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Sonntag, 15. Juli 1^17. WOvgeN-KUSgÄbe. Ur. 355. . 65. Jahrgang.

Oer scheidende Kanzler.

Am gestrigen 14. Juli sind genau acht Jahre ver­gangen, seitdem als des Fürsten B ü l o w Nachfolger der damalige Staatssekretär des Innern, Herr ' von Bethmann Hollweg, Reichskanzler _ wurde. An diesem Gedenktage ist nun auch die Entscheidung rn der derzeitigen inneren .Krise gefallen, die sich leider trotz Abmachung aus fast allen Parteien heraus zu . einem Streit um die Person des fünften Kanzlers ausgewachsen hatte. Bei diesem persönlichen Streit sind Worte gefallen und Urteile gefällt worden, so ge­hässig und ungerecht, daß man sich an den Kopf greifen und fragen muß: Sind das dieselben Politiker und die­selben Preßorgane, die sich noch vor kurzer Zeit wenigstens die Mühe gaben, die _ Politik des Herrn von Bethmann Hollweg aus der jeweiligen Lage und -den wechselnden Verwickelungen des furchtbarsten aller Kriege heraus zu verstehen? Der Umstand, daß gerade >er bei Ausbruch des Weltkrieges seit Jahren die Ge- schäfte des Deutschen Reiches leitete, ist der stärkste Beweis gegen die Behauptung, als hätten in Deutsch­land zum Kriege treibende Elements irgend welchen Einfluß auf die äußere Politik gehabt. War der Kanzler seit Beginn seiner Tätigkeit aufrichtig bemüht, _ niit unfern Nachbarn, besonders mit England, zu einem dauernden friedlich-schiedlichen Einvernehmen zu ge- langen, um desto ungestörter im JmZeril auf herkömm­lichen Bahnen für den sozialen Fortsitwitt wirken zu können, so hatte er «ach Ausbruch des Krieges um so mehr Anspruch auf die Rolle enws leidenschaftlichen ^Zeugen für die friedfertige Gesinnung des deutschen Volkes. Kein feindlicher Staats- mann hat während des Krieges so echte, ft n r k e und reineTönezu finde« gewußt, um der wirklichen Volks st immung Ausdruck zn geben, so weit es sich nicht um die Frage handelte, wer und was _ an diesem furchtbaren Weltbrande schuld >ei. Weniger einheitlich ist gewiß das Urteil über seine eigentlich^ Kriegswolittk. Hier stehen wir M sehr vor mrd in den Ereignissen, um abschließend urteilen zu können. Ob das Ende des Weltkrieges der Haltung des Herrn von Bethmann Hollweg recht geben wird, bleibt eine Schicksalsfrage der Zukinfft. Unter den Vorwürfen, mit denen ihn das fsmdttche Ausland und. Gott sci's geklagt, neuerdings auch eine innere, meist anonyme Verschwörerschaft überschüttet, trifft ihn keiner schwerer und keiner mit größerem Unrecht als der, daß er durch Abhängigkeit von kriegslüste-nen Gruppen oder durch diplomatische Ungejchuklichkeit die Entstehung, des Krieges mitverschuldet habe. Die Feinde suchen ihren Vorwurf durch falsch verstandene oder gefälschte Aus- spräche hervorragender oder auch gänzlich einflußloser deutscher Gelehrter oder Politiker zu beweisen. Die innere Gegnerschaft arbcftete mft Schmähb liefen und Flugschriften, die von fanatischem, sinnlos krankhaftem Haß triefen und im besten Falle «ur aus Kriegs­psychose rmd Ernährungsschwrerrqkerten zu erklären find. In jedem Falle, ob nun das Bild von äußeren cder inneren Feinden gemalt wird, es ist gleich greu­lich verzerrt, die Persönlichkeit des Kanzlers rmd seine Stellung zrmr Krregsvroblem find unglaublich verleumdet gewesen. Demgegenüber dürfte am Tage des Rücktritts angebracht sein, an den Brief zu er­innern, den Herr v. Bethmann Hollweg etwa ein halbes Jahr vor dem Ausbruch des Krieges an einen deuttchen Historiker gerichtet hat. Darin sagte er, nicht von der Gewalt erwarte er die Ausbreitung unserer Macht, sondern von einer Kulturpolitik großen Stils, von der inneren Vertiefung und Stärkung unserer Kultur und unseres Knlturbewußtteins. Hier­zu müsse unser Volk erweckt werde«, das als ein junges Volk vielleicht noch allzuviel den na wen Glauben an die i Gewalt habe, jene feinen Mfttel unterschätze mW noch nicht wisse, daß, was die Gewalt erwerbe, bk Gewalt ;; niemals allein erhakten könne. Aus diesen Worten sprach dieselbe sittliche Empfindung, die mft ele­mentarer G-walt in jener Rede zum Ausdruck kam. in der der Reichskanzler im vorigen Jahre den Borwurf zuräckwies, daß er die Mobilisation des deutschen Heeres um drei Tage verzv^wt habe, weil er noch auf «ne Verständigung hoffte.

Im polittschen Kampf ist mancherlei erlaubt, nie­mals aber der Versuch, den often erwiesenen sitt­lichen Charakter eiues Staatsmannes anzuschwärzen oder ihm. wenn seine Stellung in einer politischen Kris« wankt, den Eselstritt zu versetzen. Das haben die Gsguer des Herrn v. Bethincma Hollweg m diese« Wochen und Monaten entsc^eden gstan. Das obsektive Urteil der Geschichte über den fünften Kanzler werden sie damit in keiner Weise trüben. Herr von Bethmann Hollweg steht über diesen Angriffen; das weiß er «ich selbst und deshalb wird er mit dem sicheren Bewußtsein au» dem Amt« gehen, daß er seine beste Kraft nach bestem Können für lein Vaterland -eizzegrben hoch «ad bab «S Ltiutt Arbeit m Lanke»

gewesen ist, wenn die starke Einigkeit der. deutschen Völker bis dahin ausgehalten hat. Ob Herr von Bethmann Hollweg wirklich der richtige Mann an diesem Platze war, das wagen wir jedenfalls jetzt nicht zu entscheiden. Auch wir hätten manches wohl anders an ihm gewünscht. Wenn wir trotzdem, io lange er der Vertrauensmann der höchsten Stelle des Kaisers war, stets nach Möglichkeit zu seiner Politik gestanden haben, so geschah das aus Gründen nationaler Disziplin, mit der wir es für unvereinbar hielten, den- Mann am Steuerruder des vom furchtbarsten Weltkrieg der Ge­schichte umbrandeten Reichsschiffes nicht im Kurse zu stören. Nun di? Krise sich so zugesvitzt hat in den letzten Tagen, halten auch wir einen Wechsel im höchsten Reichsamt für besser. Mag er uns dem ehrenvollen Frieden schneller näher bringen'

Die amllichs Bekanntmachung.

Ein kaiserliches Handschreiben an Bethmann Hollweg.

W.T.-B. Berlin, 14. Juli. (Drahtb. Amtlich.) Eine Sonder-Ausgabe desReichsanzeigers" ver­öffentlicht folgende Bekanntmachung: Seine Majestät der Kaiser und König haben allergnädigst geruht, dem Reichs­kanzler, Präsidenten des Staatsministeriums und Minister der auswärtigen Angelegenheiten Dr. v. Bethmann Hollweg die nachgesuchte Entlassung aus seiuen Ämtern unter Verleihung des Sterns der Großkom- ture des Königlichen Hausordens von Hohenzollern zu er­teilen und Unterstaatssakretär Wirklichen Geheimen Rat Dr. Michaelis zum Reichskanzler, Präsidenten des Staatsminifteriums und Minister der auswärtigen Ange­legenheiten zu ernennen. Ferner wird folgendes Hand­schreiben des Kaisers und Königs bekanntgegeben:

Mein lieber v. Bethmann Hollweg!

Mt schwerem Herzen habe ich mich entschlossen, Ihrer Bitte um Enthebung von Ihren Ämtern als Reichs­kanzler, Präsidenten des Staatsministeriums und Minister der auswärtigen Angelegenheiten durch Erlaß vom heu­tigen Tage zu entsprechen. Acht volle Jahre haben Sie diese verantwortungsvollen hoh«n Ämter des Reichs­und Staatsdienstes in vorbildlicher Treue geführt uud Ihre hervorragende Kraft und Persön­lichkeit erfolgreich in den Dienst von Kaiser und Reich, .König und Vaterland gestellt. Gerade in der schwersten Zeit, die je auf den deutschen Landen und Völkern ge­lastet hat. in der es sich um Entschließungen von ent­scheidender Bedeutung für das Bestehen und die Zukunft des Vaterlandes handelt, haben Sie mir mit Rat uner­müdlich zur Seite gestanden. .Ihnen für alle treuen Dienste meinen innigsten Dank zu sagen, ist mir ein Herzensbedürfnis. Ns äußeres Zeichen meiner Dankbarkeit und besonderen Wertschätzung ver­leihe ich Ihnen den Stern der Großkomture meines HauSordenS von Hohenzollern, dessen Abzeichen Ihnen hierneben zugeht. Mt wärmsten Segens­wünschen verbleibe ich Ihr Ihne« stets wohlgeneigter dankbarer Kaiser und König Wilhelm I. R.

Berlin, 14. Inst 1917.

An den Reichskanzler Dr. v. Bethmann Hollweg.

Eine Wiener Sympathiekundgebung für v. Bethmann HoNweg.

IV. T.-R. Wien, 14. Juli. (DraMericht.) Die Blätter drucken ihr tiefes Bedauern ans Aber den nach de» .letzten Berliner Meldwng-en nicht mehr zu bezweifelnden bevorstehenden Rücktritt des Reichskanzlers. DasFrsmden- blattt schreibt: Herrn v. Bethmann Holliwejg ist «s eigentüm­lich aaft dia» zeichnet chrr «ms, daß er praktische Politik trieb, und, Kt gleicher Zeit tea KeWchtSpHiLoso- phchhcn Gedanken höchst« Art durchdrungen, doch niemals di« rillen Bedünftrisse der Gegenwart vergessen ha-t. Wir in Ofterreich-Ungarn haben in ihm während der schwersten Zeiten immer den loyalen aufrichtige» und treuen Freund geffrrchen. And sein fRSaftritf kann da­her m der Monarchie nur mit größtem Bedauern Mchfunden werden. In dieser furchtbar «msten Zeit hat Herr v. BeÄMann Hollweg sich ums geyen-tzber als Mann der ernsten BundeStrene erwiesen, als Mann des strengsten Zutsammenstehens. Ohne Frage, Herr v. Bethmann Hollweg war gewiß ein eifriger rmd unermüdlicher Aichänger der Idee der Erhaltung des Friedens, und daß es gerade ihm bsMe den war, der leitende Staatsmann des Deutschen Reichs zu sein, wrvd ernst «fe deutlicher Beweis dafür dienen» daß nicht

Deutschland es war, welches drs Signal zur Welkkatastroxche gegeben hat. Wenn er jetzt zurücktritt, so mag dies geschehen sein, weil er meint, nicht imstande zu sein, die Pläne, deren Verwirklichung er für das Wohl des Vaterlands für notwen­dig erachtete, durchzuführen. Das Blatt schließt: Den Grund­satz, webher heute GemeinMlt Deutschlands und Österreich- Ungarns geworden ist, den Grundsatz der U n z e r st ö r b a r- keit und Unlöslichkeit unseres Bündnisses, hielt er stets hoch, und diesen Eckpfeiler der Politik der Zen- trakmächte kann kein Personenwechsel er­schüttern. Auf Tod und Leben sind die habsburgische Monarchie und das Deutsche Reich in diesem schweren Kampf vereint, und sie werden in erprobter Gemeinsamkeit den auf- gezwungenen Verteidigungskrieg zu einem glücklichen Ende führen.

Berliner Puesscstirnnren.

Br. Berlin, 14. Juli. (Eig. Drahtbericht, zb.) Im Vordergründe des Interesses stehen natürlich heute abend die neuen Ernennungen in den leitenden Stellungen.

ImBerliner Tageblatt" heißt es über den neuen Kanzler: Herr Dr. Michaelis kann sich ausgezeichnet be­währe», er kann der richtige Mann, kann der beste aller ver­fügbaren Männer sein, die Ansichten über ihn, über seine Fähigkeiten, über seine politischen Ideen und über seine politischen Beziehungen gingen sehr weit auseinander. Und nun, das war auffallend, daß er gestern als der einzige brauchbare Kandidat in einem Blatte gefeiert wurde, das jeden Neuerungsgedanken tobend bekämpft und die Wünsche der schwerindustriellen alldeutschen Kreise auZzudrücken pflegt. Wir sind noch ziemlich weit vom parlamentarischen System, von der Teilung der Macht und der Verantwortung von der parlamentarischen Kontrolle entfernt. Und alles spielt sich noch ganz nach der Tradition unter Mitwirkung der verschie­densten Faktoren und nur nicht unter Mitwirkung der Volksvertretung ab. Der Reichskanzler Michaelis kommt, ohne daß die Vertretung des großen deutschen Volkes auf die Auswahl des Mannes, der in schwerer Zeit die Geschicke des Landes leiten soll, den mindesten Einfluß ausgeillbt hat. Er wird sich das Vertrauen der Volksvertretung nur sichern können, und sie wird ihm ihr Vertrauen nur gönnen dürfen, wenn er ohne Zögern der Neuordnung zu - stimmt, die wenigstens für die Zukunft dem Volksparla- ment den gebührenden und notwendigen. Einfluß verschafft. Mit Herrn v. Bethmann Hollweg scheiden, wie bestimmt an- zunebmen, aber noch nicht amtlich kundgegeben ist, die Staatssekretäre Dr. Helfkerich und Zimmermann. Das wäre nur eine selbstverständliche Konse­quenz. De. Helfferich hatte Herr v. Bethmarm Hostweg in nicht sehr glücklicher Eingebung zu seinem Vizekanzler ge­macht. Man sagt, sein Nachfolger werde der Rcichsfchah- sekoetär Graf R o e d e r n, der ebenso verbindlich wie Herr Helfferich schroff und abweisend ist. Ministerpräsident ist Prmißen soll angeblich der bisherige Minister des Innern Herr v. L o e b e l l werden, der eben jetzt die Wahlrechte­aktion des Herrn v. Bethmann Hollweg nicht zn unterstützen schien. An Stelle des Herrn Znumernrann tritt anscheinend Graf Brockdorff, der bisher mit außerordentlicher Ge­schicklichkeit das Deutsche Reich als Gesandter in Kopenhagen vertiat. Zwischen dem Bürgerlichen Zimmermatin niit seiner frischen Burschenschaftermiene und dem neuen Staats­sekretär besteht schon äußerlich ein auffallender Gegensatz. Graf Brockdorff-Rantzau, der jetzt 44 Jahre alt ist, hat mit seiner schniächtigen schlanken Gestalt, dem etwas blassen Ge­sicht, don klugen ironischen Auge« und dem kleinen blonden Bärtchen das Äußere und das Wesen eines jener eleganten Hoflente, die es besonder? in früherer Zeit gab. Er hat ««ch den Witz, die leichte Art des Verhandelns und Plaudern?, die jenen Hofiriplc>maten eigen war. Aber er ist nicht in engen Anschauungen befangen, hat bei den ver­schiedensten Gelegenheiten die Gabe seines klaren, scharfen und unabhängigen Urteils gezeigt und mit der demokratifchr» Regierung in Dänemark ausgezeichnete Beziehungen zn unterhalten getvußt. Sollte er ernannt sein oder ernannt werden, so würde, ohne daß natürlich über seine Fähigkeit, die Zentralstelle zu leiten und die auswärtige Politik des Reiches zu dirigieren, eine Voraussage möglich wäre, gegen eine solche Berufung zunächst nichts einzuwenden sein.

DerLokal-Anzeiger" versetzt dem chm so verhaßten scheidenden Kanzler noch einen Eselstritt. Das Blatt schreibt unter der ÜberschriftZu Bethmanns Rücktritt": Wenn

irgend wann und irgend wo an der Spitze einer Regierung eine vom Vertrauen des ganzen Volkes getragene Persönlich- kest stehen mußte, so war das in dieser Zeit int Deutschen Reiche nötig. Wir waren während.dieser acht Tage in dem gewaktüzsdcn Kriege der Weltgeschichte führerlos geworden. Auch die besten Freunde des Herrn v. Bethmann Hollweg. wenn sie nur die Persönlichkeit nicht über die Sache stellen, mußten und müssen einsehen, daß niemals die Forderung, die Person der Sache, der heikigsten Sache, die sich denken läßt,.zu opfern berechtigter war als in diesen Tagen. In einem Kriege, der nicht gegen einen Gegncc. sondern gegen die ganze Welt geführt wird und drei Jahre dauert, hätte selbst ein Bismarck nicht im Amte bleiben können, wenn eine Partei nach der anderen das V e r t r a u e n zu ihm verloren hätte. Denn ein Volk, dem das Vertrauen zu seiner politiMn Leitung verloren gegangen ist, mnß mit diesem Vertrauen die Zuversicht verlieren, und in e-nem so ungeheuren Kawstse kann sich kein Volk bebaupten, geschweige i beim siegen, wenn es an den «-reg nicht mehr «strubt. Mitz