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Deutscher Reichstag.

(Si*enet Tatbericht des „Wiesbadener TagblatrS".)

Berlin, 4. Oktober.

Am Bundesvatstisck: Dr. Helfferich, Graf v. Roedern.

Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 2,16 Uhr.

Der Gesetzentwurf zur Veveinfackmng der Rechtspflege wird auf Antrag des Abg. Pfleger (Zentr.) an einen Aus­schuß von 14 Mitgliedern verwiesen.

Darauf wird die zweite Beratung des Gesetzentwurfs zur Wiederherstellung der deutschen Handelsflotte fortgesetzt.

Abg. Schiele (kons.): Wir begrüßen die Vorlage mit

großer Genugtuung. Neben der Industrie hat auch die Land­wirtschaft ein hohes Interesse daran, dann aber auch die Arbeiterschaft. Zu begrüßen ist es auch, daß die Sozial­demokratie sich für die Vorlage erklärt. Wir müssen für den Krieg na b dem Krieg gerüstet sein, der auf wirtschaftlichem Gebiet auszufechten sein wird. Die gestellten Abanderungs- anträge lehnen wir ab. Ein Eingveiferi der Behörden in die Fortentwicklung der Schiffahrt müssen wir vermeiden.

Abg Akpers (D. Fr.): Die Zahl unserer Schiffsverluste ist nrch nicht zu übersehen, zumal das Verhältnis zu Argen­tinien noch nicht kkargestellt ist. Ein Reichsschiffahrts- Monopol wäre nicht zu empfehlen.

Abg. Henke (Unabh. Soz.): Die Gegensätze, die in der Kommission in der Haltung der sozialdemokratischen Mit­glieder (beide waren Gewerkschaftsvertreter) zutage getreten sind, keweisen, daß die ganze Frage noch nicht spruchreif ist. Dem Gesetzentwurf mühten zum mindesten Garantien bei­gefügt werden, die das Interesse der Arbeiterschaft sichern. Bei keiner anderen kapitalistischen Gruppe ist das Bestreben, Herr im eigenen Hause zu sein, so ausgeprägt, wie bei den Reedereien. Das Koalitionsrecht der Seeleute mutz vor allen Dingen gesichert werden. Es ist noch gar nicht klar, >oie das Reich die Mittel zur Deckung .neser Beihilfen aufbringen soll. Bei den Arbeiter^itevessen und bei der Für­sorge für die Kriegerfrauen hat die Regierung niemals solche Voraussicht gezeigt, wie bei der Vorlage zugunsten der stärksten Kapitalisten, der Reeder. Auch wir wollen den Wiederaufbau der Handelsflotte, aber in anderer Form.

Damit schließt die Generaldebatte.

tz 1 wird angenommen. — Bei 8 2 begründet Abg. Wald­stein lVpt.) einen Antrag, der den über 6 Prozent hinaus- gehenden Gewinn dem Reiche als Rückvergütung sichern will. Der Itedner führt aus: Wer die Reeder noch immer cls die stärksten Kapitalisten bezeichnet, kennt nicht die wahren Verbältnisse. Falls die Reedereien wieder zu größerer Blüte gelangen, müßten Garantien geschaffen werden, daß das Reich wieder zu seinem Gelde kommt.

Ministerialdirektor v. Jonauisres: Es versteht sich von selbst, daß wir den Reedereien kein Geschenk machen wollen. Die Reedereien sind aber keineswegs die'Verkörpe­rung deS Kapitals. Das beweisen die letzten gezahlten Divi­denden. Tie Anträge, die Beihilfen nur als Darlehen zu gewähren, sind unannehmbar. Die Reeder müssen wissen, woran sie sind. Deshalb sollte man das Geld rückhaltslos geben. Eine Beteiligung des Reiches am Gewinn würde stets als Damoklesschwert über der Zukunft der Schiffahrt schweben.

Abg. Stove (natl.): Die in Aussicht genommenen Zu­schüsse. die das Reich zu den Friedenspreisen bezahlen soll, sind nicht zu hoch bemessen. Der eilige Aufbau unserer. Han­delsflotte ist dringend nötig, um uns von der ausländischen, namentlich der englischen Schiffahrt zu befreien. Es handelt sich liier nicht um eine Liebenswürdigkeit de,-. Reedereien gegenüber, sondern um ein Werk für uns alle.

Nach weiterer Debatte, an der die Abg-eordneten Stadt- hageu (Sog.), Bell (Zentr.) und Waltzflei» (Bpi.) teilnahmen, blieb 8 2 unverändert. 8 3 wird mit dem Antrag des Zen- tums angenommen.

Bei der Abstimmung über Lie Grundsätze für die Be­messung .der Zuschüsse bei «Heven über den Friedenspreis (8 4) hinauAgehLnden Baukosten wird Hammelsprung not­wendig.

Die Vorlage sieht für die Zeit innerüatb des ersten bis dritten .Jahres einen Zuschuß von 60 bis 80 Prozent vor. Die fortschrittliche VolksPartei beantragt, den Satz von 65 Pro­zent einzusetzen. Die Auszählung ergibt, daß 115 Abgeord­nete für den fortschrittlichen Antrag stimmen, 126 dagegen.

Der Antrag ist somit abgelehnt. Der Rest des Gesetzes wird unverändert angenommen.*

Damit ist die Tagesordnung erschöpft. — Nächste Sitzung Freitag 2 Uhr: Anfragen und Nachtragsetat, betr. Teilung des Reichisamts des Innern. — Schluß 6 Uhr.

Der Arbeitsplan des Reichstags.

W. T.-B. Berlin, 4. Ott. (Dvahübericht.) Der Ältesten­rat des Reichstags trat heute vor der Vollversammlung zr- samiinen» um icker die Geschäftslage zu beraten. Man einigte sich dahrn, morgen Freitag den Nachtrags et at, betreffend die neuen Stellen der R «vchsämter, auf die Tagesordnung zu setzen. Am Samstag sollen die Interpellationen, be­treffend Handhabung des Vereins- und Verfamm- lungsrechts und betreffend die Agitationen durch Vorge­setzte im Heer zugunsten alldeutsther Paltttt. zur Beratung

kommen. Fm Anschluß hieran soll die Erörterung der politischen Lage folgen. Man hofft, bis 10. Oktober die Beratungen beendigen zu 'können.

vie letzten Fliegerangriffe aus deutsches kfeimatgebiet.

w. T.-B. Berlin, 4. Okt. (Drahtbericht. Amtlich.) In der Nacht vom 2. zum 3. Oftober haben feindliche Flieger in zahlreichen Flügen Angriffe auf das deutsche HeiMatgebrek versucht. Irgend welche Ergebnisse hüben die Angriffe nicht gezeitigt. Ein feindliches Flugz>eug kam bis in fei« Gegend von Stuttgart und tonirf über Feuerbach 6 Bom­ben, die geringen Sachschaden, aber keine Berletzungen ver­ursachten. Die offene Stadt F r a n k f u r t a. M. wurde von etwa 10 Fliegern angegriffen, die aus südlicher und westlicher Richtung anflogen/ Die meisten abgoworfenen Bomben fielen wirkungslos außerhalb der Stadt nieder. Im Stadtbereich wurden bisher 13 Einschlagstellen gezählt. Die Bomben fielen meist auf Straßen und offene Plätze. Der «ngerichtete Sach­schaden ist gering. Fünf Personen wurden leicht verletzt. Tote sind nicht zu beklagen. Das lothringische In­dustriegebiet wurde von zahlreichen Angreifern heimge­sucht, die jedoch, wie gewöhnlich, dank unserer gut durchgebil­deten 8l!bwöhrM>aßnahmen nur wenig Erfolg hatten.

BiS in die Gegend von Dortmund vorziidringen, ge­lang nuedenum nur einem feindlichen Flieger. Er warf dorr auf die Bahnstrecke Dostield-Dortmund-Süd 6 Bomben ab, die den Bahnkörper beschädigten. Bei diesem Angriff wurde eine Person getötet. Zeigt der Angriff auf westfälisches Jn- dustriegöb'et .erneut, welchen Wert die GoKner ans die Ver­nichtung dieser Hauptstütze, unserer wirtschaftlichen Stärke lögen, so zeigt er «mdererseiis, daß der Heimat das von un- ferein Heer gehaltene feindliche Gebiet auch gegen Luftan­griffe Schutz und Bollwerk ist.

W. T.-B. Berlin, 4. Oft. lDrahtbericht. Amtlich.) Eine? der feindlichen Flugzeuge, die in der Nacht vom 2. zum 3'. Oktober Frankfurt a. M. .angriffen, wurde auf dem Rückflug durch unsere Abwehrmaßnahme zur Lackdung gezwungen. Das Flugzeug ist der Soptvithe-Einsitzer Nr. 128 mit einem 130-Bs.-C!eget-Umlaufmotor.

Oer deutsche Kbendbericht vom 4. Mfftober.

W. T.-B. Berlin, 4. Cfi., abends. ( Amtlich. Erg. Drahtöericht.)

Aus dem Schlachtfelds in Flandern sind dis Engländer auch bei dem heutigen Grotzangnss nur etwa einen Kilometer lies in unsres Abwehrzone zwischen Polcapelle sind Aheluvelt einge­drungen.

Besonders erbittert wird noch östlich bon Zonnebeke und westlich von Becelaere gekiimpf-.

Bon den anderen Fronten Ist nichts Besonderes gemeldet.

Tagesberichts unserer Verbündeten.

W.T.-B. Wien, 4. Okt. (Drahtbericht.) Amtlich

verlautet vom 4. Oktober, mittags:

Östlicher .Kriegsschauplatz irnd Albanien. Unverändert.

Italienischer Kriegsschauplatz Die Kämpfe im G ab r i e I e - Ab s chn itt ließen gestern nach. Der Vortag hat uns 6 italienische Offi­ziere, 407 Mann nnd 2 Ärzte als Gefangene eingebracht. Unsere Flieger -schossen drei feindliche Flugzeuge ab.

Der Chef des Generalstabs.

W. T.-B. Sofia, 4. Okt. (Drahtbericht.) Generalstabs­bericht: Mazedonische Front: Auf der Front schwache Artillerietätigkeit, die etw is lebhafter zwischen dem Wardar- und dem Doiran-See war. Im Wardartal und an der Struma lebhafte Fliegertätigkeit. — Rumänische Front: Das Artilleriefeuer war lebhafter bei Tulcea und östlich von Galatz.

W. T.-B. Konftantinopel, 4. Oft. (Drahtbericht.) Gene­ralstabsbericht: Euphrat-Front: Vier feindliche Panzer- automobile versuchten gegen unsere Stellungen vorzugehen, wurden aber von unserem Feuer überrascht und zurückge- trieben. — Kaukasus-Front: Zwei russische Kom­pagnien, die in unserem rechten Flügelabschnitt einen Hand­streich gegen unsere Gräben unternehmen wollten, wurden durch unser Feuer unter Verlusten zurückgetrieben. — Sinai-Front: Au verschiedenen Stellen der Front lebte das Artilleriefeuer auf. Am linken Flügel kleine Zusammen- stötze mit feindlichen Kavallcriepatron'.lleN. An den übrigen Fronten keine wesentlichen Ereignisse.

Der bulgarische MrnisterpräflSent über die Politik Bulgariens.

Br. Sofia, 4. Oft. (©& Drahtbsricht. Ab.) Der Bericht­erstatter der „Voss. Zig." batte eine Unterredung mit dem bulgarischen Ministerpräsidenten Radoslawow. Der Minister­präsident sagte: Es fft unrichtig, wenn man Ihnen gesagt, ein Wechsel in der 'Regierung stände bevor. Das Volk sieht seine nationalen Wünsche erfüllt. Ein Paar miß­vergnügte Sofioter ausgenommen, bezweifelt niemand, daß das Eroberte auch behalten wird. Sie scheinen zu fürchten, ein Wechsel der Regierung könnte die Grundlagen des Bünd­nisses erschüttern. Auch dies halte ich für völlig ausge­

schlossen. Die Partei der Oppositionellen, die frilbe: russophil gesinnt waren, würden, kämen sie ans Ruder, weder in der Lage noch auch nur gewillt sein, ihre früheren politi­schen Sympathien zu verwerten; denn Rußland ist gegen­wärtig ein viel zu problematisches Gebilde, um einen bündnissähigen Staat zu bedeuten. Die Welt kennt unser Ziel, es ist mit einem Wort die Einigung aller bulgarischen Länder, die wir 'erstreben und erreichen müssen: Mazedonien bis südlich Monastir und der bulgarischen Morava, die Dobrudscha bis zur Douauinündung. Diese Forderung widerspricht keineswegs dem Grundsatz des annexionslosen Friedens, den wir wie der Papst propagieren. Historisch liegt es klar, daß es sich nur um Desannexto­nen handeln kann. Das Gespräch wandte sich griechischen Dingen zu. Wir sind V e n i z e l o s' Feinde, sagte Rados- lawow, denn er' will Mazedonien, Konstanttnvpel und die Küste Kleinttsiens, Aber ans dem gleichen Grunde sind wir für K ö n i y K o n st a n t i n, dessen Politik erst Venizelos zu­widerlies. Wir wären bereit, falls in Mtgriechenlamd das Chaos ausbrechen und die Deutschen dann die Offensive aus- nshmen sollten, die entsntistische Orientarmee im gro­ßen Stil anzugreifen, ins Meer zu werfen, und so viel­leicht das Land mit den känigstveuen Griechen seinem amge- itammten König zurückzusühren. Ich bin überzeugt, daß die Türken und mich die Deuffchen nicht ruhen werden, ü i s Bagdad z u r ü ck g ew o n n e n ist, das für die Türken einen vitalen Punft bedeutet. Die Bülgaren wären jederzeit bewert, dem Türken bei diesen Operationen zu helfen, wenn man urcs ruft.

England.

Dir englischen Verluste.

Nr. Amsterdam, 4. Oft. (Eig. Dcahtbericht. zv.) Die englischen Verlustlisten für den Monat September nennen insgesamt 2138 Offiziere und 102 200 Mann für die Armee und 100 Offiziere und 614 Mann für die Flotte. Im August E einigen die Totalverluste bei der Armee 6284 Offizier« und 62404 Mann.

Zur Friedensbewegung in England.

Om. Rotterdam, 4. Okt. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die „Morning Post" ist sehr erzürnt über die Vorrede, die Lord Gr eh zu Wiffons gesammelten Kriegswden geschrie­ben hat. Besonders der Satz' in dem Vorwort Grehs, daß, so­bald die deutsche Regierung Wilsons Ansichten über die Kriögsgmndsätze zustimme, in England und anderen EntÄtte- ftaaten eine starke Bewegung für den Frieden einfetzen werde, erregte den Zorn /des Blattes. Greh, so sagt die „Mavntng Post" — gehört zu jenen gefährlichen Menschen, welche meinen, daß V e r h a n ü l u n g e n an die Stelle der Entschei­dung durch die W affe tteten könnten.

Kündigung der Abkommen mit de» englischen Importeure».

W. T.-B. Kopenhagen, 4. Okt. (Drahtbericht.) „National Tidende" meldet aus Chriftiania: England hat seine Ab­kommen mit den Importeuren gekündigt. Kürzlich wurde das Abkommen mit den Importeuren der Fettwarenbranche gekündigt, nun folgte die Kündigung des Getreide- und Mehl- abkommens, die die zwei wichtigsten Abkommen darstellen. Weitere Kündigungen werden erwartet.

Italien.

Erfolgreiche Angriffe auf die italienischen Flughäfen.

W. T.-B. Wien, 4. Oft. (Drahtbericht.) Aus dem Kriegs, pcessequactier wird gemeldet: Die österreichisch-ungarischen Seeflieger voll führten in den letzten Tagen des September innerhalb dreier Tage zwei Angriffe auf die italienischen Flughäfen Ancona und Ferrara und zerstörten dabei zwei feindliche Lufffchiffe. » '

Rußland.

Die demokratische Konferenz.

— Stockholm, 4. Oft. (gib.) Der demokratische Kongreß in Petersburg hat mit 610 gegeri 585 Stimmen den Arttrag der Maximciliisten auf eine Kundgebung für sofor­tige Fr ied e nsverhandlu ngen von den Tagesord­nung abgefetzt, also mit einer Mehrheit von nur 2 5 Stimmen bei annähernd 1200 Sttminbevechtigten.

Amerika.

Wilson gegen den Wirtschaftskrieg nach dem Kriege.

Br. Basel, 4. Okt. (Eig. Drahtberichk. zb.) Die Lon­doner „Morning Post" meldet aus Washington: Präsident

Wilson verlangt in einer Note an die Allierten die Aufgabe des Beschlusses der Pariser Wirtschaftskonferenz, nach dem Friedensschluss den Wictsihrftskrieg gegen die Mittelmächte fortzusetzen.

Bruch Costariras mit Deutschland.

W.T.-B. Berlin, 3. Wt. Einer amtlichen Mit- teilung der spanischen Regierung zufolge hat die Regie­rung der Republik Costarica die diplomatischen B e- Ziehungen zum Deutschen Reiche abgebrochen. Wegen der Übernahme des Schutzes der deutschen Inter­essen durch eine neutrale Macht ist das Erforderliche in die Weae neleitet.

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