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Donnerstag, 20. September 1917.

klbend-klusgabe.

Nr. 480. . SS. Jahrgang.

Zrankreichs Uriegrwille.

Das Programm der neuen französischen Regierung ist eine neue Urkunde des Kriegswillens der Franzosen. Da in den Ententeländern die Lüge aufgehört hat, di- ihr Verfallenen, zu entehren, wird Frankreichs Er­oberungssucht als Ursprung seines Kriegswillcns mit beispielloser Schamlosigkeit abqeleugnet. In dem­selben Atemzuge, in dem Painlev6 versichert, datz Frank­reich den Krieg nicht fortsetze, um zu erobern oder sich zu rächen, sondern lediglich zur Verteidigung seiner und,, der Welt Freiheit, wiederholt er den Ruf nach der Rückeroberung Elsaß-Lothringens! Die Einkleioung dieser Eroberungssucht in die Redensart der „Des­annexion" Elsaß-Lothringens genügt offenbar den Franzosen als Mittel, das sie mit dem Schwindel ihrer Regierung sich abfinden läßt. Vortrefflich paßt zu einer derartigen Methode glatter Verlogenheit die Be­teuerung, daß Frankreich einen „gerechten" Frieden wolle, durch den lein Volk unterdrückt werde. Jur Munde von Erobernngspolitikern, die nicht nur Straß­burg und Metz, sondern auch das linke Rbeinufer be­sitzen möchten, um von hier aus das deutsche Volk in ohnmächtiger Abhängigkeit zu erhalten, erscheint jene gleißnevische Versicherung schlechthin widerwärtig.

Die stolze Erklärung, daß Frankreich den Kampf fortsetzen werde, bis seine Ziele erreicht sind, schreckt uns aber um so weniger, je deutlicher Painlevös Pro­gramm selbst verrät, daß die Hoffnungen, auf Grund deren Frankreich es erreichen zu können wähnt, durch die Eifahrungen dreier Kriegsjahce als nichtig er­wiesen sind. Mein zur Stillung seines Rachevcrlan- gens außerstande, muß Frankreich vor aller Welt zu- geben, daß die „einheitliche Fron t''. von der die Ententepresse seit langer Zeit kabelt, immer noch nicht hergestellt ist. Painlevss Beschwörung, jetzt endlich diese Einheitsfront zu verwirklichen, nimmt sich im Zusam­menhänge mit seinem Hinweis auf Frankreichs unge­heure Blutopfer wie ein Notschrei aus. Das Einge­ständnis der „peinlichen E n t t ä u s ch u n g e n", die Rußland den Franzosen bereitet, läßt jene Eigen­schaft der Beschwörung Painlevös noch schärfer hervor- treten. Von Amerikas Hilfe aber, die im Gegensatz zur russischen Enttäuschung herauszustreichen nahe gelegen hätte, spricht Painlev6 so schamadenhaft, daß Ribots einschlägige Fanfaren damit preisgegeben werden. Sehr begreiflich ist daher die besondere Eindringlichkeit, mit der das Ministerium Painlevd zur Sainmlung aller materiellen und moralischen Kräfte des Landes aufruft. Daß jedoch gleichzeitig die Strenge des Gesetzes den französischen Friedensfreunden angedroht wer­den muß, zeigt die Stärke der moralischen Widerstands­kraft Frankreichs nicht im glänzenden Lickte.

Wie immer dem sei: di? Fortdauer des fran­zösischen Kriegswillens und die Entschlossen­heit der Pariser Regierung, den Krieg „nicht eine Minute zu früh" zu beenden, sind Tatsachen, mit denen das deutsche Volk ohne Selbsttäuschung rech­nen muß. Insbesondere die Reichstags m eh r- h e i t, die sich von ihrer Friedensresolution Wunder­wirkungen versprach und verspricht wllte Frankreichs von neuem bekundete kriegerische Entschlossenheit rich­tig würdigen.

In wenigen Tagen werden wir den Wortlaut der Antwort kennen lernen, die auf die Friedens­note des Pap st es von feiten der deutschen Regie­rung abgegangen ist. Es muß natürlich damit gerech­net werden, daß die in der Fciedmsresolutron des Reichstags gezogene Linie in dieser Antwort innege­halten worden ist, da der Freie Ausschuß beim Reichs­kanzler ihre Grrmdzüge einstimmig gebilligt hat. An­gesichts der feststehenden Tatsache, daß die in der Be­ratung am '11. September, die beim Kaiser stattfand, erzielte Einmüftgkeit aller zur Mitwirkung berufe­nen Faktoren auch bte Zustimmung der ober­sten Heeres he itun g in sich schloß, wäre es aber verfehlt, die krassen Befürchtungen zu teilen, die von alldeuffcher Seite gehegt werden. Es wird zwar nichts gefordert werden, was nur durch die-äußerste Gewalt- samkeit und in endlosem blutigen Ringen vielleicht er­reichbar wäre, aber es wird annehmbarerweise auch auf nichts verzichtet werden, was wir als nationale Lebensnotwcndigkeit brauchen.

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Die weitere« Erörterungen in der Kammer.

W. T.-B. Paris, 20. Sept. (SCßence Havas.) In der Deputierteukammer fragte Lemery, welche Maßnahmen die Regtermig ®agtev\m werde, um ein Einvernehmen mit den Verbündeten , für eine vernünftige Kriegführung sicherzn- fidfert, und wies auf die Notwendigkeit hin, dem Lande eine klare Definition dafür zu geben, was fie unter Sieg und F r i e d e n-verstehe. Lemery ersuchte den Ministerpräsi­denten Painleve, ans die feindliche, von Stockholm und Rom ausgehende Initiative zu antworten. Der Abgeordnete kriti­sierte lebhaft Äe gegenwärtigen Anschauungen vom Krieg, der xin Krieg der Borräte fei. Der Svog werde dom Lands ge­

hören, dos die letzten Vorräte besitzen werde. Er erklärte darauf den Traum, das linke Rheinufer zu arrnektie- ren, für einen Anachronismus, wähnend Elsaß-Loth­ringen zu verlangen nur die Forderung des wieder gut zu machenden vergewaltigten Rechts fei. Deutschland glaubte, schloß der 'Abgeordnete, daß Vorrücken den Sieg bedeute. Als es Belgien verletzte, schuf es die Gesellschaft der Nationen. Das.Recht der Nationen müsse man sogleich ausabbeiten, an­statt die Verhandlungen abzuiwarten, bei denen die Verbün­deten sich ohne genaue Abmachungen untereinander Deutsch­land und seinen Vasallen alleinstehend gegenüber finden wür­den. Die Rede Lemerys wurde mit Beifall ausgenommen.

Zu der Interpellation über die allgemeine Politik der französischen Regierung in der Deputiertenkammer ist nach Lyoner Blättern noch folgendes nachzutragen: Chaulin- Serviniers führte aus, die Regierung müsse im Hinblick auf die großen Unternehmungen des nächsten Frühjahrs die Arm« während des Winters reorga- n i s i e,r e n. Der Redner verlangt von der Regierung zu wissen, ob sie bereit sei, selbst fernliegende Friedensverhandlungen einzuleiten. (Von den Bänken der Sozialisten ruft man: „Nein! lidein!" Die Regie­rung ist nicht so weit.) Chaulin fuhr fort: Warum gelingt es uns nicht, unsere Friedensztele darzulegen. Wir wären viel stärker, wenn wir sie genau umschrieben. I o b e «t warf Ribot vor, er habe das Parlament beschmutzen lassen. Das Beispiel Kornilows verwirre gewisse Ge­hirne. Eine käufliche Presse, di« aus Geheimfonds genähct werde, wolle sich am Parlament rächen. Wie das frühere Ministerium, ließe sich auch das heutige durch den Milita­rismus leiten. Deshalb würden z. B. die alten Fahres- klassen immer noch nicht fteigelassen. Augagneur trat sehr hettig gegen die Regierung ans. Es gebe überhaupt keine parlamentarische Kontrolle. Die Regierung setze sich leichtfertig über die Anwesenheit des -Parlaments hinweg. Die Militärbehörden mischten sich in die politische Führung des Kriegs. Augagneur griff so­dann Briand an, dar durch allerlei Umtriebe versuchte, wieder zur Macht zu gelangen.

. Das Vertrauensvotum der Kammer

W. T.-B. Paris, 20. Sept. (Drahtbeucht. Havas.) Am Schluß der Interpellationen über die allgemeine Politik der Regierung nahm die Kammer die Tagesordnung Paul Lasso nt, der der Regierung zu gestimmt hatte, mit 878 gegen 1 Stimme an. Die Tagesordnung billigt die Er­klärungen der Regierung und sagt, die Kammer vertraue darauf, daß die Regierung die Durchführung ihres Kriegsprogramms tatkräftig fortsetzen werde.

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Betriebseinstelluugcn in Calais infolge der Kohlenkrisis W.T.B. Bern, 20. Sept. (Drahtbericht.) „Petit Journal" meldet aus Calais: Infolge der Kohlenkrise wollen die gesamten Industrien der Ilmgegend von Calais, die nicht für Kriegsbedarf arbeiten, demnächst ihren Beftieb einstellen. Hierdurch würden Tau­fende von Arbeitern und Arbeiterinnen brotlos wer­den. Unter diesen herrscht große Erregung.

Eine neue Skandalaffäre in Frankreich?

Br. Genf, 20. Sept. (Eig. Drahtbericht, zb.) In den Wandel, ganzen der Kammer wird lebbaft über eine abermalige Skandal- affäre gesprochen. Es handelt sich laut „L'Oeuvre" um. die B e e i n - slusfung gewisser Regierungs st eilen. Eine hohe Persönlichkeit sei kompromittiert. Abgeordneter Türmer hat der Einladung zum Untersuchungsrichter nicht Folge geleistet, er soll vor ein Kriegsgericht gestellt werden.

Der Tagesbericht vom 20. September.

W. T.-B. Großes Hauptquartier» 20. Sept. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht.

In Flandern dauerte der starke Artillerie- k a m p f tagsüber zwischen Houthoulster-Wald und L Y s unvermindert an. Feuerstöße größter Heftigkeit lagern wechselnd auf einzelnen Abschnitten unserer Abwehrzone. Die Nacht unterbrach die gesteigerte Kampftätigkeit der Artilleriem affen nicht.

Gewaltigem Trommelfeuer am frühen Morgen felgten mit Hellwcrden nach den brsherigen Meldun­gen starke englische Angriffe auf breiter Front.

Heeresgruppe Deutscher Kronprinz.

Bor Verdun griffen die Franzosen gestern morgen und abends bei der Höhe 344 östlich von Samognieux, wo sie sich tags zuvor schon eine blutige Schlappe geholt hatten, wiederum ohne jeden Erfolg an.

20 feindliche Flugzeuge wurden abgefchossea. Bizefeldwebel Thom brachte auch gestern 2 Gegner im Lnft- kampf zum Absturz.

Östlicher Kriegsschauplatz.

Heeressront des Generalfeldmarichalls Prinz Leopold von Bayern.

Bei Dünaburg am Stochod, bei Brody und Tarnopol war die Artillerietätigkeit lebhaft.

Front des Generalobersten Erzherzog Joseph.

In der B u k o w i n a griffen die Ruffen westlich von Arbora an; sic wurden durch unser Abwehrfeuer in ihre Gräben zurückgetrieben, aus denen Maschinengewehr­feuer sic erneut hervorzutreiben suchte.

Mazedonische Front.

Nur im Cernabogen lebhafte Gefechtstätigkeit.

Der Erste Generalquartiermeister: Ludendorff.

Die Admiralstabsmeldung.

Ein französisches Flugzeug von einem Unterseeboot vernichtet.

W.l.-B. Berlin, 19. Sept. (Amtlich.) Neue Untersee­bootserfolge im Atlantischen Ozean und in der Nord- s e e: Bier Dampfer, ein Segler und ein Flugzeug. Dar­unter der bewaffnete englische Dampfer „R y d o n H a l l", mit 8400 Tonnen Weizen für England von Montreal nach Falmouth, der nach einem zweistündigen Artilleriegefecht nirdergekömpst wurde, zwei tiefbeladene Dampfer, einer da- von englischer Nationalität, der andere dem Aussehen nach der französische Dampfer „Afrique", ferner der französische Dreimastschoner „Sadi Carnot", mit Salzfischen nach Fecamp, sowie das französische Fischerfahrzeug „Credurand".

Eines unserer Unterseeboote hat am 17. Sept. in den Hoofden das französische Flugzeug „D. 40" ver­nichtet und die drei Insassen, zwei Offiziere und einen Mechaniker» gefangen genommen.

Der Chef des Admiralstabes der Marine.

W. T.-B. Bern, 20. Sept. (Drahtbericht.) Der franzö­sischen Preffe zufolge ümrde der Dampfer „B r e t o n" der Messageries Maritimes Eo. am 8. August von einem deut­schen Unterseeboot versenkt.

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Die englische Heldentat gegen die flämischen Fffcher.

W. T.-B. London, 19. Sept. (Reuter.) Die Admiralität teilt mit, daß Marineflugzeuge am 15. September zwischen O st e Tt b c und Wlankenberghe einen Angriff aus feindliche Schiffe unternahmen. Ein großer Tor­pedobootjäger wurde mittschiffs getroffen und ein, wahrscheinlich aber zwei, Fiischdampser wurden versenkt.

Notiz des W. T.-B'.: Wie wir an zuständiger Stelle er­fahren, handelt es sich um einen möglichen Angriff ans eine flämische Fiffcherflodtille vor Ostende. Keins unserer Tor­pedoboote war in der Nähe, und eä ist daher auch keins ge­troffen worden. Alle Fischerboote und der sie schützende Dampfer liefen, wie 'bereits unter dem 17. September dg» kanntgegeden, unbeschädigt ein.

Die Umwälzung in Rußland.

Terestschenko, der neue Vizepräsident des russischen Miuisterrats.

W. T.-B. Petersburg, 20. Sept. (Drahtberscht. Telegraphen-Agentur.) Der Minister des Äußern Terestschenko ist zum Vizepräsidenten des Ministerrates ernannt worden.

Rücktritt des Bureaus des Arbeiter- und Soldatenrates.

W. T.-B. Petersburg, 19. Sept. (Meldung der Peters­burger Telegraphen-Agentur.) Angesichts der in der Voll­sitzung des Arbeiter- und Soldatenrates angenommenen Be­schlüsse der Maximalisten, die die Forderung ausstellten, daß die Gewalt von den Räten übernommen werde, ist das ge­samte Bureau des Arbeiter- und Soldatenrates zurückge» treten, nämlich der Vorsitzende Tscheidse und die stellvertreten- den Borsitzeiidcn Aniffimow-Gotzdad, Skobelew, Zerestelli und Tschernow Die Neuwahl des Bureaus wird ,n der nächsten Sitzung stcttsinden.

Das Dränge« der rusiischen Sozialisten nach Frieden.

8. Stockholm, 20. Sept. (Eig. Drahtbcricht. zb.) Das See Kerenski berufene Kabinett ist noch nicht zusammmgetreten, da die sozialistischen und sozialrevolutionären Politiker infolge Kerens- kis Haltung nach ter Niederdrückung des Kornilowschen Auf- standeS sich weigern, den Ministerpräsidenten zu stützen und für die bürgerliche Regierung Kerenskis nur geringe Sympathie zeigen. Kerenski führt in isolierter Stellung die Regie- rung ausschließlich mit dem Direktottuni. In sozialisttschen Kreisen verspricht man sich alles von der demokratischen Versammlung, die endgültig am 25 September zusammentritt und die einem allrussische» Kongreß der Arbeiter- und. Soldatenräte vergleichbar sein wird. Die Sozialisten nehmen an, daß diese Versammlung, in der die Stimmenzahl der V o l s ch e w i ck i s zweifellos bedeutend ist, einen Versuch macken wird, ein rein sozialistisches Ministe­rium zu bilden mtt zwei Programmansgab-n: Beendigung der Anarchie und Wiederherstellung des Friedens. Diese würden zunächst dmch Unterhandlungen mit den Verbündeten und mit der Annahme eines annexionslosen Friedenspro­gramms gesucht werden.

Straflosigkeit für das Zarcnpaar und Kornilow?

— Berlin, 20. Sept. (zb.) Die Regierung der russischen Republik hat, wie verschiedene Blätter beuchte t, die Amnestie für das Zarenpaar beschlossen. Das Zacenpaar soll seine Freiheit unmittelbar erhalten, nachdem die gesetzgebende Veffcnwmlung die neue Staatssorm Rußlands genehmigt und alle Mächte die neue russische Staatssorm anerkannt häben werden.