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Verlag Langgafsc 21

„Tigblatthans".

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Mittwoch, 17. Oktober 1917.

Morgen-Kusgabe.

Nr. 528. ♦ 65. Jahrgang.

Zeitz, Vogel, oder stirb!

Als am 22. Januar dieses Jahres der phrasen- ^tzeschwollene Anwalt der Humanität. Präsident Wilson, in seiner Botschaft an den Kongreß ver­kündete, daß „der ununterbrochene: freie und unbedroyte Verkehr von Volk zu Volk ein wesentlicher Teil des ^Friedens und des Entwicklungsprozesses" sei, da drückte !ganz besonders die holländische Presse ihre Zujliin- mung zu dieser schönen Rede aus, und sie gab ihrer An- elkennung für den „großen Präslöenten" irr lebhafter Weise Ausdruck. Jetzt haben die Holl ä n der die Probe auf das Exempel gemacht. Tie Maßnahmen der Nordamerikanischen Union, der England sekundiert, bil­den die Kehrseite der Medaille, bedeuten die Über­tragung der Wilsonschen Theorie in die Praxis. Die Union hat den Verkehr Hollands bedroht und unter­brochen ohne Rücksicht daraus, daß damlt „ein lvesent- licher Teil des Friedens und des Entwicklungsprozesses" in die Binsen geht.

Die Maßnahmen des Diosknrenpaares Wilson und Lloyd Georges würden bei uns lmtcr die Paragraphen des Strafgesetzbuches fallen, die sich mit der Nötigung und Erpressung befassen. Die amerikanische Regierung hat dekretiert, daß, an Schiffe, die nach einem neutralen Lande fahren, welches an Deutschland grenzt, keine B u v k e r k o b l c n verabfolgt werden, und da in Süd­amerika zurzeit Kohlen nicht zu haben sind, ist der Schiffsverkehr zwischen Holland und fernen Kolonien völlig unterbrochen. Weiter hat die Union die A u s- fuhrerlailbnis für Viehfutter nach Holland verweigert was für.dies Land die Unmöglichkeit bedeutet, auch nur den größeren Teil seines Viehbe­standes durchzuhalten. Sie hat gleichzeitig holländische Schiffe mit Ladung beschlagnahint, und endlich hat England den Telegravhenberkehr nach Holland gesperrt, solange die Niederländisch: Regie­rung sich nicht bereit erklärt, die durch Vertrage ge­sicherte Durchfuhr von Sand und Kies nach Belgien zu verhindern, der dort zur Wegeverbesserung dient!

Es handelt sich hierbei nicht etwa um vereinzelte erpresserische Maßnahmen, sondern cs liegt System darin, ein System, das ganz offen verkündet wird, und das den Hauptpunkt des in der Londoner September- konferenz ansgearbeiteten A k t i o n s p r og r a m m s bffdet. Die Sverrmaßnahmen Wilsons, so verkündet „Petit Parisien" aus amtlicher Duelle, seien der erste Schritt des neuen Programms. Durch die verschärfte Blockade erhoffe man, ko bemerkt dazu ergänzend „Rjetsch", die „schnelle Erdrosselung der Widerstands­kraft der Zentralmächte", und zwar auf dem Umwege über die Neutralen. Was von diesen verlangt und er­preßt werden soll, das enthüllt die „North American Review" mit aller Aankeebrutalität: „Mit Rücksicht

auf die amerikanischen Jungen, welche jetzt in die Lauf­gräben von Frankreich gehen sollen, darf kein Gramm Lebensmittel nach diesen neutralen Ländern (Holland und Skandinavien) gesandt werden. Die Neutralen haben zickammen 2 Millionen Mann eigene Soldaten. Sie sollen ihre Leute gegen unseren gemeinschaftlichen Feind kämpfen lassen oder vor Hunger st erbe n."

Also: Friß, Vogel, oder stirb! Während Reuter sich soeben noch, am 13. d. M.. aus Washington melden ließ, daß das Kriegsziel der Union in der Rettung der kleinen Nationen bestehe, verkünden die Alliierten unter Wilsons Führung offen als ihr Ziel und streben dessen iDerwirklichung durch die Praxis an, besagte kleine -Nationen, die doch neutral bleiben wollen, so .zu schikanieren und zu drangsalieren, _ daß sie sich zum Schluß nicht etwa gegen ihre Peiniger, sondern gegen die Feinde ihrer Feinde, gegen die Mittelmächte erheben sollen. Wird und kann eine solche. einerseits ver­brecherische und andererseits anscheinend doch u n- vernünftige Spekulation gelingen?

In Holland, ms man bisher in unbegreiflicher Selbstverblendung der Entente io starke Svnipathien entgegenbrachte, scheint jetzt endlich doch ein Stim­mungsumschwung einoetreten zu sein. Die große Ent­täuschung kommt in der Frage des- „Algemeen Handels­blad" zum Ausdruck, ob denn die wiederholten Er­klärungen des Präsidenten Wilson über seine Ehr- erbietung vor den Menschheitsrechten nur Phrasen gewesen seien? Ja, haben die guten Holländer das wirklich erst jetzt gemerkt? Verweigern von Bunker- kohle, erklärt das Blatt, sei nicht nur eine unfreundliche Handlung, sondern auch ein T r e u b r u di, die Beschlag­nahme von holländischen Schiften und Ladryrgen sei „aber nicht nur eine unfreundliche, sondern auch eine vollkommen ungerechte Handlung, die nach Gesetz und Recht Anlaß zu einer Kriegserklärung geben könnte."

Nun, wir glauben nicht, daß di: Entrüstung der Holländer so weit reichen wird: aber diese und mit ihnen die gerade jetzt in ganz ähnlicher Weise bedrohten lkcmdino.vffchen Staaten sollten nun doch endlrch begrei­

fen, wo der Feind steht, sollten — um so mehr, da das Unterseeboot für sie die einzige Waffe der Zu­kunft gegen größere Gegner ist — einsehen, daß der Kamps, den Deutschland mit Hilfe der Unterseeboote führt, dieser Kampf um die Freiheit der Meere, zugleich ein Kampf ist für die Freiheit der N e u t r a I e n, daß er gerade das sichern will, was der Lügenapostel Wilson feierlich versprochen Hot und setzt so brutal nick)t nur Holland, sondern auch den an­deren Neutralen gegenüber bricht, nämlich den „un­unterbrochenen, freien und unbedrohten Verkehr von Volk zu Volk" als einen „wesentlichen Teil des Frie­dens und des Entwicklungsprozesses".

Die Landung aus Osel.

Dir ruhmvolle Teilnahme unserer Flotte.

W. T.-E. Berlin, 16. Oft. (Drahtbee'cht.) Über das er­folgreiche Unternehmen von See aus gegen Dago und Ösel erfahren wir folgende Einzelheiten: Unsere im Verlaufe dcS Krieges ununterbrochen tätigen kleinen Al incnjuck,- boote hatten die erste Vorbereitung zu dem geplanten Vor­stoß unserer Flotte gegen die den Rigaschen Meerbusen be­herrschenden Inseln Dago iytb Öse! zu treffen. Trotzdem die Gewässer um die Inseln überall sehr seicht und mit Felsen­riffen und Sandbänken übersät sind, trotzdem klares und stürmisches Wetter und hoher Seegang die Arbeit der kleinen Minenft-chfabrzenge außerordentlich erschwerten, haben die mit dieser betrauten Verbände in zäher u,n d unermüd­licher Arbeit innerhalb kürzester Frist die weithin völlig verseuchten Gewässer um Ösel und Dago ebenso wie die Ein- fahrtcstraße von Minen gesäubert und unseren Hoch- seestreiikräfteu und Truppentransportdampfcrn damit eine sichere Fahrstraße geschaffen. Die Transportflotte war in einem fernen Hafen in überraschend kurzer Zeiffin Dienst ge­stellt, mit Truppen besetzt und trotz der navigatorischen Schwie­rigkeiten all die Küsten der anzugreisenden Inseln nberge- fiihrt worden. Daß bei weiterer Fahrt dieser Transportflotte mit ihrer großen Zahl von Schiffseinheiten auf den schmalen, zwischen Minenfeldern freigelegten Fahrstraßen, bei dem stürmischen Wetter und der bei Nacht besonders schweren Fahrt im Verbände keine Störungen vorgekommen sind, spr-cht besser als große Worte für das Können der d e »t s ck e n Seeleute. Ebenso glatt wickelte sich die Ausschiffung der Truppen mit ihrem Artillerie- und Fuhr­park ab, nachdem unter den Granaten der'Schiffsgeschütze der Widerstand aller feindlichen Küstenbatterien zusammenge- krcchcn war. Eine seemännisch besonders hoch zu be­wertende L e i ft u n g ist das Einbringen unserer leichten Seestrc itkräfte in das Kassar-Wik. Ist doch der Sülo- sund, die Durchfabrt zwischen Dagö und Ösel, nur schmal und vollkommen mit felsigen Untiefen und seichten Stellen durch­setzt. Nur eine einzige, kaum 200 Meter breite und flache Rinne führt in vielen Windungen in das Kaffar-Wik, so daß schon im Frieden, wenn alle Seezeichen vorhanden sind, die Einfabrt für den Ortskundigen nicht ungefährlich ist. Daß der deutschen Transportflotte, besonders im Süden der Insel, modernste 30,5-Zentimeter-Geschütze gegenüberstanden, die tatsächlich bereits auf 28 Kilometer unsere Minensuchver- bände unter Feuer nahmen, machtr die Unternehmung zu einem Wagnis. Der alte Grundsatz daß Batterien an Land angreifenden Schiffen gegenüber in außerordentlichem Vor­teil und daher weit überlegen sind, war durch die Kriegs­führung und vor allem durch das Fiasko der verbündeten Flotte vor Gallipoli mehrfach bestätigt. Von einer be­kannten englischen Autorität auf dem Gebiete des Seewesens, Sir Geofsreh Hornby, stammt der in England anerkannte Grundsatz, man htibe die Seeherrschaft, wenn man seiner Regierung melden könne, daß sie ein Expeditionskorps zu irgend einem Punkte hinschieben kann, ohne Sorge, daß die feindliche Flotte irgendwie störend dazwischen tritt. Dieser Sorge war die deutsche Marine in diesem Falle nicht ent­hoben. Das Vorhandensein russischer Seestreitkräfte war bekannt. Tatsächlich haben sie auch verschiedentlich ' in den Kampf eingegriffen: trotzdem hat sich die Oberste Seekrieg- und Heeresleitung zu der ersten großen Seeunternehmung entschlossen, ein Unterfangen, das bei allem Drängen der öffentlichen Meinung die englische Admiralität gegenüber der flandrischen Küste oder Helgoland oder der deutschen Bucht imnrer ollehnte. So zeigt dieses Wagnis, und ein solches bleibt es, daß in der Marine derselbe Gei st herrscht wie vor Skagerrak, und daß auch heute noch, der Formel der Überlegenheit der Landgeschirhe gegenüber dem Schiff ent­gegen, Lorbeer zu brechen ist. wenn nur ein kraftvoller Führer sein größeres Können in die Wagschale wirft.

Lebhafte Beunruhigung in Paris.

W. T.-B. Bern, 16. Oft. (Drahkbsricht.) Die französische Presse äußert ihre lebhafte Beunruhigung über die Landung deutscher Truppen «ruf der Insel Ösel. „Petit Parisien" schreibt, die Operation sei eine direkte Bedrohung sowohl für die russi­sche Front, für Livland, wie für die Sicherung von Rußland und die Sicherung von Efthkand. „Journal" fragt, ob eine Offensive gegen Petersburg geplant wäre, und fährt fort, an der Einfahrt des Finnischen Meerbusens werde sich sicherlich eine Aktion .entwickeln. „Liberty" erklärt, leider könne man nicht mit den Kriegsmitteln Rußlands rechnen, um die Ab­sichten des Feindes einzudämmen. Die Extremisten seien mächtig, Motte und Heer desorganisiert. Das jüngste Ereignis

Mtalte die Lage in der Ostsee doch verwickelter. Die Folgen seien schwer zu übersehen, aber man sehe wieder, daß Rußland uwfähig sei,, 'seine Küsten zu verteidigen, und auch feint Gebiet.nicht gegen neue Offensiven schützen könne. Verschiede,ir Blätter betonen die politische Seite des Unternehmens. „Rappet" sagt, cs hat sich eine ernste Perspektive eröffnet. Wan müsse weniger über das Getingen der deutschen Ope­ration beunruhigt sein «Äs über die Erwägung, daß Deutsch­land die belgische Küste vor Angriffen der englischen Flotte schützen konnte, daß aber der er sie Versuch einer kombinier­ten Aktion gegen die russische Küste von vollem Erfolg ge­krönt wurde. Man müsse daraus Hinweisen, daß die russische Revolution ihre Rückwirkung bei den Alliierten, besonders bei Frankreich, geltend gemacht habe. Die Lösung, die man in Petersburg dem Krieg zu geben beabsichtige, hätte die Stimmungen der Nationen getroffen. Mau müsse Rußland nicht im Stüh lassen, sich aber selber zusammenraffen.

Dir Meinung der französische» Militärkritiler.

Br. Basel, 10. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der schweizerische Presse-Telegraph meldet, die Pariser Militärkritiker besprechen di: Möglichkeit einer grafen ko m Linierten Land- und F l o t t e n a k t i o n der deutschen Hecrcslci-ing gegen Finnland. Der „Malin" glaubt ebenso wie der „Temps" an eine, Bedrohung Petersburgs Ter „Jntiansigeant" uutirstreicht die strategische Be­deutung der Insel Ösel. In der „Liberty" hält Oberstlemnant Rousse einen Boimarsch gegen Petersburg schon wegen ver vorgerückten Jahreszeit sür zweisethast. Unglücklicherweise könne man die russi- Mat Ki iegsmiltel nicht in Rechnung ziehen, um die deutsche Osfen- fiVc mm Scheitern zu bringen.

Ver Krieg gegen Rußland.

Kerenski an Influenza erkrankt.

W. T.-B. Petersburg, 16. Okt. (Dvahtbericht. Peters­burger Telsgr-ipbenagentur.) Kerenski ist an der Influenza erkrankt. Er blieb rat Hauptquartier und muß das Bett hüten. In drei vis vier Tagen ivird er iu Petersburg erwartet.

Bereits Opposition gegen bas Koalitionskabinett.

Br. Genf, 15. Okt. (zo.l Wie die Mailänder Blätter melden, hat daS kaum gebildete russische Koalitionskalünett bereits wieder ciuc starke Opposition zu bekämpfen. Wie der Petersburger Berichterstitter des „Secolo" meldet, haben ihm die äußerste Linke (Bolschewik) sofort den Krieg erklärt, indem sie mit allen Kräften eine regierungs­feindliche Agitation, wie schon erwähnt, begannen. In einer Tagesordnung erhob der Arbeiter- und Scldatenrat gegen die Zusammensetzung des neuen Kabinetts Einspruch und bezichtigte es gegen revolutionärer Absicht. — Nach einer weiteren Petersburger Meldung des „Serolo" haben Extre­misten in Moskau einen allgemeinen Arb eite raus - stand und Protestkundgebungen gegep das Koantions- kabinett hervorgerufen. Wegen der Lebcnsmittelnot be­fürchte man eine Verschlimmerung der Krise.

Verschärfung des rkonflikts mit der Gftfeeflotte.

— Berlin, 16. Okt. (zb.) Nach der „Voff. Ztg." hat sich der Konflikt zwischen dem Zentralkomitee der russischen Östseeflette und der einstweiligen Regierung neuer­dings zugespitzt. Das Zentralkomitee hält an seinen Haupt­forderungen fest, namentlich daran, die Einleitung von Friedensverhandlungen sofort vorzunehmen. Es hat be­schlossen, mit der vorläufigen Regierung nicht mehr weiter zu verhandeln, sondern die Entscheidung dieser Sache den Arbeiter- und Sotdatenräten Rußlands anheimzustellc».

Hungerrevolten in Finnland.

8. Stockholm, 15. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) General- gouvernenr Nekrasow sandte einen Bericht über die Lage in Petersburg nach Finnland, worin die Häufigkeit der Hungerrevolten betont wird. Falls nicht baldigst Abhilfe ge- schaffen werde, befürchtet Rekcasow, daß die Unruhen um sich greifen und ernste Folgen haben könnten.

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Die Kvsziuszkl-Feicr.

W. T.-B. Warschau, 15. Okt. Die Hauptstadt Polens steht im Zeichen der Kosziuszko-Feier. Das Straßenleben b>rtet das Brld eines großen Tages: Festlich gekleidete

Menschen, mit Bannern aufziehende Vereine, auffahrende Würdenträger und dazwischen die Ordnung schassende War­schauer Stadtmiliz, verstärkt durch Studenten und Gymna­siasten. In der ehrwürdigen Johannes-Kathedrale fand ein feierliches Hochamt statt, das Erzbischof v. Kakowski hielt und welcheni die Spitzen der polnischen Gesellschaft, dar­unter die Fürsten Lnbomicsti und Ratziw'll, die Bürger­meister von Warschau und anoece mehr sowie Vertreter der deutschen und österreichischen Okkupationsbehörden bei­wohnten. Im Mittelschiffe hatten Vereine und Körper­schaften aller Art mit ihren alten Fahnen und Standarten Aufftellung genommen. Die Festpredigt hielt Prälat Szla- gowski, der Kosziuszko als die Verkörperung des. glühenden Freiheitsdranges des polnischen Volkes ♦feierte und der Wiederherstellung des volnifcben Staates gedachte, wie ihn Kosziuszko ersehnt habe. (Stil. imposanter Zug bewegte sich zum Rathausplatz. Es folgte eine Festsitzung der Stadtver­ordnetenversammlung, an die sich die feierliche Enthüllung einer Gedenktafel im Rathaus anschlotz.