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Verlag Laaggaffe 21

„Tagblatthaus".

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■»mafl«; für di- Äorgen-Ausg. bis s Uhr nachmittags. Berlmer Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin W., Potsdamer Str.lLIL. Fernspr.: Amt Lützow 6202 «.6203. UgeuL'Ken w7r?-L°Gcwäh?Ä^mM»

Sonntag, y. September 1917.

Morgen-Rusgabe.

Nr. 45». . 65. Jahrgang

Die llabinettrMfir in zrankreich.

Unser früherer Pariser Mitarbeiter schreibt uns:

Alexandre R i b o t ist am Ziele. Weder die Achtung vor seinem Alter und der Nimbus seiner Ehrenhastig keit noch die kaum zu übertreffende parlamentarische Geschicklichkeit, die er sich in jahrzehntelangem ministe riellen Wirken erworben, werden ihm etwas helfen. Selbst wenn ihm nochmals die „Umbildung" des Kabinetts gelingen sollte, würde die Linke nach dem am l8. September erfolgenden Wiederbeginn der Kammertagung ihrn kaum eine Gnaden frist gewähren. Der Radikalismus verzeiht nicht, daß einer seiner Führer, M a l v y, mit Skandal zum Rück­tritt gezwungen wurde.

Ribot hat Malvy nicht geschützt. Er hat ihin gewiß im Gegenteil nahegelegt, sich zurückzuziehen. Eine falsche Spekulation. Denn bei der Wiedereröffnung des Parlaments hätte sich herausgestellr. daß das Per bleiben des radikalen Führers und einflußreichen Frei maurers die Linke gegen die reaktionäre Ge­fahr zusammengeschart haben würde. Ribot, der selbst im Herzen, wie Poincarä, ein Rückschrittler und als Klerikaler ein alter Gegner Malvys ist, hat zwar von dem scheidenden Minister des Innern einen schönen Ab schiedsbrief erhalten, in dem es heißt, der Rücktritt er­folge um des inneren Friedens willen und um dem Privatmanns und Volksvertreter zu erlaubsn, sich mit aller Macht seiner Verleumder zu erwehren — jedoch wer in die Parteipresse hineinblickt, erkennt den heißen Groll, der die Linke wegen dieses Sturzes erfüllt. Ribot wird fallen.

Zur Freude der Reaktion hat der immer noch als Demokrat eingeschätzte George C l c m e n c e a u ihr die Hauptarbeit geleistet. Mit grausamster Kunstfertigkeit bediente sich der „Fesselmann" diesmal der Schuh- schnüre, die Almereyda geheimnisvoll int Gefängnis den Hals zuzogen, um zugleich Malvv zu erdrosseln. Clemenceau scheute vor den perfidesten Anspielungen nicht zurück. So hat er zwar endlich die Zertrümme­rung des Kabinetts Ribot erreicht, aber ob der Platz, den er frei machte, für ihn bestimnrt sein wird, ist eine andere Frage. Mit dem Hasse Malvys im Rücken, mit dem nicht geringeren Poincar6s, den er inimer aus per­sönlichen Gründen befehdet hatte, im Angesicht, wird Elemenceau jetzt selbst noch nicht seinen Moment für gekommen halten können. Die Sozialisten sehen rot, wenn man nur den Namen des einzigen Ministerpräsi­denten der beiden letzten Jahrzehnte nennt, der es sich geradezu zum Ruhme anrechnete, mit Gewehrsalven Streikende zur Raison gebracht zu haben.

. Die Ministerkrisis fällt in eine Zeit, wo die Gärung im Innern, wie selbst gutgesinnte französische Zeitun­gen nicht leugnen, ein höchst bedenkliches Stadium er­reicht hat. „Verheimlichen wir uns nicht", schreibt Senator Humbert im „Journal", „daß wir vor äußerst ernsten wirtschaftlichen Schwie­rigkeiten stehen. Das Problem der Ernährung und Zufuhr von Rohstoffen, das sich im dritten Kriegs jahr mit wachsender Schärfe stellte, wird im vierten noch verwickelter werden. Peinliche Stunden stehen be­vor. Dem Lande muß es gesagt werden. Es ist gut, wenn cs sich vorbereitet, geduldig und patriotisch immer wahrscheinlichere Leiden . zu ertragen . . . Die Lage unseres Ackerbaues ist kritisch. Die Getreideernte wird noch unzureichender wie die vorjährige sein. Das De­fizit wächst seit 1914 von Jahr zu Jahr. . . Der Regen­guß bedroht die Kartoffelernte . . . Der Weinbau ist besonders heimgefucht. . . Unseren Herden droht der Niedergang mangels Nahrung. Betrachten wir die Einfuhr. Frankreich, darf sich nicht bis ins Endlose ver­schulden. . . Dazu sind die Transportmittel bei zu­nehmendem Bedarf verringert. . . Schon hat die Le b e n s v e r t e u e r u n g einen beängstigenden Grad erreicht. . . Selbst wenn der Krieg in einigen Mona­ten zu Ende gehen sollte, würde die wirtschaftliche Be­drohung im nächsten Jahre ftirchtenswcrt sein."

Deutschland hat man aushungern und wirtschaftlich ruinieren wollen, und jetzt sitzt dem fruchtbarsten Lande, dem reichsten Volke selbst das Meiser ander Kehle, ohne jede Aussicht, daß der Feind im Innern zusammenbrechen würde. Ernest Lavi'se. der akademi­sche Pädagoge, der trotz aller Deutsche n Feindschaft kein vollkommener Feind der Wahrheit ist. schreibt im ^.Tenips": „Wenn es wahr ist, daß die Ermüdung sich bei uns wie bei allen Kriegfiihrenden geltend macht und daß man wie überall Egoisten. Schwächlinge uiid Aauwerdende findet, so betrachten wir doch unser Volk: nach drei Kriegsjahren wie diesen, nach aller Trauer, allen Ruinen halt es, erhofft den Sieg, will ihn, und gelbst wenn man es aufs tiefste verwirrt glaubt, wie in -den letzten iiblen Juni- und Jülitagen, plötzlich grüßt in Gestalt der Pariser Menge, mit Blumen' und Kranen die defilierenden Fahnen." Man muß da Mischen den Zeiten lesen: Lavisse schrieb das während «er V er -««".-O-fiervßj und ihren Anfangs­

erfolgen. Inzwischen verebbte diese Offensive wie die in Flandern, folgte auf die Räumung-Gali­zien s und Mackensens Vorstoß jetzt das wuch­tige deutsche Ausholen >veit über die Düna und Riga hinaus. Daraus kann wieder jeder denkende Franzose ermessen, wieviele Jahre der Deutsche noch „halten" könnte, wenn man sein Land zertrümmern wollte! Und Lavisse hält es schon in den Verdun- Tagen für nötig, wieder davor zu warnen, daß man den Soldaten und den Leuten im Hinterlande keine Ver­sprechungen mache, die sich nicht erfüllen würden. Man möge ihnen die ganze Wahrheit sagen . . .!

In der Sttmmung, die sehr der vom Jun: und Juli gleichen dürfte, und während die französischen Sozia­listen Klarheit über das französische Kriegsziel fordern, muß jetzt die Ministerkrise gelöst werden. Man darf gespannt sein, wie das gelingen wird.

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Kn. Bern, 8. Sept. (Eig. Drohtbericht. -zb.) Die Pariser Blätter melden, daß der gestrige Mrnisterrat sich, mit den gesamten militärischen und politischen Angelegenheiten be­schäftigte. Der Rücktritt des Kabinetts sei durch die allge­meine Lage veranlaßt worden. Der Fall Rigas habe nur den letzten Anstoß gegeben. Nach Meldung der Radio-Agentur soll auch der Rückschlag in der militärischen Lage Rußlands nicht unerheblich mftgewirkt haben, das Ministerium zur Demission zu bewegen. Die Presse iwr Linken unterstützt Clemenceau und fordert ihn auf, in seinem Kampf gegen Ribot nicht nachzulassen und dem Ministerpräsidenten keine Zeit zum Aus­weichen zu geben. „Humanite" verlangt eine Regierung der Tat. Wenn Ribot gehe, müsse ein sozialistisches Ministerium kommen. In Kreisen der Gewerkschaften glaubt man, Clemenceau führe seinen Feldzug aus ehrgeizi­gen Beweggründen. Es wird auf die arbeiterfeindliche Poli­tik hingewiesen, der Ribot zu sehr nachgegeben habe. „Pra- gres" betont, die Krise sei a istzerg ewöhnlich ernst, da die gesamten politischen Zustände sich von Grund aus ändern mühten.

Keine Teilnahme der französischen Sozialisten an der Kabinettsbildung.

W. T.-B. Paris, 8. Sept. Die Kammergruppe der ver­einigten Sozialisten verwarf eine Entschließung gegen die Teilnahme der Sozialisten an der Kabinettsbildung und nahm eine Entschließung Renaudel für die Teilnahme an einer „Regierung der nationalen Verteidigung" im Sinne kräftiger Fortführung des Krieges und einer den Interessen der Arbeiterklassen angepaßten republikamschen Politik an.

Eine neue Rede Lloyd Georges.

Lloyd George hat eine Rede in Birkenhead ge. halten, in der er sagte: Die deutschen Staats,

mänuer und die deutsche Presse mögen sich die größte Mühe geben, um dem deutschen Publikum glauben zu machen, die Zahlen, die im Unterhause über die

Verluste infolge der Unterseeboote und über die Maßregeln »um Ersatz der Verluste gegeben wurden, seien unrichtig. Die bloße Tatsache aber, daß sie sich vor diesen Ziffern fürchte,:, zeigt schon, wie bange sie davor sind, daß den deutschen Hoffnungen der Boden entzogen wird. Ich sah gestern die vom Ministerium des Äußern stammenden Ziffern, die eine deutsche Agentur verbreitete. Die Verluste sind in der Tat unglückselig genug, aber die Zahlen, die ich im Unterhause mitteilte, waren richtig. Obgleich die Zahlen, die ich für den zukünftigen Schiffsbau gab, abhängig sind von der Kraftentwicklung der bei dieser Arbeit beteiligten Normten und Arbeiter, so bin ich doch überzeugt, daß der Feind nicht i m st a n d e sein wird, die Kräfte des Reiches lahm zu legen oder die Hoff­nung der Alliierten vernichten zu können, wie sehr sich auch die Unterseeboote anstrengen mögen.

Lloyd George ging nunmehr auf die Verhältnisse Ruß­lands über uub führte hierzu aus: Ich habe stets den grüßten Wert darauf gelegt. Ihnen tie Wahrheit zu sagen. Ich habe geglaubt, daß in Rußland die Ordnung rascher wiederhergc- stellt werbe, aber ich mutz rmmer wieder zur Geduld mahnen. Die russischen Führer sind tapfere und patriotische Männer, die wissen, was geschehen wird, wenn Rußland geschlagen werden sollte. Rußland Gebrcte werden dann gründlich über­wältigt werden und wie Belgien würden viele Gebiete für immer Rußland genommen werden. Die Deutschen spreche:, bereits von

Riga,

das sie vor ei rügen Stunden erobert haben, wie von einer deutschen Stadt. Ich bin überzeugt, daß die russischerr Führer wissen, daß die demokratische Regierung Rußlands gegen- wärtig ein Märtyrertum ducchmacht. Wir müssen uns vor Augen halten, daß die russischen Führer eine Maschine wiederberstellen müssen, die d u r cha u s ver­fahren war, und das geschieht unter der Wirkung des Krieges. Sie müssen eine jahrhundertelange Mißwirtschaft unter den schlimmsten Verhältnissen wieder gutmachen.

Wir müssen Geduld haben und das Vertrauen, daß es ihnen schließlich noch gelingen wird, denn Jk kch die FrerhAt -ruckw aeÜäM wird. ,

wenn die Heere des Kaisers bis nach Petersburg Vordringen. Ich bin davon überzeugt, daß der Zusammenbruch Rußlands der Scche der Demokratie der ganzen Welt schweres Übel zufiigen würde.

Ermutigend ist es, daß es den Deutschen nicht gelungen ist, Unfrieden zwischen den Alliierten des Westens und des Ostens zu säen. Warum machren die Deutschen ihren Einfall nicht vor Ddonoten? Sie taten es, aber nicht mit Heroen, sondern mit Agenten. Wenn Deutschland nun mit Kanonen kommt, so geschieht es, weil die Agenten kerne Erfolge hatten. Auf der großen Konferenz in Moskau wurde' die Angelegen­heit und die Seche der Alliierten und die Aufrichtigkeit in der Erfüllung seiner Vertragsverpflichrungen überhaupt nicht zur Diskussion gestellt.

Der deutsche Versuch, de» Krieg als eine Machenschaft Englands hinzustellen,

fand keinerlei Eingang. Rußland kam in den Krieg, weil es die Seche Serbiens aufnahm, Frankreich durch seine feier­liche Zusicherung, Rußland beizustehen, Belgien, weil es der direkte Weg nach Frankreich war, und England, weil es fern Wcrt verpfändet hatte, Belgien zu schützen.

W. T.-B. London, 8. Sept. (Drahtbericht. Reuters Lloyd George sagte in seiner Rede zu Birkenhead werter:' Rußland war der Erste im Kampf, nicht der Letzte. Die Führer der russischen Demokratie hätten, wenn Rußland 1914 eine Demokratie gewesen wäre, es ebenso wenig zugegeben buben, daß ein kleines Land durch eine Kombination mili­tärischer Autokraten zertreten würde. Gleichviel, Tatsache ift, daß die Maschinerie in Rußland zusammen­gebrochen ist. Kerenski und seine Kollegen stehen vor der ftirchtbaren Aufgabe, die Mißwirtschaft' von Jahrhunderten wieder gut zu machen, und das unter dem Feuer der deutschen Kanonen. Ich glaube, daß die russischen Minister chrer Auf­gabe gewachsen sind. Was England tun kann, um Rußland zu helfen und seine Kräfte wieder zu beleben, wer­den wir alle gern tun. Lloyd George fuhr fort: Wemr dunkle Wolken über Rußland lagern, so liegt der Sonnen­schein auf allen Verbündeten auf den anderen Kriegsschauplätzen. Lloyd George feierte sodann die angeb­lichen Triumphe der Italiener, den Widerstand der Rumänen und die Siege der Alliierten an der Westfront. Zum Schluß) wies Lloyd George auf die bevor st ehende Hilfe Amerikas hin, das noch niemals besiegt worden sei, uns bat seine Zuhörer, guten Mutes zu sein und durchzuhalten.

-» .

Nachträgliches von der Londoner Sozialrstenkonferenz.

W. T.-B. Christians« 8. Sept. ,Drahtbericht.) Gestern ist die russische sozialistische Abordnung auf der Rückreise aus London durch Bergen gekommen. Sie besteht aus dem Arbeiter Smirno, den Rechtsanwälten Goldenberg und Clrtch und dem Journalisten Russonow. Letztere äußerten laut Bergens „Aston- bladed", der Hauptstreitpunkt auf der Londoner Konferenz sei gewesen, ob man sich vor der Räumung der besetzten Gebiete in Friedenserörterungen eiulasscn soll. Ein ablehnender delgischer Vor­schlag sei verworfen worden, was als Zeichen für die wachsend?

F r i e d en s s eh n su ch t in den Ländern der Entente anzusehen sei, die in Frankreich und England stark zu genommen habe. Besonders die französischen Sozialisten arbeiteten kür die Be­schickung der Stockholmer Konferenz, die sie trotz ver Drohung tzei Regierung, die Pässe zu verweigern, sicher erreichen würden.

zb.1

Der Krieg gegen Italien.

Trostlose Lage in Italien.

Zunahme der revolutionären Bewegung.

Hi. Karlsruhe, 8. Sept. (Eig. Drahtbericht.

Dem „Berner Tagebl." wird von der italienischen Grenze gemeldet, daß die Stimmung in Italien ge« radezu trostlos sei und einem inneren Zusam­menbruch zu st rede. In Stadt und Land herrsche tiefste Niedergeschlagenheit. In allen Städten arbeite» ten U m st u r z k o m i t e e s, die von den offiziellen Sozialdemokraten organisiert werden. In Rom fand dieser Tage eine Versammlung der Parteiführer dep offiziellen Sozialisten hinter verschlossenen Türen statt. Die interventionistische Presse will in der Lage sein, mitteilen zu können, daß diese Konferenz nichts cmderes als den Tag des Ausbruches der Reoolutiott festgesetzt hat und daß in ihr die Anwendung «ner Gcneralsabotage beschlossen wurde. Der groß; Revolutionstag soll im Oktober festgesetzt sein, er soll - inrelcitet werden durch einen Streik der Jndustrie- irnd Verkebrsarbeiter und mit einem Streik im Zcituncswesen.

Heftige Strastenkämpfe in Turin.

W. T.-B. Bern, 8. Sept. (Drahtbericht.) Die „Berner Tagwacht" meldet, daß in den Straßen Turins sich heftige Kampfe abspielten, in denen selbst Artillerie ringe» griffen hat. Biele Arbeiter und Sozialisten wurden ver­haftet.

Ein ntifftiebrger Minister.

W. T.-B. Bern, 8. Sept. (Drahtbericht.) Laut „Corrieve della Sera" haben die Vorstandsmitglieder der radikalen iSssormsczialisten, Nationalisten, Republikaner, sowie errriM üäs&teen der sidcmokratWen und liberale» Prochere« rn jpM