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Sonntag» 29. Juli 1917.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 381. ♦ 65. Jahrgang.
Lin Grutz des Kaisers an die Westfront.
W. T.-B. Berlin, 28. Juli. (Amtlich, Dcahtbericht.) Kaiser Wilhelm sandte dem Generaffeldmarschall von Hindenburg folgendes Telegramm: Von den Schlachtfeldern Galiziens, aus denen miisere Truppen in rastlosem Vorstürmen Lorbeeren erwerben, und Erfolg an Erfolg reihen» gedenke ich dankbaren Herzens meiner Westarmee, die in opferwilligem, zähem Ausiharren den Feind abwehrt und von deren angriffsfreudigem Geist der gestrige Tagesbericht wieder Zeugnis ablogt. Insbesondere gedenke ich der tapferen Truppen in Flandern, die schon seit Wochen im schwersten A r t i ll e r i es eu e r stehen und unverzagt den kommenden Stürmen entyegensehen. Mein Vertrauen ist bei ihnen, wie dos ganzen Vaterlandes, dessen Grenzen sie gegen eine Welt von Feinden verteidigen. Gott mit uns! Wilhelm-
Ksterreichisch-ungarischer Tagesbericht.
W. T.-B'. Wien, 28. Juli. (Drahtbericht.) Amtlich verlautet vom 28. Juli, mittags:
Östlicher Kriegsschauplatz.
An der Pntna vermochte der Feind seine Front etwas vorzuschieben. Bei S o v e j a wurden seine Vorstöße abgewiesen. Bei Kirlibaba warfen österreichisch-ungarische Truppen di» Russen aus mehreren Höhenstcllungen. Der Berg Tomnatic wurde durch deutsche Regimenter e r st ü r m t.
Die südlich des Dnjestr in östlicher Richtung vordringende» verbündeten Stroitkräfte nähern sich, dem weichenden Feind an der Ferse bleibend, der We st grenze der Bukowina. Nördlich des Dnjestr ziehen sich die Rusien gegen den Zbrucz zurück. Jagielnica wurde von den verbündeten Kolonnen überschritten. Auch östlich von Trembowla bei Tarnopol ist Raumgewinn zu melden.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Am Jsonzo lebhafter Geschützkampf.
Weiter nichts Neues.
Der Chef des GenrralstabcS.
*
Der deutsche Kbendbericht.
W. T.-B. Berlin, 28. Juli, abends. (Amtlich. Draht- bericht.) In Flandern Fortdauer der Artillerieschlacht.
In Ostgalizien nähern sich unsere Korps dem Grenzfluß Zbrucz. _
Eine russische Division von zwei deutschen Kompagnien in die Flucht geschlagen.
W. T.-B. Amsterdam, 28. Juli. (Drahtbericht.) Die „Times" meldet aus Kiew, vor TarNopol hätten zwei deutsche Kompagnlien eine ganze russische Division in die Flucht geschlagen.
Wie die Russen in Stanislau hausten.
Lr. Wien, 28. Juli. (Eig. Drahtbericht. zb.) Aus Lemberg wird gemeldet: Personen, die aus Stanislau hier angekommen sind, erzählen, daß diese Stadt ein trauriges Bild der Verwüstung bietet. Auf • den Häusern fehlen die Dächer, auf den Friedhöfen sind die Grabmälec umgestürzt, durcheinander geworfen und zertrümmert. Ringsherum liegen einzelne Leichenteile. In Stanislau haben die Russen Häuser und Kaufläden geplündert, Vorräte und Gebäude in Brand gesetzt. In der letzten Zeit sind 300 Bürger ums Leben gekommen. Von den jüdischen Häusern blieb keines verschont. Vor ihrem Rückzug organisierten die russischen Soldaten ein; ausgedehnte Raubaktion. Unter der russischen Herrschaft war die Lebensmittelteuerung ungewöhnlich groß. Ein Laib Brot kostete einen Rubel.
Kerenskis Mannhastigkeit.
Lr. Stockholm, 28. Juli. (Eig. Dcahtbericht. zb.) Der Korrespondent der „Voss. Ztg." hört, daß Kerenskis Ende infolge Fußbrands herannaht. Nach einer Meldung des „Daily Expreß" soll Kerenski bei den Kämpfen an der galizischen Front verwundet worden sein, und zwar am Arm. Als eine russische Division sich weigerte, weiter zu kämpfen und die russische Artillerie, wütend hierüber, ihre Kanonen auf die Infanterie richtete, fuhr Kerenski in seinem Automobil mitten in das Feuer, um zu versuchen, den Brudermord zu verhindern, hierbei wurde er selbst verwundet.
Der neue Kommandant der russischen Ostsecslottc.
W. T.-B. Petersburg, 27. Juli. (Meldung der Petersburger Telegraphen-Agentur.) Kapitän zur See R a s - wosow, der kürzlich zum Konteradmiral befördert wurde, ist jetzt zum Oberbefehlshaber der Ostseeflotte etn'.mit worden.
Ausbreitung des reaktionären Umschwungs auf die Provinz.
U. Rotterdam, 28. Juli. (Eig. Drahtberrcht. zb.) „Darly Telegraph" meldet vom Donnerstag aus Petersburg: Der gewaltige reaktionäre Umschwung in Petersburg griff jetzt auch auf die Provinz über, wie mancherlei Meldungen bestätigen. So sind in Rostow die Maximalisten aufs heftigste von Anhängern Kerenskis angegriffen worden.
Der Arbeiter- und Soldatenrat und die sozialistische Weltkonserenz.
W. T.-B. London, 28. Juli. (Drahtbericht. Reuter.) Die Vertreter des russischen Arbeiter- und Soldatenrates sind nach Paris und Rom abgereist. Sie gaben eine Erklärung ab, welche ihre Genugtuung über die mächtigen Erfolge und die Hoffnungen ausspricht, daß die englischen Arbeitcrverbände die Teilnahme an der Weltkonserenz zuiagen werden. Sie erklären: Wir sind
Gegner der vorgeschlagenen Zusammenkunft der Sozialisten n u r ans den Ländern der Entente, aber bereit, an der Konferenz teilzunehmen zwecks Aufklärung und Unterstützung unserer Absicht.
Eine französische Tatarennach eicht.
W. T.-B. Wien, 28. Juli. (Drahtbericht., Die Blätter melden: Der Kriegsberichterstatter Marcel Hudin vom „Echo de Paris" meldet seinem Blatte unter dem 14. Juli - Es bestätigt sich, daß Generaloberst v. Boehm-Ermolli seines Armeekommandos in Ostgalizien anläßlich der letzten Ereignisse durch die Generale v. Hindenburg und Ludendorfs, die an der Ostfront angekommen seien, enthoben worden sei. In Österreich-Ungarn weiß niemand von dieser Enthebung. Die Russen verspüren am eigenen Leib die eiserne Hand von Boehm-Ermollis und werden sie hoffentlich noch öfters zu fühlen bekommen.
Oer Krieg gegen England.
Zn den Unteehausreden Asquiths und Bonar Laws.
W. T.-B. Wien, 28. Juli. Bei der Besprechung der gestrigen Unterhausreden Asquiths und Bonar Laws werft die „Nene Freie Presse" auf den Satz Bonar Laws hin, daß Deutschland jetzt erst, seitdem cs zur Eckenntnis seiner Niederlage gekommen ist, vom Frieden spreche, und stellt ihn: die stündlich wachsenden Triumphe der Verbündeten in Galizien gegenüber. Aus dieser Rede, sagt sie, wird cs offenkundig, daß der Friede wirklich nicht früher kommen kann, als bis Lloyd George und die Männer vom Schlage Bonar Laws beseitigt sind. In der Sorache Asquiths sieht das Blatt ein langsames Fottschreiten des Friedens- gedankcns und schließt: Frerlich, von Männern wie Lloyd George und Bonar Law kann der Friede nicht kommen.
Die englischen »»Vorbedingungen".
W. T.-B. London, 28. Juli. (Dcahtbericht.) In der Besprechung der Untcrhausverhandlungen vom Mittwoch sagt der „Manchester Guardian", daß der Reichstagsbeschluß nicht genügen könne zur Herbeiführung des Friedens. Nach längeren Ausführungen auf Grund der bekannten englischen Gesichtspunkte fordert das Blatt, daß die Deutschen den Frieden durch Gutmachung ihrer drei großen Verbrechen ermöglichen: 1. den Einmarsch in Belgien und' der Unterdrückung Serbiens, 2. die Annexion Elsaß-Lothringens, dieser ungeheuren Beleidigung Frankreichs, welche den Frieden Europas vernichtete, und 3. des Bündnisses mit der Türkei, das jedem Frieden im Wege stehe.
- Bereits 3960 bewaffnete englische Handelsschiffe.
W. T.-B. London, 28. Juli. (Unterhaus.) Der Parla- mentslsekretär der Admiralität Macnamara erklärte, daß bereits 3000 Schisse bewaffnet seien und jede Woche viele weitere bewaffnet würden. Es würden die grüßten Anstren- guingen gemacht, um eine möglichst große Zahl zu erreichen. Es läge aber nicht im Interesse dös Staates, genaue Angaben hierüber oder über die Art der verwendeten Geschütze zu machen.
Kündigung der englischen Handelsverträge.
sß Haag, 27. Juli, (zb.) Wie bekannt wird, hat sich die englische Rcgierung entschlossen, dem Vorbilde von Frankreich und Italien zu folgen und die englischen Handelsverträge sämtlich zu kündigen. Sic beabsichtigt zugleich, die Pariser Wirtschoftskonferenz von neuem aufzunehmen. Dieser Schritt gilt als notwendig, um dem „Wirtschaftsfrieden", den man in englischen industriellen Kreisen als neues deutsches Kriesziel bettachtet, rechtzeitig durch Gege.rmaß- regeln zu begegnen.
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Englische Lebcnsmittelverteilung nach deutschem Muster
W. T.-B. Amsterdam, 28. Juli. Das „Algemeen Han- delsblod" meidet aus London: Der Lebensmittelkontrolleur Lord Rhordda legte rm Oberhaus sein System der Lebens-
M'ttelversorgung dar. Er sagte, daß für die wichtigsten Bedarfsartikel, vor allem für Bcot, Fleisch und Zucker, die Preise festgesetzt würden, und zwar für alle Stufen, die die Lebensmittel durchlaufen, vom Erzeuger bis zum Kleinhändler. Als Grundlage fiir die Preisbesttmmungen würde der Geivinn vor dem Kriege angesehen. Der Fleischpreis werde aus 0 Penny das Pfund herabgesetzt, und der Höchstpreis fiir Brot werde 9 Penny für den Vierpfundlgib betragen. Wenn die Regierung den Müllern das Getreide nicht zu einem entsprechend niedrigen Preise liefern kann, wird sie einen Teil der Kosten auf sich nehmen. Für Fleisch werde die Negierung keinen Zuschuß gewähren. Dre Zncker- verteilung werde dem örtlichen Lebensmittelausschuß übertragen. Für die Gasthäuser und Schenkhänser werde eine besondere Rationierung eingeführt. Außerdem werde jede Familie aufgefordert, sich eine Zuckerkarte zu besorgen und sich bei einem Kleinhändler cinschreiben zu lassen.
Das deutsch-englische Abkommen über den Gefangenenaustausch.
W. T.-B. Haag, 28. Juli. (Dcahtbericht.) Das Ministerium der auswärttgen Angelegenheiten teilt dem Korrespondenz-Bureau folgendes mit: Die englische und die deuffche Regierung gqben der niederländischen Regierung bekannt, dqß sie dos durch ihre Delegierten im Haag unterzeichnets A b k o m m e n über Kriegsgefangene und bürgerliche Internierte an nehmen. Über die Übersähet der fiir die Heimsendung in Betracht kommenden Gefangenen und derjenigen, die auS England zur Unterbeingung nach Holland verbracht werden sollen, wird noch durch Vermittlung der holländischen Regierung eine Vereinbarung angestrebt.
Ereignisse zur See.
Strandung eines deutschen U-Boots vor der französischen Küste.
W. T.-B. Paris, 28. Juli.- (Dcahtbericht. Agence Havas.) In den ersten Tagesstunden des 26. Juli bemerkten die Zollwächter vom Küstenwachldienst JSdeza in Pas de Calais etwa 500 Meter von der Küste entfernt einen tteibenden Gegenstand, den sie alsbald als ein U-Boot von etwa 50 Meter Länge erkannten, das auf einer Untiefe fesffaß. Es war infolge eines Irrtums bei der Navigation bei Hochwasser gestrandet und hatte nicht wieder loskommen können. Es saß nun bei der Ebbe fest. Die Küstentruppen machten sich pflichtgemäß daran, das U-Boot zu bergen, dessen Stab mtd Besatzung sich vollzählig ergab, ohne Schwierigkeiten zu machen. Jedoch hatte:: die Deutschen die Zerstörung des Schiffes votbereitet, indem sie die Ventile für Petto- lemntanks weit öffneten und Feuer anlegten. Das U-Boot ist sehr schwer beschädigt und wahrscheinlich unbrauchbar. Sein Sonderauftrag war, an der französischen und englischen Küste Minen zu legeu. Man glaubt» daß eS ihn noch nicht hat aussühren können.
Ein neuer englischer Übergriff in den niederländischen Gewässern.
bl. Rotterdam, 28. Juki. (Eig. Drahtbericht, zb.) Das englische U-Boot „E 55" hielt nahe der niederländischen Küste westlich von Tertl die niederländischen Dampfer „Batavia 2" und „Ze eure uw" an. Beide .Schiffe waren bekanntlich von den Deuffchen aufgebracht und nach Zeebrügge geführt, wo sie zurückgehalten wuüd'en. Sie schielten dann deutsche Besatzungen. Das englische U-Boot sandte Prisenmannfchaften an Bord. Ms sich nidessen niederländische Torpedoboote näherten, wurden die Prifenbefatzun- gen eiligst zurückyeruseu. „B atavi er" ist gef unk e n. die Besatzung gelandet. „Zeememw" wurde ins Schlepptau genommen. _
Der Kriegszustand mit Amerika.
Die amerikanische Marine drängt auf große Offensive zur Sec.
W. T.-B. Amsterdam, 27. Juli. Eine Washingtoner Meldung der „Daily Mail" vom 21. Juli behandelt eine Denkschrift der Marinebehörden an Wilson. Darin wrrd eine große Offensive zur See zusammen mit gewaltigen Luftangriffen für notwerrdig erklärt, um die Unterseebootsgefahr zu beenden. Die Denkschrift sagt den schlicßlichen Sieg Deutschlands voraus, wenn die Verbündeten an der Defensive festhalten, da rm Monat - gegen eine Million Tonnen Schiffsraum vernichtet wird, während nur der dritte Teil davon durch Neubauten ersetzt werden kann.
Zunahme der Friedensbewegung in den Vereinigten Staaten. 1
Br. Basel, 2L Juli. (Eig. , Drahtbericht, zb.) Der „New Park Herald" mewet: Senator Stone hat mit Unterstützung von 13 Senatoren im Kongreß einen wtchttgen Antrag zur Friedcnszielrede des deutschen Kanzlers eingebracht. Die Friedensbewegung in Amerika hat nach dem gleichen Blatte eine ungewöhnliche Steigerung erfahren. Die Jriedenswetten stehen noch immer 3:5 für ein Kriegsende in 'diesem Jahre. (Senator Stone ist konsequenter Kriegsgegner im amerikanischen Oberhause.)
