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Verlag Langgasse 21

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Dienstag» 28. Kugust 1917.

Morgen-ktusgabe.

Nr. 435. . 65. Jahrgang.

Der biebener-5lu§schutz.

Der neue Siebener-Ausschuß, der heuie zum ersten Male zusammentreten wird, um über die Papslnote schlüssig zu werden, ist, man darf Wohl sagen, von allen Parteien und in allen politischen Lagern mit einem Gefühl begrüßt worden, das zwischen Neugier und Mißtrauen schwankt. Neugier. Mer in diesefreie Kommission" gewählt ist die Parteien haben ja so­fort ihre Männer genannt, der Bundes rat ließ noch aus sich warten, Neugier: was wohl für die eigene Par­tei oder die eigene Meinung dabei herausspcingt. Und Mißtrauen: Was wohl die Regierung mit der Neu­bildung (ohne Änderung der Reichsvecsassungj will, ob Aufhaltung oder Förderung der Parlameutarisierung beabsichtigt ist, wie sich die Funktion des Ausschusses in das bestehende Staats reckt einiügt und ob es sich wirklich um einen Schritt zur Besserung unserer inner- politischen Zustände handelt. Berechtigte Sorgen stei­gen auf, ehe das neue Kollegium in Tätigkeit getreten rst. Ist es ein parlamentarisches Gebilde oder eine Regierungsbehörde? Der Reichskanzler, der den Vor­sitz darin führen wird, sagt, es sei keines von beiden. In den Vornotizen, ehe der Kanzler ans dem Haupt- guartiec zurückkam, wurde der Ausdruck G re min in ge­braucht. Gremium ist lateinisch und bedeutet: Mitte, Schoß, Gemeinschaft. In der Mitte zwischen Reichstag und Reichsregierung ist eine Ge­meinschaft geschaffen. Aber die Mitglieder der Ge­meinschaft seien, so sagte Herr Dr. Michaelis ausdrück­lich im Hauptausschuß, nicht anfzufassen als Vertreter des gesamten Reichstags oder des gesamten Bun- desrats. Sondern? Darüber hat sich der Reichs­kanzler bis jetzt nicht deutlich ausgesprochen. Er hat nur in einer zweiten Auseinandersetzung erklärt, es sei ausgeschlossen, daß in jedem einzelsten Falle der Vertreter der Partei oder der Regierung mit einer Instruktion in den Ausschuß hin eingeht oder nach der Beratung an die Partei Bericht erstattet. Wenn aber ein Parteiführer nicht im bestimmten Auftrag der Partei kommen soll und über seine Tätigkeit nicht Be­richt erstatten darf, ist er im Si.'benec-Ausschuß nicht Vertreter seiner Partei sondern nur der Politiker Soundso, dessen persönliche Meinung man hören will. Er ist aber auch nickt der Vertrauensmann seiner Partei. Denn die Parteien wollen Festlegung und Aufklärung, keine Gekieimtzitigkeft des Führers. Da also schon das Vertrauen zwischen Führer und Par­tei ungesichert bleibt, wie soll sich die Beratung des Parteiführers mit den Rsgierungspertcetern ver­trauensvoll gestalten? Und welches Vertrauen soll man zur Entscheidung der vierzehn Mitglieder des Ausschusses haben? Die sieben Vertreter des Bundesrats sind wirkliche Vertreter der Regie­rung. Sie haben ihr? genaue Instruktion und sie haben auch von ihrer Tätigkeit Bericht und Rechenschaft abzu- legen. Sie sind fest gelegt! Sie haben auch voraus- sichtlich alle sieben nur eine Meinung. Die der Regie­rung! Die Parteiführer denken natürlich nicht einheit­lich. Im Gegenteil, sie sind wabrscheinlich 'ehr uneinig untereinander. Springt nur einer ab zur Meinung !-c r Regierung, so hat diese da? Ü b e r g e w i ck t. Springt keiner ab, tritt also die Volksvertretung als geschlossener Siebenerblock der Regierungs-Sieben ent­gegen, so gibt der Vorsitzende Reichskanzler, also wie­derum die Regierung den Ausschlag. Das sind ganz ungleiche Waffen! Man mag nun die Abstim­mung noch so geheim halten, die -Öffentlichkeit wird immer annehmen, daß die Meinung der Regierung ge­siegt hat und daß die Vertreter der Parteien, nein, des Reichstags, nein, des Volkes (?) im besten Falle an­gehört und wieder nach Hause geschickt worden sind. Es ist bei solchen Erwägungen zu verstehen, wenn fast alle Parteien des Hauvtausschusses sofort über dem neugeborenen Kinde lebhaft die Köpfe schüttelten. Das Zentrum und die Rechte haben verfassungsrecht­liche Bedenken. Ein Sozialdemokrat nannte den neuen Hauptansschuß S ch a n m s ch I ä g e r e i, und ein Fortschrittler (Haußmann) spricht in der Presse von Zwischengliedern, Sviefformen und künstlichen Schiebungen. Das ist bitter. Reichskanzler Dr. Michaelis hat sich mit der Ansdcnknng des neuen Kollegiums sicherlich die größt' Sorge bereitet und ist vom ehrlichsten Willen beseelt, einen Schritt vorwärts in der vertrauensvollen Zusinninenarbeit mit den Par­teien des Reichstags zu tun. Aber man kann es den Parteien und ihren Wählern nicht übelnehmen, wenn sie der Vermehrung der geheimnisvollen Ausschuß, arbcit des Reichstags vorläufig noch zweifelnd, ja zum Teil argwöhnisch gegenüberstehen. Dem einen ist es eine Umgehung des DerfgssungsrechtZ.' dem anderen ein Vorwand, die_ Parlamentarisch einig nicht durchzu­führen, Beiden ein Ärgernis. Denn es taucht rechts wie links der Verdacht aus, daß durch das neue Geheim- kabinett die Verantwortung sowohl des Reichskanzlers wie des Reichstags, verivässert urid der-

s ch l e i e r t wird. Diese Sorge läßt sich nicht bannen, auch nicht durch gütiges Zureden, daß man doch ab- warten solle. Denn allzuviel spricht dagegen, daß bei dem Versuch etwas Ersprießliches für untere innere und äußere Politik herauskoinmen wird.

*

Jj. Berlin, 27. Slug. (Erg. Meldung, zb.) Wie wir hören, ist der Siebener-Ausschuß, die sogenannte Freie Kommission, ans Dienstag ins K a n z l e r v a l a i s geladen worden. Ver- handlungsgegei stand wird die P a p st n o t e sein.

chsterreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 27. Aug. (Drahtbericht.) Amtlich ver­lautet vom 27. August, mittags:

Östlicher Kriegsschauplatz.

Östlich bei S o v e j a erstürmten deutsche Truppen der Heeresfront Erzherzog Joseph eine feindliche Stellung und behaupteten sie gegen heftige Angriffe.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die 11. Jsonzoschlacht dauert fort. Die Angriffe des Feindes richteten sich abermals gegen unsere Linien auf der Hochfläche von Boinsizza-Heiliggeist und nördlich von Görz. Der Kampf wurde namentlich östlich von Anzza, wo Steirer vom Regiment Nr. 47, Dalmatier von den 37. Schützen und andere Truppen dem Feind erfolgreich entgegen­traten, sowie auf dem heiß umstrittenen Monte Sani Gabriele mit großer Erbitterung geführt. Die wackere« Verteidiger behaupteten sich gegen alle An­griffe. Auf der Kar st Hochfläche nur Feldwache,r- geplänkel. Drei italienische Flieger wurden von der Erde aus abgeschoffen.

Balkankriegs Bauplatz.

Nicht Neues. ' \

Der Chef des Generalstabs.

*

Italienische Übermacht bis zum Zwölsfachen.

Die heldenmütigen Verteidiger der Jsonzofront.

W. T.-B. Wien, 26. Aug. Die Kriegsberichterstatter der Blätter melden von der Jsonzofront, daß die Italiener gegen die Hermada ungefähr doppelt so viel Truppen einsetzten wie in der zehnten Jsonzoschlacht und ihre Stärke die unsere stellenweise zahlenmäßig um das Zwölfsache überragt. Die auf der Hermada kämpfenden drei siebenbnrgischen Regimenter wurden gleichzeitig von je zwei italienischen Brigaden angegriffen, hinter welchen je vier Brigaden in Reserve standen, so daß sich tatsächlich jedes der österreichisch- ungarjsckcu Regimenter sechs feindlichen Brigaden gegen­übersah. Diese ungeheure Übermacht geht in ununter­brochenen Wellen vor,, so daß zwischen den einzelnen Jrrfanterieangrisfen den ganzen Tag über keine Ruhepause eintrot. Tagsüber fanden schätzungsweise acht bis zehn An­griffe statt, sc daß ein Bataillon der genannten Regimenter ununterbrochen 36 Stunden lang im Kampf stand. Die Verluste der Italiener waren dank dem wun­derbaren Zusammenwirken von Infanterie und Artillerie des Verieidigers derartig, daß die Hälfte der angreisenden Truppen gefechtsunfähig ausschied. Die österreichisch- ungarische Artillerie und die Maschinengewehre taten dort furchtbare Arbeit. Das Land vor unseren Stellungen ist tatsächlich buchstäblich mit Leichen übersät. Die Auf­räumung des Schlachtfeldes war jedoch angesichts der pausen­los fortdauernden Kämpfe unmöglich, über die Angriffs­taktik melden die Berichterstatter, daß die Italiener dieselbe Taktik der Massenangrrffe wie die Engländer, «Fran­zosen und Russen befolgen. Die bisher unerreichte An­häufung des Materials und die Konzentrie­rung ihrer Truppen gestattet den Italienern, den Kampf rücksichtslos fortzusehen. Den Sturmtruppen folgen K « r a l> r n i e r i, die, mit Revolvern und Stöcken ausge­rüstet, die Aufgabe haben, die Nachzügler anznspornen. Sie bilden alsP o l r z e i" die vierte Angriffsstassel. Die Angriffe der Italiener, die fast ausnahmslos wahrend des Tages erstlgen, finden die kräftigste Unterstützung in der Wirtsankeit der Artillerie, deren Stärke ans wert mehr als 1000 Batterien geschätzt wird. Von den schwimmenden Batterien im Lagunengebiet von Grado richten sehr weit- tragende Schiffsgeschütze ihr Zerstörungsfener auf die Her­mada Prosecco und Opzina, während englische Lang­kanonen, die zum erstenmal in der Sommeschlacht im Gebrauch waren, und amerikanische Eisenbahn­geschütze aus der Gegend von Monfalcone unsere Stellun­gen mit amerikanischer Munition beschießen. Die Schweizer Meldungen, daß unter den italienischen Truppen auch fran­zösische Bataillone angegriffen hätten, entsprechen nicht den Tatsachen. Die Italiener werden wohl von französischen und englischen Artillerieoffizieren unterstützt, aber ihre Infan­terie ist ausschließlich aus italienischen Formationen gebildet. Die Berichterstatter betonen, daß die elfte Jsonzoschlacht un­zweifelhaft zu den größten Aktionen des Weltkrieges zählt, zugleich aber auch zu den blutigsten. Unsere Jsonzohelden haben Übermenschliches geleistet und trotz der riesigen zahlenmäßigen Überlegenheit des Angreifers und der durch fremde Hilfe auf ein bisher unerreichtes Maß gebrachten

Artillerievorbereitung die ganze Front in unbeschreib­lichem Heldenmut gehalten. Die unvermeid­lichen Anfangserfolge jeder großen Offensive sind in der elften Jsonzoschlacht überaus klein und die unverhäti- nisrnäßig hohen blutigen Verluste der Italiener sind so groß, daß wir allen Grund haben, zufrieden zu sein.

Oer Krieg gegen England.

Eine Ergänzung zum Londoner Abkommen.

Br. Karlsruhe, 27. Aug. (Gig. Drahtbericht, zb.) Das

Journal des Debats" meldet: Die letzte Alliierten-Konferenz in Londvit hat einen neuen Vertrag der Alliierten festgelegt, welcher in Ergänzung des Londoner Abkom­mens gegen einen Sonderfrieden für alle Staaten der Entente die Frage der Kriegsentschädigung und der nach dem Krieg beginnenden Abrüstung zu Wasser und zu Land geregelt hat. Die französische Negierung wird in einer Geheimsitzung Mitteilung von dem neuen Vertrag machen.

Weiteres über die Ergebnisse des letzten Luftschiffnttgrisfs auf England.

W. T.-B. Kopenhagen. 27. Aug. Beim letzten Zeppelin- augriff wurde die beim Spurnpoiut-Leuchtturm befindliche Abwehrbatterie von 6 Geschützen neuesten französi­schen Systems durch einen Volltreffer total vernichtet. Die Besatzung wurde größtenteils getötet. Ein bei Hüll liegender Dermo fer wurde so beschädigt, daß er sofort ins Dock geschleppt werden mußte. Die Eisenbahn­station Parago bei Hüll und ein angrenzender Häuser­block wurden vernichtet. Auf der Reede von Grimsby wurde ein Werkstatt-Leichter mit vier kleinen Schleppern durch einen Volltreffer versenkt.

Die neuen englischen Neutralitätsbrüche.

(Von unserer Berliner Abteilung.)

t. Berlin, 27. Aug. (Eig. Drahtbericht, zb.) Die wieder­holten Attentate der englischen Kriegsmarine auf die hollän­dische Neutralität und die holländischen Hoheitsgewässer, die in Deutschland nicht in Vergessenheit geraten sind, haben weder der niederländischen Regierung noch uns bisher die unbedingt nötige Genugtuung gebracht. Zwischen, dem Haag und London wurden bisher insbesondere über den ungeheuer­lichen Vülkerrechtsbruch verhandelt, den sich englische Torpedoboote am 20. Jul: zuschulden kommen ließen, als sie zwei deutsche Dampfer zum Auslaufen zwangen und nach dem Stranden noch -weiter beschossen, sowie vier andere aus den holländischen Hoheitsgewüssern mit nach Englanü nahn.en. Die britische Negierung antwortete auf die holländische Protestnote, sie könne nur zugeben, daß die beiden gestrandeten Schiffe innerhalb der holländi­schen Gewässer getroffen worden seien. Die Regierung im Haag bemüht sich jetzt, der englischen Regierung klar _gu machen, daß auch die anderen in der Dreimeilenzone wäh­ren des Angriffs sich befanden. Sie vertritt energisch den Schadensersatzanspruch und, wie anzunehmen ist, auch den Anspruch auf Wiederherausgabe der vier Schiife. Die neuen Neutralitätsbrüche, die am 23. Juli er­folgten. Beschädigung des DampfersNorderney" durch Torpedierung nahe der holländischen Küste, und der Versuch vom 24. Juli, dovt den DampferBlumen- t a l" zu torpedieren «das Schiff entging durch schnelle Wen­dung dem abgeschossenen Torpedo), waren, wie wir erfah­ren, Gegenstand einer neuen deutschen Protestnote, und wer­den von der holländischen Regierung in besortderer Aktion in London behandelt werden.

Oer Krieg gegen Nutzland.

Die russischen Finanzen,

W. T.B. Bern. 27. 2Juf. Nach einer Meldung desTemps" aus Petersburg hat der Leiter des Finanzministeriums, Professor B i r n a tz k h , auf dem Kongreß der kleinen und mittleren In- dustrien Rußlands bezüglich der finanzielle» und wirtschaftlichen Lage Rußlands bekonntgegeben, daß der Staatshaushali für 1916 einen Ausfall von 15 Milliarden Rubel erwarten lasse. Der Ausfall sei für Rußland wenig bedeutend, denn wenn die gesamte Einwohnerschaft des Landes mit der durch die ernste Lage bedingten Energie und Gcwisscuhafiigkcit arbeite, könne der Aus­fall von 12 bis 15 Milliarden leicht gedeckt werden. Ein Unglück für Rußland sei es, daß 14 Milliarden Rubel Banknoten auf den Markt geworfen worden seien, da dieses Geld keinen, materiellen Wert darstellt, aus dem die Bevölkerung Nutzen ziehen könne. Es sei unbedingt notwendig, mit dem Höchstmaß aller Kräfte zu ar­beiten. Rußland sei für das s o z i a l i st i s ch e Regime noch nicht reif, nur ein kapitalistisches wirtschaftliches System könne es retten. Die Regierung werde die indirekten Steuern erhöhen, weil es in Rußland nicht genügend reiche Leute gebe, um die Staatskassen zu füllen Der Finanzmimster Nekrasew erklärte, daß das gewöhnliche Budget für 1917 5 Milliarden Rubel und das für 1918 7% Milliarden Rubel betragen wervc. Die mili­tärischen Ausgaben sollien durch Anleihen, die gewöhnlichen durch Steuern und Zollerträgnisse geleckt werden. Die indirekten Steuern würden merklich erhöht und gewisse Erzeugnisse, wir Streichhölzer und Zucker, vcm Staate monopolisiert werden.