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Sonntag» 16. Dezember 1917. lltOrCJCn s HU$(}Clb& Nr. 637. ♦ 65. Jahrgang.
England» wie es ist.
Wieder einmal sehen wir die englische Methode am Werke, die sich je nach den Umständen der Männer a il st e r h a l b der Regierung bedient um die Regie- runa selber das. was sie gesagt wissen möchte, ohne bindende Verpflichtung aussprechen 2 « lassen. Der viel- ber nst'ne Brief des Lord L a n § d d w n e ist gewiß eine Brinalarbeit, aber man kann mit großer Sicher- hlit annehmen, daß er den britischen Staatslenkern ridit unwillkommen war' man braucht nicht aernde v,on bestellter Arbeit zu reden, jedoch gibt es Beziehungen. die weniger grob sind und gleichwohl leisten, was sie leisten sollen. Lloyd George und Lord Lans- downe werden sich rasch verständigt haben: der Tsrie- dcnsbrief des früheren Ministers wäre von der Regierung ganz anders als geschehen behandelt .voröen. wcnn er als unbequem cmpUmben worden wäre. Es ist ein Sp ' el mit verteilten Rollen, und Lord A s a n i t b. der den von Lansdowne angeschlagenen Ton weiteiklingen läßt, spricht offenbar auch nur aus was die Mitglieder des Kabinetts noch nicht deutlich zu sagen sich getrauen. Ohne Zweifel b.it der Frieöens- gedanke in England neuerdings Fortschritte ge- rnacht. Aber was für ein Friede ist das, den unser Hanptfeind uns gewähren würde! Trotz der Versicherungen der beiden edlen Lords, daß England den Krieg »nicht gegen unser Volk führt, müßten ivir die schwerste Beeinträchtigung, die lälimendste Verkümmerung un- s-n'.-t Lcbensinteressen erwarten, wenn England seine Kriegsziele erreichte und wenn wir es nicht durch u k e r l e g e n e Macht, aber auch durch eine g e- schickte S t a a t s k u n st an dieser Erreichung hinderten. Die Verhandlungen mit Rußland grenzen jetzt den Kampfplatz ab, ans dem es sich zu zeigen haben wird, ob Einsicht und Willensstärke der Reichsleitung erfolgreich mit den britischen Machenschaften werden in Wettbewerb treten können. Die englische D i o! o- matie hat wieder einmal ihre Hand in un- fere Auseinandersetzung mit Rußland gesteckt, und nach manchen unerfreulichen Erfahrungen lönnsn wir uns leider nicht der Sickierhsit getrosten, daß von uns aus das Erforderliche geschehen wird, um den gefährlichsten aller Gegner jetzt mattzusetzen. Unsere weltpolitische Zukunft steht auf dem Spiel. Sie kann gesichert werden, wenn wir nach Osten bin eine Politik treiben, die über die bloße Beichwichtigung der Feindschaft hinaus die Grundlagen f >", r dauernde Freundschaft ansbaut und die Möa- lichkeit schafft, daß sich an die ^deutsch-russische Ver ständi- gnna diejenige aller Festlandsstaaten mit ge- meinsamer Frcnt gegen Großbritannien anstbließst Wer seine Ziele niedriger steckt, wer nur die vielleicht er- lcichbaren nächsten Früchte militärischer Erfolge iin Anae hat und über dem Tagesgewinn vergißt, um wieviel giößer der Ertrag des morgigen Tages fein kann, der mag damit Wohl Erfolge erziel"». können, aber er st-ird am lebten Ende nur für England gearbeitet haben. Es gibt zwei Wege, um England zu einem Frieden zu vrinoen, wie w i r ihn brauchen, der eine ist der van entscheidenden Siegen auf den Schlachrscldern >im Westen und, um das nick t zu vergessen, in Mcsopo- taini-n- der andere führt über die Svrenaung des frir,Mitten Mächteverbands hinweg. Ob wir den Ersten Weg werden gehen können, das bleibt de- Zukunft Vorbehalten, aber auch wenn er betreten It.vOcn kann verringert sich die Pflicht nicht, den zweiten Weg gangbar zu machen. Der cngl'scke Lernichtnimswille gegen uns kann nur gebrochen werden, wenn wir den Verbündeten Englands gegenüber und zunächst gegenüber den Russen eine Politik einleiten, die bestimmte gemeinsam" Z n k n n f t s Z i e l" auistellt und sich auch durch vorübergehende Mißerfolge nicht beirren läßt. Wir Huben nicht den geringsten Grund, die cnt- oegenkommenden Kundgebungen der dcrren Lans- downe und Asouith als Proben einer Gssinnung zu bewerten, die uns wobl gar Freundschaft entgegenbrin- pen. Diese beiden Männer beweisen freilich durch ibre von den, sonstiaen britischen Gehässigkeiten sich freihaltende Sprache, daß in Lo n d o n der tt m schwung der Dinae einigermaßen peinlich empfunden wird, und Lloyd George wird die Lage auch nicht an- ders ansehen: aber hinter den glatten Worten steck: doch immer dieselbe auf unsere Verkümmerung ausgehende Beharrlichkeit der unbedingten Feindschaft. Das ganze-englische Wffen bleibt min einmal dnrchtränkt von einem starrsinnigen Kochmut der sich in glühendem Saß gegen uns nicht genug tun kann. In manchen deutschen, "iner Verständigung mit England geneigten Kreisen, wo man zumeist keine Ahnung von den Regungen der britischen Volksseele, von den großen geistigen Strömungen im Angelfachsen- tuni hat. wird zuweilen Verwunderung darüber laut. Laß der Hoß gegen uns drüben nirgends zügelloser zum Ausdruck kommt, als von der Kanzel als in der angel- lckchstichcn Erbaunnasliteratur. Aber ziZrade diese Er
scheinung will b"sonders beachtet sein. Sie führt von den unmittelbaren Fragen der praktischen politischen Gestaltungen nur scheinbar abseit?, denn schließlich richtet üch dir Politik eines großen Reiches dach nach den E rundstimmungen des Volkes, sie bleibt ihr stärkster Ausdruck Wer tiefer blickt, hat zur Verwunderung über den geistigen und sozusagen kirchlichen Zustand im Britenvolke gar keinen Anlaß. Wir möchten hier einige Ausführungen hersetzen, mit denen Ludwig Quesiel in den „Sozialistischen Monatsheften" die leden- salls sehr bemerkenswerte Erscheinung begleitet. Es ist wohl ^ 0 , wie es dieser Beurteiler ausdrückt. Der Kauze I i m p er i a! i s m u s bat den Krieg gegen Deutschland von Anbeginn zu einem Religionskrieg nt dem Sinn gestempelt, daß Gott die b r i t r s ch e n Heerscharen berufen hat, lein Werk (das pan- l"'itrlche Weltreich) vor den deutschen Angriffen zu sckn'iven. Fällt Deutschland (und das ganze Anqel» snchfentum glaubt, daß dies Gottes Wille fei), so wird fortan Friede auf Erden, die fax briranniea, herrschen. Es ist nicht zuletzt dieser Glaube, a»S dem das Ängel- sachlentum leine Siegesznoersichi schöpft. Und wie die den Erdball rimspannenden Kriegsziele der Angelsachsen diesem Krieg einen Charakter geben, der aus dem Rahmen unserer historischen Erfahrung heranssallt, so bat die eigenartige Verquickung religiösen und imperialen Fühlens in England einen krieqeriichen Geist er- zeuat. der am die Zeiten Cromwells erinnert, der Irland als das Land der Amalekiter behandelte und seine Tnivpin als Kinder, als Streiter Gottes, begrÜZte. Ec hilft nichts, sich gegen die Erkenntnis zu sträuben' Dir Krieg gegen uns wird von den angelsächlischen Masten im Namen der Religion geführt. Die deutschen Dichter, die in diesem großen Kamps der Nationen den Sturm des Religionsknegs brauien hörten, standen daher der Wahrheit weit näher als unse-'e anglophilen Politiker, die sich heute noch nicht recht entschließen können. ibre Illusion von dem Verständigungsfrieden mit dem Anaelsgchsentnm auf Kosten der anderen Kontinentalvölker aufznaeben.' Gewiß, religiiste Ideologien, auch wenn sie die Masse.zeitweilig noch >'o tief ergreifen, sind wie alles Ideologische, das nickst von starken, wirtschaftlichen Kräften aetragin wird, vergänglicher Natur Der Kanzelimperialismus Englands schwebt aber nicht als Ideologie frei in der Luft. Ihm steht der britische Wirstfcha.ftsrmperialismus zur Seite, der. aus ökonomischen Kräften, ans der sozialen Not der Zeit geboren, ihn stützt rmd trägt. Dieser britische Wirtschafts- imverialismns. der seit (885 sich mit der Aufgabe ab- ariälte, wi" England der deutschen Konkurrenz Kerr werdcn kann, und der in zahlreichen Blaribuchern, Koninlatsbcrichten und Verhandlunasveotokollen par- lamentari'cher Kommissionen einen Niederschlag gefunden bat, ist für das industrielle England, dem Welthandel rmd Weltherrschaft imn'er zwei zu- san! men gehörende Dinge waren, zweifellos die cnt- s.bchdende Kraft Katheder- uno Kanzelimperialismus bilden nur seine ideologische Umhüllung, allerdings eine wiche. die 'eine Herrschaft über die Geister unentbehrlich ist.
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Lloqk» George über denvrfef £orf> Lansdowne?.
W. T.-R. London, 15. Dez. (Drabtb?richt. Reuter.) Bei einem in London den Leitern des Luftdienstes gegebenen Bank"tt sagte Lloyd George u. et.: Der durch die neue Waffe de? Luftdienst,'s in den Krieg bineingetragene Schrecken wird in der Welt ein? vermehrte Abneigung gegen einen neuen Krieg Hervorrufen. Daher ist es wichtiger denn je, daß der Frieden ein gereckter, ehrenvoller und wohltätiger Frieden wird. Kürzlich antwortete ein hochangesehener Edelmann, der dem Start in vielen Zweigen ausgezeichnete Dienste geleistet hat, der Nation durch «inen Brief, der eine sehr beträchtliche Befürchtung bei denen hervorrief, deren Hauptsorqe es ist, drß dieser Krieg mit einem dauernden Frieden, nicht mit einer erniedrigenden Niederlage enden möge Ich weiß jetzt, daß alle unsere Besorgnisse bezüglich des Briefes grundlos sind, da Lansdowne, der durchweg im vollen Einverständnis mit Wilson war, nur genau dasselbe sagen wollte, wie der Präsident in seiner kürzlichen großen Rede im Kongreß. Wie die Negierung sich in vcller Übereinstimmung mit dieser Rede befindet, so ist es zweifellos die englische Nation, und da auch Lansdowne erklärt hat, daß er mit ihr übereinstimme, nehme ich an, daß die Auslegung, die Lansdownes Brief gefunden hat. nicht nur bei den strengen Anhängern der Suche der Alliierten, sondern auch bei ihren Gegnern in unserem Land, in Amerika und Frankreich, und auch in Deutschland und Österreich nicht im geringsten dem entsprach, was Lansdowne auszudruckcn wünschte. Ich wünsche keinen Streit hervgrzurufen, wenn ein sclcher nicht bi steht. Lansdowne wollte einfach dasselbe irrt Wilson, und so ist es ein großes Unglück, daß er diese Absicht nickt ausgefübrt hat. Ich war auf der Pariser Konferenz der Alliierten, als der Brief erschien. Er wurde dort mit schnierzlicher Bestürzung aufge- nimmen. Indessen ist cs befriedigend zu wissen, daß Lans- dowr.e scwohl von seinen Freunden wie von seinen Kritikern
mißverstanden wurde, und das ganze Gewicht seines Ansehens und Einflusses für die Durchsetzung der Wilsonschen Politik in Betracht kommt.
Oie Ausbreitung des Zriedensgedankens in England.
Br. Basel, 15. Dez. (Gig. Drahtbericht, zb.) Der „Manchester Guardian" schreibt: Eine parlamentarische Erörterung der gesamten Kriegs- und Friedens fragen sei. unvermeidbar und werde wahrscheinlich nächste Woche stattfinden. In dieser Auseinandersetzung werde sich neben den Pazifisten eine Etiömung gemäßigter und verantwortlicher Ansichten bemerkbar machen, aus der eine offene Kundgebung der seit Monaten im Verborgenen sich vorbereitenden politischen Änderung hervorgehen wird. Der Berichterstatter der Ti rilier „Stamva" in London telegraphiert, in der englischen Politik mache sich eine wachsende Kampfstimmung wegen derFriedenSsrage bemerkbar.
Tie Revisiim der Kriegsziele jetzt „nat-vendigrr wie je",
TDA. Die Londoner „Ratio n" schreibt: Mit oder ohne die Mitarbeit der russischen Regierung ist die Revision der Kriegsziele der Verbandsmächte jetzt notwendiger denn je. Hatten ihre Staatsmänner alle zusammen ihren Soldaten und daheim den Vätern ihrer Soldaten erklärt, sie kämpften, um Konstantinopel für Rußland zu gewinnen, die Türkei auf- znteilen, Österreich zu zerstückeln usw., der Krieg hätte in einem Ausbruch des Unwillens und der Revolution geendet. Die Verträge werden nun niemals, ausgeführt werden, aus dem einfachen Grunde, weil die Verdorbenheit der russischen Autokratie ebenso bodenlos war, wie ihr Appetit. Wäre sie nach ebenso stark gewesen, so hätte ihr Einfluß bei der Neuordnung einschlechteresEuropq geschaffen, als wir cs im Jahre 1914 gekannt haben.
Die englischen Arbeiter und die KriegSziele.
ZV. T.-B. Amsterdam, 14. Dez. Nach dem „Algemeen Handelsblad" meldet „Daily Chconicle": Für den 28. Dez. ist von den Gewerkschaften und der Arbeiterpartei ein Kongreß einberufen worden, auf dem die K r i e g s z i e l e Englands und seiner Bundesgenossen besprochen werden sollen. Am 29. Dez. wird sich dieser Kongreß mit den Lebensmittel» fragen beschäftigen. ' _
Österreichisch-ungarischer Tagesbericht
W.I.-B. Wien, 15. Dez. Drahtbericht.) Amtlich vev» lautet vom 15. Dezember, mittags:
L st l ich er. Kriegsschauplatz.
Waffenruhe.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Truppen des Generals der Infanterie Alfred Krau« haben trotz heftigster Gegenwehr die Stellungen auf dem Col Caprile genommen, wobei sich die Infanterie» Regimenter Nr. 49 und 88 besonders auszeichneten.
Auf dem Monte Pertica wiesen alpenländische Bataillone mehrere feindliche Angriffe ab.
Zur Wiedererobernng der durch die verbündeten Truppen am 12. und 13. Dezember genommenen feindlichen Siellun, gen auf dem Monte Spinuccä führten die Italiener vergebliche heftige Angriffe.
In den Kämpf?» oer letzten Tage haben wir 4V italieß nischr Offiziere, darunter 2 Stabsoffiziere, über 3009 Manitz, einige Geschütze und Maschinengewehre eingebracht.
Der Chef des Generalstabes.
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vre ZrkedenrstrSmuny in Italien.
Br. Zürich, 15. De». (Eig. DvwhDoricht. zb.) Trotz strengster polizeilicher Überwachung der Geheim sitzung {ident Einzelheiten durch. Auf Betreiben seiner Anhänger und den Linksparteien nthm Giolitti an der Sitzung teil. Eine fozvrlistffche Interpellation forderte sofortigen F r i e d e n s s ch 4 u ß. Auch andere nichtsz>ziakistffche Fra!-^ tionen unterstützien diese Forderung. Kriegs- n:id Friedensfreund: gerieten leidenschaftlich aneinander. Di<> Sozialisten beraumten dann eine Sleih-imsitznng am. Die Interpellation, die in dieser Sitzung beschlossen wurde, fordert die Regierung aui, feitzuftellen, ob 1. die Zentral machte, falls sie mit Italien emen Sonderfrieden schlichen wollten» in der Lage sind, Italiens Versorgung mit Getreidg, Kbhlen und den notigsten Rohstoffen zu garantieren; 2. •>& die Zentralmächte imstande und willens sind, Italien vor der Rache seiner jetzigen Alliierten zu schützen. Die Regierung lehnte ein Ein.rehcn auf d'ese Forderungen ab. Den Sozia», listen hrt sicki die äußerste Rechte und die gesamte Linke dsp Kammer angeschlossen.
Neues amerikanisches Geld für Jtusicn.
— Lugano, 14. Dez. (zb.) Nach einer Stefani-Nachricht haben die Vereinigten Staaten von Amerika Italien einer; neuen Vorschuß von 125 Millionen Lire gewährt.
Der Fatt Caillaux in der italienischen Kammer.
—' Genf, 15. Dez. (zb.) Französische Blätter melden, dev italienische Abgeordnete C i p r t a n i habe in der italienischen Deputiertenkammer eine Interpellation über den Fall! Caillaux eingebracht.
