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flllultrierte

Binder »Zeitung

des

Wiesbadener Tagblatts.

«r. n.

IS. Jahrgang.

1917 .

(Alle Rechte für sämtliche Artikel und Illustrationen Vorbehalten.)

Der Landkarten-Muckl.

von $. öchrönghamer-Heimdal.

ssie groß ist die Welt? — Tausend Tagwerk im Geviert. — Jn der 21 litte steht ein Baus, das Lachzauner-Lehen, daneben eine tsolz- sclstipfe, ein Backofen und eine Immenhütte, umhegt von e nem K anze blähender Kirschbäume; weiter hinaus sind Felder, wiesen, weiden, und rund herum läuft ein blauer wärderbogen. Darüber wölbt sich wie eine blaue Glasglocke der Helle Beimathimmel.

5c groß ist die Welt —• des Bachzauner-Muckl. Und er selbst ist ihr Mittelpunkt.

Der Bachzauner-Muckl ist sieben Jahre alt und glaubt baumfest, daß hinter dem Wä.derwall nichts mehr ist als eine große Leere, die Schauer des ewigen Nichts: weil ja dort die Welt mit Brettern zugenagelt ist, wie es sich für eine richtige Markscheide gehört. Er glaubt das so lange, bis er eines Tages an der Hand seines älteren B uders den großen wa.d ganz durchquert, wie er schon meint, jetzt muß die große Bretterwand fommcn, tut sich der Wald auf und zeigt im Grunde Dorf und Turm, Wiesen und Fe.der und ein Bächlein schlängelt sich durch die Matten, das nämliche wie daheim.

Der Muckl hätte sich nicht gewundert, wenn er sich die Nase an die Bretterwand gestoßen hätte, die in seinem Meinen als festgefügte weltscheide hinter den Wäldern stehen mußte, wie er aber sehen muß, daß diese seine Meinung ein Truggcbilde war, und daß es noch andere Häuser, Felder und Bäume gab als die des Bachzauner- Lehens, da möchte er vor Schmerz und Enttäuschung am liebsten hinausschreien.

Dazu schämt er sich aber doch vor seinem großen Bruder und auch deshalb, weil er ja heute zum erstenmal in die Schule muß. Für Schulbuben aber schickt sich das weinen nicht, das weiß der kleine Muckl wohl.

Also schluckt er die Lnttäufchung tapfer hinunter und tröstet sich damit, daß die Bretterwand vielleicht hinter dem anderen Walde steht, der die Geniarkung des Kirch­dorfes umsäumt.

Denn daß die Bretterwand irgendwo vorhanden sein muß, ist ihm unumstößliche Gewißheit.

Diese Gewißheit erfährt aber bald eine neue Er- schütterung. In der Schule haben sie nämlich eine Land­karte, da sind viele große und kleine Punkte drauf. Der Lehrer und alle Schüler sagen, diese Punkte sind Städte und Dörfer. Und kein Mensch sagt etwas von der Bretter­wand. Drum glaubt ihnen der Uluckl auch Paris und Lissabon, Madrid und Moskau niclst. was gehen ihn diese Punkte an? Da ist ihm seine Bretterwand schon tausend­mal lieber. Sollen nur die anderen an Paris und Lissabon glauben, der Muckl hat seine Bretterwand, und die ge­nügt ihm.

Der Lehrer hat es bald heraus, daß der Bachzaunec- Muckl in der Landkartenkunde seine eigenen Wege geht. Lr gibt sich redlich Mühe, ihm das Nötige beizubringen, zeigt ihm die Punkte auf der Karte und fragt ihn, auf Paris reisend:

„Also Muckl, was ist zetzt das?"

„Das ist ein patzen," sagt der Muckl.

Petersburg und Kopenhagen, Lissabon und Konstanti­nopel, alles ist dem Uluckl ein „patzen".

Er glaubt einfach an keine Städte, sondern an seine Bretterwand.

weil nun die Landkarte dem Muckl seine schwache Seite ist, heißen sie ihn nicht mehr den Bachzauner-, sondern einfach den Landkarten-Uluckl. Aber dieser läßt sich den Spott ruhig gefallen, wie alle großen Geister, die für ihre Überzeugung leiden. Lr hat ja seine Bretterwand, für die lebt und stirbt er. Und eines Tages wird es sich wohl weisen, wer recht hat, die Landkarte oder der Bachzauner-Muckl.

Noch einmal macht der Lehrer den versuch, dem verstockten das Weltgebilde zu erklären. Er hat sich zu diesem Zwecke eigens einen Erdglobus kommen lassen und zeigt nun dem Uluckl, wie es auf Erden liegt und steht: Länder und Meere, Städte und Ströme, Gebirge und Wüsteneien.

Aber der Muckl bleibt bei seiner Uleinung und kriegt die Lacher diesmal auf seine Seite, als er die Weltkugel fiir eine Saublase erklärt, auf der sich weder Menschen noch Städte halten könnten, weil sie ja alle an der Rundung Herunterrutschen müßten. Der Muckl aber hat es lieber mit seiner Bodenständigkeit und hält die Bretter­wand nach wie vor für die einz g mög iche Weltanschauung.

Lin Dutzend Iährlein später erleidet aber die Bretter­wand noch einmal einen Stoß, und diesmal einen ganz gehörigen.

Der Landkarten-Muckl muß nämlich zu den Soldaten einrücken, weit fort in eine Stadt. Diese Stadt hat er in der Scbule auf der Landkarte schon als „patzen" kennen gelernt und nicht daran geglaubt. Und jetzt hat es doch seine Richtigkeit damit! Sollte am Ende doch der Lehrer recht gehabt haben?

Nach langem Zweifeln rettet sich der Uluckl doch wieder zu seinem Bretterzaun Airück; nur muß cr ihn wieder um ein Trumm weiter hinausschieben, denn die Welt braucht doch eine richtige Ummarkung.

Und eine Kugel kann sie nicht sein, sonst wären sie ja schon alle an den Seiten hinuntergeruscht ins Nichts, in die ewige Leere.

Gottlob, daß der Muckl feine Bretterwand wieder hat, sonst würde rer gewiß noch zum Narren.