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„TagtlatihauS" Nr. 6650-53.
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Für die Aufnahme von Anzeigen an oorge ichrrebenen
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Mittwoch, 24. Oktober 1917.
Niorgen-Rusgabe.
Nr. 542. * 65. Jahrgang.
Die fortgesetzte Aanzlerlrise.
# Berlin, 22. Oktober.
Am heutigen Montag begannen interfraktionelle Besprechungen der Reichstag?parteieu, und zwar sind die Führer der Mehrheit mit den Nationalliberalen zusammengetreten, um gemeinsam die schwebenden Fragen zu erörtern, wie der schöne, aber zugeknöpfte Ausdruck lautet. Um was handelt es sich? Natürlich in erster Linie um die Kanzlerkrise, Denn diese ist durch die kurländische Reise des Herrn Dr. Michaelis nur aufge- schoben, nicht aufgehoben worden. Ein großes Rätselraten hat angehoben, was nun werden soll, und wie in solchen Fällen die übliche, aber,keineswegs gute Gewohnheit ist, werden alle möglichen Namen genannt, die alc- Kandidaten einer neuen Kanzlerschaft in Betracht kommen könnten. Um den Staatssekretär Grafen von R o e d e r n hat ein kleine? Federkrieg eingesetzt, und wer wissen will, warum dieser Staatsmann Me und nimmer ein siebenter Kanzler werden wird, mag es in der „Augsburger Postzeitung" deni führenden Organ der bayerischen Zentrumspartei. Nachlesen. Es wird das mit tödlichem Pfeil gegen den jetzigen Kanzler gesagt, das deutsche Volk könne nicht noch einmal einen Mann als Lenker seiner Geschichte brauchen, der sich erst an der Hand seines Akten kästen S in die „Materie" ein- arbeiten und nach einem in seiner Naivität rührenden Programm Faszikel für Faszikel die Probleme internationaler Natur studieren wolle, mit denen die leitenden Staatsmänner unserer Feinde seit Jahrzehnten vertrant seien. Um den Schatzsekretär als .Kanzlerkandidaten vollständig unmöglich zu machen, wird sodann behauptet. Gras v. Roevern habe bereits in den allerersten Tagen der gegenwärtigen .Krise durch einen seiner /Vertrauten bei Reichstagsmitgliedern sondieren lassen, wie man sich in den Parteien zu seiner Ernennung stellen würde, und die Antwort habe „mit vollem Recht" nicht ermutigend geklungen,- Wir wissen nicht, wen man da gefragt haben will. Tatsache aber ist, daß Gras Roedern durchaus nicht von allen Parteien abgelehnt wird. Im Zentrum wird nur eben für einen anderen Kandidaten stark geworben — der Abgeordnete Trimborn setzt sich für ihn ein —, während die konservativen Kreise alle bisherigen Vorschläge, B ü l o w. Kühl mann, Bernstorff, energisch zurllckweisen, also anscheinend einen ganz besonders „starken" Mann auf der Pfanne haben. Wir machen dieses Jonglieren mit Namen absichtlich nicht mit. Denn es führt nur zu Gerüchten und Geschichten und allerhand törichter Zwischenträgerei. Hat man doch zu dem Besuch von P a y e r s bei Dr. Michaelis kurz vor dessen Abreise nach Mitau eine Kanzleckandidatur auch dieses fortichritt- lichen Abgeordneten gemacht. In Wahrheit hat der Ab- geordnete v. Payer, dies siebt durch eine parteivsfiziöse Bemerkung fest, dem Kanzler „unzweideutig seine Steilung zu wichtigen Vorkommnissen der letzten Zeit rundgetan", soll heißen, die Kanzlerkrise als rüc seine Partei weiterbestehend erklärt. Ebenso hat auch bereits der Zentrumsabgeordnete Trimborn mit dem Reichskanzler Rücksprache genomincn und ihn über die Auffassung, die im Zentrum über die volitisch? Lage und die aus ihr zu ziehenden Kouseg uenzen herrscht, nicht im Zweifel gelassen. Endlich werden auch die Nationalliberaten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berge halten. Sie wollten sich zunächst irur nicht an einem gemeinsamen Schritt beteiligen, der wie ein Ultimatum ausgesehen hätte. Man wollte vor allenr nicht nur die Anwesenheit des Kanzlers selbst, sondern auch die Rückkehr des Kaisers von seinem Besuch Sofias und Konstantinopels abwarten. Und diese Haltung erscheint sehr verständlich. Eine gewisse Verschärfung der Lage ist unterdessen allerdings eingetreten, nämlich infolge der verschleppten preußischen WaI) lreform. Noch im September bei seinem Aufenthalt in Stnttgart hatte Exzellenz Michaelis die Einbringungen „zu Beginn der nächsten Tagung des preußischen Landtages" ver- sprocljen. Der Landtag begann nnd die Vorlage kani nicht. Andeutungsweise werden „verschiedene Abänderungen" genannt, die das Staatsministerium an den vier vorhandenen Gesebentwürstn vorzunehmcn beschlossen habe, so daß das preußische Abgeordneten- haus die verheißene Wahfteform auch bei seiner nächsten Sitzung am 6. November nicht oorfinden dürfte. Der fortschrittliche Abgeordnete Wiemer nannte am Freitag in einer politischen Versammlung, diesen Aufschub „sehr verdächtig". Am selben Tage beschloß der wertere Vorstand der konservativen Partei eine energische Absage gegen das gleiche Wahlrecht in Preußen. Man uruß sich also auf einen heftigen Zus.immenvrall der Meinungen und stuf neue innerpolitische Kümpfe gefaßt machen. Glaubt Herr Dr. Michaelis angesichts dieses hecaufdrohenden Sturnies wirklich „dm Führung in der Hand zu behalten"?
Der deutsche Rbendberichl.
W. T.-B. Berlin, 23. Olt., abends. (Amtlich. Drahtbericht.) Am £ ui'tliuulffer Wald wurde der Feind völlig aus dem qebern gewonnene» Gelände zurückgeworfen. Nordusilick, von S o i s s o n s wird erbittert an den Nordhängen dec Chemin des D a m e s beiderseits der Straße nach Laon gekämpft. Die Franzosen drangen bis Cha- v i g n o n kor. Südlich von Falains scheiterten starke Angriffe.
Im Osten nichts von Bedeutung.
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Deutsche Fliegerangri'ft aus Beifort.
Br. Karlsruhe, 23. Okt. (Eig. Drahtbcricht. zb.) Baseler Blätter berichten: Die französischen Zeitungen melden, daß die Festung Bestort vorgestern von deutschen Flugzeugen niir Bomben belegt wurde. Tretz der Abwehr konnten die Flieger den ganzen Festungs- bereich bestrcueit. Uber den Sachschaden darf selbstversiänolich nichts bekannt gegeben werden, doch läßt sich aus den Zensur.ücken entnehmen, daß dieser Schaden beträchtlich war.
vre Flucht der russischen Zlotte.
8. Stockholm, 23. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der hiesige Korrespondent der „Chicago-Tribnne" sandte heute nach aus Rußland erhaltenen zuverlässigen Nachrichten seiner Zeitung ein Telegramm tolgenden Inhalts: Ta die russische Flotte bedroht war, im finnischen Meerbusen eingeschlossen zu werden, soll sie Beseht erhalten haben, sich nach dem Bottnischen Meerbusen zu begeben, und zwar, wie näher bestimmt wurde, nach Vasa. Wahrscheinlich befindet sich die russische Flotte bereits auf dem Wege dorthin, um sich einer weiteren Verfolgung zu entziehen. Die Russen beschlossen, sich nach der s ch w c d i s ch e n S e i t e des Bottnischen Meerbusens zu begeben, um sich bis zum Kriegsende internieren zu lassen. Da aber die schwedischen Regierungskrcisc wenig Neigung hätten, weitere 30 000 Russen zu ernähren, sei beabsichtigt, sobald die russische Flotte sich in die schwedischen Gewässer begäbe, die Mannschaften zurückzusenden und die Schisse zu internieren. .Eine Bestätigung bleibt ab- zuwarten.)
Deutsche U-Boote im Finnischerr Meerbusen.
3. Stockholm, 23. Okr. (Eig. Drabtbericht. zb.) Nach einer Mitteilung der Petersbiirger Tclegrapben-Agentnr wurden im Finnischen Meerbusen deutsche Unterseeboote gesehen.
Auflösungsprozeß unter den Truppen in Estland und Livland
Br. Stockholm, 23. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der Stockholmer Vertrauensmann der „Boss. Ztz." berichtet von erncni äußerst ernsten Auflösungsprozeß innerhalb dec zwischeir Estland und Nordlivlaitd gelegenetr russischen Truppen. Die in Baltisch-Port nnd Reval lieg erden Besatzungen hatten in der Nacht auf Mittwoch aus vorerst noch unbekannten Gründen ihre Offiziere verhaftet irnd verließen mit ihren Häftlingen eigenmächtig die Insel und landeten in Reval, wo in der Morgendämmerung des Mittwoch eine gemeinsame Sitzung der Soldatenorganisation stattfand. Es wurde die Frage eines Soldaten st reikS diskutiert. Zu einer bestimmten Strrnde sollten die Soldaten innerhalb des Frontdreiecks Siwa-Reval und Waltetistein sowie längs der Linie Reval-Wesenberg-Narva ihre Stellungen verlassen nnd sich mit ibren Waffen zunächst in der Richtung auf Pskow znrückziehen. Als Gründe für dieses Verlassen der Stellungen wurden vorgebracht sowohl politische als militärische Erwähnungen: Unwillen gegen das
Bourgeois-Ministerium, die Auflösung der Frontorgani- sationen durch Kerenski, die ungenügende Ausrüstung, die zunehmende Lekensnatttelnot an der Front. Die Besatzung der Insel Nargen, die gleichfalls eigenmächtig sich entfernt hatte, ist T onnersto gnachmi ttag in ihren Standort unter Führung von neuen Offizieren zurückgekehrt. Dagegen ist ans dem Peipussee innerhalb der Dampfer- und Mutertlottille, die ans der Westhülste des PeipusserS, zwischen Kennal nnd der Flußmündung des Wclikaza nordwestlich von Pskow kreuzt und unter anderem ans dem Wasserwege Munition und Verpflegung narb den Bahnlinien Pedepe- Dorkart-Walk zu vermitteln hatte, ein Streik ausgebrochen
Abermaliger Aufenthaltswechsel der Zarenfamilie.
W. T.-B. Kovenhageu, 23. Okt. (Drahtbericht.) Einem Petersburger Telegramm znwlge schlug der Regiecungskom- missar. der nach Tobolsk entsandt wurde, vor. das Hauptquartier der Zarenfamilie nach einem neuen, mehr abseits gelegenen Orte zu verlegen, da sie auch in dem Kloster, wohin sie kürzlich übersiedelte, nicht in Ruhe leben könne. ■ Eine große Menschenmenge belagere ununterbrochen das Klcstcr, singe rrnd verrichte kniefällig Gebete. Die Überführung des Zaren sei auch dadurch geboten, da die Soldaten, die den Zaren bewachen, durchaus unzuverlässig seien.
Gespannt» Lage an der Tiroler §r«nt.
Br. Berlin, 23. Okt. (Eig. Drabtbericht. zb.) Der militärische Mitarbeiter d-e „B. Z." schreibt: Besonders lebhafte Gefechtstätigkeit hat sich an der ttrlie.rischea Gren.ze sowie ati der Snttiroler und an der Kärntner Front entwickelt. Die Initiative wie örtliche Vorstöße lagen hauptsächlich auf seiten der k. k. Truppen. Auch die Angaben der Kriegsberichterstatter weisen ans die große Bedeutung der Kämpfe hin. So wrrd geschrieben, daß ein erfolgreicher V o r - st e h der k. k. Truppen nordwestlich A r s i e r o gegen die italienischen Stellungen'am Monte Maja nur ein An
fang sein dürste, und daß die ganze Tiroler Front bis wert nach hinten in der Zivilbevölkerung mit atemloser Spannung der Weiterentwicklung der Dinge entgcgen- sieht. Auch der Besuch Kaiser Karls an der Tiroler Front wird damit in Verbindung gebracht. Ebenso westen aäsläntische Blätter aus starke italienische Truppen- zusammenziehungen hin. ,Alles das find Anzeichen der gell oltigen Spannung, die zu einer baldigen Entladung not- wendigcrwei.se führen müssen.
* i
Gesterreichisch-ungarischer Tagesbericht.
W. T.-B. Wien, 23. Okt. (Drahtbericht.) Amtlich verlautet vom 23. Oktober, mittags: ,
Östlicher Kriegsschauplatz.
An den Hängen des Monte San Gabriele scheiterten zwei schwächere feindliche Angriffe im Handgranatenkampf.
Von den übrigen Kriegsschauplätzen sind kerne größeren Kampfhandlungen zu melden.
Der Ehef des Generalstabes.
Feindliche Schiffsverluste.
XV. T.-F. Rotterdam, 23. Okt. Maasbr.de." rneldet: Die amerikanische Bark „Alice Knowles" wird als vesiloren betrachtet. Das Schiri .Hirondelle" ans St. Brienx (325 Br - R.-T.) ist auf Klippen gelaufen und gefunken. Der Schoner „James Rokbwell" (498stSr.-R.-T.) fit gestrandet und verinnt- !ich wrack. Das japanische Schiff „Kolbe Maru" ist an der Kulte van Sacharin gesunken. „San Blas" ans Panama ist gesunken. Der englische Schoner „Elizabeth Prite» hard" (126 Br.-R.-T.) wurde im sinkenden Zustand verlassen. DaS Scbifi „Gloleh" (278 Br.-R.-T) fit gefunken. Das amerikanische Schiff „Qninanlt" (682 Br.-R.-T.) ist gestrandet und vermutlich völlig 'verloren. Der Schoner „Sparte!" (136 Br.-R.-T.) ist wrack geworden. Das Schiff „Rodcsia" ist gestrandet. Der Schoner „Ella A. Call" fit gesunken. Das englische Schiff „Jdomeneus" (6692 Br.- R.-T.) wurde aur der Fgbnt tum New Dort nach Lwenpoll im September nach Torpedierung mit schwerer Beschädigung auf Strand gesetzt.
Oie französische Kabinettskrisis.
Br. Genf, 23. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die Rücksicht auf Ri bot verhinderte Poincare, in die Krise einzugreifen. Es bleibt jetzt Painleve überlassen, für Ersatz der durch die Parteidisziplin zuni Ausscheiden genötigten Minister entweder fofoct oder nach der Pariser Konferenz zu sorgen. Die Sozialisten Thomas and Comvere- Morel gelten immer noch als mögllthe Minister. R'bot soll nach dex Pariser Konferenz Staatsminfiter ohne Portefeuille werden, weil Poincrrs Ribats Stimme im Ministeccrt nicht entbehren könne.
Das Vorgehen gegen die Minister König Konstantins.
W. T.-B. London, 22. Okt. Das Reutersche Bureau meldet ans Athen vom 20. Oktober: Nach einer 14stündigen Rede Rhallis fort die griechische Kammer die Verfolgung der Mitglieder des Kabinetts Skuludis mit Einschluß von Gunaris beschlossen.
W. T.-B. Athen, 23. Okt. (Meldung der Agence Havas.) Der parbamentarische Bericht spricht sich für die Schuld der Mitglieder des Kabinetts Lambras aus, die die Macht an sich gerissen hätten ohne den Auftrag des Volkes, die femer an der Verschwörung des Königs und der Dynastie gegen das demokratische Regime teilgenommen, Unruhen her- vorgernken und den Bürgerkrieg yerausbeschworen hätten. Schließlich sind sie angeklagt, daß sie eine franzosischc Patrouille ermorden ließen. Der Bericht schließt mit der Verweisung der Beschuldigten vor den obersten Gerichtshof.
W. T.-B. Athen, 23. Okt. (Meldung der Agence Havas.) Die Abstimmung der Kammer über die Verweisung der Mitglieder des Kabinetts Lambros vor den obersten Gerichtshof erfolgte für jeden dec Angeschnldigten besonders. Die Anklage wird erhoben gegen RhallyS, Skuludis, Dra- gnmis, Gunaris, General Ueaakrtze, Mihrli-akiS und HatzakoS.
Oie neue Rede Lloyd Georges.
W. T.-B. London, 23. Okt. (Drahtbericht.) Llovd George führte in seltner (in unserer gestrigen Abend-Ausgabe bereits, teilweise wiedengcHehenen) Rade weiter aus: Rußland,
Belgien nnd Serbien seien durch dre Machtmittel Deutschlands völlig erschöpft, da» ein Menschenalter hindurch der Vernichtung oder Uriterjochnng seiner Nachbarn gewidmet habe. Es sei DeufichLands Traum nnd Englands Alp gewesen. Dies ist — sagt Lloyd George — der in P o t 3° dam gehegte Kriegsgei st. Es gibt keinen Fri-cden in der Welt und keine Freiheit, bis dieses Götzenbild zer- schmettert, seine Priesterschaft für immer zerstreut und urn ihr Ansehen gebracht ist. (Beifall.) Irr diesem Jahre hatte ich gehofft, daß wir die sg schreckliche Macht hatten brechen können. Wir alle richten unseren Mick auf die großerr Kräfte, die sich zur Vorbereituna für den Zufamruerfitoß sammeln.
