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Das Glochenwunder.

5kizze von Outti Alfer». (Nachdruck verboten.)

ie hatten es fertig gebracht, den kleinen ost- preußischen Flecken drei Tage lang zu plün­dern, zu zerstören und nachts durch Flammen- orgien zu beleuchten. Und als nichts mehr übrig geblieben war, als die wenigen Däuser, in denen sie selbst sich eingerichtet hatten, und nur noch die halb zerschossene Kirche aus hohlen Augen über die einzige lange Trümmerzeile — ehemals eine schmucke Straße, — zur nahen russischen Grenze hinüberschaute, da begannen sie ihren Vernichtungsrausch aus die getreuen Beamten und Püter des Städtchens, welche dem Kosakenüberfall stand­gehalten hatten, zu übertragen.

Mit einer Ruhe, die nicht nur schwere seelische Be- täubuug, sondern auch unentwegten Mut und Stolz offen- ' barte, nahmen die also Gepeinigten am Abend des dritten Tages den Erlaß des russischen Befehlshabers entgegen, sich am nächsten Morgen vollzählig vor der Kirche ein- zufinden ... ....

Der Schein der ringsum lohenden Ortschaften webte riesenhafte, fremdartige Feuerblumen in das schwarze Gewand der Winternacht, die eine unsichtbare Geisterhand verschwinden und an anderen Stellen wieder aufblühen ließ, als der junge Seelsorger die Kanzel betrat und zu den in ihrem Gottesbaus versammelten Mitbewohnern zu sprechen begann. Denn da war nickt einer, der den weg zu dieser Zufluchtsstätte in seiner höchsten Not nicht unbewußt gegangen war, nicht einer, der die wachen Träume und Gebete seiner letzten Nacht nicht in diesen Raum hätte hintragen wollen . . .

Durch die halb zersplitterten oder geborstenen Kirchen- fenster fuhr leise stöhnend der wind, der mit angehaltenem Atem von Westen her über die Masurischen Seen gezogen kam, stiegen lange Rauchzungen von nahen Brandstätten, krachten kurze Schüsse, deren Echo mit dumpfem Schall zwischen die hier versammelten kollerte. Der Widerschein naher und entferntererFeuer belichtete hin- und wieder­zuckend die in einigen Tagen gefurchten oder geschärften, versonnenen oder veredelten Züge der um ihren Priester Gescharten ... ^ v ,

Und der Pfarrer sprach zu seiner Gemeinde, sprach, wie er noch nie zu ihnen gesprochen hatte, in der Gemein­samkeit dieser schauervollen Nacht. Er verbehlte keineswegs seine Bedenken über das seltsame Gebot des Russen- ankührers. Denn von den aus dem ganzen Grenzbezirk

f lüchtenden waren ibnen genug von Kosaken verübter chändlichkeiten zu Ohren gekommen, ehe ein ähnliches Schicksal sie erreichte: Vernichtung aller pabe und unter dem Vorwand, daß jemand aus russische Offiziere geschossen hätte, ein plötzlich ungesagtes und sofort ausgeführtes Kriegsgerickt.^was sollten sie, ein wehrlos gemachtes

päuflein Menschen, einer zehnfachen bewaffneten Über­macht gegenüber beginnen?

Aber ihre ausdauernde pflickttreue, ihr Mut, in dem so arg bedrohten peimatsorte bis zum Äußersten stand­gehalten zu haben, sie würden ein unvergängliches Blatt bleiben in der Geschichte der starken, der unbeugsamen deutschen Eiche. So wollten sie denn zusammen den letzten Gang tun, — den an anderer Stelle, ebenso bereit und stolz auf des Vaterlandes fleckenlosen Schild, alle anderen gingen, die Brüder da draußen in Reih und Glied, in Ost und in West. Patten nickt, — wie sie jetzt im Kriege, — selbst im Frieden Tausende, Abertausende ihr Leben freudig in die Schanze geschlagen für den stolzen Aufstieg des deutschen Adlers? Die Seefahrer, welche, ein Lied auf den Lippen, in ferne ungekannte Gefahren hinausziehen, die Bergleute im dunkeln Schlund einer unerforschten Erde, die Fabrikarbeiter, die mit gestrafftem Leibe Tag um Tag, von ratternden Maschinen umbraust, ihr ehernes Werk vollbringen, die Forscher, die Gelehrten und Erfinder . . . wenn ihnen aber, — sie hatten ja noch eine kurze Frist vor sich — vielleicht doch eine un­verhoffte Rettung in letzter Stunde werden könne, so sei es durch Ihn allein, der da droben die Geschicke lenke nach seinem Ermessen . . . Ihm gehöre der Rest dieser Nacht ...

Nicht ein Wort mehr ward laut, als sein letzter Satz verhallt war. Von Zeit zu Zeit zerplatzten draußen, wie Feuerwerkskörper, ein paar leuchtende Kugeln. Und mit naßkaltem Rauch vermengte Funken schwebten, von er­neuten Windstößen getragen, in das Gotteshaus Aber niemand der hier versammelten achtete darauf. Ihr Be­wußtsein war entschlafen oder hatte gänzlich aufgehört. In dieser seelischen Einsamkeit, „von aller Oual entladen", war jeder für sich ein Wesen auf einer nur von ihm selbst bewohnten Insel ...

Der wind war zum Sturm geworden und wehte ungestüm durch alle Öffnungen der beschädigten Kirche, als der Morgen schwer und traurig heraufzudämmern begann. Es war noch sehr früh und die übernächtigten Männer erschauerten wie im Fieber.

Dichter Nebel lag über dem mißhandelten Städtcken, als sie ihren letzten Rundgang durch den Ort, — über morgennasse Pfade, schmutzige Trümmerhaufen, an den zerstörten Resten ihres einstigen Besitzes vorüber, — an­traten. Ganz mechanisch, gedankenlos blieben sie hier bei einem verbogenen Ladenschild, dort bei einem abge­griffenen, aus blöden Augen stierenden Schaukelpferd stehen, blickten stumm darauf hernieder . . . schritten weiter . . . Eine Nähmaschine stand am Straßendamm, aufrecht, unversehrt, und ein unter die Nadel geklemmtes^ weißes Täuflingskleidchen flatterte gleich einer Friedens«

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