• Der flbfchieö.
Von ftollitier» (Nachdruck verboten.)
ie faß in dem halb ausgeräumten ,Zimmer an einem Schreibtisch, von dem all die Kleinig- keiten, die ihn sonst in einer persönlichen, harmonischen weise gegliedert hatten, fortgenommen worden waren. Durch die halb offene Tür, durch die eben die Mutter mit einem Teebrett hereintrat, sah man in das Nebenzimmer. Die Tische drin waren ganz bedeckt mit Porzellan, Glas und Silberzeug, und auf der Lrde standen große Risten, aus denen Srcoh und. Hcu heraushing, das auch in Bündeln aufgeschichtet in einem Winkel lag und dessen Geruch der aufgewirbelte Staub und die feinen in der Luft tanzenden Partikelchen in der ganzen Wohnung verbreitet hatten.
Sie schrieb anscheinend ruhig fort, wälzend die geschäftige. kleine Frau mit der großen bunten Schürze rasch die Teetassen, Teller und Löffel ordnete und ihre Bemerkungen damischen streute.
„wenn mich heute jemand fragt, warum wir übersiedeln, rneiner Treu, ich könnte es wirklich nicht mehr sagen Ich bin schoir halb tot von der Hetze. — Hoffentlich lehnen sie es dankend ab, wenn du ihnen einen Tee anbietest. Die- Marie hat ohnehin genug zu tun. So viel müssen sie wirklich verstehen, daß einem zwei Tage
vor der Übersiedelung alles zu viel ist. -- Das Gebäck
nehmen wir dann übermorgen ins Toupe. Gott, wenn wir nur schon so weit wären! wenn sie aber doch eine Pause wollen, so lgß die Dassen halt rasch von der Marie abwaschen, wenn's zu wenig sein sollten. Mehr kann ich im letzten Moment nicht herauslassen, sonst
bleibt mir alle Arbeit auf morgen.-wenn ich nur
wüßte, was du mir helfen könntest, ohne dich schmutzig zu machen, wenn du mit dem Inventar fertig bist. Nachher, wenn's zu spät ist, wird mir wieder alles Mögliche einfallen. Ich bitte dich, steck dann nur das schäbige Tinten- flascherl hinter die Papiere, was möcht' sich der Stadtbaumeister denken, wenn er es sieht . . . wenn's läutet, komm ich gleich."
Die alte Frau verschwand in der Tür und >nan hörte schon im nächsten Augenblick halb gedämpft sehr energisches Tellerklappern, das Knistern von Papier und das Nafcheln von Stroh.
Anfatmend ließ sie die Feder sinken. Ihr Herz klopfte und ihre Gand zitterte. Sie versuchte, sich zu konzentrieren und sah doch jeden Augenblick aus die Uhr. Vier Ubr! Fünf Minuten nach vier! Mein Gott, sie kamen sicher alle auf einmal! Und dann hatte das Ganze keinen Sinn. Sie wollte ja mit ihm allein sein, wollte ihm noch eine letzte Gelegenheit geben, ihre ganze Zurückhaltung fallen lassen und ihn bitten: Nimm inich, nimm mich n deine Arme! Deshalb hatte sie auch mit einer degagierten Koketterie, die ihr sonst ganz fremd war, den zwei andern
von ihren Intimen eine genaue Stunde angegeben, „wann sie zum letzten Mal allein sein würden", und dann in ihrer alten, felbstironisierenden weise hinzugesetzt: „Aber nur eine halbe Stunde, dann inüssen Sie einem andern den Platz räumen, mit dem ich auch allein fein will."
Sie konnte wirklich nicht schreiben. Sie stützte den Kopf in die Hand, sah starr vor sich hin und ging, jede einzelne der Situationen durch, die sie mit ihm erlebt hatte und dachte an jeden Blick und an jedes Wort.
warum Hab ich nur so geantwortet, wie hält' er mich da nur verstehen können. Er muß wirklich denken, daß er mir ganz gleichgültig ist. Ls hat ihm ja gar keine andere Idee kommen können. Lr ist doch schließlich keiner, der über die Frauen nachdenkt. Keiner, der begreift, daß man ihn sehnsüchtig ruft, wenn man ihn nur tausendmal zu verwunden bemüht ist. Dazrt ist er ja viel zu naiv. Am Ende denkt er wirklich, ich Hab' Doktor Halm gern . . . Herrgott, kommt denn immer noch keiner! . . . Und ihre Augen, die sich mit Tränen gefüllt hatten, sahen durch den feuchten Schleier die Buchstaben vergrößert und verzerrt auf dem Papier herumschwimmen.
Ls klingelte doch endlich, und beinahe gleichzeitig traten aus verschiedenen Türen ein junger Mann und die Mutter ein.
„Grüß Gott, Herr Doktor, wie hübsch, daß wir Sie noch einmal sehen. Aber ich werde mich Ihnen leider, leider gar nicht widmen können. Meine Tochter muß mich vertreten. Aber, bitte, nehmen Sie doch Platz. Darf Ihnen meine Tochter eine Tasse Tee reichen? Nicht? Das ist aber schade. Ls macht uns aber wirklich nicht die geringste Mühe. Aber ganz wie Sie wollen. Ja, was ich doch sagen wollte, so eine Übersiedlung, wissen Sie, das ist etwas Entsetzliches. Ich Hab' heut zu meiner Tochter gesagt, ich weiß gar nimnter, was uns eingefallen ist. Aber jetzt kann ich leider wirklich nicht länger bleiben. Also lassen Sie sich's immer recht gut gehen, und lassen Sie manchmal was von sich hören, und wenn Sie wieder mal nach München kommen, dann besuchen Sie uns ganz bestimmt."
Nun waren sie allein, und das höfliche, etwas nervöse Lächeln schwand von seinen Lippen und in ihr, in der doch die Liebe zu einem andern auf- und abwogte, quoll etwas unendlich Sanftes, verstehendes für ihn auf.
Tr faß ein wenig vornüber gebeugt da und hatte die Hände zwischen den Knien gefaltet. Es war ganz still zwischen ihnen. Dann hob er plötzlich den Kopf und sah sie mit einem gequälten Ausdruck an. „Aum letztenmal, .Fräulein Ina, zum letztenmal. Ihre Mama hat mir in einer Gastfreundschaft, die vis zum letzten Moment die äußersten Konsequenzen aus ihren Pflichten zieht, Tee anaeboten. Als ob das eine Situation zum Teetrinken wäre! Venn Sie heute auch Ihre ganze Kunst
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