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Mittwoch. 12. Dezember 1917.

Morgen-Kurgabe.

Nr. 629. . 65. Jahrgang.

Ein 5lbwärt§jähr.

(Zum 12. Dezember.)

Am 12. Dezember 1916 haben dl- Mittelmächte ihren Feinden ein Friedensangebot gemacht' iie haben damit aber keinen Erfolg gehabt. Die damals noch koinplette Entente dachte gar nicht daran, sich au» Verhandlungen einnilassen ihres Sieges gewiß glaubte ne, duz hinter diesem Friedensangebot nirr der beoorstebende Zu- sammenbrilch Deutschlands und sein-r Bundesgenossen sich verberge. Die so genannten Staatsmänner, die Leinen Briand. Lloyd George und S o n n i n o übcrschlugen sich in h ö h n i s cki c n Abweisungen und die ihnen gefügige Press- konnte lick' nicht genug tun in Anvöbelnngen der um Frieden bettelnden Mittel- lr.nd'te. Nun ist ein Jahr darüber hin leaangen, der Rückblick ans die'Ereignisse während dieses Jahres ist sehr schmerzlich für die Entente.

, Ohne .Zweifel, die Entente hat sich tüchtig, gerührt. Sic hat getan was sie irgend tun konnte Amerika hat sich ihr eingefügt und dann kamen noch all die an- direr:. zwar mehr oder weniger gezwungen, aber imnierhin sie kamen: China, Liberia. Siam, Kuba.

Panama, Brasilien, Bolivien, Guatemala, Honduras, Nikaragua, Haiti, Peru. Uruguay und schließlich aucli Griechenland. Eine schöne Liste, die einen Naivling bei- ualw in Strecken zu setzen vermöchte. Sie bat uns nichts geschadet. Wir verkennen keineswegs d'e Nachteile, die damit verbunden sind, daß es Enalanö und Amerika gelungen ist. dreiviertel der Welt gegen uns zu mobilisieren: aber man wird es uns kaum ver­übeln können, wenn wir gerade darum mit d e st o größerem Stolz und mit desto entschlosse­nerer Zuversicht auf das Hinweisen, was uns seit dem '2. Dezember 1916 gelungen ist.

Zunächst haben wir uns aller Feinde zu erwehren, gewußt. Unsere Weftsront ist für Legionen von Franzosen und Engländern zum Grabe geworden. So heftig sie auch anstürmten, weder an der User, noch un der Somme, noch bei Carnbrai haben sie Erfolge gehabt, rächt einmal mit ihrejn unwiderstehlichen Tants konnten sie etwas ansrichten. Nach wie vor sind alle entschei­denden Stellungen fest in unsere'- Hand, und ganz be­sonder s gilt dies für die von England beiß ersehnte flandri'che U- Bootsbasis. Das einzige posi­tive Ergebnis, was Frankreich im Verlauf dieser Kämpfe zri verzeichnen hat, ist die Tat'achr, daß seine Virluste sich auf über eine Million Tote erhöht haben und daß die reichen Pconinz-'n in denen diese Kampfe sich abspielen, irnmer mebr und mehr in Trüm- luer gelegt werden. Während des Jahres 1917 ist es uns gelungen, die Ostfront stillznleaen. T a r n o p c- l, Riga und Oesel wurden zu Marksteinen: die russi­sche Revolution vollendete, was unsere Armeen ein- geleitet hatten. Die Nüssen, durch Hekaroniben blutiger Opfer und die immer drohender werdende Zercuttniig ihres Landes endlich belehrt, begriffen, daß es nicht ihre Aiifaabe sein kann, sich lux die Weltg'er der Anglo- Amerikaner hinschlachten zu lassen. Die Waffen­ruhe an unserer Ostfront, die dies' Jahr den 12. De­zember kennzeichnet, ist das b e st e Wahrzeichen sür die Politik der Überichätzung mit der die Entente urserer Friedsnsbereitschaft entgegenzutreten für rich­tig g« balten hat Und die 5 Millionen Tonnen feindlicher Tonnage, die Ende des Jahres 1917 auf dem Meeresgründe ruhen werden, können auch nicht gerade als rin Denkmal der aaglo-amerikanischen Weit- sicht'gkeit bezeichnet werden. Wozu dann noch einige Kleinigkeiten hinznkommen' die Erl.'diguna Rumä­niens, die Ausrenkung des moralischen Rückgrats der Entente, die durch die Veröffentlichung ihrer R a n b p l ä n e vollzogen worden ist und nicht zuletzt die Ze r f ch m e ttr r u n >g der nord italienischen Leere und der sie bedingende Einbruch in die italieni- 1'dhe Tiefebene. Alles in allem: eine Bilanz, die sich sehen lasten kann und ans der selbst die tollsten Ver- drehnngskünste nicht zu destillier-m vermögen, daß man in, Dezember 1916 in London und Paris ans die richtige Karte gesetzt hat.

Cs wäre nun nicht erstaunlich, wenn nach solchen Er- fahrnngen und Ergebnissen die Mittelmächte es grund­sätzlich abl-lmen wollten, an Frieden zu denken. Deut­licher als dies geschehen ist. kann gar nicht bewiesen nerden, daß die Zeit mit ihnen ist Und in der Tat, so wen'g Deutschland und leine Verbündeten sich auch zu dem Raubideal der Entente zu erniedrigen wünschen, sc sebr sind sie doch davon überzeugt, daß die Pflicht gegen ibre Völker gebietet, di? Entente misten zu lassen, wie wenig wir Ursache baben, un'twe Friedensbereit- schait mißbraucht zu sehen. Einmütig haben der di irische Reichskanzler und der G ras C z e r n i n der Welt mitgeteilt, daß die Mittelmächte nicht wil­lens sind, ihre FriedenSbereifichaft als Freibrief ansbeuten zu lasten. Die Grenze der G"duld ist er­reicht: die Stunde, da weitere Zurückhaltung Frevel

wäre. kommt näher. Die Rumpfentente mag sich entscheiden, ob sie bereit ist, den Fehler von 1916 gutzu­machen oder ob sie ihren Hilfeschreien, die sie, ihren Naticnalstolz vergessend, nach Amerika und Japan hin- uberschickt. vertrauen will.

vuchanan sucht Stimmung gegen den Daffen- stillstand zu machen.

W. T.-B. Petersburg, 11. Dez. (Drahtbericht. Reuter.) Der englische Botschafter Buchmian empfing die Vertreter der russischen Presse. Der Botschafter sagte:Es gibt nicht ein Körnchen Wahrheit in den Berichten, daß wir für den F-all, daß Rußland einen Sonderfrieden schließt, irgend welche Strafe oder Zwangsmaßnahmen in Er­wägung ziehen. Die Tatsache, idaß der Rot der Volkskom­missare Verhandlungen mit dem Feind ohne vorhergehende Beratung mit dem Verbündöten eröffnet hat, ist ein Bruch der Vereinbarungen vom Dezember 1814, über den wir uns mit Recht beklagen. Wir können keinen Augenblick die Gültigkeit der Behauptung anerkennen, daß der mit der autokratifchen Regierung abgeschlossene Vertrag keine bindende Kraft für die Demokratie haben kaum durch welche jene ersetzt worden ist. Aber wir wünschen doch nicht einen Verbündeten, der nicht mehr mittun will, zu veranlassen, weiterhin seinen Teil zu den gemeinsamen Anstrengungen befzutragen, indem wir auf die Rechte oes Vertrags pochen." Buchanan fuhr fort: Die englische Regierung wünscht ebenso wie die russische Demokratie einem demokratischen Frieden. Der Rat der Volkskommissare irre aber, wenn er.glaube, dieses Frie­dens^ dadurch sicher zu sein, dag er erneu sofortigen W a s s c n sl i l l st and fordert, auf den dann ^die Verein­barungen zu folgen hätten. Im Gegensatz dazu wünschten die Alliierten zuerst zu einer allgemeinen Vereinbarung in Übereinstimmung mit ihren erklärten Zielen zu gelangen, und dann einen Waffenstillstand anzustreben. Bis jetzt sei noch kein Wort von irgend einem deutschen Staatsmann ge­äußert worden, aus dem hervorgehe, daß die Ideale der rusti- schen Demokratie vom deutschen Kaiser oder von der deutschen Regierung geteilt würden. Der Frieden, den der Kaiser im Sinne habe, fei ein imperialistischer Friede. Obgleich die A1 l i e r t e n keine Vertreter zu den Verhandlumgen über den Waffenstillstand entsandt hätten, seien sie bereit, mit der russischen Negierung die Kriegsziele und die Bedingun­gen für einen gerechten und dauerhaften Frieden zu prü­fen, sobald eine starke Regierung gebildet worden sei, die von dem russischen Volk in j>eiiier Gesamtheit anerkannt werde. 'Schließlich dankte der Botschafter der russischen Demokrarie und sagte: Ich weiß, daß Ihre Führer aufrichtig wünschen, Brüderlichkeit zu schaffen, aber die gegen Großbritannien gerichteten lVersache und Reden, die unternommen wurden, um im unserem Land die Revolution anzuzetteln, haben das britische Volk nur zu dem Beschluß veranlaßt,den Krieg zu Ende zu kämpfen. Sie hüben es veranlaßt, sich um seine jetzige Regierung zu scharen und es bestärkt.

*

Zu Buchanans Äußerungen ist folgendes zu bemerksn: Wie man sicht, hält es die Entente für geraten, gute M i e n e z u m !- ö s e n S p i e l zu machen. Sie läßt sch e i n» bar in edler Bundestreue alle Eigenmächtigkeiten des russi­schen -Bundesgenossen über sich ergehen. Sie hat erkannt, daß die unentwegte Förderung des Friedcnsgedankens die Stärke der heutigen Regierung Rußlands ist, nnd so schwenkt Ire ein und ist diesem Gedanken gefolgt, um der Regierung den Wind au s de n Segeln zu nehmen, sie zu schwächen und, wenn möglich, durch eine Regierung zu ersetzen, die ihr wieder gefügig ist. Das Manöver ist zu durchsichtig, um nickit erkannt zu werden. Erreicht wird dep- Zweck, die Friedensbewegung in Rußland auszulhalten oder eigen'en Zwecken dienstbar zu machen, hoffentlich nicht. Gegenüber der Verdächtigung, als ob 'wir verantwortlich seien, braucht nur auf die R-eichstagsrede des Reichskanzlers hingewicsen zu werden, in der dieser ausdrücklich betont, daß die russischen G>uiidgedanken kein Hindernis für den Frieden bieten.

Zranzösische Hoffnungen auf einen Umschwung.

W. T.-B. Bern» 10. Dez. Die Besprechungen der franzö­sischen Presse finden sich mit der Tatsache des Waffenstill­stands auch aus der rumänischen Front ab, drücken über die Hoffnung aus, daß die Verhandlungen scheitern, oder daß in Rußland ein Umschwung durch das Auftreten einer neuen Persönlichkeit erfolgen könne. Der' Waffen- stillchrud bedeute übrigens noch nicht den Friede n. Homme Livre" will an der Hand der Wahleryebn'sse für die konstituierende Versammliiiig aus den Rückgang des iuaxiinalisiischen Einflusses schließen. Die Stimme Keren st i s, die sich plötzlich wieder erhebe, sei geradezu prophetisch.Petit 'Journal" glaubt, daß Rumä­nien einen Waffenstillstand nur unter gewissen Bedingungen und Grrantien angenommen habe. Rumänien könne doch nicht mit Haut und Haaren sich dein Feind ausgelieferi haben. Gaulo's" Horst immer noch, daß die Russen sich mit den Mittelmächten nicht würden einigen können und schiebt die Schuld ausschließlich der Entente zu, wenn es so weit ge­kommen sei. Die in Rußland gewestnen Deputierten und Minister hätten doch laut genug verkündet, daß die Stock­

holmer Konferenz unbedingt notwendig gewesen sei, statt dessen habe man die Pässe sür Stockholm verweigert und d:» Sozialisten aus der Regierung entfernt. Grober habe mau die S o z i a l i st e n r e g ie r u n g in Petersburg überhaupt röcht vor den Kopf stoßen können.Journal du Peuple" verzeichnet die Erfolge der Maximalisten und sprickr den Wunsch aus, die Entente möge die maximalistische Re­gierung anerkennen. Herbe ist einer der wenigen, ö:e die Maximalisten nach wie vor beschimpfen.

holländisches Mißtrauen in das russische

Staatsbankerott-vementi.

NWS. Amsterdam, 11. Dez (Eig. Drahtbericht, zh.) Das Dementi der Petersburger Telegraphenazentur, daß die Nichtigkeitsertlärung der Auslandsschulden nicht geplant ist, wird in hr'Sändischen Kreisen als ein mangelhaftes Dementi angesehen, weil die Pvawda", das offizrelle Organ der Bolschewiki-Regierumg ift., und da Rußland nu Begr.ff rst, in einzelne Staaten zu zerfallen, von denen wohl kaum «»zunehmen ist, daß sie.einen Teil der alten Staatsschulden übernehmen wolle-!.

Zablnng russischer Zinsen in London.

W. T.-B Londrn. 11 Dez. (Drahtbericht.). Laut einer Bekannt­machung können die Jrbaber der russischen 5proz. Iieglerungsanleib- von 1900, die TalrilS zum Bezug von neuen Zinsschclnbagm eing.< reicht Halen, gegen T-crzeigung der für die Talons auSgeitelltc.! Empsangkdeschcinlgungen die Bezahlung der am 1. November sälligeu Zinsen bei Bariug Brothers in London erlangen. Die neuen ZinL scheinbvgen sollen dann ohne Zinsscheine vom 1. Nooember aub gchändigt werden, wenn sie aus Rußland eingctroffen sind.

Bonar Law tritt rinrm unsinnigen Gerächt entgegen.

Br. Haag. 1» Dez. (Erg. Drahtbericht. zb.) Auch in England zirkulieren Eciüchte, daß die Absicht bestehe, die britischen St aatskck.il! den zu annullieren. Das Gerücht veran­laßt- den Flnaiizmmister Bonar Law, folgende Erklicung adzu- gcben: Ich diu sehr überrascht, zu erfahren, daß in England vieir Leute annedmen, es bestche die Möglichkeit, daß die englische Staats­schuld, siwr'hl in bezug auf Kapital wie aus den Zinssuß, annulliert werden soll. Ein derartiger Schritt wird von der englischen Regie­rung Nickt beabsichtigr und ich glaube entschicdm, daß sich n i e ni a l s eine britische Regierung finden wird, die einen derarligen Schritt unternehmen würde, der nicht nur unehrenhast wäre, sondern auch den nationalen Bankerott bedeuten würde.

Das unabk)ängsge Zinnland.

W. T.-B. Kopenhagen, 11. Dez (Drahtbericht.)Natio­nal Tibende" meldet, aus Haparanda: .Der Verband, der Schiffskapitäne in Helstngfors erörterte in einer Versamm­lung die Frage der n e n e n F l a g g e des unabhängigen Finnlands. Man einigte sich auf eine Flagge, die auf rotem Grund ein gelbes Kreuz mit ackck weißen Sternen im oberen linken Feld zeigt. Die russischen Briefmarken sind schon seit dem 16. November durch finnische ersetzt.

W. T.-B. Kopenhagen, 11. Dez. (Drahtbericht.)Ber lingske Tidende" meldet aus Stockholm: Die schwedische Presse tritt dafür ein, daß Schweden als erstes Land Finnland als unabhängigen Staat anerkennen müsse. Die zukünftige Lage des finnischen Volkes hänge davon ab, wie Schweden jich demgegenüber verhalten wecde.

Die Unabhängigkeit der Ukraine.

El. Rrtterdam, 11. Dez (Eig. Drahtbenckt. zb.) Nach Meldung derDailyNews" aus Petersburg erklärte T r o tz k h, Rußland sei bereit, der Ukraine die Freiheit zu gewllpren, wünscke at.er auck, alle Maßnabmen zu treffen, uin dem ukiaiuischen Sowjet gegen die bürgerlich!« Rada Unterstützung zu gewähren. Troyky ist in den Besitz von Dokumenten ge­langt, tie beweisen, daß Kaledin Anteil an der monar­chistischen Verschwörung Purischkewitschs hat. Diese teilte er ter lliada mit und bezeichnete es als Notwendigkeit für die Ukraine, unverzüglich gegen Kaledins Kosaken vorzugehen. ^

Keine Lostrennung Sibiriens und des Kaukasus.

W. T.-B. Petersburg, 10. Dez. (Meldung der Ptters- burger Telegraphen-Agentur.) Die von der Agence Havas und dem Reuterbureau, zum Teil auch von den Berichter­stattern der Press» der Alliierten gebrachten Meldungen von einer Lostrennung Sibiriens, des Kaukasus und der Krim sind vollkommen erlogen. Der Kaukasus befindet sich in der Macht des Hauptrates der Arbeiter- und Solöaten- abgeordneten, der die Absicht hat, eine koalierte Regierungs­gewalt aller sozialistischen Parteien zu schaffen. Das Arbei- terzentrum im Kaukasas, Baku, und die meisten dortigen Garnisonen sind auf seiten der Bolschewiki.

Von Kaledin.

W. T.-B. Kopenhagen, 11. Dez. (Drahtbericht.)Ber lingske Tidende" erfährt über Stockholm aus Petersbarg. daß Kaledin den Arbeiter- und Soldatenrat in Nowotscher- kask verhaftete. Die Regierung hat beschlossen, Truppen gegen ihn zu entsenden.

Der Friedenspreis für 1917.

W. T.-B. Ehrisliania, 10. Dez. (Meldung des Norsk Telcgram-Bhran.) Das norwegische Nobelkomitee hat dem Internationalen Komitee vom Noten Kreuz in Genf den Friedenspreis für 1017 zuerkannt.