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^ Sette g. Mittwoch, 8. August 1D17.

des Irmern Dr. Hclsfcrich und dem Staatsßävctär des SdeichGchatzamts Grafen Rödern der Rote Adlerorden

1. Klaffe verliehen.

Eine militLrifche Rangcrhöhln-.^ des Reichskanzlers.

W. T.-B. Berlin» 7. Äug, DasM'.litärwochcrcklatt" meldet fvlgvirde Rangerhöhnny des Reichskanzlers: Michaelis, Hanptmvri-n der Reserve, zuletzt im Reserve^ Äeidgrenadier-Reqiment König Friedrich WiHelm III. (11. Boandeniburgisches) Nr. 8, ist unter Verleihung des Ch a r a k- ters als Oberftleutnant mit der Berechtigung zum Tragen der Uniform des genannten Regiments bei den Offi­zieren ä la suite angestellt worden.

Empfang der nmen Minister und Stimtssckrctiirc durch den Kaiser.

W. T.-B. Berlin» 7. Aug. (Drahtbericht.) Der K a i s e r empfing heute nachmittag 4 1 /, Uhr im Schloß Bellevue den Reichskanzler und die neuernannten M:tlister.

Noch eine Neuernenttung.

I-. Berlin» 7. Aug. (Eig. Drahtbericht, zb.) Der bisherige Ministerialdirektor im Reichsamt des Innern Dr. L c w a l d scheint nach einer Meldung derBost. Ztg." zum Unter- stiaatsfekretär in diesem Amt ernannt worden zu sein. DieVoss. Ztg." sagt dazu: Wir können eine solche Beförde­rung nur aus das aufrichtigste bedauern. Dr. Lowal' ist ein Vertreter jener Richtung, die man am besten als bloße Bureankraten bezeichnet, und dessen persönliches Auftreten nicht geeignet war, ihm besondere Sympathien zu schaffen. Wenn außer Herrn Dr. Helffericht auch Dr. Lswald in Zu­kunft auf feinem Posten verbleibt, der den ständigen Verkehr mitdem Parlament bedingt, so ist das nur altzu sehr geeignet, die bereits herrschende Mißstim­mung im deutschen Reichstag zu verstärken.

Teilweise Umarbeitung des Hilfsdienstgesetzes.

Br. Berlin, 7. Aug. (Eig. Drahtber'cht. zh.) LautLok.- Anz." sind die zuständigen Behörden zurzeit mit einer Um­arbeitung einiger Bestimmungen des Hilfsdienstgesetzes auf Grund bisher praktischer Erfahrungen beschäftigt. Auch sind mancherlei Ergänzungen des Gesetzes in Aussicht ge- nsmmen.

Dernburgsche Reformen in der Kriegsurganisatton.

Br. Berlin, 7. Aug. (Eig. Drahtbericht, zb.) DerLok.« Anz." meldet: Staatssekretär a. D. Dernburg ist zurzeit im Kricysomt damit beschäiftigt» Vorschläge für eine Verein- fachung der Kriegsorganisaion auszuarbeiten. Er soll da­mit bereits dankenswerte Erfolge erzielt haben.

Reise des Reichskanzlers in das Große Hauptquartier.

I». 5betlin, 7. Aug. (Eig. Drahtbericht, zb.) Nach dem ,L). T." wird sich ReichÄanzler Dr. Michaelis in den nächsten Tagen nach dem Großen Hauptquartier begeben.

* Erzherzog Friedrich am Berliner Hofe. V/. T.-B. Berlin. 7. Aug. (Drahtbericht.) Zur gestrigen Abeudtafel bei den Majestäten war der Reichskanzler geladen. Der Kaiser hörte heute vormittag den Genecalstabsvortcag und empfing später den Feldmarschall Erzherzog Friedrich. «Her Erzherzog war zur Frühstückstafel geladen, ebenso der österreichisch- ungarische Botschafter Prinz Hohenlohe mit Gemahlin.

Der König von Bulgarien in FriedrichShafcn. W. T.-B. Friedrichshafen, 7. Aug. Nach amtlicher Bokannt- machung treffen morgen vormittag König Ferdinand von Bulgarien, Kronprinz Boris uttd Prinz Kyrill von Bulgarien zum Besuch unseres KönigspaarS auf Schloß FriedrichKhafen ein.

Kus Stadt und Land.

Wiesbadener Nachrichten.

Schleichhandel auf dem Land.

In der Zeit, als die Lebensmittelversorgung auch auf dem Lande sehr kritisch war, hat der Schleichhandel auf dem Westerwald sehr zugenommen. 58esondevs aus dem an den Wiesbadener Bezirk angrenzenden Teil des Kreises Alten­kirchen, aber auch aus 'dem Oberwesterwaldkreis ziehen Leute

ctßjjblfllt» Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt. Vftf.

in Scharen in den nördlichen Teil des Kreises Limburg, um einzuhamsteru, sie gehe» auf dieHamstertour". Mau braucht nur die Stationen der Westevwaldbahn zur Zeit der Ankunft der letzten Züge zu beobachten, und man wird finden können, wie groß die Zahl der Leute ist, die diesen verbotenen Ankauf von Lebensmitteln betreiben. Es handelt sich um uicht geringe Mengen von Brot, Mehl, Korn und Kartoffeln, sogar schon neue Kartoffeln finden auf diesem Weg ihre Abnehmer. D:e ganze Erscheinung ist doch insofern beachtenswert, als sie be­weist, daß in der betreffenden Gegend die Lebensmittel nicht sc gefaßt sind, als das vorgesch rieben ist. Im Oberwcsterwaldkreis und im Kreis Westerburg würden die Schleichhändler wohl kaum eine solche Ausbeute finden als dort; denn es ihandelt sich wirklich nicht um kleine Posten, die Leute haben manchmal solche Mengen, daß sie die Beute durch Angehörige vermittels Handwagen an der Bahn abholen lassen. Der Massrab der Beschlagnahme und die Art der Nach­forschung muß demnach in den verschiedenen Kreisen sehr ver­schieden sein. Merkwürdigerweise scheint die Polizei, die doch sehr scharf hinter 58utter- und-Eierhamsterei her ist, hier sehr wenig einzufchreiten. Es läßt sich nicht leugnen, daß in vielen Fällen die wirkliche Not die Leute zum verbotenen An- kans von Lebensmitteln treibt; denn auf dem Lande ist doch die Versorgung der Nichtlandwirte, der 58ersorgungSberech- tigtcn, noch reckst verbesserungsbedürftig. Geregelt ist eigeni- lich nur die Brot- und Fettversorgung. Es sind zwar auch Fleischkarten da, aber ob man nun ;edesmnl auch sein Fleisch bekamt, dos ist eine andere Sache, zudem wurden ganz bc- stimmunyswidrig bei 'der Herabsetzung der Brotmenge nickt doppelte Fleischrationem gewährt, der Kreis des Einsenders gab 300 Gramm, das heißt, wer so glücklich war, sie zu be­kommen. An Eiern erhielten die Leute, die kein Geflügel haben, seit Mai 5 Stück. Graupen, Grieß. Teigwaren und dergleichen hat die Gemeinde des Einsenders seit 6 Wochen nicht erhalten. Man darf sich deshalb nicht wundern, wenn die Leute sich auf dem Weg des SchleichbandelS Lebensmittel . verschafften; ohne das könnten sie gar nicht auskömmen. -s.

Gewerbliche Betriebszählung. Nachdem die Austeilung der Fragebogen für die gewerbliche Betriebszählung am 15. August nunmehr erfolgt ist, machen wir nochmals darauf aufmerksam, daß diese, sorgfältig ausgesüllt, vom 16. bis 29. August im alten Museum, Zimmer 1013, abzugeben sind. Di« Prüfung auf Vollständigkeit wird dort sogleich bei iber Abgabe erfolgen. Ans diesem Grund dürfen die Bogen nicht durch die Post oder auf anderem Weg eingksandt, son­dern sollen, wenn irgend möglich, durch eine mit dem Betrieb vertraute Persönlichkeit abgeliofert werden.

Die katholische Landeserziehungsanstalt. Von dem Lant-eÄhauptmann ist der Antrag auf Feststellung der Ent­schädigung für diejenigen Grundflächen in der Gemarkung Usingen gestellt worden, die zur Errichtung einer Landes­erziehungsanstalt erforderlich und im Wege des Enteig- nungsversahrems zu erwerben sind. Die Zahl der Füvsorge- zöglinge, die in der ersten Zeit nach dem Kriegsausbruch zu- rückgegangeu war, ist zurzeit wieder im Wachsen begriffen. Das Bedürfnis, jetzt mit der Errichtung dieser neuen Anstalt vovzngehen, liegt also vor. Wegen des Kriegsau-sibruchs waren seinerzeit die Vorarbeiten eingestellt worden. Schon der letzte Bericht des Landesausschusses an den Kommunalve.-- band kündete an, ^datz, da die Errichtung der Anstalt zu einer immer dringlicheren Notwendigkeit werde, bald an die Ban- «übeiten und die Beschaffung des erforderlichen Erzickher- und Aufstchtspersonals herangetreten werden müsse. Im ver­gangenen Jahr belief sich die Zahl der Überweisungen Min­derjähriger zur Fürsorgeerziehung auf etwa 500.

Lebensmittelversorgung. Der deutsche Perlsago, der in dieser Woche zur Verteilung kommt, darf nicht wie Sago mit kaltem Wasser angesetzt werden, sondern muß unter stetigem Rühren in das kochende Wasser hineingeschüttct werden. Bei dieser Zubereitungsart kann Pcrlsago sowohl für Suppen und salzige Speisen als auch für Süßspeisen Verwendung finden und ist von echten, Sago kaum zu unterscheiden.

Die Preußische» Verlnstliste» Nr. 901 und 902 liegen mit der Bayerischen Verlustliste Nr. 354 und der Sächsischen Verlustliste Nr. 340 in derTagb!att"-Schalterhalle (Auskunftsschalter links) sowie in der Zweigstelle Bismarckrinz 19 zur Einsichtnahme auf.

Wiesbadener vergnügungs- Sühnen und Lichtspiele.

* BergniigungspalastGroß-Wiesbaden". Im Mittelpunkt des vorzüglichen Augnst-Spielplans stehen die militärischen Spiele von

Frank und Hera. Die Darbietungen dieser Künstler dürsten tat-

sächlich konkurrenzlos dastchen. Die übrige Portragffolge ist ehr abwechslungsreich und bringt u. a. noch einen vorzugl'.ch>m -rrepin- akk von Lona und Clown Bell. MarNalo ist ein gewandter Fang» küiiktler und arbeitet mit größter Sicherheil, evcn>o fand Zrene Marwell, die Instrumental Virtuosin, reichen Beifall. Born.vm in der Aufmachung ist das Gesangs- und Tanz-Trio, 3)Schwestern Lanoselds. Als tadellose Parodisten zeige,- sich oliabendlich &. uns P. Thomsen, während Max Frey, der ausgezeichnete Tan,-Humorist, den Spielplan angenehm ergänzt. Alles in allem wieder ein aus­gewähltes Familienprogramm.' das dem Publikum Gewahr |U- cinige genußreiche Stunden bietet.

Sport.

Pferderennen.

Hannover, 7. Rüg. (Eig. Drahtbericht, i 1. R. 5v00 M. ISO Meter. 1. Kgl. Hauptaestüt Grabitz'Slichsl-rmme rRastmbcrgrr), 2.Viadukt". Siea: 5:10; Play: 10:10. 2. R. 10000 Mb 1 WK 1 Meter. 1. Rittm. O. v. RestorfssKahrnbach" (Schm-dtl, 2Bajar- dere" undOdin", totes Rennen. Sieg: 49:10; Platz, 1s,.15:10 tut Bajardcrc", 12:10 fürOdin". 3. R. 2800 M. 4000 1. M. GeschensWeslonp" (Rinklcib). 2.Park Harr. 3. 'Taschen­spieler". Sieg: 43:10; Platz: 18, 26:10. - 4. R. 10 000 501.1100 Meter. 1. Freih. S. A. v. OppenheimsArabicS (Schmidt),. Wirbel", 3.Perle". Sieg: 31 : 10 : Platz: 22, 12, 13:10. 5. R. 12 «10 M. 1400 Meter. 1. R. HanielsSchaputänag -Ra,te.l- beiger), 2.Defizit", 3.Sperber". Sieg: 37:10; Platz: 1-,, fil.-o. 6. N. 5000 M. 2200 Meter. 1. H. v. OppelsDarmstaotia (Scbläske), 2.Paphros", 3.Valcneia". Sieg: 53:10; pwtz- 21:10.- 7. 3t. 12 000 M. 0200 Meter. 1 . Stall IlsesMilden

(Schmidt), 2.Rosenmöve", 3Lüttich". 'L'ieg: 52:10; Platz, uo, 30, 53:10. 8. R. 4000 M. 3200 Meter. 1. P. StuberzJrmga (Tyhr), 2.Patrone", 3.Feldherr" (ausgebrochen). wieg: 12:10.

Neues aus aNer MZlt-

Mit 100 009 M. durchgebrannt. Essen, 7. Aug. Nach Unter­schlagung von 100 000 M. ist der bei einer Brennermprma ange- siellle Kaufmann Lindner geflüchtet.

Handelsteil.

Leipziger Herbst-Mustermesse.

Die Handelskammer zu Wiesbaden maent die Handelskrise ihres Bezirks darauf aufmerksam, daß die Leipziger Herbst-Mustermesse in der Zeit vom 26. August bis 1. September d. J. in Leipzig abgehalten wird. Eine be­sondere Einladung zum Besuche dieser Messe, ln der über alle einschlägigen Meßfragert Auskunft gegeben wird und

u. a. auch die nicht unwesentlichen \ergünstlgilngen aufge­zählt sind, die sich dank den Bemühungen aller beteiligten Kreise haben erwirken lassen, wird Interessenten auf Wunsch von der Geschäftsstelle der Handelskammer über­mittelt.

Baaken und Geldmarkt.

* Verkehr mit ausländischen Wertpapieren in Polen. Der Generalgouverneur von Warschau hat vor kurzem eine Verordnung erlassen, wonach der Handel mit Kriegs­anleihen feindlicher Staaten und die Einfuflr von Wert­papieren aus dem feindlichen oder neutralen Auslande ver­boten wird.

Industrie and Handel.

* Au-mnaltmebcwüligurttcn zum neuen Saidenwaren- AusnlirT^ibot In der. Besprechungen, die der Reichs- l ommissar für Ein- un i Ausfuhrbewilligungen mit dem Leiter der Zentralstelle für Ausfuhrbewilligungen gehabt liat, ist, wie dvKonfekt. mittollt folgende Verei i- t »rung getroffen worden: Bis aut weiteres sin l sämtliche A'lräge auf Ausfuhr von seidenen Kontektimiswaven, Kon­fektion, Wäsche, Krawatten usw zu bewilligen, sofern nach- grwiesen werden kann, daß die \Vare bereits am 20. Juli N,17 Gestellt gewesen ist und bis zurii 15. September des Jahres zur Beförderung aufgegeben wird

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Die Msrgen-AusgaHe umfaßt 6 Seiten.

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«»r-chftundc »rr GchiisUfituu«: IS di» I UM.

(14. Fortsetzung.) Nachdruck verboten.

Zrau Isabellens weg.

Roman aus dein Elsaß.

Von H. Schede-Heller (Straßburg).

Alles in ihm war ein Sehnen und Drangen nach der Frau, die er noch immer liebte. Da fiel sein Blick auf seinen Schreibtisch und die ausgebreiteten Blätter, die seine Predigt enthielten.Alles ist euer, ihr aber seid Christi."

Das brachte sein erregtes Blut zum Schweigen. Die Versuchung war zu ihm gekommen. Er kämpfte und überwand sie. An jenem Abend arbeitete der Pfarrer bis tief in die Nacht hinein. Erst als der Morgen graute, legte er sich zur Ruh. Er war an diesem Abend nicht die Stufen zu Isabellens Zimmer gestiegen und die Kluft zwischen den beiden Ehegatten war noch größer geworden.

VI.

Am nächsten Sonntag sprach Berst über seinen Text Alles ist euer, ihr aber seid Christi". Die Kirche war voll, wie immer, wenn der junge Pfarrer seine fran- zöfische Predigt hielt. Zur Rechten und zur Linken in den vordersten Bänken saßen die Damen der Gesellschaft Le monde eomme il faut". Jede Dame hatte hier ihren angestammten Platz. Madame Scksadd neben Madame Berger, Madame Knorr neben Madame Meyer, eines Industriellen Frau neben der anderen mitsamt ihren Töchtern. Hinter ihnen die Frauen ihrer höheren Angestellten mit den sechs- dis zehn­tausend Mark Gehältern, die an Eleganz und Gewandt­heit ihnen nichts nachgaben.

Sie kamen kurz vor Beginn des Gottesdienstes, tra- ten sicher in die ihnen zukommenden Bänke, nickten ein­ander zuBonjour Madame",comment allez-vous?" jderoi, .et TXMuwn&ne?" Ga§z. alp! säßen sie in einem

Salon. Dann suchten sie mit den sein behandschuhten Händen das angeschlagene Kirchenlied aus, zogen aus dem kostbaren Beutel ein zart duftendes Taschentuch, begrüßten diesen und jenen Ankonimenden, verglichen ihren Hut mit dem ihrer Nachbarin und bereiteten sich also auf die Predigt vor.

Eben war Fräulein Berst. die Schwester des Pfarrers, eingetreten. Sie ging mit derselben selbstbe­wußten Sicherheit an den Bänken vorbei, i» denen das einfachere Volk,les gens plus simples", saß und nahm ihren Platz in der ersten Reihe vorn neben Madame Schadä. Einen Augenblick blieb sie stehen und betete:Lieber Gott, laß die Predigt meines

Bruders heute Isabelle zum besonderen Segen werden." Dann drückte sie rechts und links den Damen die Hände und sagte:Quelle belle jourube de pvintemps!"

Sie schielte ein wenig nach rückwärts, da sie aber nicht fand, was sie suchte, drehte sie kurz entschlossen den Kopf. Richtig, da hinten neben Frau Müller, die eine Kolonialwarenhandlung hatte, saß Isabelle. Schlicht und vornehni zwischen den einfachen Leisten, die nicht in die Kirche kamen, unt ihre neuen Kleider zu zeigen. Aber daran dachte Fräulein Berst nicht. Im Gegenteil, sie ärgerte sich über das Benehmen der Schwägerin, die nicht einmal in der Kirche sich den Gebräuchen der Murrheimer unterwerfen konnte. Sie wäre es doch ihrem Stand und ihrer Wirde schuldig gewesen, neben der Schwester des Pfarr-ers in einer der vorderen Reihen zu sitzen, statt sich hinten zwischen den Krämers­leuten zu verstecken.

Die Orgel setzte ein. Der Sakristan schlug die Mitteltür auf. Der Pfarrer im schwarzen Ämtskleid schritt langsam durch das Mittelschiff auf den Altar zu. Hinter ihm folgten die Mitglieder des Konsiswrrums unter ihnen Rüch, der Prokurist, mit einem schr steifen weißen Kragen, irisch gebügelten Hosen und einem sorgsam geknoteten Schlips. Sie setzten sick) *u je zwei in den schmalen Bänken zu beiden Setten der

Kanzel. Rüch blickte dabei etwas seitwärts nach den Männerreihen der Platz seines Neffen lvar leer. Der Wockes. Er isch no nit do", dachte er.

Während des Gesanges aber erinnerte er sich daran, daß seine Marie ihm heute zu Mittag ein Gullerte mit Nudeln versprochen hatte. Bor dem Weggehen hatte er durch den Türspalt in der Küche das Hähnchen gesehen. Im Herd brannte schon das Feuer, und auf dem- zimmerttsch stand die FlascheRappschwyrer Wyn". Das würde ein Schmaus sein!

Alles ist euer. Ihr aber seid Christi", las der Pfarrer mit lauter, vernehmlicher Stimme.

Rüch horchte einen Augenblick auf. dann aber kehr­ten seine Gedanken zum Gullerle zurück.Wemi's Marie tmntrnc ke Zwiewle in d Sauce mocht. No sic wurd's scho gllet nwche!" tröstete er sich.

Es fiel ihm nicht ein, daß er der Pr:digt folgen sollte. Herr Schad6, der drei Bänke vor ihm saß, dachte auch sicher an die Lieferungen der großen Bestellung am Montag. Und dann er war Konsistorialmitglied. Ein ehrenwerter Mann mit makellosem Ruf. Daß er manchmal über den Sonntag nach Straßburg fuhr na ja, das,durste man nicht so genau nehmen und mehr als einer machte es ebenso. Das Städtchen selbst war so rein und fromm kein Fleckchen durfte daran haften bleiben aber was draußen geschah da­nach krähte kern Hahn.

Es genügte, wenn er bei der französischen Predigt alle vierzehn Tage in der Kirchenbank laß,pour faire acte de pr&sence", wie er sich vornehm ausdrückte, damit die Danien zu Hause erzählen konnten:J'ai

vu Monsieur Rüch ü leglise, mais' son diable de neveu ny 6tait pas."

Der Neveu war mit seinen derben Bergstiefeln und einem der in Murrheim verpönten und unmöglichen Rucksäcke auf den Gipfel des Hochberaes gestiegen, um von der Höhe aus auf das zwischen den Bergen einge­drückte Städtchen blicken zu können. (Fortsetzuna folfliu