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Sonntag» 7. Oktober 1917.

Morgen-Ausgabe.

Nr, Sil. . 65. Iahrgsn^

Kriegslage und zriedenrgerede.

Das Bild der Kriegsereignisse ist gegenwärtig so be­schaffen, daß man sagen kann, neue charakrerrstrsäie Züge sind seit geraumer Zeit nicht hervorgetreten. Die Kämpfe, so groß und wichtig sie auch ^ein niögen, zeigen in ihrem Wesen taktisch wie strategisch doch nur. Wieder­holungen früherer Erscheinungen. Das gilt nicht nur von den immer wiederholten Durchbruchs­versuchen im Westen und anr I s o n z o, sondern, wenn man es recht überlegt, von der Vertreibung der Russen ans Galizien und der Bukowina und sogar vom Übergang über die Düna und von der Einnahme, von Riga. Zu dieser Auffassung bekennt stch auch der Kriegs- Historiker Professor Hans Delbrück, der die Kriegs­ereignisse dieses Sommers sin denPreußischen Jahr­büchern") nach längerer Frist wieder einmal lnr Zu­sammenbange betrachtet rmd uns hierbei wertvolle Auf­schlüsse und Richtungslinien gibt., Delbrück erachtet eine wissenschaftliche Vertiefung unserer Einsicht in die kriegerischen Zusammenhänge erst dann sür möglich, wenn einmal weiteres Material zugnäglich gemacht fern wird. Es sind noch nicht so sehr die persönlichen Ver­hältnisse, die die Strategie in einem so hohen Maße be­stimmen und die erst lange Zeit nach den Ereignissen für die Öffentlichkeit sichtbar werden, als vielmehr die Zahlen, die Stärken- und die Veclustverhältnisse, die uns jetzt von beiden Seiten aufs sorgsamste versteckt werden und erst nach dem Friedensschluß ans Tages­licht treten können. Delbrück erklärt, er habe sich früher eine Kriegsgeschichte ohne wenigstens schätzungsweise zugrundegelegte Zahlen überhaupt nicht vorstellen können. An diesem Grundelement, an der Kenntnis der Zahlen, fehlt es aber durchaus. Das gilt nicht bloß für die heutigen Kämpfe, es gilt auch für die ganze^Dauer des Krieges. Es ist bezeichnend, daß bis zur Stunde überhaupt nur ein einziges Mal eine ungefähre Zahlen­angabe veröffentlicht worden ist, und zwar geschieht das in der meisterha.stefi kleinen Schrift des stellvertreten­den Generalstabschefs v. Freytag-Loringhoven Folgerungen aus dem Weltkriege". In dieser Schrift wird mitgeteilt, daß zu Beginn des Krieges, als wir einen Teil unserer Kräfte gegen die Russen und zum Küstenschutz zurücklassen mußten, die vereinigten Fran­zosen. Engländer und Belgier eine Überlegenheit von'^Millionen Mann besaßen. Wenn man btdenkt, daß die militärischen Anstrengungen Englands erst lange nach Kriegsausbruch cuffihren Höheprmkt gediehen, daß das englische Heer im .Herbst 1914 win­zig klein war im Vergleich mit den jetzigen Mil­lionenmassen. dann liegt es nahe, Schlüsse auf die gegenwärtige Stärke der Heere hüben und drüben im Westen zu ziehen, aber Zahlen und ia nicht bekannt, und so kann hiervon, obwohl es sich um eine Kernfrage des Krieges handelt, nicht geiprochen werden. General v. Freytag-Loringhoven nimmt im übrigen keinen An­stand, darauf aufmerksam zu machen, welche Bedeutung die zahlenmäßige Überlegenheit immer für den Kriegs- ansgang hat. Er erwähnt ein Gespräch zwischen Napo­leon und Moreau, der dem Kaiser von der Ausgleichung der Zahl durch Tapferkeit, Erfahrung, Disziplin und das Talent des Führers sprach, worauf Napoleon er- wider, für eine Schlacht gelte das wohl, für einen ganzen Krieg jedoch selten' die Heere würden durch Siege langsam, aber ebenso sicher wie durch Niederlagen abgenützt. Delbrück stimmt mit dem stellvertretenden Generalstabschef darin überein, daß man bei uns den Wert der Offensive etwas einseitig überschätzt, und zwar merkwürdigerweise, obgleich wiederholt Moltke ans die großen Vorteile der Defensive hinge­wiesen hat. Jetzt haben wir die Vorteile wieder richtig zu schätzen gelernt, und General v. Freytag zitiert mit Genugtuung den Satz oon ClausewitzEine Vertei­digung, die man auf erobertem Boden einrichtet, hat einen viel mehr herausfordernden, Charakter als eine im eigenen Lande: es wird ihr gewissermaßen daS offensive Prinziv eingeimpft.". Eine der auffälligsten Erscheinungen in diesem Kriege ist die Rückkehr zu Kampfmitteln und Formen des Kampfes, die längst überholt zu stin schienen. So hat die Waffenwirkung, so widersinnig das erscheinen mag. auf infanteristischem Gebiet eine rückläufige Be­wegung gezeigt. Die Gegner, obgleich mit weittragen­den Gewehren ausgerüstet, kommen sich so nahe, daß sie zur blanken Waffe greifen, und daß die Hand- granaten einer fernen Vergangenheit in verbesser­ter Form Wiederaufleben, Auch die starke Vermehrung der A r t i l l e r ie ist, so sehr sie auf den ersten Blick als Errungenschaft der neuesten Zeit erscheint. nur die Rückkehr zu den Verhältnissen im Siebenjährigen Krieg. Bei Mollwitz hatte Friedrich der Große 19 Geschütze, bei Torgau 276. Damals schon lagen sich die Heere monate- lang in festen Stellungen gegenüber, und man benutzte den Spaten ganz wie heute, um die Stellungen noch zu verstärken. Unendlich vieles hat sich gewiß gegen früher geändert, aber viele Elemente der Kriegführung, Air kür

abgetan gehalten wurden, sind in etwas veränderter Form wiedergekehrt. Was Delbrück und v. Freytag- Loringhoven nicht sagen, was sie aber, indem sie dar­über schweigen, doch deutlich merken lassen, das ist, daß der Krieg auf die jetzige Weise noch lange fort- daucrn könnte, ohne eine Entscheidung zu bringen, daß somit die Beendigung des Krieges die Aufgabe der Staatsmänner wird. Die Bereitschaft der Mittel­mächte hierzu kennt man, die Berriffchast der Feinde steht noch aus. Oder ist sie schon vorhanden und wird nur hinter gegenseitigem Sichmutzusprechen verborgen gehalten. Man hat viel von einer Fühlungnahme Englands mit dem Vatikan gesprochen, und es wird u. a. behauptet, England habe sich durch den Papst erkundigen lassen, ob wir Belgien wkederhcrstellen wollen. Nicht weniger wichtig aber wird es sein, daß man herausfühlt, England sei bereit, die Franzosen wissen zu lassen, daß sie ihrem Herzenswunsch nach Elsaß-Lothringen entsagen müssen. Delbrück fragt, ob etwa das WortD e s a n n e r i o n" einmal die Brücke hierzu bieten soll. Einselbständiger Bundes- st a a t" Elsaß-Lothringen sei doch nicht mehrannek­tiert". Jedenfalls gibt es für uns darin, ist das deutsche Volk einig 5einen Frieden,, ehe nicht die Franzosen aus die Reichslande verzichtet haben. Man kann sich nicht vorstellen, daß irgendein vernünf­tiger Engländer, mag er der Regierung angehören oder sonst im öffentlichen Leben stehen, ernsthaft, an die Mög­lichkeit zu denken vermöchte, wir würden in dieser Be­ziehung nachgiebig werden können. Folglich muß jede englische Bekundung des Willens, zum Frieden zu ge­langen, durch eine entsprechende Einwirkung auf Frankreich betätigt werden. Nachdem sich englische Staatsmänner wiederholt aus die Seite der französi- scheu Forderung gestellt haben, wird es sie sauren Schweiß kosten, den Ausweg aus dieser Sackgasse zu finden, aber suchen und finden müssen sie ihn, sonst ist olles Friedensgerede umsonst.

Der veutkckie Kben»bericht vom 6. Oktober.

W. T-B. Berlin, 6. Oft., abends. (Amtlich. Drahtbericht.)

Im Westen bei regnerischem Wetter nichts Besonderes.

Im Ostxn örtliche Kämpfe bei Sereth and in der Buko­wina.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W.T.-B. Wien, 6. Oft. (Drahtbericht.) Amtlich verlautet vom 6. Oktober, mittags:

Im Gabriele-Abschnitt brach ein in den Abendstunden angesetzter italienischer Angriff z u- s a m m e n

Sonst von keinenr Kriegsschauplatz Besonderes zu melden.

Der Chef des Generalstabs.

von der Kreuzerfahrt desSeeadlers".

IV. T.-B. Washington, 6. Oft. (Drahtbericht. Reuter.) Nach einem Telegramm aus Putuila (Samoa-Inseln) an das Marinedepartement kam dort ein offenes Boot mit dem Kapitän des amerikanischen Schoners C. Slade" an. Dieser teilte mit, daß der deutsche KreuzerSeeadler" am 2. August bei M o p e l i (Lord Howe-Insel) gestrandet ist und von der Mannschaft verlassen wurde. Einig? Zeit darauf erbeutete die Mannschaft eine Motorschaluppe und den französischen SchonerLutere", die sie bewaffneten und mit denen sie am 21. August bezw. 6. September in See stachen. Bevor derSeeadler" strandete, hatte er die amerika­nischer SchonerC. Slade",V. Johnson" und Manilla" in Grund gebohrt.

Hkndenburgs Antwort an das preußische Abgeordnetenhaus.

W. T.-B. Berlin, 6. Oft. Auf das vom Präsidenten des Abgeordnetenhauses an den Generalseldmarschall v. H i n d e n b u r g gerichtete Gebnristagstelegramm ging folgende Antwort ein: Dem preußischen Abgeord- nktenhause herzlichen Dank für die Glückwünsche und das Vertrauen. Daß unsere Feinde Sturm laufen gegen unser Preußentum und seine Vernich­tung als wichtigstes Kriegsziel auf ihre Fährte ge­schrieben haben, ist seine beste Rechtfertigung vor aller Welt.

Generalseldmarschall v. Hindenburg.

Italienische Maßnahmen gegen Kriegs- fabotage.

W.T.-B. Nom, 5. Oft. Das gestern Unterzeichnete Dekret gegen KriogSsabotageukte sieht Gefängnisstrafen bis zu 5 Jahren uno Geldstrafen bis zu 5009 Lire vor, die in ganz schweren Fällen verdoppelt werden können.Tribuna" sagt, das könne man nicht als reaktionär bezeichnen.Jdea Slaztctiale" bedauert nur, daß die üreuaen Maßnahmen au

spät kommen Wie offiziell verlautet, ist die Eröffnung der Kammer auf den 16. Oktober sestWesetzt. Die Tages­ordnung sieht keine Mitteilung der Regierung vor. Diese werde anläßlich des vom Minister Carcano zu stellenden Ver­langens auf Verlängerung des budgetlosen Provisoriums erfolgen.

Die bevorstehende italienische Karnmersihuug.

Berlin, 6. Oft. (zb.) In der bevorstehenden italieni­schen Kammersitzung wird außer dem Ministerpräsidenten Vosclli auch der Minister deS Äußern Sonnino über Krieg und Frieden sprechen.

Nach wie vor völkerrechtswidrige Gefangenen­behandlung in Frankreich.

Berlin, 6. Oft. (zb.) Dte französische Presse hat, wie dieNordd, Allg. Ztg." schreibt, in der letzten Zeit häufig fälschlich behauptet, daß entgegen den getroffenen Verab­redungen Franzosen innerhalb der Feuerzone von uns beschäftigt würden. Demgegenüber ist wieder eine Reihe von Zeugenaussagen bekannt geworden, die bekundeten, daß ge­fangene deutsche Soldaten zu Arbeiten in der Feuerzone von den Franzosen gezwungen worden sind. Wegen dieser völkerrechtswidrigen Behandlung deutscher Gefangener hat die deutsche Regierung bei der französischen Regierung Be­schwerde erhoben und verlangt, daß die Schuldigen be­straft werden, auch strenger Befehl erlassen werde, daß solche unerhörten Völkerrechtsverletzungen sür die Zukunft ausgeschlossen sind. Falls in einer bestimmten Frist eine be­friedigende Erklärung von der französischen Regierung nicht eintreffen sollte, wird die deutsche Regierung zu Vergel­tungsmaßnahmen greifen.

vie Neutralen.

Lin holländisches Urteil über die neue > deutsche Kriegsanleihe.

DerNiruwe Courant" schreib: in der finanziellen Chronik seiner Ausgabe vom 23. September:In Deutschland ist die Eintragung auf dre siebente Kriegsanleihe eröffnet worden. Die wirkliche Einigkeit und Aufopferung des deutschen Volkes ist zweifellos mit der Grund dafür, daß man in Deutschland nicht nur bei einem einheitlichen System der Ausgabe bleiben konnte, sondern laß auch der Kurs der früheren Anleihen in keiner Weise durch spätere Ausgaben ungünstig beeinflußt worden ist. Wir finden hier gerade das Gegenteil von den vielen Versuchen der Entente. Wir zweifeln nicht daran, daß auch diesmal die Gesanitsnmme nicht viel hinter der letzten Zeichnungszahl zurückblerben wird."

Deutscher Reich.

Mehr Kohlen für Hausbrand. W-T.-B- Berlin, 6. Okt.

lDrabibericht.) Im Hauplansschuß des Reichstags erklärte heute Staatssekretär Tr. Hel ff er ich zur Kohlenförderung, auf Vor­stellungen des Slädtetige- fei der in Ansatz gebrachte Normalbedarf an Hausbrandkohle für September und Oktober um 2b auf 2.8 Mül. Tonnen erhöht worden. Die Zufuhr sei im Gange.

Deutscher Reichstag.

(Fortsetzung des Drahtbcrichts in der gestrigen Abend-Ansgabr.)

I. Berlin, 6. Oktober. Die Antwort des Kriegsministers auf die sozialdemokratische Interpellation.

Abg. Landsbrrg (Soz.) fortfahrend: Die dlgiiation nimmt im Quadrat der Entfernung von der Front zu. (Sehr gut! links.! Der Kriegs mini st er wird zugeben müssen, daß er diese Agitation schützt. Er selbst hat ja eine Polemik gegen die Beschlüsse des Reichstags geschrieben, ltzört! Hürtl links.) Ich weise daraus hin, die Politik der Mehrheit ist, die des: Reichskanzlers. (Ruse. Wo ift er denn?) Diese Agitation steht im Widerspruch zu der Antwort aus die Papst­note. Diese . Antwort war eine sehr gute Arbeit. Möge diesrnal das Schwert rqeht verderben, was die Feder gut ge­mocht bat. Der Reichskanzler muß gegen diese Agitation Front machen. Er maß uns beweise.:, daß er sich die Führung nicht aus den Händen nehmen läßt. Davon hängt unendlich viel ab. (Lebhafter Beifall links.)

Kriegsminister v. Stein: Eine Reihe von Voraussetzun­gen, die der Vorredner gemacht hat, kann :ch leider nicht be­stätigen. Ich beschränke mich auf die Beantwortung der Interpellation, so wett sie das Heer angeht. ,

Eine Agitation zu politischen Zwecken wird weder von

mir voll, von der Heeresleitung in der Armee geduldet. (Widerspruch bei den Soz.) Es hat Ihnen unendlich viel Mühe gekostet, die paar unbedeutenden Beispiele zusammen- zuiochen. »Großer Lärm bei den Soz. Rufe: Unerhört! Ter Ptüsident bittet, den Redner nicht durch Zurufe zu unterbrechen. Trotz dieser Aufforderung dauert der Lärm

^ Der Präsident weist darauf hin, daß es unmöglich sei, die Verbandlungen in dieser Weise fortzusctzen, und bittet die Mttglcder des Hauses, Platz zu nehmen. Der KriegS- minister hebe die Vorredner angehört, ohne ein Wort zu sage::; daS müßten auch die Abgeordneten tun.

Ter Kriegsminister fortfahrend: Eine Aufklärung der A traie hat von Anfang des Krieges stattgesundWMd,

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