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Die verschleierte Zukunft.

Ist es für den Einzelnen oft gut, daß er nicht in die Zukunft sieht, dann ist es für das Ganze gewiß nock besser. Wüßte die Staatsklugheit immer, welche Ernte der Same bringt, den sie mit vollen Händen ausstreut, wahrhaftig, sie ließe den Boden oft unbe­stellt. Der Trost bleibt darum in vielen Fällen den Hilflosen und Schwachen, daß sie von dem Unverstände und den Fehlern der Mächtigen und Großen er­warten dürfen, um was sie sich vergebens an ihre Weisheit und Gerechtigkeit gewendet haben. Das be­greifen die nicht, die nur der Gewalt vertrauen. Es ist nicht leicht, bei großen Ereignissen das Zufällige und Vorübergehende von dem Notwendigeil und Bleibenden zu unterscheiden; und hätten wir auch immer Einsicht genug, um das zu können, dann würden unsere Nei­gungen und Interessen uns doch oft irre führen und uns die abstoßende oder anziehende Seite der Dinge zukehren, je nachdem sie mit unserem Vorteil oder Vorurteil, mit unserem Hasse oder mit unserer Liebe zusammenhängen.

_ Joh. Weitzel ( 1823 ).

Ein Traum.

Novelle von Gustav Ullmann.

Autorisierte Übersetzung aus dem Schwedischen.

An einem milden Sommerabend lagen Sigge und Albin draußen im Marösund beim Fischfang. Seit ihrer frühesten Kindheit gute Freunde, hatten sie sich auch durch die schweren Matrosenjahre gemeinsam durchgerungen. Auf ihrer letzten langen Tour wollte Sigge eigentlich ansrnhen, doch Albin überredete ihn, auf der Schule auszuhalten, uni als ehrlicher Kerl heimzukommen. Nun hatten sie sich auf Albins Vorschlag einen gemeinschaftlichen Kutter zum Fisch­fang angcschasft.

So trugen sie nun wie Brüder Arbeit und Verlust zu gleichen Teilen und waren unzertrennlich bei der Arbeit draußen wie bei Tanz und Spiel zu den Sonnabendbällen im Dorf. Albin hatte seit seinen ersten Lebensjahren kein eigenes Heim mehr. Doch Sigges Mutter, eine recht wohl­habende Lotsenwitwe, hatte sich des elternlosen Knaben an- nommen und ihn als den besten Kameraden und Freund ibres Sohnes in ihrem Haus erzogen. Er war ein Muster von Fleiß und Ordentlichkeit, und dieses Beispiel konnte der hitzige, unbeständige Sigge gar wohl gebrauchen.

In ihre Angelegenheiten mischte die Alte sich nie hinein, «fit allerwenigsten in ihre Herzensangelegenheiten. Doch ohne zu fragen, wußte sie durch ganz unmerkliche Beobachtungen Bescheid über jede Veränderung in ihrem Leben.

Seil einiger Zeit hegte Sigge einen Zukunftswunsch, den der sonst so Vertrauensvolle vor Albin verbarg, denn er ahnte, daß er nicht des Freundes Beifall finden würde, und wollte nicht vorzeitig ihr ruhiges Beisammensein stören. Es hat Zeit, bis es klipp und klar ist, dachte er. So sprach er auch heute abend von allem möglichen anderen.

Plötzlich begann der schweigsame Albin mit einem zu­friedenen Lächeln in dem häßlichen, breiten, gutmütigeil Gesicht, dessen Unterkiefer hervortrat wie ein kräftiger Bootü- bug. Ein ungewohnter, gleichzeitig verlegener und froher Klang seiner Stimme machte Sigge aufhorchen.

Du diese Martha, Martha Ääll du weißt ja."

Sigge parkte den Nuderstock und biß die Zähne zu­sammen. Ob er wußte!'Seit vierzehn Tagen ging er wie

ein Wahnsinniger umher vor Verliebtheit in Martha. Er hatte mit ihr getanzt, gescherzt und geflüstert, wo es irgend anging, doch noch nicht gerade viel Erwiderung gefunden. Dennoch hatte er sich darauf versetzt. Sie wollte und mußte er 'haben keine andere. Und nun 'Plötzlich fiel ihm ein, daß auch Albin viel mit Martha getanzt hatte. Doch was tat das, dachte Digge, Mbin war ja so häßlich, mit einer solchen Schaufel von Mund ist man nicht nach dem Geschmack der Weiber, obwohl Weiber einen merk­würdigen Geschmack haben. Jedenfalls nicht nach Marthas! Das ist nicht möglich! Doch ein tüchtiger, braver, ordent­licher Kerl war Albin. Das wußte ja Sigge am besten.

Nun, Albin," sagte Sigge lächelnd,was ist's mit der Martha?"

Die ist gut, die" murmelte Albin.

Das glaube ich auch," meinte Sigge

Albin trällerte. Es klang wie das sonnenfrohe Summen einer Hummel.

Also, das hast du gemerkt," fügte Sigge spöttisch hinzu. Die sicheren, sinnenden Mienen des Freundes wurden ihm unerträglich.

O ja, wahrlich, das Hab' ich, lange schon."

Was? Wie? Was bedeutet das?" schrie Sigge, mit Mühe seinen neckenden Ton beibehaltend. .Du bist wohl gar verliebt in sie, du, Albin? Was? Aber den Fisch ziehst du wohl doch nie heraus, mein Junge. Dazu taugst du sicher nicht."

Albin antwortete nicht gleich. Sigge sah durch die Dämmerung, wie das grobe Gesicht gutmütig lächelte.

Das wirst du ja sehen, lieber Sigge. Ich sage nichts weiter. Doch es wird nicht gar so lange dauern, wenn ich lebe und gesund bleibe."

Jesses! Willst du sie heiraten, du?"

Hm, du wirst's ja sehen."

Da verlor Sigge das Ruder und die Besinnung. Ec wußte selbst nicht, was er tat. Mit ein paar gebückten Sprüngen erreichte er die Reling, ergriff den Kameraden von hinten und stürzte ihn kopfüber in's Wasser.

Tief war es nicht, denn sie hatten sich recht nahe an die Schären gewagt, und Albin konnte schwimmen. Doch mit den hohen Stulpenstiefeln und der groben Wolljacke war es in den Grundklüften, die mit dichtem, verstrickendem Tang gefüllt waren, schwer, sich herauszuziehen. Als Albin pustend und ringend wieder hochkam, riß Sigge den Boots­haken an sich und stieß ihn dem Freund in den Kopf. Dieser rief nicht um Hilfe. Er sank zum zweitenmal, machte im Tang unten nochmals einen ohnmächtigen Versuch, sich zu befreien und hochzukommen. Zwischen ein paar glatte Felsabhänge gepreßt, blieb er, wo er war besiegt.

Ein Jahr nach Albins Tod verlobte sich Sigge mit Martha Gäll.

Sie hatten viel von ihm gesprochen, warm und freund­schaftlich, doch mit der Zeit rührten sie immer seltener an diese traurige Erinnerung. Sie hielten das Gedächtnis des Freundes in Ehren, vermieden es aber, je enger sic sich aneinander banden, desto mehr, seinen Schatten auf ihren Liebesweg fallen zu lassen.

Doch in Sigges Heim, das ja so lange auch Albins getpesen war, lebte sein Gedächtnis in allen Ecken. Auf dem Bureau stand sein und Sigges Bild als Knaben, ein größeres hing im Muschelrahmen über dem Sofa.

Sigges Mutter traf die Todesbotschaft ain allerhärtesten. Als ihr Sohn mit dumpfer, gebrochener Stimme erzählte, daß Albin in das Meer gestürzt und ertrunken sei, da verfiel die sonst so starke und lebensgeprüfte alte Frau tu krampf­haftes Weinen und stieß nur die wunderlichen Worte hervor;