nterhaltende Blätter 8®
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17. Jahrgang 1917. ®*§> (S * Si cs% ® ts“*® < ®* iS>
Rinöerträume — Rinöertränen.
Von CDortba Krüger.
(Nachdruck verboten.)
ls Mädchen von fünf Jahren faß ich einmal neben unserem Dienstmädchen, welches mein jüngstes Brüderchen wartete, auf dem Zenstertritt im Wohnzimmer. Mama saß mit einer Freundin auf dem Sopha beim Kaffee, und während jöa das kleine Brüderchen auf dem Schoß hin- und herwiegte, erzäblte ich eifrig von einem großen Sandhaufen, welcher unten im Hofe in einer Ecke lag, und den ich mit Bruder Georg, sowie den „Kindern von unten" — allmählich ansgehöhlt und mittelst Bretter und allein möglichen Hausrat bewohnbar gemacht hätte. Das malte ich mir so berrlich aus, daß ich schon bei einem kleinen eisernen Ofen angelangt war, als die Mutter plötzlich diesen Phantasien ein Ende machte durch den Zuruf: „Aber Martha, das ist ja alles nicht wahr!"
Za, es war alles gelogen! Ich bekam tüchtig Schelte, und doch ist mir diese Erinnerung bis auf den heutigen Tag lieb und so klar und deutlich haften geblieben, als wäre dies Phantasiegemälde erst gestern meinem Kopf entsprungen. Zch erinnere mich, daß ich mit Vorliebe des Abends unter den Stuhl eines Erwachsenen kroch; das war dann meine Zauberhöhle. Lang ausgestreckt lag ich am Boden und hörte über mir das surrende Geräusch der Unterhaltung der Erwachsenen — ich selbst aber träumte mit offenen Augen von Rittern, Zwergen und Prinzen, goldenen Kutschen und gläsernen Schlössern, herrlich saß es sich auch in dem dunklen Winkelchen zwischen Scbranf und Kommode, zumal wenn Tante Toni da war und Klavier spielte. Wie goldene Wolken umwogte es das selig lauschende Kinderhirn, wie tausende tanzende jubilierende Vögelchen umgirrten und umkosten mich die schmeichelnden Melodien. Zn meinem Kopf tanzte die Welt ein buntes Potpourri schillernder Farben, lockender Töne, und die kleinen Kinderfüßchen tanzten und hüpften den ganzen Tag zu all diesen Melodien, summte doch der Kindermund dazu die selbsterfundenen Liedchen.
Schrecklich schwer wurde das ewig lange Stillsitzen, Mmal wenn man gar die garstige Scharpie zupfen mußte, oder auf der Schiefertafel die ersten Sclpeibvcrsuche machen sollte. Da war es scl-on schöner, aus dem Fußbänkchen bei Großmama sitzen und zu hören, wenn sie uns die herrlichen Geschichten erzählte. Ach, nur Großmütter können so himmlische Klärchen erzählen mit nie ermüdender Ausdauer! wie war das schön, wenn die Dämmerung ihre weichen stillen Schleier ausspannte, in denen alles langsam um uns her verschwand, wir dicht an Großmutterchen uns heran- ftifchelten, ihre liebe weiche Stimme immer wieder die vertrauten Märchen uns erzählte, während die nie rastenden fleißigen Hände leise klirrende Stricknadeln bewegten ! Zmmer leiser wurde da wohl manchmal die
Erzählerin, bis sie sanft eingenicft war, eingelullt durch ihre eigene Stimme. Und wenn dann die 'tiefe Stille plötzlich durch einen kurzen Schnarcher gestört uns auf- fahren ließ, der Kopf der lieben alten Frau zurückgesunken am Stuhl lehnte, und „0 Schrecken" der offene Mund mit dem einzigen großen Zahn uns anstarrte, — das war so schön gruselig, ganz wie in dem Märchen von der Knusperhere! — Da wurde dann an dem alten Frauchen gezupft und gestupst, „Großmutter wach doch auf!" und dann brachen die kleinen Feiglinge in ein Zammergeschrei aus, das nicht nur die Schläferin, sondern auch das ganze Haus alarmierte!
Lange Züge rollender Eisenbahnwagen fuhren durch unsere Straße von einem Bahnhof zum andern und in ihnen gefangene Zuaven, Turkos und Franzosen. Stundenlang hielten oft die Züge und wir durften Kaffee, Brot und" Zigarren hinbringcn, wofiir Man uns Uniformknöpfe schenkte. Da gab es viel zerrissene Hosen und Zacken, viel zerzauste Köpfe und Beulen daran, denn wir spielten doch immer Krieg. Flatternde Fahnen, blühende Blumen, winkende Tücher, Einzugsjubel' Lin wunderschöner großer Hof, mit herrlichen alten Kastanienbäumen, die im Frühling einen weißen und roten Blütenregen auf die spielenden Kinder hcrabrieseln ließen, war unser liebster Aufenthalt, wo die umgestürzte Waschbütte das Schilderhaus abgab und ein Fetzchen alter Gardine zum Brautschleier wurde, wo man sich in die dichten Fliederbüsche verkroch, wenn man müde war vom herumtollen, und mit „Bello" und den Püppchen eine Märchenwelt'sich baute.
hui, was war ich für eine wilde Range, bis die Schule mir etwas Sitzfleisch beibrachte und ich mein Kin- her; an eine kleine reizende Schulfteundin verlor. Melanie wegner war's, die junge Schwester der berühmten Berliner Soubrette.
weder ein schöner großer Garten mit Lauben, einer Schießbude und zahlreichen Gbstbäumen. Die Lauben umgaben ein großes hölzernes Gebäude (das ehemalige Wol- tersdorfer Theater) und des Abends erstrahlte der Garten und die Lauben im Schein vieler weißer Lampen. Auch die Schießbude lockte mit ihren kleinen Springbrunnen und dem darauf tanzenden Ei, sowie den wippenden und hüpfenden Bildern, wenn wir des vormittags im Sande die kleinen verschossenen roten Pfeile fleißig aufgesammelt hatten, dursten wir zur Belohnung auch einmal richtig schießen, wobei freilich der Budenbesitzer das Gewehr halten mußte, denn das war noch viel zu groß und schwer für unsere kleinen Hände. Aber auf die Mbst- bäume kletterten wir desto gewandter und wenn uns die böse alte Frau mit ihrem Rohrstock auch manchesnral erwischte und die kleinen Gbstdiebe ins Gebet nahm, der nächste fallende Apfel oder eine wurmstichige Birne lockte
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