Verlag Langgaffe 21
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Freitag. 20. November 1917.
Die Uriegsziele der Grafen hertling.
Zur gleichen Stunde, de. .gestern Reichskanzler Graf Hertling im Reichstag sprach, traten in Paris die Abgesandten von 16 uns feindlick>en Ländern zur Konferenz der Alliierten zusammen. Aber die Herren konnten mit ihrer Arbeit nicht beginnen, geschweige denn Beschlüsse fassen. Sie mutzten abwarten, was in Berlin geschieht! Sie haben sicher mit Spannung dagesessen, krs die ersten Berichte aus Deutschland über Ncutralien anlangten Denn was im deutschen Reichstag zustande kam, ist nichts anderes als die neue Grundlage für die Kriegsziele Deutschlands, nichts anderes als die Grundlage. auf der voraussichtlich die ersten Verhandlungen . mit Rußland stattfinden werden. Und die Herren in Paris mögen »vollen oder nicht, sie müssen ihre Kviegszielpolitik der Berliner Kursnotierung angleichen, sonst gehen die Völker der Entente nicht mehr mit. Graf Hertling hat mit jener feinfühligen Vorsicht gearbeitet, die seine Staarskunsiwon jeher auszerchnete. Seine Rede zusammen mit den vorher festgelegten Erklärungen der Parteiführer ergeben ein so einheitliches Bild, daß die feindliche Dwlomatie vergeblich daran rütteln wird. Es ist das Bild einer neuen Stimmung, die zweifellos in einem gewissen Geaen- satz zu jener Stimmung tritt, ans der heraus die Reichste, gsentschließung vom 19. Juli 1917 geboren war. Die Stimmung ist die Folge einer veränderten Sach« läge, über die man ja wohl kein Wort mehr zu verlieren braucht. Graf Hertlings Krieqszielpolitik ist anscheinend auf den Gedanken aufgebaut, die vor einiger Zeit im Kronrat in Potsdam geboren wurden. Über diesen Kronrat wurde manches Falsche und Schiese m die Öffentlichkeit getragen. Sicher ist.xdaß man dort als das Abc der Sprache mit Rußland die S c l b st ä n b r g- k e i r und Un a b h ä n g ' g k e i t Po l e n s, »Li t a u e n t und Kurlands festlegte. Das soll der Schlüssel der Verständigung werden. Er wurde vereinbart nicht nur rnit Wien, vertreten durch die Per>on des Grafen Ezernin, sondern auch mit den deutschen Bundesregierungen, was z. ist. durch die vorg"strig--n Erklärungen des Staatsministers Grafen Vitzthum im Dresdener Landtag erbärtet wurde. Graf Vitzthum hat «ähnlich wie Graf Ezernin in seiner großen Rede vom 2. Oktober dieses Jahres) sozusagen das erlösende Wort dadurch gesprochen, daß er ausführte. die Reichstagsreso- l u t i o n vom 19 Juli sei der Ausdruck der Politik gewesen, die durch die V e r h ä l t n i s s e i m Juli dieses Jahres gerechtfertigt war. Sie könne kein Hindernis bilden, heute auf Grrind der jetzigen Kriegslage bestimmte neue Krieqsziele aurzustellen. Das ist kern „Verrat" an der Kriegszielpolitik, wie sie in der Antwort der deutschen Regierung aus die Papstnole zum Ausdruck kam, es ist auch nicht etwa eine Verbeugung vor der Vaterlandspartei, sondern es ist dasselbe, was schon Herr v. Bethmann Hollweg und dann Grat Ezernin mehrmals aussprack>en- Wenn der Feind den Krieg verlängert, ändert sich die.K r i e g s- karte und damit unser K r i e g s z i e l. Aber auch sür die, die gern am Wortlaut kleben, sei zur Beruhigung gesagt: Was Graf Hertling und die Reichstagsmehrheit jetzt will, ist immer noch ein ..Verständigungsfriede". Die Resolution vom 19. Juli hat lediglich „erzwun- g e n e Gebietserwerbungen" als hinderlich > für einen Frieden der Verständigung erklärt. Was Deutschland und Österreich-Ungarn mit einer künftigen russischen Negierung an Länderabgrenzung vereinbaren werden ist nickt erzwungen, sondern beiderseits gewollt Und die Verselbständigung der Gebietsteile im Osten, die nie moskowitisch, sondern fremdvölkisch waren, ist keine Annexion von seiten der Mittel- wrächtc. Die Wiener Regierung ist den: Frieden mit Rußland gewiß näher als irgend eine andere Stelle, aber auch sie hat sich nach den Worten des Grafen Ezernin bei Fortsetzung des Krieges freie Hand Vorbehalten. Dasselbe beansprucht mich die deutsche Negierung. Wie sich Graf Hertling in der inneren Politik freie Hand zu wahren nerstanden hat, so soll es auch noch a u ß e n hin gelten- Er ist durch die Reichstags- rewlntion vom,19 Juli n i ch t g e f e s s e l t. Er kann, wenn die glückliche Stunde kommt, um den Frieden im Osten zu schließen, das Interesse Deutschlands mit jener Energie vertreten, die den nnveraleichlichen Eifolgen unsrer Heere und den furchtbaren Opftrn an Gut und Blut entspracht. Und keine zu Papier gewordene überbol'e Stimmung und keine Wortdeutelei wird ihn heprmen können Das gilt sür jetzt und d»n Osten. Es wird aber auch für den Westen gelten wenn dort die Stunde schlägt. Die Herren in Paris werden tq alles versuchen, um Deutschland als einen Perhandlunasgeaner hinzustellen auf den man sich nicht verlassen könne. hml er 'eine Kriegsziele beständig ändere. Aber gemach, er tut es nur, solange die Feinde nicht vom Knege abstehen. Strecken sie einmal selber ehrlich «* «and aus, so stehen die deutschen Kriegsziele
klbend-Kusgabe.
fest. Darauf können sich die jetzt etwas ratlosen Koche der Pariser Alliiertenkmferenz verlassen.
Hauptausschuh des Reichstags.
Erklärung des Staatssekretärs v. Kühlmann.
I-- Berlin, 30. Nov. (Eig, Drahtbericht. zb.) Der Hcrupt- ausschuß dos ReichÄvgs trat honte vormittag zusammen. Abgeordnete» Staatssekretäre und Leiter der Reichs amte r sowie andere Regterungsvertreter waron :n so großer Aast! anwesend, daß der BevatungSsaa! überfüllt war. Reichskanzler Graf Hertling war nicht erschienen. Die Verhandlungen begannen mit einer zum Teil ve,^ traul'chen Rede des Staatssekretärs des Auswärtigen Amt? v. Kühlmann, aus der folgendes mitgeteilt werden kann: An einer Konferenz von Finanzmännern in der Schweiz, falls sie überhaupt stattgefunden, haben deutsche Ftnamz- ioute nicht ieilgenoniwen. Der von dem russischen Volkskommissar Trotzkh veröffentlichte geheime Bericht der russischen Gesandtschaft in Bern darüber beruht auf Klatsch und mangelhafter Information.
Der Staatssekretär fuhr darauf fort: Unsere Blicke sind in diesem Zeitpunkt sebr gespannt nach Osten gerichtet.
Rußland, das die K r i e g s f a ck e l in die Welt geschleudert hat, hat die Schuldigen weggefegt und ringt nun in schweren Wehen darnach, durch Waffenstillstand und Frieden Raum für seinen inneren Wiederaufbau zu gewinnen.
Wir werden auch in dieser Frage uns von den Grundsätzen einer festen und gemäßigten Staatskunf: nicht entfer- iren. Die bisher von den heutigen Machthabern in Petersburg mitgeteilten Grundsätze erscheinen geeignet zur Unterlage für eine Neugestaltung der Dinge rm Osten, die dem Selbstbestimmungsrecht der Völker vcllc Rechnung zu..tragen und die wesentlichen, und dauernden Interessen 'den beiden großen Nachbarreiche Rußland und Deutschland zu sichern geeignot ist. Daß wir diese? Ziel verfolgen können, im engsten Einvernehmen mit unseren Verbündeten, und wie mir scheinen will» muh der moralischen Unterstützung der überwiegenden Mehrheit der hier versammelten Vertreter des deutschen Volkes, gereicht wir zur 'besonderen Genugtuung, das wird unser Auftreten nach außen hin arich einige Wucht verleihen.
Über die militärische Lage haben wir gestern vom Reichskanzler eingehende Darlegungen empfingen. Zch möchte mich deshalb auf wenige Morte über den Feldzug in Italien beschränken, der noch im vollen Gange ist und dessen politische Auswirkung, obwohl natürlich noch nicht voll zu übersehen, in einigen Punkten so klar erkennbar hervorgetreten ist. Mit keinem Lande Europas hat die geistige Welt Deutschlands so enge Beziehungen vor diesem Kriege unterhalten, wie mit Italien. Der neu geeinte Staat war im Schutze des mächtigen Dreibundes zu Ansehen, Macht und Reichtum gediehen. Natürlich sind wir über den Trenbruch empört. Wir versagen aber dem irregeleiteten italienischen Volk nicht unser Mitgefühl. Die Wirkungen der Niederlage Italiens sind auch in England und Frankreich zu spüren, wo wir eine Errtwicklung zu einem immer autc- kratischmen Regime sehen. Der Redner geißelt die vielfachen unsinnigen Auffassungen über die deutschen Zustände und die deutschen Absichten im feindlichen Ausland. Man stellte es dort so dar, als habe Deutschland im Geheimen un- erböite Eroberungspläne, rede aber von Friedensnvigung, um die Ententemächte erst einmal an den Verhandlungstisch zu bringen. Dabei könnten die Gegner >rus Hunderten von Omllen erfahren, was Deutschland wirklich wolle. Denn es sei doch ganz absurd, anzunehmen, es könne eine große Konferenz eingeleitet werden, ohne daß vorher Sondierungen über Absichten und Ziele der einzelnen Verhandelnden stottgefvnden hätten. Heute steht fest daß die päpstliche Note von den West Mächten nicht beantwortet werden wird. Sie bleiben bei dem Appell an die Gewalt, damit müsse Deutschland rechnen. _ (Fortsetzung folgt)
Nur im westen lebhafte Rampstätigkeit
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 30. Nov. (Amtlich)
Westlicher Kriegsschauplatz,
. Heeresgruppe Kronprinz Nupprecht.
In Flandern entspannen sich am Nachmittag vom Houthoulster Wald bis Zandvoorde lebhafte Artillerirkämpfe, die namentlich beiderseits von Poelkapelle und nördlich von Ghrluvelt mit großer Heftigkeit geführt wurden. Einige Sturmabteilungen stießen nahe an der Küste und in einzelnen Abschnitten de» Kampffeldes i n die feindlichen Linien v»r und brachten zahlreiche Franzosen und Engländer ein.
Bei Armcntieres, Lens und südöstlich von Arras gesteigerte Feuertätigkrit.
Auf dem Schlachtfeld bei C a m b r a i griff der Engländer am frühen Morgen nach heftiger Feuerwirkung unsere Stellungen westlich von Bourlon an; unter schweren Verlusten wurde er zurückgcschlagen. Am Nachmittag nahm der Feuerkampf zwischen Jnchy und Fontaine wieder br» trachtliche Stärke an,
Nr. 610. . 65. Jahrgang.
In der Gegend von St. Quentin war die Artillerie- tätigkcit lebhafter als an den Vortagen.
Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.
Eine eigene Sturmtruppsunternehmung nördlich von B r a h e hatte volle» Erfolg und brachte Gefangene eia. Auf beiden Maasufern lebte das Feuer zeitweilig auf.
Heeresgruppe Herzog Albrecht.
An vielen Stellen, namentlich im Sundgau, rege Tätigkeit der Franzosen.
Seit 24. November verloren unsere Gegner im Lnftkamvf und durch Abschuß von der Erde 3VFlugzeuge und zstei Feffelballone.
Leutnant B ü ck l e r errang seinen 30., Leutnant B o n g a r tz seinen 25., Leutnant Böhme seinen 24. und Leutnant Klein seinen 21. Luftsteg.
Im
Osten, Mazedonien und Italien
keine größeren Kampfhandlungen.
Der Erste Generalquartirrmeister: Ludendorst
Der Zriedenrschimmer aur dem Esten.
Die energische Losmachung Rußlands von feinen Verbündeten.
Sr. Rotterdam, 30. Nov. (Eig. Drahtbericht, zb.) „Daily Chronicle" meldet: Die neue ruffische Regierung hat die Verträge mit den Alliierten auf Munitionslieferungen für die russisch? Armee mit sofortiger Wirksamkeit gekündigt und die Regelung der finanziellen Verpflichtungen Rußlands de: kommenden Friedenskonferenz Vorbehalten.
Festigkeit gegen die alliierten Botschafter.
Nr. Amsterdam, 30. Nov. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die „Morning Post" meldet ins Petersburg: Die Negierung hat den Ententebotschaftern die Reise in daS Hauptquartier verweigert. Die Eisenbahn von Petersburg nach dem Hauptauartier ist von dem maximalisti- (chen Pionierbataillon besetzt worden. Die Regierung hat ferner den gesamten B-nefpostverk-chr der Botschafter am Montag einer militärischen Bewachung unterstellt, wogegen die Botschafter vergeblich protestiert haben.
Bolfchervikstsche Vertreter bet den Entente» regierungen!
W. T.-B. Kopenhagen, 30. Nov. (Drahtbericht.) „Socialdemokraton" meldet über Stockholm aus Petersburg: Die russische Regierung beschloß» neu« .Botschafter in London, Paris und Rom zu ernennen. Für diese Posten find Anhänger der Bolschewiki. Part ei ausersehen, Sämtliche. Ententedipilomaten prote st irrte n gegen die VerüffenÄrchung der Geheimdokumente und beschlossen» wich Stockholm abzureisen und ihre Dertvetun- gen besonderen Bevollmächtigten zu übertragen. Der Chef der Osise? ftotte Admiral Wedesehkh wunde durch Ko dien ersetzt.
Oie vrohung mit dem Staalrbanllerott!
Br. Amsterdam, 29. Nov. Reuters besonderer Dienst melldet: In einem Gespräch mit Abgeordneten des 49. Armeekorps sagte L e n • n : „Wenn die Proletarier anderer Länder uns nicht unterstützen» wird unsere Revolution nicht zurecht kommen. Falls die Alliierten nicht mit unS einig gehen» haben wir kräftige Mittel, sie zum Gehorsam zu zwingen. Wir können nämlich den Staat für bankrott erklären» wodurch alle Anleihen und ftemden Verpflichtungen wertlos werden. Der Rat vcn Kommissaren (das Ministerium) Hot Maßnahmen getroffen, die Demokratie der anderen Länder durch Vermittlung unserer Agenten von unseren Plänen zu unterrichten. Im jetzigen Augenblick können wir nur mit der grötzmbglichsien Energie weitergehen, in der Hoffnung, daß wir etwas erreichen "
Die Abreise der Entente-Diplomaten bevorstehend?
Br- Amsterdam, 29. Nov. Wie aus London gemeldet wird, rechnet die englische Regierung damit» daß die Endente- diplomaten Rußland nächster Tage verlassen werden. In London wird ein diplomatisches Komitee zur Bekämpfung der jetzigen russischen Regierung gegründet. Die Entente läßt keinen Russen mehr auS England nach Rußland abreisen. Die englische Regierung interniert ross:iche Zivilisten und Soldaten, die England verlassen wollen. Frankreich hat 1400 russische Soldaten interniert.
Die Engländer reisen schon ab!
Br. Schweizer Grenze, 30. Nov. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die „Times" meldet aus Petersburg: Bis zum Sonntag haben 13 000 Engländer das russische Staatsgebiet verlassen. Er si:id nur noch etwa 2000 englische Staatsangehörige in wichtigen Stellungen auf russischem Gebiet zurückgeblieben.
Ter Moskauer Staatsschatz in den Händen der ^ Bolschewiki.
— Stockholm, 30. Nov. In Haparanda traf die Ätachricht ein, daß dio Bolschewiki in der Moskauer Zweigstelle der Staatsbank den Goldbestand von 680 Millionen istuhgl h» schlogna^mlt und den Direktor verhaftet häHer^
