Glocken im Dillkreis.
Von Pfarrer Rebe, Bergebersbach.
Sonntagmorgen in der wunderbaren Maienpracht von 19t 7! Doppelt herrlich auf Bergeshöhen in majestätischer Stille! Da gehe ich hinauf zu ihnen und lasse die Sorgen dieser schweren Zeit tief unten im Tal. Heimatland, du schönes, du bist es wert, daß für dich gestritten und gelitten wird!
Sonntagsmorgen-Erwartung! Feierlich still ringsum ans Bergeshöhe.
„Das ist der Tag des Herrn.
Ich bin allein auf weiter Flur.
Noch eine Morgeuglocke nur,
Und Stille nah' und fern.
Der Himmel nah' und fern,
Er ist so klar und feierlich,
So ganz, als wollt' er öffnen sich.
Das ist der Tag des Herrn."
Und die eine Morgenglocke, die von fernher zu mir hallt, ruft bald ihre Schwestern ringsum im Dillkreis wach. Klingen und Singen weicher Glockenklänge aus den Tälern und von den Höhen ringsum. Bald läßt auch die größte unter ihren Schwestern, die mächtige Oranierglvcke zu Dillenbnrg, rhren tiefen Morgengruß über Berg und Tal erschallen.
Seid gegrüßt, ihr Heimatglocken, ihr treuen Mahner zur Einigkeit! Das Herz unseres Volkes hängt an euch Zerschossen und mit dem eisernen Kreuz geschmückt kam ans dem Weltkrieg nach langer, schwerer Lazarettzeit ein Landwehrfelowebel in die Heimat hierher zurück. Da läuteten gerade die Glocken. „Der erste Gruß der Heimat," so leuchtete es aus seinen Augen und sein Mund sprach es hernach aus: „Als ich unsere Glocken lvieder hörte, da wußte ich, es war doch nicht umsonst, was ich durchgemacht habe."
Seid gegrüßt, ihr Glocken 5 Treu habt ihr der engeren Heimat gedient und nun rüstet ihr euch zum Dienst sür's große Vaterland im heißen Daseinskampf. Wie bald werdet ihr leider für immer verklingen.
Glockenzauber umfängt mich auf Bergeshöhe; ihn habe ich zu bannen gesucht, und was mir die Glocken zuraunten, habe ich hier niedergeschrieben.
Wer nennt mir dein Geburtsjahr, du älteste Glocke im Dillkreis zu Nenderoth, dem Nizza unseres Kreises? Deine eigenartige Form und die seltsamen altertümlichen Buchstaben auf deinem Mantel künden dein hohes Alter. Nur zun! Teil noch ist deine Inschrift zu enträtseln: »iohanes, lucas, mathes, marcus . . .“ Sicher hast du im 13. Jahrhundert, wenn nicht früher schon, deine Stinime erschallen lassen. Staunend höre ich, lvas du mir zuraunst aus deiner Jugendzeit, aus fernen, längst vergangenen Tagen: Wie die ersten Nassauer Grafen, ein Heinrich der Reiche, als Herren hier einzogen und nt unserer Gegend ihr Löwen - banner aufrichteten; wie zahllosen Fehden damals wüteten in jener kaiserlosen, schrecklichen Zeit, da zerstörte Burgen in ihrem Schutt dampften, da vordem blühende Fluren zerstampft und verheert dalagen, da kein anderes Recht mehr galt, deirit das Faustrecht, da Gewalt vor Recht ging. Auch von jenem gefürchteten Ketzermeister, Konrad voit Marburg, erzählst du mir, dem finsteren Beichtvater der hl. Elisabeth, der bei seinen Ketzerjagden wohl ganze Dörfer m Flammen aufgehen ließ, bis ihn 1233 ein Ritter unseres Landes, ein Ritter von Dernbach, vor Marburgs Toren erschlug.
Dann kommt ihr zwei Marienglöckchen des 14. Jahrhunderts, die. ihr euer Alter allein durch eure großen gotischen Buchstaben verratet, du altes Glöckchen zu Oberroßbach mtt deinen durch Rosen, dem Sinnbild, der Maria, getrennten Buchstaben „Vst. A. R. I. A“, und du zu übernthal mtt deinen ebenfalls durch Rosen getrennten Buchstaben „M. R. V. A. O. A M. I.“ (wohl zu ergänzen: rnaria regina virgo ab omnibus adorata mater jesu, d. h. Maria, Königin. Jungfrau, von allen angebetet, Mutter Jesu.) Was habt ihr Geschwister, dte thr wohl aus ein und derselben Werkstatt hervorgiugt, nicht alles in eurer Jugendzeit erlebt! Kämpfe der Landesherrn, der Grafen von Rassau-Dilleuburg mit dem widerspenstigen Adel des Landes, mit beit von Dernbach, von Bicken, von Haiger, Kämpfe mit den unruhigen Grenznachbarn, den Hessen, wo gar oft damals das Kampfgeschrei erscholl: „Hie Hessen — hie Nassau!"
Und itun nennt ihr Kinder des ausgehenden Mittelalters mir euern Spruch. Du älteste datierte Glocke im Kreis, du zu Haiger von 1418, laß zum Himmel dringen deinen Gebetswunsch: „o rex gloriae veni in pace“ (o König der Herrlichkeit, komm in Frieden!), daß Erhörung finde dein Gebet: ,,o. s. x.“ (O Sancte Christe), so rufst du
Ri ttersh äus er Glocke zum Herrn der Welt. „Fusus In Honnore Sanctarum Evangelistarum“ (gegossen zu Ehren der heiligen Evangelisten), so meldest du alte Glocke zu Br eit scheid. Der Maria waren viele von euch geweiht und tragen darunt ihren Namen. Den Engelsgruß an die Maria läutest du Glocke zu B e r g e b e r s b a ch von 1442: „ave rnaria gratia plena dominus tecum bensdicta tu in mulisribus st bensdictus kructus ventris tut ibs xus“ (gegrüßest seist du, Maria, du gebenedeite unter den Weibern, und gebenedeiet sei die Frucht deines Leibes! Jesus Christus). Und von dir, Glocke zu Beilstein, klingt es: „ave rnaria. o rex glorie veni cum pace“ lgegrüßest seist du, Maria. O König der Herrlichkeit, komm mit Frieden!). sDieser Gebetswuusch: O, König der Herrlichkeit, komni mit Frieden! findet sich auf den meisten mittelallerlichcn Glocken; ihm wurde geradezu eine magische Gewalt über den Teufel zugeschriebeu.j Diesen Gebetswunsch rufst auch du, Glocke zu Offdilln: jhesus maria heißen ich. o rex glorie veni cum pace, Ultd du, Glocke zu Nenderoth von 1451: Jhesus, Maria, Johannes, Maria Magdalena, o rex glorie veni cum pace, Ultd du, Glocke zu Eisemroth von 1452: „tonitruurn rumpo mortuo [s] defles, sacrilegum voco. o rex glorie veni cum pace“. johan bruwilre gois mich sub anno domini 1452 (den Donner brech' ich, die Toten beklag' ich, den Kirchenschänder ruf' ich). Meister Bruwilre hat wohl auch die Ofsdiller und die Nenderother Glocke von 1451 gegossen und dich, Breitscheider, von 1450: „Jhesus Maria heis ich. Tonitruurn rumpo, mortuo [s| defles, sacril- legum voco 1450." Und auch ihr Zwillinge von 1452 zu Hirzenhain und Offenbach verdankt diesem Meister euer Dasein: „sh aura pia dominum rogat ista maria. est sua fox [vox] bambam potens repellere satan. johann bruwilre gois mich (Offenbach: me fecit) sub anno domim 1452." (Möge gesunde Luft sein, erflehet diese Maria. Bam Bam ist shre Stimme, mit Macht vertreibt sie den Teufel.)
Ja, gesunde Luft, wie wurde sie so manchmal in. jenen Zeiten erfleht, da furchtbare Seuchen durchs Land zogen und der Tod schreckliche Ernte hielt- Da rieft ihr Glocken wohl auch den heiligen Antonius, den Schutzheiligen gegen Pestilenz, mit an, wie du, Glocke zu Sechs Helden von 1485: „Maria, sant johannes, sant velten, sant antoneus.
