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Der ßirfcbfcbreier.

Von ßellmutb Unger.

ec Hölzcr-Toni ist stets ein Kerl gewesen, der Schneid und Kraft wie keiner hatte. So kannten ihn die Leute schon, als er wie ein rechter Harzbauernbub mit seinen Freunden das che.matdorf im Bodetal unsicher machte u»d die Berge durchstreifte, und später ist's niclst anders geworden.

Kraft und Forsche können dem Menschen als Lebensgaben ebenso leicht in die Wiege gelegt werden wie Reichtum und Würden. Damit war's aber in der Hölzer-Famiiie nicht weit her, und die eichene, ,quarrende holzwiege, die seit Jahren nicht mehr aus dem Ge­brauch gekommen war und die den Toni als fünften Buben zwisä>en ihren Brettern hielt, wäre für Goldes­glanz und Lebensprunk viel zu schlicht gewesen. Da aber der jüngste, der Toni, so lichtklare, blaue Augen hatte, Backen, die vor lauter Gesundheit wie Zinnober prahlten und Fäuste, die nicht einem hundertstündigen, sondern einem dreijährigen zu gehören schienen, gab ihm der liebe hecr- gott, was er nur den friscbesten Harzbuben schenkt, ein gutgemessenes Maß voll Kraft und Forsche.

Der Hölzer-Toni zeigte als Knabe die besten Eigen­schaften, vor allem hatte er ein Musikverständnis, das auffällig war. Dem hölzer-vater war wohl der Klang des Beiles vertraut, das in die Baumstämme sprang, um sie niederzustrecken. Darüber h naus g'ng es nicht. Außerdem war feine Kehle vom Knastcrrauchsn heiser. Die hölzer- Mutter hatte cs nicht weiter als zu einigen Volksliedern gebracht, die sie aus ihrer Zugendzeit und den Spinn­stuben her kannte, und die älteren Hölzerbuben zeichneten sich alle mehr durch Kraft als durch Schönheit ihrer Stimmen aus. Daß der Toni davon eine rühmende Aus­nahme machte, kann man nicht behaupten, aber der Dorf- fchullehrer sagte, er hätte „Verständnis". Dem war es auch zu danken, daß der Knabe ohne Entschädigung Geigen­stunden bei ihm erhielt.

Der Toni war ein dummer Kerl.

Zwei Jahre lang hatte er aust des Lehrers Geige herumgefiedelt, dann gestand er sich, daß dies Instrument nicht das richtige und seinen unbeherrschten Kräften ange­messen sei. Ls „ging ihm zu leise". Aus diesen Ge­danken wurde er durch einige reisende Musikanten ge­bracht, die auf der Kirmes zum Tanz aufbliesen.

Donnerwetter, da lag Schwung drin.

An dem Tanzabend ist der Toni garnicht von der Saaltür der Dorfschenke forlzubringen gewesen, nnd am nächsten Frühmorgen, als die angeheiterten Bläser im Wciterziehen noch ein fröhliches Lied in die Berge hinein­schmetterten, ist er vor Erregung zitternd ihnen nach- gclaufen. Zu seinem Glück hat er sie nicht mehr ein­geholt. Ganz von fern aber hat er noch den goldenen

^Nachdruck verboten )

G.anz der Tuben in der Sonne blinken gesehen, und diese Holle ist tief in seiner jungen Seele stecken geblieben.

Der Lehrer hat es ihm nie verziehen, daß er ihn in, Stiche ließ und der Toni hat es, da er ja doch keine richtige Trompete bekommen konnte, mit der Kunst nichr mehr so recht ernst genommen, denn in den nächsten Jahren hat er im „Birkenmoor" auf Bezahlung des Förster- wirtes die Gießkanne geblasen, damit die Fremden, die im herbste zu Gaste kamen, auch etwas vom „Virübfchreien" hatten.

hier hatte er es bald zu solcher Meistersäzaft ge­bracht, daß es in allen Harzdörfern von Sülzhain herüber bis nach Suderode bekannt war, daß der Hölzer-Toni der beste Hirschschreier im harze war, und seitdem bat er diesen Namen.

Jedenfalls hat er nicht wenig Freude daran gehabt, den Stadtleuten etwas vorzuspielen, und der Wirt ist in der Schreizeii stets reichlich auf seine Kosten gekommen. So wäre es noch lange Jahre weiter gegangen, wenn der Toni nicht zum Militär gemußt hätte. Seine Zeit war gekommen. An Körper überragte er seinen Vater um Haupteslänge. Die frische Kraft sprang ihm ordentlich aus dem wamms hervor, drum stellte er sich in der nächsten Stadl bei dem Infanterieregimente, in dem auch seine Brüder gedient hatten, und wurde genommen. Und in dieser Zeit bekam der Schimmer seiner Seele einen Glanz, daß er hell aufleuchtete. Der Toni wurde Hornist und kam zur Regimentsmusik.

Herrgott war das eine Zeit!

Die ersten, schweren Wochen der Anfangsstudien mit Lippenpressen, Atmungstheoricn und Fingerübungen gingen ja bald vorüber, sein Eifer a>n edlen Werke nahm zu lmd zu, und als er eines Abends sein „Behüt' dich Gott" zum ersten Male rein und klar von seinem Fenster ans über den schummerigen Kasernenhof blies, sagte der Musik- meister, der es zufällig init anhörte: es liegt „Seele" darin. Echte „Harzerseele" hätte er sagen sollen, denn die belaß der Hirschschreier wirklich.

Während feiner aktiven Dienstzeit konnte Toni aus viele schöne Stunden Mrückblicken, die ihm den Soldaten­dienst mehr als angenehm machten. Fast an jedem Abend war in irgend einem Saale Musik zu bieten, in einer Wirt­schaft zum Tanz aufzuspielen und der Toni ivar stets mit gleicher Begeisterung dabei, ob er die Pastorale Weise des „fdilgerchors" hinausposaunte oder eine Operetten­melodie über die Tanzenden dahinschmetterte. So wäre allgemach sein Leben wie das tausend anderer in der Alltäglichkeit untcrgegangen, wenn nicht der Krieg ge- koinmen wäre und den Hirschschreier ins Gedächtnis seiner Heimat zurückgerufen hätte.

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