscheidend mitbesrimmen kann, sobald es sich mit uns ins Einvernehmen gesetzt hat. Schwieriger liegen die Dinge schon bezüglich B u l- garirns das seinen Gewinn aut Kosten. Serbiens nicht schon durch eine Verständigung mit Rußland sickern könnte solange die Westmächte in Saloniki und im ''"'dlichen Mazedonien stehen und den Ertrag der ruffisch-bulgariscken Vereinbarungen durch militärische Maßnahmen w»'.ter zu stören Dermöoerr. Gleiches ist von einer t ü r k i l ch - r u s s i s h e n Verständigung zu sagen. Auch wenn also die Verhandlung >n einen gutcn Verlaus rr-buren sollten, würde mit Stockungen und Hemmungen zu rechnen sein, und zwar uni f o stärker, je nu hr sich die marimalistische Regie-ung darauf stützen kennte. daß namentlich England kür jede Weigerung Rußlands auf die ihm gestellten Forderungen einzugehen, einen kräftigen Rückhalt gewähr.-n würde. Ihren entscheidenden Inhalt werden die Vechaudlungen mit Rußland jedenfalls durch den Geist bekommen, mit dem nufere Politik in diese Auseinander- f e tz n n g eintritt. Alles wird davon ahhängen, ob das. tnaS man die ö ft l i ch e O r i e n t i e r u n g zu nennen pflegt, mit der beherrschenden Einsicht in die Notwendigkeit unterneommen wird, mit Rußland zu einem dauernd guten Verhältnis, zu'- Fsrundstchaf! und (warum es nicht kauen?) zum Bündnis zu gelangen, oder ob ein frostiger Zustand de? bloß äußerlichen AuSale'ch? herbe!gestihrt we-den soll. Vielleicht läßt sich bei der Notlage Rußlands. bei>n völli- prn Zusammenbruch seiner militärischen Kraft und seine? Wirtschaftsleben vieles erreichen, was dein Schl in nach eine Verstärkung unser»? Machtbereichs bedeuten würde. Steckte in diäter Möglichkeit eine L-'ckuna. der nicht jede bei uns mgßaeb»nde Stell» widerstehen kgnn. so könnte aus den Verhandlungen c'was herguskommen, was einen sichtbaren Macht» »wachs darstellt, aber es wäre ft-br die Frage, ob unseren LebenSinterefsen damit aufrichtig fici'icnt sein würde. Es wird sich zu zeigen haben, ob
sich unsere Unterhändler mit st aa 13 m 3 nnisckrer Weisheit erfüllen werden od»r ob sie den Geboten kurzsichtiger Klugheit folgen wollen, die zunächst doch nicht so kluo wäre wie sie nussiecht. Man sollte meinen, daß. K ii n d c b u n g e n, wie die letzte Lloyd Georges und die vorangegangenen Ergüsse des Herrn Wilson, uns den Weg, der allein zum Ziele stibren kann, genügend deutlich zeigen. Indem diese Staatsmänner ihren gegen uns gerichteten Vernich- t u n g s w i l l e n immer stärker aus-'prechen, möchten sie die ngchlgssende Zuversicht ihrer eigenen Völker wieder gufrrchten und uns zugleich in lähmenden Schrecken versetzen. Dabei aber vergessm sie eine weitere Wir- kung ihrer Reden und Verheißungen. nämlich die, daß sie uns von der Versuchung befreien nach Ost.n wie nach Westen hin gleicherweise mit äußerster Eut- stblossenheit an Forderungen und Fielen festzuhalten, die nur nach noch größeren »nd einen 'ehr langen Zeitraum beanspruchenden Anstrengungen erreichbar wären. Je stärker die angelsächsischen Mächte und Fr ankreich uns bedrohen, desto näher liegt für icden, ker für unsere Politik in Gegenwart und Zukunft mitverantwortlich ist, der Ausweg eine»' Verständigung im O st e n. Nach Abschluß des Wgfsenftill- stgnd? besteht die wachsende Sicherheit, daß diese Ver- ständiaung auch möglich 'st. Ist sie aber erst erzielt, dann wird sich erweisen, daß das nur noch du-ch bpp- uotiiche odlr gar psychotische Mittel anfgerichtete Gebäude angelsächsischer SieaeshoffnunZen unweigerlich wird zusammenbrechen müssen.
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Die leitenden deutschen Staatsmänner im Hanpbgnartier
zV.ll.-S. Berlin, IR. Dez. (Drabtbericht.) Reichskanzler Graf v. Hertling und Staatssekretär Dr. v. Kühlmann beten sich in? Große Hanptauarster begeben.. In Begleitung des Reichskanzler? befindet sich Unterstnatssekcetär v. Rado- witz m d der Adjutant des Reichskanzlers, Rittmeister Graf v. Hertling.
In welchem Maste wird der Reichstag m tw'nston?
I.. Brrli», IR. Dez (Eig. Drahrbericht. zb.) Nach der Rück- kebr aus dem llweßen Hauptquartier dürften der Reichskanzler und Swawselielär v. K ü h l m a n n tcn Führern der Reichstags- staktioneii am Douuerstagnachmittaq dieGrunviagen mit- teilen, nach Venen tic Friedensverbandlungen geführt werden sollen. In vieler Unterredung dürfte dann nach dem „B. T." auch Ver Termin für tieCinkerufungdesHauptaurfchusseZ sestgelegt irerMen, dem die Ergebnisse der Friedensberatnngen vorgelegt werden wüsten Man muß erwarten, vaß die Fraktionsführer ln dieser Ai'qelegenhcit eine Regelung erwirken weroni, die es dein HanViavsschuß nieglich macht, rechtzeitig ,u den in Brest- Litowsk zur golangenden Fragen Stellung zu nehmen.
Der .Lckalanzeiger" schreibt: Soweit man die Anstauungen der Parteiführer kennt wird Herrn v. Hühlmann von prrlamentarischer Seite die Eewißdeii mitgegeben werden, daß die Mchrheitsparteien. 'abgcscbcn ton niiltiarnotwenligen Grenzregulierungen, sich auf oen Boden des demokratischen Friedens stellen werden, d. h. daß sie es ver Bevollcrnng der von uns aroberten und beseht gehaltenen Gitiet- des russtschen Reiche; überlassen sehen möchten, über ibr tünstifks stnatUcker Schicksal durch Volksabstimmung selbst zu enischeiven Es ist auch kein Geheimnis, daß die Mehrheits- parteien den Grnntst!? des Selbstbestinimungsrechr? auch aus Pole», o n g e w e ii v e r wtsitn mochten, selbst auf die Gefahr hin, daß die N'ebrbeii der Pt len sich für den erneuten Anschluß an Ruß. land ent'cheiden st Ilten Ta wir leine politischen Machtcrweitcrungen !m Osten ansirelen, es vielmehr säst ausschließlich auf g u t e Wirt- s ch a s t ) > ck c ü n v b n n v e l s p o l i r' s ch e B e z i e h u'n g e n mit dem neuen J> ns land absehcn, so würden wir — meint man in Reich.'tagtkreisen — keine Rachleile dadurch erleiden, wenn Polen pel,risch veni ösllichet' Nachbar wieder a-,gegliedert würbe, väbrend es als selbständiges Reich oder ein mit Österreich-Ungarn verbündtlei Staat srdensalls als slawischer Widersacher de? Dei-rschinms zu sütchien vllebe. Gegen den Gedanken, die Friedens, crörterungen vor den Hauvtanslchuß zu bringen, besteht nach dem „L.-A." unter vcn Fraltionssührcrn eine lebhafte Gvgnerschafl, da man sich nichts Heilsames davon zu versprechen vermöge.
Graf Czernin und seine Begleitung.
W. T.-B. Wien, 18. Dez. (Drahtberrcht. K. und k. Korre- spor.i enzbureau.) Als Bevollmächtinter Ofterrerch-Uiigarns wird bei den in Brest-Litowsk zu führenden Friedens- verbandlungen der Minister des Äußern persönlich fungieren. Graf Czernin reist am 19. Dez. noch Brest-Litowsk ab begseitet vom Sektionschef des Mit isteriums des ?lußern Dr. Cratz dem außerordentlichen Grkaiivten und bevollmächtiqten Minister Baron Tr. von Wirsner, dem Leqationsrat B iron Adrian, Grafen Colla- rcdo nnd dem Legationssekretär Baron Gautsch
Allgemeine »juftimniung !m bulgarischen Parlament,
W. T .-B. Sofia, 13. Dez. (Drahtbericht. Agence Bulgare ) Minsiterpräsident RadoSlawow gab heute in der Sobranjc unter allgemeiner Aufmerksamkeit den mit Rußland ge- sftilcsseren Waffenstillstandsvertrrg bekannt. Die Verlesung war von der einmütigen Zustimmung aller Parteien begleitet.
Große Freude in Konstantinnpel
W. T.-B. Konstantiuovel, 18. Dez. (Drahtbericht.) Die omtliebe Nachricht von den, Abschluß de? Wafsenstillstandes mit Rußland wirkte namentlich im Zusammeii/uig mit der
darauf folgenden Freiheit der Haitdelsschiffahrt im Schwarzen Meer sensationell. Das Volk reißt sich die Zeitungen aus den Händen, überall gibt man seiner lebhaften Freude über da- Ergebnis Ausdruck.
Ist Lloyd George noch der Wortführer Englands?
Basel, 17. Dez. Die „Basler Nationalzeitunig" schreibt zu der Rede Lloyd Georges n. a.: Nach längerer Panse, rbähre-nd wctcher sich die Lage der Entente mit jedem Tagver- schlechterte, hat der britische Premierminister, der zugleich so etwas wie der Premier der Alliierten ist, wieder ein- matl gesprocl,en. Er verkörpert den unbegrenzten Kriegswiltlen. Eine Änderung der britischeai Politik ist nicht mit ihm, sondern nur gegen ihn möglich Heute versucht >:r seine Mllense-wbeit mit Lansüowne zu betonen. Schon darin kann man ein Zeichen sehen, che stark die h.nter diesem siehenden Strömungen in Gr» ßbritann'ea sein müssen. Die Dialektik, die Lloyd George ontwendet, um zu beweisen, daß er LanSdowneS Gesinnungsgenosse sei, wird bei den klugen Briten kaum sehr uberzeugend wirken. Lloyd George sagt genau das Gegenteil von dem, was Lansdown« gesagt hat. DaS vereinigte Königreich ist ans Prestige aufgebatut. Wenn es einmal gezeigt hat, drß es seinen Gegner nicht niederwerfen kann, so ist es in seinem Prestige bedroht. Ferner ist es in seiner Eigenschtast als Handelsvormacht durch die Union abgelöst nnd ans. dem russischen, österreichi. scheu und orientalischen Markt diirch Denlschland ansgeschaltet worden. Der britische Premierminister wählt aus dem Verbrechertum die abscheulichsten Vergleiche tür Deutschland. Diese tendenziöse Art tut ihr möglichstes, um alle brennenden Wunden der Menschheit noch mehr zu vergiften. England, -daS die Buren überfiel, und ans Ägypten, entgegen seinen Versicherungen, nicht hec- ausging, hat als Staat wahrscheinlich kaum Anspruch» strenge sein zu dürfen. Nie war die Gesahr einer Nieder! agederEntentesonalhewiehe ute, selbst we>m die Bol'chewiki jetzt noch besiegt würden. In Italien bricht Sie Kriegspirtei zusammen, nnd wenn nur die Mö:r- lichkeit des Friedens sich zeigt, könnte heute schon auch dort ein Waffenstillstand geschlossen werden. Svnnino wehrt fH) verzweifelt gegen die Ernüchterung, den Zasammenbrucki ngd den InterventionismnS. In Frankreich känipst Clemencean mit Tigerwildheit gegen die FriedeiiS-- freuintde und den Z'lsanimenbruch des Ententoge-dankenS, beschwört das Bild des vevlrrenen Kr-egeS vor den Augen der entsetzten Journalisten und Abgeordneten und sucht die Kriegsgegner ins Znchtbau? zu bringen. Aber, indem er die Leidenschaften versebärst. kann es ihm gelingen, den seinem nüchternen Wesen nach so unfranzösischen Cailiaux als Retter erscheinen zu lasien. Schon scheint der kluge Brian d abzufallen, nnd sogar, wenn Clemenocnu diesmal noch mit den Waffen de? Terrors siegen sollte, so Hot er dock die Einigkeit und Kraft Frankreichs tödlich geschwächt. Für diele Gestrhren und für dl« drohende deutsch- österreichische iOffeusivr ßndet Llohd George nur die Worte: Die gegenwärtige Lage ist nicht besonders günstig. Lloyd Gerrge fürchtet ja nicht deutsche Annex'onen. er fürchtet vielnrehr da? Bekanntwerden der e ! q e n e n a n n e x i o n i st i s ck e n Absichten. Des- häkb will er keinen Frieden, deSbalv siebt er nicht, was jeder siebt, nnd beschäfiigt sich mit deutschen Schtwierigkeiten, wo doch die Schwierigkeiten der Entente offen darliegen und täglich wacksen und verhängnisvoll e r w e r d e n. Ist Llovd George noch der Wortführer Englands? Das ist die große Frag«, und die Entscheidung ist. rb di« Klugheit der weiteren britischen Staatsmänner noch in allerletzter Stunde England und di« Welt vor dem Abgrund zurückreißt, in den der Starrsinn und die Angst vor 'der Erkenninis beaanaener Fehler und der fehlende Suru für die Zukunft sie zu stürzen drohen.
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Vevorstehend« Erörterung der Rriegsziele i»n englischen ynterffaus.
ZV. T.-8. Amsterdam, 18. Dez. (Drahtbericht.) Am Mitt. woch findet im Unterhaus die Debatte über die Krieyszielo stcrtt. Es wird bei der Regierung energisch darauf gedrungen, die Kriegsziele Englands bekanntzugeben. Die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten ist, wie verlautet, sehr für eine klare F e st l e g u n g der Kriegszicle der Alliierten. Man hofft, daß der Premierminister oder BalfoNr eine Erklärung abgeben würde. Die Arbeiterpartei verlangt fast einstimmig eine Revision dev Krtegsziele und ihre neuerlicke Bekanntgabe.
vre nie erwartete Gegenblockade unter Wasser.
Ein englisches Eingeständnis.
V/. T.-B', London, 18. Dez. lDrrytbericht.) Gardine» schreibt in einem Rückblick über die 3V> Kriegssahre in der .Daily Mail"- Wir stehen der nackten Tatsache geyenübcr, daß in der Kriegslage ein schwerwiegender Wechsel e i n q e t r e t e n ist, und dieier^ um den Iahreswechstl den er, statunbchslen und in mancher Hinsicht beunruhigend» |cn AitSblick btetct, den wir seit Dezember 1814 gchabt.
