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Verlag Langgaffe 21

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Berliner Abteilung dos Wiesbadener Tagbl.ttS: Berlin <'P-lsd.mer Str.121L. Fernspr.: Amt Lütz.w 6202 «.6203.

Mittwoch, 11. Juli 1917.

klbend-klusgabe.

Nr. 348. 65. Jahrgang.

Abschiedsgesuch des Reichskanzlers.

Der Höhepunkt der inneren Urifls.

(Von unserer Berliner Abteilung.)

L. Berlin, 11. Juli. (Eig. Drahtbrrichi. zb.) Reichs­kanzler v. Bethmann Hollwez hat gestern dem Kaiser sein Abschiedsgesuch überreicht. Diese Nachricht wird insbe­sondere in Kreisen der Zentrumsabgeordneten als feststehend bezeichnet. Es wird mit Bestimmtheit gesagt, der Kanzler habe gestern u. a. dem Abgeordneten Erzberger er­klärt, er wünsche nicht länger zu bleiben, ebschon jetzt sowohl in der Zentrums- wie in der nationalliberalen Fraktion die Richtung, die für Bethmanns Verbleiben ein- ^tritt, die Oberhand gewann. Aus der Überreichung eines Abschiedsgesuches geht nicht hervor, daß der Abschied auch bewilligt wird. Bismarck hat wiederholt in kritischen Tagen !das Verfahren des Abschiedsgesuchs mit dem Erfolg, seine Stellung zu festigen, angewendet. Man nimmt jedoch nicht an, daß das Kommen des Kronprinzen die Lage des Herrn von Bethmann Hollweg stärken wird, denn der Kronprinz soll ein Programm vertreten, das dem Kaiser schon vor eini­gen Tagen von sehr bedeutungsvoller Seite nahcgelcgt wurde wnd das sich dahin charakterisieren läßt, daß man in den höch­sten Heeresstellen zwar keineswegs die parlamentarische Aus­gestaltung der Reichsregierung aufhalten, aber an der ^Spitze eine« Mann zu sehen wünscht, der die Kampfbegeisterung besser zu entflammen weiß, wie Herr v. Bethmann Hollweg es vermochte. Mit anderen Worten, dieses Programm besagt: Freiheit­

lichere Ausgestaltung im Reich, aber unter einer iFührUng, die denselben kraftvollen, siegbewußtcn Ton'an­schlägt, mit dem die Staatsmänner der uns feindlichen Länder die Kampfkraft anzufeuern wissen. Der Kaiser soll, ganz abgesehen von dem hohen Vertrauen, das er nach wie vor Herrn v. Bethmann Hollweg entgegenbringt, sich in dieser Krisis auch von einem anderen Gesichtspunkt leiten lassen, seine Entscheidung soll n i ch t d e n E i n d r u ck erwecken dür­fen, als wäre chm ein K a n z l e r w e ch s e l etwa vom Reichs­tag oktroiiert worden. Man glaubt deshalb in manchen parlamentarischen Kreisen, daß der Kaiser sich heute dafür entscheiden wird, den Kanzler noch dieparlamenta- mische Umbildung der Reichsrcgiernng und der preußi­schen Regierung vornehmen zu lassen, daß aber schon jetzt fest­steht, Herr v. Bethmann Hollwcg werde in nicht zu langer 'Frist einem anderen Manne, der im Sinne des oben ge­kennzeichneten Programms arbeiten wird, den Platz , \ über­lassen.

Beratungen des Kaisers mit dem Kronprinzen.

W. T.-B. Berlin, IV. Juli. (Drahtdericht.) Im An­schluß an den gestrigen Kronrat hat de: Kaiser heute in mehr­stündiger Beratung die schwebenden Fragen und deren Lösung mit dem Reichskanzler erörtert. Auf Befehl des Kaisers trifft hier morgen der K r o n p r i n z zur Besprechung der vom Kaiser in Aussicht ge iommenen Entscheidungen ein.

(Bon unserer Berliner Abteilung.)

I-. Berlin, 11. Juli. (Eig. Drahtbericht, zb.) Eine Ent­scheidung in der politischen Krise ist noch nicht erfolgt. In parlamentarischen Kreisen rechnet man mit einer Klärung der Lage noch im Lauf des heutigen Tages. Die Verzögerung .ist dadurch entstanden, daß der Kaiser sich seine Entschließung Vorbehalten hat, bis er Rücksprache mit dem Kronprirlzeu ge­halten habe. Er habe die Meinung geäußert, daß die von de: Reichstagsmehrheit gewünschten Neuregelungen so schwerwiegender Natur und so tief eingreifend in das Versassungsleben sind, daß ihre Wirkung weit über seine eigene Regierungszeit hinausreiche und eine Beratung mit dem Thronfolger notwendig und geboten sei. Der Kronprinz ist heute früh in Berlin eingetroffen. Über die Frage des Verbleibens des Kanzlers im Amt gehen die Meinungen nach wie vor sehr auseinander. Immerhin erscheint sein Rücktritt noch keineswegs als gewiß. Die Mchrheitsparteien stehen noch immer auf' dem Stand­punkt, daß, wenn er ihre Forderungen restlos erfüllt, seinem Verbleiben im Amf nichts entgegensteht. Allerdings scheint er bisher nur in der preußischen Wahlrechtsfrage vollständig nachgegeben zu haben. Will er mit der Mehrheit des Reichs, tags einig werden, so wird er in bezug auf die Parla- Mentarisierung mehr Entgegenkommen als bisher zeigen müssen. Als Kandidat für den Fall eines Kanzlerwech- jel§ wurde heute tm Reichstag FürstBülow genannt. In «reisen der Reichstagsmehrheit hält man aber diese Kandi­datur für schlechthin unmöglich. Die Sozialdemokraten sind seine schärfsten Gegner, auch das Zentrum hat ihm die Zeit der Blockpolitik nicht vergessen. Schrittmacher für ihn sind eigentlich nur die Nationalliberalen. Selbst die Konservativen Wurden in seiner Wiedereinberusung keine glückliche Lösung sehen. Zwei führende Abgeordnete der Mehrheitsparteien

sagten: Steht die Frage so, Bethmann oder Dülow, so würden die Mehrheitsparteien vermutlich einmütig gegen Bülow Stellung nehmen.

Aus den Wandelgängen des Reichstags.

Die feste Grundlage der Mehrheit. '

(Won unserer Berliner Abteilung.)

I-. Berlin, 11. Juli. (Eig. Drahtbericht, zb.) Im Reichs­tag entwickelte sich heute erst in den späteren Vormittags­stunden regeres Leben. Die Gruppen in den Wandelhallen waren durchaus interfraktionell gemischt: Zentrumsleute,

Fortschrittler und Sozialdemokraten vfiogen lebhafte Unter­haltung. Besonders die Abgeordneten Spahn und von Payer, die gestern vom Reichskanzler empfangen worden sind, wurden von ihren ParlamentSkollegen m:I Fragen über ihre Beurteilung der Lage bestürmt. Durch die Fraktionstafel werden nur die Nationalliberalen zu einer Fraktionssttzung, und zwar nach dem Plenum, eingeladen. Der Hauptausschvß wird erst nach der Klärung der Lage und nach Beendigung der Regierungskrisis seine Bettungen fort- setzen. Der interfraktionelle Ausschuß hat vorläufig ebensalls keine Sitzung anberaamt. Dgs hängt aber mit der noch aus- stehenden Entscheidung der nationalliberalen Fraktion, wie man sagt, nicht zusammen. Die Vertreter der Fraktionen sind mit ihverr Besprechungen fertig. Der Wortlaut der F r i e d e n s k u n d g e b u n g ist festgestellt, und die Mehr­heit scheint entschlossen zu sein, auch ohne die Natio­nal l i b e r a l e n ihren Weg for tz usetz e n, da für die geplante Aktion auch so eine Mehrheit vorhanden ist. Diese Mehrheit dürste sogar eine sehr stattliche werden, da mit dein Anschluß eines Teils der deutschen Fraktion (in Frage kommen hauptsächlich die christlichen Gewerkschaften), sowie der Polen. Elsässer, Dänen urrd Welfen gerechnet wer­den kann. Übrigens dürften etwa 15 Mitglieder der National­liberalen mit den Mehrheitsparteien stimmen.

Über den Verlauf des vorgestrigen Kronrats.

Nr. Berlin, 11. Juli. (Eig. Drahtbericht, zb.) Das B. T." ist in der Lage, eine Darstellung vom Verlaus des vorgestrigen Kronrats, welcher unter dem Vorsitz des Kaisers -m Reichsko nzlerpalais stattfand, zu geben, welcher zweifel- li8 ein historischer Akt von ganz ungewöhn­licher Bedeutung war. Die Einladungen waren für 8 Uhr ergangen, und der Kronrat dauerte bis kurz vor 11 Uhr. Anwesend waren außer dem Kaiser und dem Reichskanzler alle Staatssekretäre und alle preußischen Minister. Die Mit­teilung eines rechtsliberalen Berlin«'' Blattes, daß der preußische Ernährungskommissar Dr. Michaelis und General Grüner, der Chef des Kriegsamts, am Kronrat teilgenommen hatten, ist unrichtig. Diese beiden Herren waren gemeinsam mit Herrn v. Batocki und den Bundes- ratsbevellmächtigten Bayerns, Sachsens und Württembergs zu der Abendgesellschaft geladen, die sich an die Beratungen u n s ch l o ß. Der Kronrat wurde, wie üblich, im Kongreß­saal abgehalteu. Der Kaiser präsidierte an dem hufeisen­förmigen Kongreßtisch und erteilte nacheinander jedem der Teilnchme: das Wort. Es handelte sich ausschließlich um die Wahlrechtsreform; jeder preußische Minister und jeder Staatssekretär wurde aufgefordert, seine Meinung über diese Frage darzulegen. Die Gegner der sofortigen und vollständigen Reform, die im preußischen Staatsminifle- rium eine starke Partei bilden, entwickelten ihre Gründe. Ein Anhänger gab ein Bild der Situation, die eine schnelle Inangriffnahme der Neugestaltung, nötig mache. Der Reichs­kanzler sprach gleichfalls für die sofortige Reform und es scheint, daß seine Rede sehr eii n d rn ck § v o l l gewesen ist. Nach dem Kronrat blieben der Kaiser, die Minister, Staatssekretäre und die drei Bundesratsmitglieder noch bis kurz vor Mitternacht im Reichskanzlerpalais, wo der Kaiser vermutlich die Vorgebrachtei Gründe und Gegengründe er­örternd sich mit Herrn v. Bethmann Hollweg unterhrelt.

Der Arbeitsplan des Reichstags.

I-. Berlin, 11. Juli. (Eig. Meldurrg. zb.) Es bestätigt sich, daß die von der interfraktionellen Vertretung verfaßte Friedensresolution den Hauptausschntz nicht be­schäftigen, sondern als Antrag sofort an das Plenum ge­richtet und zur namentlichen Abstimmung gestellt werden soll.

Die große Debatte ist nicht vor Freitag zu erwarten. Heute wird eine Plenarsitzung abgehalten werden. Von der Tagesordnung, auf der Petitionen und der Bericht über die Hauptausschußvechandlungen stehen, Norden aber nw die Petitionen verhandelt werden. Außerdem wird Ab­geordneter Spahn nach Vereinbarung mit dem Ältestenaus- schuß beantragen, die Vorlagen über den Wiederaufbau der Handelsflotte und die Kriegsbeschädigten-Fürsorge zu be­raten. Größere Debatten sollen nicht stattfinden, da beide Gesetzentwürfe an die Ausschüsse gehen werden.

Verschiedene Parteiführer beim Kanzler.

\V. T.-B. Berlin, 10. Juli. Der Reichskanzler empsing im Laufe des Nachmittags verschiedene Parteiführer.

Eine offiziöse Richtigstellung.

W. T.-B. Berlin, 10. Juli. (Amtlich.) Die Pressenach­richten über Vorschläge, die der Minister deS Innern Seiner Majestät dem Kaiser gemacht haben soll, sind, wie wir sestzustellen ermächtigt sind, unzutreffend und aus der Lust gegriffen.

Allerhand Vermutungen und Meldungen.

-isi Berlin, 11. Juli, (zb.) Die M o ryenhlä tte r be­schäftigen sich eingehend mit der Stellung des Kanzlers. Der Berl. Lok.-Anz." schreibt: Die in parlamentarischen Kreisen umlaufenden und in den Abendblättern enthaltenen Nachrich­ten und Gerüchte geben kein wahrheitsgetreues Brld von der wirklichen Sachlage, aber sie verstärken den Eindruck, daß die Stellung des Reichskanzlers innerhalb der letzten 24 Stunden keine Festigung erfahren hat. Dieser Überzeugung gibt auch das führende Berliner Zentrumsblatt, dieGer­mania", in ihrer heutigen Morgenausgabe entschieden Aus­druck. Es schreibt: Wie wir bei Redaktionsschiluß hören, soll sich die Lage im Laus des heutigen Tages verschärft haben, so daß man in parlamentarischen Kreisen am heutigen SE&ertb den Rücktritt des Reichskanzlers als nicht mehr zu um­gehen amsicht. DieGermania" schreibt über das weitere Vorgehen in dieser Angelegenheit: Wie wir hören, dürste die Entschließung zur F r i eben ssrage unmittelbar an die Vollversammlung des Reichstags gehen und dort zur namentlichen Abstimmung gebracht werden. Man rechnet in parlamentarischen Kreffen damit, daß abgeschen von kurzen Erklärungen einiger Parteien sich keine Aussprache an die Abstimmung anschließen wird. DieVoss. Ztg." berichtet: Die Kanzlerkrise, von der bis vor kurzem noch geleugnet wurde, daß sie überhaupt eine Kanzlerkrise sei, hat im Lause des gestrigen Tages ihren Höhepunkt erreicht. Man darf wohl annehmen, daß die Entscheidung binnen kürzester Frfft erfolgt, und es erscheint jetzt als ziemlich sicher, daß die Lösung durch den Rücktritt des Herrn v. Bethmann Hcllweg erfol­gen wird. Gestern spät abends verlautete mit Bestimmtheit, daß der Kanzler bereits in den Nachmittaysstunden sein Ent- lassungsgesuch eingereicht, der Kaiser sich jedoch die Entschei­dung Vorbehalten habe. Wenn diese Nachricht zutreffend wäre, so würde der Tatsache erhebliches Gewicht beizumeffen sein, daß der Kaiser wcchrend des gestrigen Nachmittags den Minister des Innern v. Loebell und den Chef des Zivrl- kabinetts v. Valeutini zum Vortrag empfangen hat. Wo­durch die weitere Verschärfung der Kanzlerkrise her- beigefuhrt wurde, ist bis zur Stunde nicht bekannt. Wir glauben nicht, daß dabei i nn er p o li ti sche Momente aus­schlaggebend gewesen sind, sondern neigen eher der Ansicht zu, daß Erwägungen der äutzerenPolitik den Ausschlag ge­geben baben dürften. Spät abends verlautete noch, daß die Ernennung des Reichstagsabgeordneten Dr. Spahn zum preußischen I u st i z m i n i st e r nahe bevorstehe. Diese Er­nennung war, wie wir glauben sagen zu können, schon vor längerer Zeit geplant. Trotzdem aber möchten wir anneh­men, daß eine Berufung Spahns und noch mehr die Annahme der Berufung durch ihn in diesem Augenblick kaum erfolgt sein dürste, wenn nicht bereits die Neuregelung der Ver­hältnisse im Reich feftstünden. Die von einem Teil der Presse veröffentlichte Nachricht, der fortschrittliche Abgeordnete v. Payer sei gestern vom Kaiser empfangen worden, ist un­richtig. Es handelt sich hier Wohl um eine Verwechslung, denn Herr v. Payer ist neben anderen Abgeordneten im Lauf des gestrigen Tages vom Kanzler empfangen worden.

Keine Audienz Erzberpers bei Kaiser Karl.

W. T.-B. Wien, 10. Juli. Die von derBoss. Ztg." tut 8. Juli gebrachte telegraphische Meldung aus Wien, wonach der Abgeordnete Erzberger vor einigen Tagen in Wien ge­weilt hätte und von Kaiser Karl in Audienz empfangen wor­den sei, ist frei erfunden. Hiernnt enffallen auch alle an diese Nachricht^" geknüpften Kommentare und Kombi­nationen.

Der Eindruck der Ereignisse im Ausland.

IV. T.-B. Amsterdam, 10. Juli.Algemeen Handelsblad" meldet aus London, daß alle englischen Blätter mit großer Aufmerksamkeit die politische Krise in Deutschland verfolgen. Selbst die Erregniig über den Luftangriff wurde dadurch in den Hintergrund gedrängt.

Br. Berlin, 11. Juli. (Eig. Drahtbericht. zb.) Es liegen jetzt auch Meldungen über die Aufnahme der sich bei uns ab­spielenden Ereignisse im Ausland vor. DasB. T." meldet aus dem Haag: Die holländische Presse bringt der

Krise im deutschen Reichstag sehr großes Interesse entgegen und legt ihnen viel mehr Gewicht bei als allen anderen voran­gegangenen Auseinandersetzungen über die inncrpolitische Neuerung. DerNieuwc Rotterd. Courant" glaubt, vaß es sich in der Tat um große Ereignisse handelt. Die Auf­regung sei so stark, weil man ein energisches Auftreten